{"id":1618,"date":"2002-08-12T13:04:32","date_gmt":"2002-08-12T11:04:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1618"},"modified":"2019-01-20T11:04:49","modified_gmt":"2019-01-20T10:04:49","slug":"wochenende-in-waldeshoeh-drei-tage-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/08\/12\/wochenende-in-waldeshoeh-drei-tage-schreiben\/","title":{"rendered":"Wochenende in Waldesh\u00f6h &#8211; drei Tage schreiben"},"content":{"rendered":"<p>Drei Tage schreiben ohne aufzuh\u00f6ren, drei Tage mit dreizehn anderen Schreibenden, drei M\u00e4nner, neun Frauen, mitten im tiefsten Mecklenburg, dazu Wolken, Sonne, Wind, alte Bekannte, auch ein paar neue Gesichter. Das mu\u00dfte einfach mal wieder sein!<\/p>\n<p>Mit dieser Gruppe werde ich alt. Es ist der einzige Zusammenhang, den ich schon seit zwanzig Jahren kenne und &#8211; in immer neuen Formen &#8211; immer wieder aufsuche. Entstanden aus Volkshochschulkursen im Kreativen Schreiben, weiter gef\u00fchrt in privaten, selbst organisierten Schreibtreffen alle paar Monate, auch mal ausgeufert in eine dreij\u00e4hrige Gestalt-Gruppe, vierzehngt\u00e4gig, weil Rainer, unser aller hoch gesch\u00e4tzter Schreib-Animateur sich zum Gestalttherapeuten weiter bildete. (Warum nicht nehmen, was sich gerade bietet, auch wenn mal nicht geschrieben wird?) autobiographisches Schreiben, Selbsterfahrungs-orientiertes Schreiben, es hat gelegentlich andere Namen, aber die sind nicht so wichtig. Immer ist es sch\u00f6n, manchmal tief, meistens lehrreich &#8211; und dann die Wochenenden! Seit etwa f\u00fcnfzehn Jahren treffen wir uns alle Jahre im Haus eines Mitschreibers, mal in Mecklenburg, mal in der Rh\u00f6n, ich lasse auch mal ein Jahr oder gleich mehrere aus. Wie wundervoll, dies jetzt alles wieder zu treffen, wieder zu erleben, mitzubekommen, wie wir alle \u00e4lter werden, wie wir uns verwandeln oder uns gleich bleiben. (Krankheit, Tod und Sterben schl\u00e4gt jetzt schon im allern\u00e4chsten Umkreis ein, das ist nicht zu \u00fcbersehen).<\/p>\n<p>Aber davon ein andermal. Es ist jetzt acht Uhr morgens und als ich vorhin die Mailbox abrief, waren da 770 Mails in meinem Arbeits-Account (f\u00fcr den auch 15 Mailinglisten abonniert sind) und 79 im privaten. Etwa 50 hab ich schon als SPAM gel\u00f6scht, die anderen ben\u00f6tigen eine Reaktion. In den zwei Mailinglisten, in denen ich mich gerade am Gespr\u00e4ch beteilige, erfordern zwei ein intensiveres Eingehen. Daneben will ich von mir aus an einige Menschen schreiben, um die F\u00e4den der gemeinsamen Aktivit\u00e4ten wieder aufzunehmen &#8211; und die Arbeit schreit nach mir, vor mir liegen sehr disziplinierte Tage, ich muss jede Menge schaffen!<\/p>\n<p>Anstatt jetzt also l\u00e4nger \u00fcber einem Diary-Beitrag zu sitzen, setze ich mal nur einen Text von der art ein, wie er f\u00fcr diese Art Schreibgruppen \u00fcblich ist. Man schreibt nach der Uhr, einfach das, was in den Sinn kommt, ohne irgend einen Wert auf Form, Stil, Inhalte oder sonst etwas zu legen. Je mehr Erfahrung man darin hat, desto besser l\u00e4uft es, desto weniger ist man vom eigenen Schreiber-Ego blockiert. Der &#8222;Anspruch&#8220; ist nicht derselbe, wie in den meisten Ver\u00f6ffentlichungen: dass man anstrebt, etwas f\u00fcr andere Interessantes, Unterhaltsames oder Hilfreiches zu verfassen. Es sind Lockerungs\u00fcbungen und es macht einfach Spa\u00df. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.<\/p>\n<h2>10 Minuten ohne vorgegebenes Thema<\/h2>\n<p>Zehn Minuten ohne vorgegebenes Thema, einfach drauf los schreiben, weiter schreiben, im Fluss bleiben. Eigentlich ist es wie sonst auch, wie jeden Tag, wie immer, von der Wiege bis zur Bahre: einfach drauf los leben und dann sehen, was kommt. Man sieht es ja fr\u00fch genug, man erblickt es, wenn es sich zeigt, und oft will man sich nicht anfreunden. Nicht mit dem, was kommt und erst recht nicht mit dem, was sein Kommen ank\u00fcndigt, beziehungsweise androht. Immer scheint es das Unerw\u00fcnschte zu sein, selten das Wunderbare, das Paradies. Das 13. Monatsgehalt des Lebens erwarten wir eher nicht. Die K\u00fcndigung dagegen, die Abmahnung, das niedergelegte Schriftst\u00fcck, kommende Krisen und abst\u00fcrze, alle Formen von Gemeinheiten &#8211; all das sind wir gewohnt und nehmen es ohne Murren in Kauf, sobald wir die 40 \u00fcberschritten haben. auch Leben muss man \u00fcben, locker lassen sich Jahrzehnte verschwenden, bevor man endlich begreift, dass kein Thema vorgegeben ist. alle tun nur so, bzw. die, die vor uns gelebt haben, versuchen, uns ihre Themen aufzudr\u00fccken. Gut, wem selber nichts einf\u00e4llt, der hat vermutlich kein Problem damit, bedenkenlos fremde Filme abzuspulen, doch in den Zeiten der Ich-AG ist man schon gefordert, den eigenen Businessplan zu erstellen. Und &#8211; anders als im Gesch\u00e4ftsleben &#8211; bekommen wir vom Universum allen Kredit, wir m\u00fcssen ihn blo\u00df abfordern.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen zwitschert ein Vogel, ein recht junger Vogel. Ob der wohl ersch\u00fcttert ist, wenn es demn\u00e4chst Winter wird? Oder ob er das ganz locker wegsteckt, einfach so von augenblick zu Augenblick? Es ist ja doch immer nur Leben, ohne besondere Vorgaben. Wer will mir also vorschreiben, wann ich entsetzt zu sein habe? Blo\u00df, weil irgend ein Tag mein letzter sein wird?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Tage schreiben ohne aufzuh\u00f6ren, drei Tage mit dreizehn anderen Schreibenden, drei M\u00e4nner, neun Frauen, mitten im tiefsten Mecklenburg, dazu Wolken, Sonne, Wind, alte Bekannte, auch ein paar neue Gesichter. Das mu\u00dfte einfach mal wieder sein! Mit dieser Gruppe werde ich alt. 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