{"id":1616,"date":"2002-08-16T12:52:18","date_gmt":"2002-08-16T11:52:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1616"},"modified":"2014-12-06T12:56:01","modified_gmt":"2014-12-06T11:56:01","slug":"kleine-neigung-in-richtung-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/08\/16\/kleine-neigung-in-richtung-sterben\/","title":{"rendered":"Kleine Neigung in Richtung Sterben"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gef\u00fchl der Schw\u00e4che um den Solar Plexus, so etwa, wie nach drei Wochen Grippe &#8211; oder bilde ich es mir nur ein? Es ist mitten in der Nacht, ich bin nochmal aufgewacht und die Realit\u00e4t hat nicht so ganz dieselbe dichte und schwere Qualit\u00e4t wie am Tag. Sie ist weicher, flexibler, mehr von meinen Vorstellungen, Gedanken, W\u00fcnschen und Tr\u00e4umen abh\u00e4ngig &#8211; muss ich jetzt aufpassen, was ich f\u00fcr Vorstellungen entwickle? Die Imagination des Siechtums ist erstaunlich, hat aber im Moment nichts Erschreckendes. Im Gegenteil. auf einer subtilen Ebene ist es abwechslung, neue Empfindungen wecken den Geist aus dem Schlaf des allzu Bekannten und ich wundere mich, warum rund um Krankheit, Sterben und Tod soviel gejammert wird.<br \/>\nManche Gedanken sind verboten. Das kommt mir gleich in den Sinn, wenn ich sowas hinschreibe. &#8222;Bekomm du erstmal selber deinen Krebs!&#8220;, denkt man sich, wenn man sowas liest &#8211; jedenfalls w\u00fcrde ich so denken, da bin ich mir sicher. <\/p>\n<p>Noch immer f\u00fchl&#8216; ich mich schwach, fiebrig, ich will einen Kr\u00e4utertee mit Zitrone und Honig, will ein bi\u00dfchen bedauert und gepflegt werden, aber weit nach Mitternacht pa\u00dft das nicht so recht. Eigentlich pa\u00dft es nie, wenn ich ehrlich bin, deshalb will ich ja auch einen Krankenbesuchsverein gr\u00fcnden. Jedes Mitglied h\u00e4tte das Recht auf einen Krankenbesuch pro Tag und ist im Gegenzug selber bereit, andere zu besuchen. Bei den vielen alleine Lebenden in Berlin, so denk ich mir, w\u00e4r das gar nicht so falsch. Vor hundert Jahren hat es sowas schonmal gegeben, hab&#8216; ich mal geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Bis jetzt bin ich zu gesund, um das wirklich anzugehen. Wo es keinen &#8222;versteckten Gewinn&#8220; des Krank-Seins gibt, ist das auch kein Wunder. Dass ich mich schwach f\u00fchle, ist eine Folge der Zelt-\u00dcbernachtungen am letzten Wochenende in Mecklenburg. Es war kalt, es war feucht, ich fror in der ersten Nacht und wie immer hab&#8216; ich nicht wirklich auf so etwas geachtet. Na, mitten in der Nacht war es auch nicht mehr zu \u00e4ndern und immer noch besser, als mit anderen im selben Zimmer zu schlafen. Dieses Jugendherbergsgef\u00fchl gef\u00e4llt mir lange schon nicht mehr und das Schnarchen des Mitmenschen raubt mir den letzten Nerv, nein danke!<br \/>\nJetzt also schon eine Woche &#8222;grippaler Infekt&#8220;: Schwitzen, Schwachheitsgef\u00fchle, Tr\u00e4gheit, gelegentlich Aspirin, mit schlechtem Gewissen, versteht sich. Und Tr\u00e4ume von der Hinf\u00e4lligkeit, wie jetzt. <\/p>\n<p>Makabre Gedanken, Erinnerungen an das Schreibwochenende, wo mir Krankheit und Tod un\u00fcbersehbar begegneten. Die Schwester einer Teilnehmerin hatte gerade ihre Diagnose bekommen: Lungenkrebs. Mit dem Rauchen hat sie daraufhin aufgeh\u00f6rt &#8211; w\u00e4hrend der anstehenden Operation wird erst klar werden, wieviel von der Lunge entfernt werden mu\u00df. Zwanzig Prozent, sagen die arzte, k\u00f6nne sie ja locker durch das Nicht-Mehr-Rauchen ausgleichen. (Immerhin, plappert mein altes Raucherinnenbewu\u00dftsein, Nichtraucher k\u00f6nnen das nicht!) Ihre Schwester ist ersch\u00fcttert, aLLE sind betroffen, man senkt die Stimmen und f\u00fchlt sich sehr sensibel. Man h\u00e4tte gerne Tr\u00e4nen in den augenwinkeln.<br \/>\nZum Ende fahre ich nicht gleich nach Hause, sondern erst noch mit unserem Gastgeber an die Ostsee, M. besuchen, eine andere Teilnehmerin dieser Jahrzehnte alten Schreibgruppe. auch sie konnte nicht kommen, hatte gerade ihre OP: Eierstockkrebs, in die Bauchh\u00f6hle gewachsen, drittes Stadium. Die erste Chemo hat sie hinter sich. Ihr halb fertig ausgebautes Haus in einem kleinen Dorf nahe der Ostsee ist wundersch\u00f6n &#8211; genau die Idylle, von der der St\u00e4dter tr\u00e4umt. Unverbaubarer ausblick in die offene Weite, Felder, am fernen Horizont der Wald, ein gro\u00dfer Garten, Obstb\u00e4ume, Wiese &#8211; und noch kein richtiger arger mit den Nachbarn.<\/p>\n<p>Das Haus ist die ehemalige Dorfschule. Genug Platz also f\u00fcr M., die sich das Ganze vor zwei Jahren gekauft und seither dran herumgebaut hat. Endlich weg aus Berlin, zum Jahreswechsel dann auch das ersehnte Ende der Berufsarbeit. M. ist 60, schlank, sie begr\u00fc\u00dft uns mit einer Bemerkung zu ihren jetzt kurzen Haaren. &#8222;Ich dachte, ich treff dich ganz ohne&#8220;, sag ich, w\u00e4hrend ich sie umarme, denn ich will gleich klar stellen, dass wegen mir \u00fcber die Hauptsache nicht geschwiegen werden muss. \u00dcber den Krebs, den Skandal, die angst, das m\u00f6gliche Ende. M. lacht und sagt, kurze Haarb\u00fcschel, die sich in der Wohnung verteilen, seien jedenfalls nicht so nervig wie lange Str\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Wir sitzen im Schatten, trinken Kaffee, M. hat Kuchen aufgetaut, der Kater streicht uns um die Knie. Viele Leute bieten jetzt ihren Besuch an, erz\u00e4hlt M. auch \u00fcber l\u00e4ngere Zeit. aber das wolle sie nicht, sie sei am liebsten alleine in den Tagen rund um die Chemo. Da k\u00f6nne sie ungest\u00f6rt schlaff herumliegen, m\u00fcsse sich um niemanden k\u00fcmmern. Oh Gott, denk ich mir, immer diese fraulichen Pflichten, tief eingraviert in unser Bewu\u00dftsein. Der aNDERE ist immer wichtiger! Die perfekte Gastgeberin reicht am Rand des eigenen Grabes schmackhafte H\u00e4ppchen&#8230;.<br \/>\nIm Dezember war sie noch beim arzt gewesen. Hat sich da schon irgendwie schlecht gef\u00fchlt, aber es wurde nichts gefunden. Erst viele Monate, verschiedene arzte und etliche Untersuchungen mit scharfem Ger\u00e4t sp\u00e4ter wurde der Krebs entdeckt &#8211; im dritten Stadium, kurz vor den Metastasen also. Da war sie schon sehr viel dicker geworden, hatte kiloweise Wasser eingelagert. Schlie\u00dflich die Operation. &#8222;Ich hab nicht gewu\u00dft&#8220;, sagt M, &#8222;dass sie einen heutzutage schon am n\u00e4chsten Tag unter die Dusche jagen. Wie z\u00e4h ein Mensch doch ist!&#8220; Man habe allerlei ausger\u00e4umt, den Eierstock sowieso, dann den Blinddarm, einen Teil des Darmgeflechts &#8211; 14 Nahtpunkte lang sei ihre Narbe am Bauch. Naja, gen\u00e4ht werde heut&#8216; auch nicht mehr, so mit Nadel und Faden, sondern GETACKERT.<\/p>\n<p>&#8222;Wir k\u00f6nnen froh&#8216; sein, dass sie nicht kleben. Wie bei den Flugzeugen,&#8220; sag ich und gr\u00fcble \u00fcber den technischen Fortschritt, so ganz hautnah.<br \/>\nWie es wohl ist, wenn man vom eigenen Krebs wei\u00df? Ich gehe davon aus, da\u00df ich nat\u00fcrlich in Schrecken erstarre, erstmal. Dass es etwas ganz anderes ist, die definitive Diagnose zu bekommen als nur die M\u00f6glichkeit zu \u00fcberdenken. Sicher, wir sterben alle und wissen nicht wann. aber wir leben so, als sei dem nicht so, oder? Fast t\u00e4glich denke ich: Was w\u00e4re, wenn jetzt bald Schlu\u00df w\u00e4re? aber ich rechne damit, dass mich das nicht wirklich der Realit\u00e4t n\u00e4her bringt. Und trotzdem: Mein Vater ist genauso gestorben, wie er gelebt hat &#8211; also wird das bei mir auch nicht anders sein.<br \/>\nIm Moment f\u00fchl&#8216; ich mich nicht nach Sterben, nur so angenehm schwach. Ein Geschmack von Hinf\u00e4lligkeit und Niedergang, vermutlich wird sich das Grobe, die starken Eindr\u00fccke, zu immer feineren Wahrnehmungen verwandeln, wenn es mal Ernst wird. Na, vermutlich auch einfach so, man wird ja \u00e4lter und das geh\u00f6rt zu den damit verbundenen Vorteilen: Wer alles schon kennt, dem bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als dasselbe ganz anders anzusehen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gef\u00fchl der Schw\u00e4che um den Solar Plexus, so etwa, wie nach drei Wochen Grippe &#8211; oder bilde ich es mir nur ein? 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