{"id":1736,"date":"2015-06-22T01:12:21","date_gmt":"2015-06-21T23:12:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1736"},"modified":"2015-07-13T10:27:49","modified_gmt":"2015-07-13T08:27:49","slug":"1736","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2015\/06\/22\/1736\/","title":{"rendered":"Was ist wichtiger: Wir oder ich? Zum Kampf der Kulturen"},"content":{"rendered":"<p><em>Der folgende Text entstand als Kommentar zum Blogpost &#8222;<a href=\"https:\/\/iranique.wordpress.com\/2015\/06\/19\/sachgassen\/\">Sackgassen<\/a>&#8220; von Sherry (Herz im Kopf-Blog), die in zwei Welten lebt &#8211; als Exil-Iranerin inmitten von Deutschland. Bzw. nicht eigentlich zum Blogpost selbst, sondern zum Kommentargespr\u00e4ch, in dem die asiatischen und orientalichen &#8222;kollektivistischen Kulturen&#8220;, die das WIR \u00fcber das ICH stellen, unserem westlichen Indiviudualismus mit all seiner Selbstbezogenheit und Ignoranz gegen\u00fcber gestellt wird.<\/em><!--more--><\/p>\n<h2>Eine sehr spannende und ber\u00fchrende Diskussion!<\/h2>\n<p>Ich <a href=\"https:\/\/iranique.wordpress.com\/2015\/06\/19\/sachgassen\/#comment-22902\">verstehe Sherry<\/a> sehr gut. Das mag man nicht glauben, da ich ja zu den Gl\u00fccklichen geh\u00f6re, die seit Jahrzehnten vom Frieden in Deutschland und dem umgebenden Europa nutznie\u00dfen. Mit all der Freiheit, sich mit &#8222;Luxusproblemen&#8220; besch\u00e4ftigen zu k\u00f6nnern, die das mit sich bringt. <\/p>\n<p>Und dennoch wei\u00df ich um das andere Dasein, das ein nicht unerheblicher Teil der Menschheit erleiden muss. Krieg, B\u00fcrgerkrieg, schlechte Regierungen, die sich einen Dreck um ihre B\u00fcrger k\u00fcmmern &#8211; ausgenommen die pers\u00f6nlichen Freunde, Famile, Clan oder Stamm (auch ein Aspekt &#8222;kollektivistischer Kulturen&#8220;). Korrupte Eliten verramschen die Verm\u00f6genswerte des eigenen Landes an die Konzerne, anderswo herrschen religi\u00f6se Fundamentalisten, die meinen, sie h\u00e4tten das Recht, Anderen ihre Vorstellung vom richtigen Leben aufzudr\u00fccken. <\/p>\n<p>Ich engagiere mich (ohne mich aufzureiben wie in jungen Jahren an anderen Themen) f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Migranten. Das ist mein Beitrag, mehr kann ich nicht leisten an den vielen Fronten der kriegerischen Welt. Mit diesem Engagement hab ich mit 60plus weniger Probleme als die jungen Menschen, in deren Initiativen ich mitwirke bzw. meinen Beitrag \u201canbinde\u201d. F\u00fcr sie ist es ein (ideologisches, psychologisches, politisches) Problem, das nicht alle \u201cRefugees\u201d auch angenehme Mitmenschen sind. F\u00fcr mich nicht. Schlie\u00dflich kommen sie aus Gegenden, wo ganz andere Werte und Ma\u00dfst\u00e4be, Umgangsformen und Denkweisen herrschen \u2013 und vor allem haben etliche von ihnen immer \u201cdurchkommen \/ \u00fcberleben\u201d als obersten Wert hoch halten m\u00fcssen \u2013 durchaus zu Lasten eines menschlich w\u00fcnschenswerten Umgangs mit dem Mitmenschen. <\/p>\n<p>Eine Abschweifung, ich wei\u00df &#8211; sie diente nur als Beleg, dass mein Bewusstsein im Sinne von &#8222;ich verstehe Sherry gut&#8220; auch einer Praxis im Leben entspricht. <\/p>\n<p>Aber zur Sache: Mir fehlt in dieser Betrachung die historische Dimension. Du, Sherry, stellst die kollektivistischen Kulturen der individualistischen &#8222;westlichen Kultur&#8220; gegen\u00fcber &#8211; und das hat ja durchaus seine Berechtigung. Uns fehlt mehr Ber\u00fccksichtigung des &#8222;wir&#8220; &#8211; aber genauso fehlt ihnen\/Euch die Ber\u00fccksichtigung des &#8222;ich&#8220;!<\/p>\n<p><strong>Der Japaner, der keinen Urlaub nimmt, um seine Kollegen nicht zu belasten<\/strong> &#8211; ein gutes Beispiel. Dem bei uns kollektive Krankmeldungen bis an den Rand des Nicht-mehr-Funktionierens gegen\u00fcber stehen &#8211; vor allem im \u00f6ffentlichen Dienst. <\/p>\n<p>Das konfuzianische Denken in China (pseudokommunistisch geupdatet als Herrschaft der Partei), das Stammesdenken in Afrika, das Denken in Religionszugeh\u00f6rigkeiten bzw. in miteinander in Streit liegenden Untermengen davon (Shiiten, Sunniten) &#8211; all das unterdr\u00fcckt das jeweilige Individuum in einer nicht nur f\u00fcr Westler leidvollen Art!  Auch die Menschen in diesen Kulturen leiden an diesem Widerspruch, suchen ihre kleinen Fluchten, ihre privaten Inseln der Freiheit&#8230;. (und wenn das gar nicht geht, fl\u00fcchten sie oder greifen selbst zur Waffe)<\/p>\n<p>Historisch betrachtet hat Europa all diese kollektivistischen Kulturen durchlebt und mit viel Kampf und schier endlosen Kriegen hinter sich gelassen. Milde Formen sind \u00fcbrig, aber die Bayern und Preussen bekriegen sich nicht mehr &#8211; und auch nicht Franzosen, Engl\u00e4nder, Italiener und Deutsche.  Sogar die furchtbaren Religionskriege sind seit Jahrhunderten befriedet. Evangelische und Katholische sind einander nicht mehr Feind, sondern m\u00fchen sich freundlich um \u00d6kumene. <\/p>\n<p>Bis das alles so war, sind Millionen gestorben, hatten nie in ihrem Leben sowas wie eine Chance, an &#8222;Selbstverwirklichung&#8220; auch nur zu denken!<\/p>\n<p>Sehr schade, dass andere von diesen Erfahrungen heute nicht wirklich etwas lernen k\u00f6nnen. Es war nun mal die Aufkl\u00e4rung, sowie die aus ihr folgende Bl\u00fcte der Wissenschaft, Technik und schlie\u00dflich die Industrialisierung, die die Grundlage f\u00fcr die Befreiung des Individuums schuf. Es musste dann nur noch ausgek\u00e4mpft werden, dass auch die arbeitenden Menschen ein gutes Leben haben m\u00fcssen, damit sie friedlich mitarbeiten  &#8211; und so ward der Sozialstaat erfunden und etabliert. <\/p>\n<p>Die konkreten (!) Abh\u00e4ngigkeiten vom Mitmenschen (das t\u00e4glich gef\u00fchlte\/erlittene &#8222;wir&#8220;) wurden auf anonyme Systeme verlagert. Dass dabei psychische Kollateralsch\u00e4den entstehen, wundert mich nicht. Die Egozentriertheit vieler ist schon unglaublich &#8211; aber m.E. ist das alles ein historischer Schritt, den man in der Menschwerdung nicht auslassen kann.<\/p>\n<p>Erst wenn das freie Individuum aus sich selbst heraus zum Ergebnis kommt, dass ein echter &#8222;Sinn im Leben&#8220; ohne ein Engagement f\u00fcr UNS ALLE \/ die Welt nicht wirklich zu finden ist &#8211; erst dann ist das &#8222;Projekt Mensch&#8220; bei sich selbst angekommen. <\/p>\n<p>Mag sein, dass das nicht gelingt. Kann sein, dass wir alle im Konsumismus versacken, die Ressourcen bis an die Kante verschwenden,  uns in Kriegen um die Reste bek\u00e4mpfen &#8211; und eben untergehen. <\/p>\n<p>Dennoch denke ich: dieser Schritt in die Individualisierung ist unvermeidlich &#8211; und eigentlich w\u00fcnschen ihn sich alle&#8230; <\/p>\n<p>***<br \/>\n<a href=\"https:\/\/iranique.wordpress.com\/2015\/06\/19\/sachgassen\/#comment-22918\">Und hier Sherrys Antwort.<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text entstand als Kommentar zum Blogpost &#8222;Sackgassen&#8220; von Sherry (Herz im Kopf-Blog), die in zwei Welten lebt &#8211; als Exil-Iranerin inmitten von Deutschland. 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