{"id":1581,"date":"2002-08-29T14:48:30","date_gmt":"2002-08-29T12:48:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1581"},"modified":"2014-10-12T14:59:01","modified_gmt":"2014-10-12T12:59:01","slug":"von-der-last-kreativ-zu-sein-eine-umwertung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/08\/29\/von-der-last-kreativ-zu-sein-eine-umwertung\/","title":{"rendered":"Von der Last, kreativ zu sein &#8211; eine Umwertung"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Was denkt Ihr \u00fcber Kreativitat?&#8220; Eigentlich eine harmlose Frage, die da \u00fcber die Mailingliste kommt. Vermutlich werden jetzt gleich ohne weitere Vorwarnung alle von ihren kreativsten Leistungen berichten, vom Brainstorming und von Kreativtechniken, vom anlegen eines Gartens, von hunderf\u00fcnfzig tollen Webseiten und vom T\u00f6pferkurs im letzten Jahr &#8211; ohhhhhh, bitte bitte nicht!<\/p>\n<p>Hier hat es 29 Grad, aber das ist nicht neu. Seit Wochen schon bringt mich der Jahrhundertaugust ins Schwitzen, daran kann es nicht liegen, dass mir die Galle hochkommt! Kreativitat? Au, ich bekomme Fluchttendenzen, Bei\u00dfreflexe, Pickel im Gesicht und die Zehennagel kr\u00e4useln sich vor Schreck nach oben.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist Kreativitat namlich lange schon und immer mehr eine Last, nicht etwa Lust &#8211; und zwar die eigene genauso wie die Kreativitat anderer. Die Wertschatzung dieses Begriffs hat insgesamt den Zenit weit \u00fcberschritten, oh ja, ich beteilige mich gern daran, den Popanz &#8222;Kreativit\u00e4t&#8220; zu entzaubern und auf die hinteren Platze zu verweisen. Aus den augen aus dem Sinn, lasst Buchhalter um mich sein!<\/p>\n<p>In einer lang vergangenen unkreativen Zeit bzw. Gesellschaft, in der es \u00fcblich war, von festen Traditionen und Rollen bestimmt zu leben, immer alles &#8222;nach Vorschrift&#8220; zu tun und insgesamt<br \/>\nwenig M\u00f6glichkeiten zur Wahl und zur Selbstbestimmung zur Verf\u00fcgung standen, da bekam Kreativitat nach und nach und zu Recht einen geradezu m\u00e4rchenhaften Glanz. Man denke nur an die Wertsch\u00e4tzung des AUTORS, des Schriftstellers, des K\u00fcnstlers, ganz allgemein des &#8222;Genialen&#8220;  &#8211; aber heute? Ich kenne ja kaum noch jemanden, der noch KEIN Buch geschrieben hat!<\/p>\n<p>In unseren Tagen der extremen Individualisierung, wo alles erlaubt und weitgehend egal ist, wo ein jeder gefordert ist, zu machen, was er  will, ist Kreativitat, gelinde gesagt, nichts Besonderes. Mitten im Zwang, sich dauernd neu zu erfinden und in veranderten Bedingungen zu Recht zu finden, wom\u00f6glich als ICH-AG zu bestehen und stets INNOVATIV und FLEXIBEL zu sein, entsteht die Sehnsucht nach dem, was bleibt, was sich nicht \u00c4ndert, nach Dingen, Orten und Strukturen, die nicht von ungebremsten Kreativen seit der letzten Sichtung schon wieder GANZ ANDERS gemacht wurden.<\/p>\n<h2>Ich bin kreativ &#8211; und das ist nicht gut so!<\/h2>\n<p>Wie furchtbar, wenn man die Dinge, wie sie gerade sind, nicht einfach mal so lassen kann! Am besten OHNE inneren oder \u00e4u\u00dferen Kommentar, ohne irgendwelche Verbesserungsvorschl\u00e4ge oder gar Initiativen!<\/p>\n<p>Statt dessen geht das Andersdenken, Anderswollen, Verbessern los. Sei es die Einrichtung eines fremden Klos oder das Eingabeformular auf einer x-beliebigen Website: immer seh&#8216; ich Fehler und Unvollkommenheiten, immer gibt&#8217;s Potential zu gro\u00dfen Verbesserungen, Versch\u00f6nerungen und Ver\u00e4nderungen.  Jeder Text kann selbstverst\u00e4ndlich weit besser formuliert werden, jeder<br \/>\nVorgang und jede eingeschliffene Verhaltensweise ist kritisierbar &#8211; man k\u00f6nnte doch statt dessen&#8230;. Man k\u00f6nnte SO VIEL. Will das etwa jemand anpacken? Bitte bitte nicht!<\/p>\n<p>In mir entstehen st\u00e4ndig Geschaftsideen und &#8222;m\u00f6gliche Projekte&#8220; &#8211; durchaus gute Sachen, aber weder hab&#8216; ich immer Lust auf sie, noch ist das alles im Rahmen meiner M\u00f6glichkeiten, rein aus Zeitgr\u00fcnden schon nicht. Viele dieser Projektideen sehe ich wenig spater &#8222;auf dem Markt&#8220;, liege also nicht unbedingt voll daneben. Und jeses Mal schmerzt es, gute Vorhaben NICHT anzugehen, einfach NICHTS zu tun, die vielfaltigen Potentiale, die an jeder Ecke schlummern (lauern, drohen, ihre gierigen Z\u00e4hne fletschen&#8230;), NICHT zu nutzen &#8211; die Welt einfach zu LaSSEN, wie sie ist.<\/p>\n<p>Ich war mal mit einem Mann zusammen, dem erging es wie mir. Wir sa\u00dfen zusammen in der Badewanne und schon beim Anblick eines Nagels in der Wand kam er oder ich mit einer neuen Idee&#8230; furchtbar! Nach dem Orgasmus keine romantischen Momente, sondern ein Verbesserungsvorschlag&#8230;. nicht mal in Bezug auf den eben erlebten Sex, sondern einfach so, aus dem weiten Feld unserer gemeinsamen Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Ahhhhh und dann der Kern des Kreativen: das Malen, Bilder machen, Gestalten, die Web-Kunst, Fotoshop-Art und all das!!! Ich habe ja noch das gro\u00dfe Gl\u00fcck, dass ich meine Kreativitat am PC ausleben kann (klick und weg ist der Kram!), wogegen Andere wirklich arm dran sind: M\u00fcssen namlich die reale Welt mit den unz\u00e4hligen Ergebnissen ihrer Kreativit\u00e4t belasten. Am Anfang ist das noch unproblematisch, gern zeigt man den Freunden, was man im letzten Volkshochschulkurs Entz\u00fcckendes produziert hat, hartnackig das innere Auge vor der Erkenntnis verschlie\u00dfend, dass sie das genauso \u00f6de finden wie Diashows aus dem Urlaub oder Geschichten vom letzten Arztbesuch. <\/p>\n<p>Doch Achtung! \u00dcber die Jahre kann sich einiges anh\u00e4ufen und eh&#8216; man sich&#8217;s versieht, lebt man in extrem vollgestellten H\u00e4usern und Wohnungen: alles wird gesammelt und gestaut, die Fotos von annodunnemal, die selbst gekneteten Tassen aus der Toskana, der dann doch nie getragene Schmuck aus dem Goldschmiedeworkshop, all die vielen Texte, Briefe, Bilder, Malereien, Basteleien, Schnitzereien, Strickwerke und Wandbehange &#8211; und alles verstaubt, wird nie wieder angesehen &#8211;  manch einer findet sich als &#8222;Messi&#8220; wieder (= die Krankheit, nichts wegwerfen zu k\u00f6nnen und zu verm\u00fcllen).<\/p>\n<h2>DU bist kreativ? Verschone mich!<\/h2>\n<p>Mein Advancebankkonto k\u00fcndige ich in diesen Tagen &#8211; zum dritten Mal  haben sie schon das Homebanking-Portal ge\u00e4ndert. Es umfasst jetzt auch Internet-Brokerage mit all den Infos aus der Aktienwelt und vieles mehr (schauder!). Das brauch&#8216; ich alles nicht, ich will \u00dcberweisung, Kontostand, Dauerauftrag, Ende. Sie sind mir zu kreativ dort, genau wie viele Andere, die st\u00e4ndig an der Welt herumbosseln, Synergien nutzen, Produktlinien einstampfen und neue erzeugen und mich damit zum erneuten Studium irgendwelcher Anleitungen, Handb\u00fccher und Hilfedateien zwingen. Seit Jahren weigere ich mich erfolgreich, neue Features und Programme einzusetzen, solange ich nicht genau das brauche, was sie an MEHR zu bieten haben; Und was den PC angeht, lebe ich gut und st\u00f6rungsfrei nach dem ber\u00fchmten Motto: Never touch a running system!<\/p>\n<p>Nicht, dass all das \u00fcber die M\u00f6glichkeiten meiner kleinen grauen Zellen ginge, keineswegs (hab schlie\u00dflich auch mal &#8217;ne Weiterbildung zur EDV-Fachkraft hinter mich gebracht). Ich denke nur nicht im Traum daran, Zeit und Energie im Umgang mit Hilfsmitteln und Werkzeugen zu verschwenden, wenn es nicht sein muss.  INTELLIGENT ist f\u00fcr mich heute, was Lernen minimiert, Informationen schon gleich im Vorfeld vermeidet und das Gehirn von Texten, Daten und reinen HowTo-Inhalten weitestgehend verschont. Da bleibt nicht viel zu tun f\u00fcr Kreative, sorry!<\/p>\n<p>Und die Gegenst\u00e4nde? Die Welt der 10.000 Dinge? In den Kaufh\u00e4usern sieht jedes einzelne Objekt nach einem Designer-Wunderwerk aus &#8211; daneben bin ich ha\u00dflich! Die Dinge sind es, die glitzernd auf dem  Thron sitzen, und wir stehen alle in der Schmuddelecke und gen\u00fcgen nicht. Also versuchen wir, selbst zum Ding zu werden und dieses Ding dann zu versch\u00f6nern. Deshalb die derzeitige Tatoo- und Piercing-Welle, all das vielfaltige Body-Styling bis hin zu pathologischen Ausw\u00fcchsen wie das &#8222;Ritzen&#8220;.  F\u00fcr die unauff\u00e4lligere Mehrheit gibt&#8217;s die Sch\u00f6nheitsoperationen und die Nervengift-Spritzen f\u00fcr ein glattes (weil gelahmtens) Gesicht.<\/p>\n<p>Jaaaaa, wir MACHEN WAS aus uns und wer da nicht kreativ ist, hat schlechte Karten. Jeder will und soll und muss &#8222;etwas Besonderes&#8220; sein &#8211; wie anstrengend, wie trennend auch. (M\u00f6gen wir denn die Leute, die so toll aussehen, wie wir gern sein wollen?) alles soll sch\u00f6ner sein, als es jetzt ist &#8211; und immer so weiter! Jeder ist kreativ und tut alles dazu, noch etwas zu finden, wo<br \/>\nder pers\u00f6nliche Versch\u00f6nerungsdrang gnadenlos ausgelebt werden kann &#8211; zu Lasten einer Welt die so m\u00fcde von alledem ist, deren M\u00fcllberge schon so hoch und deren Seelen verwirrt sind von all dem<br \/>\nallzu Vielfaltigen und immer wieder Neuen und anderen.<\/p>\n<p>Ach, wie muss das gem\u00fctlich gewesen sein, damals, als sich niemals etwas \u00e4nderte au\u00dfer den Jahreszeiten! Als niemand &#8222;sich in-formieren&#8220; und nachdenken musste, weil sowieso immer schon klar war, was man jetzt WIE tun musste. Als das Kreative dem GENIE \u00fcberlassen blieb, einer Art M\u00e4rchengestalt, die gottlob im richtigen Leben nur sehr, sehr selten vorkam.<\/p>\n<p>Falsch? Ja, ja, ich wei\u00df, es war nat\u00fcrlich auch eine furchtbare Welt, statisch und dogmatisch, voller Unterdr\u00fcckung und Ungerechtigkeit. Man hatte allen Grund, zu rebellieren, umzugestalten, in die Fremde zu ziehen, Neues anzufangen, die Welt auf den Kopf zu stellen &#8211; aber nun steht sie da und rotiert. So etwas wie EIN MITTLERER WEG ist uns offenbar nicht gegeben. Wir oszillieren zwischen den Extremen und gucken zur Entspannung Filme an, in denen alles in die Luft fliegt.<\/p>\n<p>Kreativitat? Nein danke. Nicht im Jahr 2002.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Was denkt Ihr \u00fcber Kreativitat?&#8220; Eigentlich eine harmlose Frage, die da \u00fcber die Mailingliste kommt. 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