{"id":1580,"date":"2002-09-04T14:40:31","date_gmt":"2002-09-04T12:40:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1580"},"modified":"2014-10-12T14:45:41","modified_gmt":"2014-10-12T12:45:41","slug":"veraenderungen-tun-weh-veraenderungen-tun-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/09\/04\/veraenderungen-tun-weh-veraenderungen-tun-gut\/","title":{"rendered":"Ver\u00e4nderungen tun weh, Ver\u00e4nderungen tun gut!"},"content":{"rendered":"<p>In Berlin ist die Abstimmung \u00fcber den neuen Bahnhof verl\u00e4ngert worden: &#8222;Zentralbahnhof&#8220;, &#8222;Berlin Mitte&#8220; oder &#8222;Lehrter Bahnhof&#8220; stehen zur Wahl. Der alte Bahnhof an gleicher Stelle hie\u00df immer schon Lehrter Bahnhof &#8211; und soweit ich das beobachte, meint eine gro\u00dfe Mehrzahl der Berliner, das solle auch so bleiben.. Die Lehrter nat\u00fcrlich auch. Das neue, durchaus attraktive Unget\u00fcm aus Stahl und Glas soll allerdings nach dem Willen der Politiker einen &#8222;wichtigeren&#8220; Namen bekommen &#8211; was ist schon Lehrte? Ein kleiner Ort in der N\u00e4he von Hannover. <\/p>\n<p>Es kann trotzdem gut sein, dass  &#8222;Lehrter Bahnhof&#8220; die Abstimmung gewinnt. Schlie\u00dflich ist sie allein deshalb verl\u00e4ngert worden, weil dieser alte Name bisher in F\u00fchrung liegt, zum \u00c4rger des Stadtentwicklungssenators. Vielleicht mobilisieren jetzt beide Seiten mehr Postkartenschreiber &#8211; ich glaube, der &#8222;Lehrter&#8220; wird bleiben, zumindest als Name.<\/p>\n<p>Warum sind die Berliner nur so sperrig? Ist es nicht einsehbar, dass f\u00fcr so ein v\u00f6llig neu in die neue Mitte Berlins gesetzes neues Bahnhofsgeb\u00e4ude auch ein neuer Name her mu\u00df? Ich glaube, der Kampf f\u00fcr den &#8222;Lehrter Bahnhof&#8220; ist eine Demonstration, Ausdruck einer Ver\u00e4rgerung, die ungef\u00e4hr sagen will: K\u00f6nnt Ihr nicht wenigstens diese paar Buchstaben so lassen, wie sie sind? Die ganze Mitte ist neu, in der Luisenstadt findet man sich nicht mehr durch, die jahrzehntelangen Baustellen werden als &#8222;Schaustelle&#8220; ins Kulturleben integriert &#8211; es ist einfach verdammt anstrengend, wenn man hier wohnt. Warum zus\u00e4tzlich  noch neue Namen lernen?<\/p>\n<p>Neues strengt an, Neues tut weh, aber ohne Ver\u00e4nderungen langweilen wir uns zu Tode. Leben ist alles andere als vern\u00fcnftig und wenn ich heute eine <a href=\"29_08_02.shtml\" style=\"text-decoration:underline\">Rede gegen die Kreativit\u00e4t<\/a> halte, einen der antriebe f\u00fcr Ver\u00e4nderung, so f\u00fchl&#8216; ich mich wenige Tage sp\u00e4ter eher zu einem Loblied aufgelegt, ja, denke wom\u00f6glich: es geht schon verdammt langsam und allzu gem\u00fctlich voran in deutschen Landen!<\/p>\n<p>Ersticken wir nicht unter allzu vielen Vorschriften? Hat nicht jede Interessengruppe ihren Way of Life &#038; Making Money abgesichert bis zum geht nicht mehr? Ist nicht die Krise, die die Arbeitslosenzahlen ins Astronomische treibt, in vieler Hinsicht eine Folge von Verweigerungshaltungen? Ich spreche nicht von schlecht oder gar nicht ausgebildeten Arbeitslosen, die man f\u00fcr schlecht bezahlte Jobs k\u00fcnftig ans andere Ende der Republik hetzen will! &#8211; sondern von der Unbeweglichkeit derjenigen, denen es eigentlich ganz gut geht. Man denke nur als Beispiel an die Apotheker, wie sie gleich einen Aufstand inszenieren, weil in ihrem Sektor der Versandhandel zugelassen werden soll. Oder an die Tastsache, dass hierzulande einer, der eine Festplatte ersetzt, einen Meisterbrief braucht.<\/p>\n<h2>Im wilden F&#8217;Hain<\/h2>\n<p>Ich mach&#8216; lieber nicht weiter mit solchen Beispielen, das kann man schlie\u00dflich alles in den Zeitungen lesen. Nicht dort zu lesen ist, dass die Lebendigkeit des Stadtteils, in dem ich lebe, zum gro\u00dfen Teil davon herr\u00fchrt, dass sich Menschen kreativ \u00fcber Vorschriften hinweg setzen &#8211; junge zumeist, aber auch ein paar \u00c4ltere, die extra &#8222;zugewandert&#8220; sind. Neues macht Freude, Neues tut gut! Zwischen den Gr\u00fcnderzeitfassaden von Berlin Friedrichshain gibt es jede Menge Neues: selbst zusammen geschwei\u00dfte Balkone, die die Welt noch nicht gesehen hat, L\u00e4den, die bis ein Uhr Nachts ge\u00f6ffnet haben, denn sie sind ja auch ein &#8222;Imbi\u00df&#8220;, ein ehemaliges Reichsbahnausbesserungswerk, das jetzt als RAW-Tempel vielen K\u00fcnstlern und Bastlern riesige Freir\u00e4ume bietet: viel viel Platz, ungeregelt, ungestaltet, unbeaufsichtigt &#8211; und nat\u00fcrlich die Szene-Kiez-\u00fcbliche Fassadengestaltung, meist recht \u00f6de Grafitti, die ich mich nicht scheue, Schmierereien zu nennen, aber auch wundervoll bemalte Fassaden, geheimnisvolle Schablonen-Spr\u00fchereien auf den Fu\u00dfwegen,  unglaublich verr\u00fcckte L\u00e4den und auch die Leute selber sehen nicht unbedingt stromlinienf\u00f6rmig aus, manche sind echte Hingucker!<\/p>\n<p>Abends sammeln sich Menschen wie Schwalben auf den Stahlkonstruktionen der noch im Bau befindlichen Modersohnbr\u00fccke (verboten!). Von da aus hat man einen weiten Blick \u00fcber ein schier unendliches Gewirr aus S- und Fernbahn-Geleisen, dahinter die in dramatische Sonnenuntergangsbeleuchtung getauchte Skyline des neuen Berlins, Oberbaumbr\u00fccke, Funkturm, Alexander Platz. Wundersch\u00f6n! Nach zwei Jahren Mecklenburg w\u00e4re es f\u00fcr mich schwer gewesen, in einem H\u00e4usermeer ohne Ausblick zu leben, immer nur an die Wand gegen\u00fcber starrend. Hier werde ich aufs Beste mit &#8222;offener Weite&#8220; bedient, aber nicht genug: ein paar Schritte noch und bin ich an der Spree, muss also nicht mal Wasserlandschaften entbehren.<\/p>\n<h2>Erstarren ist so leicht<\/h2>\n<p>Jetzt bin ich ins Schw\u00e4rmen gekommen und weg von meinem Thema, den Leiden und Freuden der Ver\u00e4nderung. Nochmal dahin zur\u00fcck: Seit zwei Wochen mach&#8216; ich Telefondienst im <a href=\"http:\/\/www.freunde-alter-menschen.de\/\">Verein der Freunde alter Menschen<\/a>, telefoniere Montags mit Menschen jenseits der Verfassung, in der man sie &#8222;r\u00fcstige Senioren&#8220; nennt. Mir f\u00e4llt dabei auf, wie unglaublich lang einige in ihren Wohnungen leben! Eine 75-J\u00e4hrige erz\u00e4hlt mir, sie lebe in der &#8222;elterlichen Wohnung&#8220;,  eine andere wohnt in einem &#8222;Neubau&#8220; von 1961, wo sie zu den ersten Mietern geh\u00f6rte. Unglaublich, dieses selbstverst\u00e4ndliche Beharren auf dem, was man hat, was man kennt, wo man immer schon ist &#8211; ein Verhalten, das zur heutigen Zeit nicht mehr pa\u00dft und das auch vielen alten zum Verh\u00e4ngnis wird: sie leiden unendlich, wenn sie &#8211; warum auch immer &#8211; aus ihren gewohnten Umgebungen gerissen werden.<\/p>\n<p>Viele k\u00f6nnen irgendwann nicht mehr laufen, f\u00fcr sie wird ihre Wohnung im Berliner Altbau zur Falle, die sie praktisch niemals mehr verlassen. Sie werden dort, solange es geht, gepflegt, und daneben steht jede zweite Erdgescho\u00dfwohnung im selben Stadtteil leer. W\u00fcrde man als alter  Mensch rechtzeitig der Erde n\u00e4her kommen, daf\u00fcr auch Umzug und Ver\u00e4nderungen in Kauf nehmen, k\u00f6nnte man sich sehr viel besser die Restbeweglichkeit erhalten, sich l\u00e4nger selber versorgen und sogar noch am \u00f6ffentlichen Leben teilnehmen. Warum ist das nicht so? Weil die, die HEUTE so alt sind, Ver\u00e4nderungen vermieden haben! Weil sie erstarrt sind, weil sie ganz selbstverst\u00e4ndlich ihre Eigenheiten immer eigener haben werden lassen, sich selbst nicht in Frage stellend.<\/p>\n<p>Recht haben &#8211; sofern es das \u00fcberhaupt gibt &#8211; wird mit zunehmendem Alter unwichtiger, das ist mein Fazit. Denn auf Recht haben (zum Beispiel mit einer Klage, einer Kritik, einer Polemik etc., aber auch im Sinne &#8222;ein Recht haben auf&#8230;&#8220;) folgt SO-Bleiben, folgt Beharren und Erstarren, folgt der Verlust der F\u00e4higkeit, mit Neuem innerlich zurecht zu kommen &#8211; und deshalb sehen viele Alte so verbittert aus. Und das bei einem Rentensystem, das diejenigen, die heute alt sind, doch noch ganz gut bedient!<\/p>\n<p>\nWIR werden es weniger gut haben! Bleiben wir also biegsam, rasten wir besser nicht ein auf EINE Sicht der Dinge, \u00fcben wir K\u00f6rper und Geist im kreativen Umgang mit Ver\u00e4nderung &#8211; wenn nicht&#8217;s anderes \u00fcbrig bleibt, ist es immer besser, man hat Spa\u00df an dem, was ist.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin ist die Abstimmung \u00fcber den neuen Bahnhof verl\u00e4ngert worden: &#8222;Zentralbahnhof&#8220;, &#8222;Berlin Mitte&#8220; oder &#8222;Lehrter Bahnhof&#8220; stehen zur Wahl. Der alte Bahnhof an gleicher Stelle hie\u00df immer schon Lehrter Bahnhof &#8211; und soweit ich das beobachte, meint eine gro\u00dfe Mehrzahl der Berliner, das solle auch so bleiben.. Die Lehrter nat\u00fcrlich auch. 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