{"id":16,"date":"2006-05-05T00:26:19","date_gmt":"2006-05-04T22:26:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/05\/05\/ueber-krankheit-schreiben\/"},"modified":"2026-04-24T11:25:05","modified_gmt":"2026-04-24T09:25:05","slug":"ueber-krankheit-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/05\/05\/ueber-krankheit-schreiben\/","title":{"rendered":"\u00dcber Krankheit schreiben?"},"content":{"rendered":"<p>Es ist kurz nach elf, ich sollte schon im Bett sein, um vor dem Aufstehen um halb f\u00fcnf noch ein bisschen Schlaf mitzunehmen. Gegen neun werde ich schon in Wiesbaden sein, bei meiner Mutter, deren letzte Krankheit sich gerade bedrohlich entwickelt. Seit ich das wei\u00df, empfinde ich die eigene Hinf\u00e4lligkeit in neuer Sch\u00e4rfe: Selten hab\u2019 ich so oft daran gedacht, dass alles sehr schnell vorbei sein kann, was heute noch wichtig erscheint. Ich schaue in den Spiegel und sehe, wie \u00e4hnlich ich doch meiner Mutter bin: das Gesicht, dieselbe Mimik und manche Gestik \u2013 und auch dasselbe burschikose Verhalten gegen\u00fcber dem eigenen Leiden, in welcher Form auch immer es sich gerade zeigt: Blo\u00df nicht jammern, nicht die Laune verderben lassen, nicht zum Arzt gehen, einfach ignorieren \u2013 SIE w\u00fcrde das wohl am Liebsten konsequent durchziehen, doch ist das nicht eben einfach, wenn man auf Angeh\u00f6rige angewiesen ist.<!--more--><\/p>\n<p>Ich will nicht von meiner Mutter schreiben, sondern bei mir bleiben, wie meistens in diesem Diary. Aber was hei\u00dft das f\u00fcr die Zukunft, f\u00fcr die Themen, die ich hier bespreche? Im Sommer werde ich 52 und k\u00f6rperlich bin ich nicht besonders fit. Allerlei chronisch gewordene Beschwerden, mit denen ich (noch) ganz gut lebe, b\u00f6ten jede f\u00fcr sich Stoff genug, um eine \u201eRubrik\u201c aufzumachen. Einmal hab ich meine Enthaltung bez\u00fcglich \u201ekranker Themen\u201c durchbrochen und vom \u201eTietze-Syndrom\u201c erz\u00e4hlt, das mich seit mindestens zehn Jahren plagt (ein \u201eentz\u00fcndetes Gef\u00fchl\u201c in der Zwischenrippenmuskulatur nahe dem Brustbein, manchmal f\u00fchlt es sich nach einer Schwellung an, dann wieder ist da nichts zu tasten \u2013 wie eine alte, schlecht verheilte Narbe). Prompt kommen Leser bis zum heutigen Tag mit dem Suchwort \u201e<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/01\/18\/traum-tunnel-tietze-syndrom\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tietze-Syndrom<\/a>\u201c auf diese Seiten, obwohl der Artikel dazu schon ein paar Jahre alt ist. Zusammen mit \u201e<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/10\/12\/porno-fuer-frauen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Porno f\u00fcr Frauen<\/a>\u201c, \u201e<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/09\/12\/bondage-die-kunst-des-erotischen-fesselns-ein-workshop\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bondage-Geschichten<\/a>\u201c und \u201e<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?s=Sinn+des+LEbens\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sinn des Lebens<\/a>\u201c geh\u00f6rt es zu den gro\u00dfen vier \u201eherf\u00fchrenden Begriffen\u201c, obwohl der Stellenwert des Themas im Blick aufs Ganze nahe null geht.<\/p>\n<h2 id=\"haltung\">Schreibend Haltung gewinnen &amp; mutwillige Ignoranz<\/h2>\n<p>W\u00fcrde ich anfangen, \u00fcber meine Zipperlein zu schreiben, h\u00e4tte ich bald jede Menge Leidende auf Recherche hier \u2013 will ich das? Aber wer liest, was ich schreibe, ist in diesem Kontext ja nicht entscheidend! Ich frage mich eher, was mein eigenes Interesse ist: Will ich die in Zukunft vermutlich st\u00e4rker und leidvoller werdenden Verfallserscheinungen hier \u00fcberhaupt thematisieren? Das pers\u00f6nliche Schreiben ist mir in Fleisch und Blut \u00fcber gegangen, doch ist mir dabei immer klar, dass ich nicht nur berichte, sondern schreibend meine Haltung zu den Dingen finde bzw. bekr\u00e4ftige. Und meine Haltung zum physischen Leiden ist eben eine Art mutwillige Ignoranz \u2013 genau wie ich sie jetzt so deutlich bei meiner Mutter sehe! Die gar nicht so bewusst gew\u00e4hlte Theorie dahinter geht so: zwar nimmt das Leiden mit zunehmendem Alter zu, doch kann ich w\u00e4hlen, womit ich mich identifiziere: Wenn ich mich damit befasse, meine diversen Beschwerden beforsche, \u00c4rzte aufsuche, den Medizinmoloch erlebe, eine Patientenkarriere starte, dann bin ich selber schuld, wenn es mir auch psychisch immer schlechter geht. Warum nicht bis zum unausweichlichen Ende die Konzentration einzig darauf legen, was noch geht, was noch gut ist und Freude macht? Irgendwann wird es nur noch die Freude \u00fcber den n\u00e4chsten Atemzug sein, aber das ist nun mal der Lauf der Dinge. Warum ein Aufhebens davon machen und im Elend schwelgen?<\/p>\n<p>Alte Menschen, die nur noch \u00fcber die Details ihrer Krankengeschichte sprechen, waren mir immer schon ein Graus: die letzten Untersuchungen, die aktuellen \u201eWerte\u201c, die umfangreiche Medikamentierung, mit denen sie \u201eeingestellt\u201c werden \u2013 muss mich das auch erwischen? Soll ich dem noch Vorschub leisten, indem ich mich \u00fcber Tietze-Syndrom, Mausarm, Nervensch\u00e4den, Knieschmerzen, schwindende Sehkraft und Raucherbeschwerden verbreite? Kommt nicht in die T\u00fcte, dachte ich bis jetzt, wer wird denn dem Teufel noch Zucker geben?<\/p>\n<p>Angesichts des Besuchs bei meiner Mutter f\u00fchle ich mich aufgest\u00f6rt: wie werde ich mit dem eigenen Leiden umgehen, wenn das alles einmal heftiger, gar lebensbedrohlich wird? Werde ich verstummen und \u00fcbers sch\u00f6ne Wetter schreiben, weil der restliche pers\u00f6nliche Kosmos ganz vom Leiden ausgef\u00fcllt ist, dem ich nicht schreibend noch mentale F\u00fctterung g\u00f6nnen will???<\/p>\n<p>Auch der Aspekt der Eitelkeit schwingt da nat\u00fcrlich mit: mal angenommen, ich bek\u00e4me morgen meine Krebsdiagnose und w\u00fcrde dar\u00fcber schreiben. Ab sofort w\u00e4r ich nicht mehr Claudia, Webworkerin und Internet-Urgestein, sondern die mit dem Krebs. Das w\u00fcrde mir gewaltig auf den Geist gehen, denn nat\u00fcrlich w\u00e4re ich AUCH noch die, die ich immer war \u2013 oder etwa nicht??<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, was sein wird, noch nicht. In wenigen Stunden sitze ich im Flieger und f\u00fcrchte mich kein bisschen davor. Von der Flugangst bin ich offenbar geheilt &#8211; womit dieser Artikel immerhin ein positives Ende bekommt.<\/p>\n<p><strong>Update: 6.2.2016:<\/strong> Zwischenzeitlich hab ich \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2012\/11\/21\/uveitis-die-augenentzundung-die-immer-wieder-kommt\/\">&#8222;Uveitis&#8220;<\/a> und &#8222;<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/04\/04\/allergischer-schnupfen\/\">allergischer Schnupfen<\/a>&#8220; geschrieben &#8211; und nun geh\u00f6ren schon seit Jahren diese beiden Themen sehr prominent und nachhaltig zu den &#8222;herf\u00fchrenden Begriffen&#8220;. (Der Schnupfen hat mich zum Gl\u00fcck verlassen und die Uveitis hab ich im mit ganz wenigen Cortison-Tropfen im Griff)<\/p>\n<p><strong>Update 10.2.2026:<\/strong> Von wegen &#8222;im Griff&#8220; &#8211; ein langsames Erblinden ist das geworden, trotz Tropfen. Mittlerweile sehe ich rechts nur noch verschwommene Konturen. Netzhauttransplantation w\u00e4re m\u00f6glich, hei\u00dft es &#8211; w\u00e4re aber evtl. nicht nachhaltig in meinem Fall. Und mein Leben w\u00fcrde sich drastisch \u00e4ndern, Tropfen, Tabletten, engmaschige Kontrolle, nicht mal mehr angstfrei Augen reiben &#8211; nein danke! Ziehe es vor, in W\u00fcrde zu erblinden (ist ja nur EIN Auge).<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p class=\"damals\"><strong>Aus dem Jahr 2005:<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/16_08_05.shtml\"> Angst vorm Fliegen II<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/24_02_05.shtml\"> Alt werden und sterben<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kurz nach elf, ich sollte schon im Bett sein, um vor dem Aufstehen um halb f\u00fcnf noch ein bisschen Schlaf mitzunehmen. 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