{"id":1697,"date":"2015-05-01T17:53:01","date_gmt":"2015-05-01T16:53:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1697"},"modified":"2015-05-18T07:03:49","modified_gmt":"2015-05-18T06:03:49","slug":"zum-1-mai-schluss-mit-hard-working","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2015\/05\/01\/zum-1-mai-schluss-mit-hard-working\/","title":{"rendered":"Zum 1.Mai:  Schluss mit &#8222;Hard Working&#8220;!"},"content":{"rendered":"<p>Dass der Utopieverlust nicht nur in der Netzkommunikation zu einer <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2015\/04\/29\/zur-debattenkultur-im-netz\/\">&#8222;giftigen Endzeitstimmung&#8220;<\/a> f\u00fchrt, war Thema des letzten Artikels. An eine dieser verlorenen Utopien kann ich mich gut erinnern, n\u00e4mlich an die Hoffnung, Maschinen w\u00fcrden die Menschen von der Not-wendigen Arbeit befreien. Man h\u00e4tte endlich genug Zeit f\u00fcr Hobbys und kreatives Tun, mehr Zeit f\u00fcr Freunde und Familie, Zeit zur Besinnung, zur Kontemplation &#8211; und nach Belieben nat\u00fcrlich auch Zeit f\u00fcrs freiwillige Mitwirken an der Mehrung des Allgemeinwohls, ganz ohne Zwang und Stress. <\/p>\n<p>Und ja, Maschinen haben uns weitgehend von k\u00f6rperlicher Arbeit befreit, doch sitzen wir jetzt eben mehrheitlich vor Bildschirmen und leisten &#8222;geistige Arbeit&#8220;. Auch sie schickt sich an, zu verschwinden: wird wegrationalisiert durch die IT- und Internet-Revolution, ausgelagert in Billiglohn-L\u00e4nder, bis auch dort Programme und Maschinen die Menschen ersetzen. <\/p>\n<blockquote><p>Die Gruppe Krisis um den Philosophen Robert Kurz bemerkte dazu in ihrem \u00bbManifest gegen Arbeit\u00ab (1999): \u00bbErstmals \u00fcbersteigt das Tempo der Prozess-Innovation das Tempo der Produkt-Innovation. Erstmals wird mehr Arbeit wegrationalisiert als durch Ausdehnung der M\u00e4rkte reabsorbiert werden kann. In logischer Fortsetzung der Rationalisierung ersetzt elektronische Robotik menschliche Energie oder die neuen Kommunikationstechnologien machen Arbeit \u00fcberfl\u00fcssig. Ganze Sektoren und Ebenen der Konstruktion, der Produktion, des Marketings, der Lagerhaltung, des Vertriebs und selbst des Managements brechen weg. Erstmals setzt der Arbeitsg\u00f6tze sich unfreiwillig selber auf dauerhafte Hungerration. Damit f\u00fchrt er seinen eigenen Tod herbei. [\u2026] Der Verkauf der Ware Arbeitskraft wird im 21. Jahrhundert genauso aussichtsreich sein wie im 20. Jahrhundert der Verkauf von Postkutschen.\u00ab<br \/>\n(aus: <a href=\"http:\/\/www.streifzuege.org\/2015\/automatisch-arbeitslos\">Automatisch arbeitslos<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<h2>Fetisch Arbeit<\/h2>\n<p>Anstatt nun eine Gesellschaft mit nur noch wenig notwendiger menschlicher Arbeit als Erfolg zu begreifen, den es zum Wohle aller zu organisieren gilt, wurde Arbeit zum regelrechten Fetisch, der fraglos angebetet wird. Kaum eine Rede eines amerikanischen Politikers kommt ohne Beschw\u00f6rung des &#8222;Hard Working&#8220; aus und hierzulande <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2006\/20\/Schreiner\">wiederk\u00e4ute gar ein Sozialdemokrat wie M\u00fcntefering<\/a> anl\u00e4sslich der Agenda 2010 allen Ernstes den Paulus-Spruch <em>&#8222;Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen&#8220;<\/em>, den auch Hitler gerne zitierte &#8211; und zwar so:<\/p>\n<blockquote><p>Wer nicht arbeitet, soll nicht essen. Und wer nicht um sein Leben k\u00e4mpft, soll nicht auf dieser Erde leben. Nur dem Starken, dem Flei\u00dfigen und dem Mutigen geb\u00fchrt ein Sitz hienieden.&#8220; (Mein Kampf, 1925)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn man das immer wieder durch die Medien schwappende Gehetze gegen Hartz4-Bezieher (&#8222;soziale H\u00e4ngematte&#8220;) betrachtet, muss man fast zum Schluss kommen, dass sich in dieser Bewertung nicht allzu viel ge\u00e4ndert hat.  &#8222;Arbeitspl\u00e4tze&#8220; sind jederzeit wohlfeile Argumente, um die Verdreckung und Vergiftung der Umwelt, das Qu\u00e4len von Tieren, das Ausbeuten letzter Ressourcen wider besseres Wissen und viele Schrecklichkeiten mehr zu rechtfertigen. Obwohl die Arbeit weniger wird, sind wir mehr und mehr eine Leistungsgesellschaft, die den BurnOut in der 70-Stunden-Woche als weit ehrenvoller erachtet als das Streben nach einer ausk\u00f6mmlichen Teilzeitarbeit. <\/p>\n<p>Warum nur? Schon 1880 diagnostizierte Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx die Verg\u00f6tzung der Arbeit als eine Art Geisteskrankheit:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller L\u00e4nder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist dies die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Ersch\u00f6pfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht. Und statt gegen diese geistige Verirrung anzuk\u00e4mpfen, haben die Priester, die \u00d6konomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja warum wohl? Ganz einfach: Damit auch schlecht oder gar nicht (Generation Praktikum!) bezahlte Arbeit unter unangenehmsten Rahmenbedingungen noch als Gl\u00fccksfall und Geschenk wahrgenommen wird, MUSS der Status &#8222;arbeitslos&#8220; so unertr\u00e4glich wie m\u00f6glich gemacht werden. Schikanen, Rechtsverst\u00f6\u00dfe, Dem\u00fctigungen, <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/07\/16\/1-euro-jobs-demuetigende-sinnlose-beschaeftigungen\/\">sinnlose &#8222;Ma\u00dfnahmen&#8220;<\/a> durch die Jobcenter sind vielfach belegt und treiben viele in Depression und Verzweiflung. Wer aber all das an sich abtropfen l\u00e4sst, vielleicht im erlaubten Rahmen ein paar wenige Euro dazu verdient und damit zufrieden ist, gilt der Gesellschaft als Sch\u00e4dling und Schuft. Und das, obwohl gerade diese Menschen den wenigsten Schaden anrichten, denn ihr \u00f6kologischer Fu\u00dfabdruck ist in aller Regel kleiner als der aller anderen.<\/p>\n<p>Die Demokratie konnte in Griechenland nur deshalb erfunden werden, weil die B\u00fcrger nicht gearbeitet haben, sondern Zeit hatten, sich auf der AGORA zu treffen und Politik zu diskutieren. Die Arbeit galt als eines freien Menschen unw\u00fcrdig, sie war den Sklaven vorbehalten. <\/p>\n<p>Heute h\u00e4tten wir die Maschinen und Programme als Sklaven, lassen uns aber lieber von der Wirtschaft beherrschen und malochen wie die Irren &#8211; dankbar, noch einen Arbeitsplatz oder eine halbwegs tragf\u00e4hige &#8222;Marktnische&#8220; gefunden zu haben. Man w\u00e4hlt Parteien, die den Status Quo als &#8222;alternativlos&#8220; ansehen, willf\u00e4hrige B\u00fcttel der globalen Big Player und ihrer Lobbyisten, die uns auch noch mit TTIP, der Machtergreifung des totalen Markts, begl\u00fccken wollen. Und wir h\u00e4ngen an einem Lebensstandard, den die Erde hochgerechnet auf alle niemals tragen wird &#8211; nach uns die Sintflut!<\/p>\n<p>Nun ja, es ist, wie es ist: Allen einen sch\u00f6nen 1.Mai. <\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Auch zum Thema:<\/p>\n<p> <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/karriere\/beruf\/2014-07\/gastbeitrag-arbeit-sinn\">Sinn der Arbeit: Ich arbeite, also bin ich \u2013 Patrick Sp\u00e4t;<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass der Utopieverlust nicht nur in der Netzkommunikation zu einer &#8222;giftigen Endzeitstimmung&#8220; f\u00fchrt, war Thema des letzten Artikels. An eine dieser verlorenen Utopien kann ich mich gut erinnern, n\u00e4mlich an die Hoffnung, Maschinen w\u00fcrden die Menschen von der Not-wendigen Arbeit befreien. 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