{"id":170,"date":"2008-04-28T10:46:02","date_gmt":"2008-04-28T08:46:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=170"},"modified":"2008-04-28T19:56:32","modified_gmt":"2008-04-28T17:56:32","slug":"lebenskunst-vom-ungluecklichen-bewusstsein-und-der-schreckensherrschaft-des-verstandes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/04\/28\/lebenskunst-vom-ungluecklichen-bewusstsein-und-der-schreckensherrschaft-des-verstandes\/","title":{"rendered":"Lebenskunst:  Vom ungl\u00fccklichen Bewusstsein und der Schreckensherrschaft des Verstandes"},"content":{"rendered":"<p>Matthias H. schrieb mir k\u00fcrzlich ins Gartenblog:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich habe immer noch nicht wirklich gelernt, Sch\u00f6nes auf mich wirken zu lassen, ohne rasch wieder den Bogen zu spannen zu irgendeinem problematischen oder traurigen Aspekt der Sache. W\u00e4hrend manch einer gut daran t\u00e4te, mehr Ernsthaftigkeit in sein Leben zu bringen, steht bei mir immer noch das umgekehrte Lernziel an. Ich musste zun\u00e4chst einmal begreifen, dass ich im st\u00e4ndigen Problematisieren deshalb immer bestens zu Hause war, weil mir zur Freude und zum Genuss irgendwie die F\u00e4higkeiten fehlten. Hier die richtige Gewichtung hinzubekommen, so, dass Freude und Ernsthaftigkeit sich nicht gegenseitig die Luft wegnehmen, scheint mir ein gro\u00dfes St\u00fcck Lebenskunst zu sein.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<h2>Gefangen im Problematischen<\/h2>\n<p>Dieses Dasein im &#8222;ungl\u00fccklichen Bewusstsein&#8220; kenne ich gut, es ging mir selber lange ganz genauso: Wie kann man sich \u00fcber irgend etwas richtig freuen, wenn es doch so viel Elend auf der Welt gibt?? Ist das Genie\u00dfen des Sch\u00f6nen nicht Egozentrik und S\u00fcnde, wenn es doch immer auch <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\/2007\/06\/15\/menschen-tiere-pflanzen-und-keine-heile-welt\/\">die dunkle Seite der Medaille<\/a> gibt?<\/p>\n<p>Wenn ich in der Stadt ein St\u00fcck Wildnis antreffe, so wei\u00df ich doch, wie gef\u00e4hrdet sie ist und dass sie vermutlich bald zugebaut wird. Jede Mahlzeit und jeder Einkauf im Supermarkt gibt Anlass, an die Ausbeutung der dritten Welt, die verfehlte Agrarpolitik und die in den Lebensmitteln enthaltenen Chemie-R\u00fcckst\u00e4nde zu denken. Klamotten und Ger\u00e4tschaften sind von grottenschlecht bezahlten Arbeitern in China und Indien hergestellt und an vielen Orten der Welt herrscht Krieg, B\u00fcrgerkrieg oder uns\u00e4gliche Unterdr\u00fcckung. Und wie kann ich 20 Euro in einer Saunalandschaft ausgeben, wenn ich doch wei\u00df, dass der Betrag reichen w\u00fcrde, um ein Kambodschanisches Kind einen Monat zu verk\u00f6stigen und zu beschulen?<!--more--><\/p>\n<p>Auch weniger honorige Gedanken k\u00f6nnen einem jeden Genuss vermiesen, z.B. das aus allen Medien dr\u00f6hnende neue Glaubensbekenntnis, das da lautet: Du sollst schlank, fit, jung und gesund sein und gef\u00e4lligst entsprechend leben!   Oder die neuen Imperative, die Karriere, Erfolg, bzw. das \u00d6konomische insgesamt zum obersten Wert erkl\u00e4ren: Niemals sollst du dich einfach treiben lassen und den Tag genie\u00dfen, sondern stets etwas f\u00fcrs &#8222;Fortkommen&#8220; tun!<\/p>\n<p>Und wer gegen all das Widerstand leistet, sich gegen die Beschleunigung und \u00d6konomisierung aller Lebenswelten zur Wehr setzt, tut niemals genug und f\u00fchlt sich erst recht schlecht. Wo k\u00e4men wir auch hin, wenn alle mit sich und der Welt zufrieden w\u00e4ren? <strong>Es gibt nichts Wahres im Falschen! <\/strong>(Adorno). Streben, k\u00e4mpfen, Mangel und Ungerechtigkeiten beseitigen, an den eigenen Defiziten arbeiten &#8211; da ist f\u00fcr einfaches Wohlbefinden und den Augenblick genie\u00dfen kein Platz.<\/p>\n<p>Aus eigener Erfahrung wei\u00df ich, dass gegen dieses Verweilen im Ungl\u00fcck, das aus fortw\u00e4hrendem Problematisieren allen Erlebens entsteht, mit dem Verstand nahezu nichts auszurichten ist.  Schl\u00e4gt man der Hydra einen Kopf ab, wachsen sieben neue nach. Der Moment des Erfolgs, wenn mal ein (kleineres&#8230;) Problem gel\u00f6st ist, wird in Windeseile vom n\u00e4chsten Problem abgel\u00f6st &#8211; die Welt bietet ja wahrlich genug Stoff!<\/p>\n<p>Und dann der beeindruckende Sonnenuntergang \u00fcber einer sch\u00f6nen, gr\u00fcnen Landschaft &#8211; ist das nicht wundersch\u00f6n? ABER der Wald dort dr\u00fcben besteht ja nur aus Nutzholz in Reih und Glied! Und auf dem bl\u00fchenden Rapsfeld w\u00e4chst vermutlich Doppel-Null-Raps, der der Artenvielfalt den Garaus macht. Die n\u00e4chste Autobahn ist auch nicht weit, h\u00f6rst du nicht die Motoren der viel zu vielen Lastwagen?<\/p>\n<p>Es h\u00f6rt niemals auf&#8230;<\/p>\n<p>Warum? Weil die Welt nun mal ist, wie sie ist? Nicht doch! Selbst dem beschr\u00e4nkten Verstand erschlie\u00dft sich, dass es nicht nur die dunkle Seite der Medaille gibt, sondern auch all das Sch\u00f6ne und Wunderbare, an dem wir uns erfreuen k\u00f6nnten &#8211; WENN wir k\u00f6nnten!<\/p>\n<p>Matthias H. schrieb dazu: <em>&#8222;Ich musste zun\u00e4chst einmal begreifen, dass ich im st\u00e4ndigen Problematisieren deshalb immer bestens zu Hause war, weil mir zur Freude und zum Genuss irgendwie die F\u00e4higkeiten fehlten.&#8220;<\/em><\/p>\n<h2>Den Hammer aus der Hand legen<\/h2>\n<p>Was sind es f\u00fcr &#8222;F\u00e4higkeiten&#8220;, die gebraucht werden, um das Sch\u00f6ne zu genie\u00dfen? Das Wort &#8222;F\u00e4higkeiten&#8220; l\u00e4sst gleich wieder ans Streben, \u00dcben, sich Anstrengen denken, doch handelt es sich hier nicht um ein Tun, sondern um ein Unterlassen. Wir sind nicht der Verstand, der alles problematisiert, sondern viel mehr als das. Der Verstand, die Rationalit\u00e4t, das analytische Denken in Problemen und m\u00f6glichen L\u00f6sungen ist ein Werkzeug, mehr nicht. Und dieses Werkzeug ist v\u00f6llig in Ordnung, wie es ist. Es kann nicht anders als problematisieren, bewerten, analysieren, n\u00e4chste Schritte vorschlagen, denn daf\u00fcr ist es da. Man muss es aber auch aus der Hand legen k\u00f6nnen und nicht glauben, man selber sei das Werkzeug, sei der Verstand und nichts als diese st\u00e4ndig &#8222;einfallende&#8220; Gedankenkette, die zu allem und jedem ihren Kommentar abgibt.<\/p>\n<p>Niemand kann irgend etwas genie\u00dfen, solange er vollst\u00e4ndig mit dem Denken identifiziert ist.  Die Suche nach dem Wohlbefinden, nach einem &#8222;Jenseits&#8220; des Problematischen wird deshalb oft genug zur Sucht, denn man versucht mittels &#8222;mehr vom selben&#8220; einen Zustand zu erreichen, der sich einfach nicht einstellen mag. <em>(Der Fress-Anfall vor dem K\u00fchlschrank ist getr\u00e4nkt mit ungl\u00fccklichem Bewusstsein, nicht etwa ein wirklich befriedigendes Genuss-Erlebnis).<\/em><\/p>\n<p><strong>Wie man da heraus findet?<\/strong> Kein Problem: einfach loslassen, da sein, die Aufmerksamkeit auf das legen, was gerade empfunden wird. Problematisierende Gedanken, die auftauchen, einfach weiter ziehen lassen und ihnen nicht folgen. Sp\u00fcren, wie das K\u00f6rperempfinden, der Atem, die Emotionen und Gef\u00fchle in Resonanz mit dem stehen, was in diesem Augenblick erlebt wird. Beobachten, sich dessen gewahr sein, was ist. Er-leben statt dr\u00fcber nachdenken &#8211; das ist definitiv erlaubt und sogar n\u00fctzlich! :-)<\/p>\n<p><strong>Kein Problem?<\/strong> Hier sch\u00fcttelt mancher Leser gewiss den Kopf. Schlie\u00dflich wird auch der Weg hin zur Entspannung, zur inneren Ruhe und Gelassenheit, zur Leere, aus der die F\u00fclle kommt, als schwierige und lebenslange \u00dcbung &#8222;verkauft&#8220;. Morgens und abends meditieren, stetes Streben, t\u00e4glich Yoga, ab und an ein Retreat, Workshop, Satsang &#8211; und ein Regal voller B\u00fccher \u00fcber all das, Futter f\u00fcrs Denken, das wir doch eigentlich  in die Schranken weisen wollten. Ja, ja&#8230;<\/p>\n<p>Dabei ist es wirklich kein Problem, sondern unsere Heimat. Verirrt ins Problematische, f\u00e4lschlicherweise identifiziert mit dem Verstand, denken wir, es sei eine Leistung, ein langer schwerer Weg, dahin &#8222;zur\u00fcck&#8220; zu finden. Doch wir sind immer da, m\u00fcssen es nur bemerken.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass das &#8222;\u00dcben&#8220; dieser und jener Praxis vielen Menschen hilft und selber verdanke ich den \u00fcber zehn Jahren Yoga bei <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/hempel.htm\">einem gro\u00dfartigen Lehrer<\/a> sehr viel. Der Ansto\u00df aber, die Motivation, solche Dinge \u00fcberhaupt ins Leben einzubauen, kam f\u00fcr mich nicht aus dem Reich psychospiritueller Traditionen, sondern daher, dass ich das Dasein im ungl\u00fccklichen Bewusstsein in meinem ersten Lebensentwurf so sehr ausgereizt hatte, dass ich fast daran zugrunde ging. Der Groschen ist also schon vor jeglichem &#8222;\u00dcben&#8220; gefallen, denn mein Denken war definitiv am Ende und mein Verstand hat kapituliert.<\/p>\n<p>So etwas kann und will man nicht &#8222;machen&#8220;, schon gar nicht raten. Und wer doch eine Empfehlung m\u00f6chte, geht mit einem <a href=\"http:\/\/blog.imalltagleben.de\/shavasana-die-totenstellung-ein-gastbeitrag-von-claudia-klinger\/2007\/06\/16\/\">meditativen Yoga<\/a> sicher einen guten Weg.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p class=\"small\">Siehe auch:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/entspann.htm\">Entspannung &#8211; Vom Jenseits des Umzu<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/meditation.html\">\u00dcber Meditation<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias H. schrieb mir k\u00fcrzlich ins Gartenblog: &#8222;Ich habe immer noch nicht wirklich gelernt, Sch\u00f6nes auf mich wirken zu lassen, ohne rasch wieder den Bogen zu spannen zu irgendeinem problematischen oder traurigen Aspekt der Sache. 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