{"id":1578,"date":"2002-09-17T14:37:16","date_gmt":"2002-09-17T12:37:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1578"},"modified":"2014-10-12T14:37:48","modified_gmt":"2014-10-12T12:37:48","slug":"und-ploetzlich-ist-herbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/09\/17\/und-ploetzlich-ist-herbst\/","title":{"rendered":"Und pl\u00f6tzlich ist Herbst"},"content":{"rendered":"<p>Heut&#8216; mit Frau B. telefoniert, sie liegt im Krankenhaus, wo sie sich dringend wieder hingew\u00fcnscht hatte. Zuhause, ans Bett gefesselt, allein den Pflegediensten ausgeliefert, sei es furchtbar, sagt Frau B. Nachts h\u00e4tte sie oft geschrien so laut sie konnte, doch niemand w\u00e4re gekommen. Zuletzt h\u00e4tte die Pflegerin ihr gar gedroht, man k\u00f6nne es ihr auch &#8222;reinstopfen&#8220;, wenn sie nicht bald schneller essen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Daraufhin hat sie es ins Krankenhaus geschafft, irgendwie. Abgef\u00fcllt mit allem, was es so an passenden Medikamenten gibt, wartet sie dort auf die neue Behandlung. Bisher sei sie ganz falsch therapiert worden,  sagt Frau B., das habe man ihr angedeutet. Was aber heisst hier falsch? Alle zehn Jahre Krebs, seit 50 Jahren &#8211; was ist da falsch? Was richtig? Morgen werde ich sie besuchen, am Telefon verstehe ich sie so schlecht.<\/p>\n<p>Es ist der dritte Montagnachmittag beim <a href=\"http:\/\/www.freunde-alter-menschen.de\/\">Verein der Freunde alter Menschen<\/a>. Ich bin im Telefondienst, wie alle, die hier anfangen. Und am Samstag werd&#8216; ich ein paar Alte kennen lernen. Sie werden abgeholt, der Verein hat sie zum Essen eingeladen. Es wird Tafelspitz geben, ich bin gespannt. Kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal mit &#8222;richtig Alten&#8220; zusammen war!<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><strong>Eine neue Tastatur gekauft, diesmal wieder mit Kabel.<\/strong> Drahtlos ist kein Fortschritt, wie ich bemerkte. Man nutzt die Tastatur auch nicht anders, obwohl man sie hierhin und dahin mitnehmen k\u00f6nnte. Aber warum sollte ich? Soll ich etwa mit der Tastatur mobil sein, wenn doch der Bildschirm steht wie ein Stein?  Nat\u00fcrlich nicht, sie lag die ganze Zeit an derselben Stelle, wie alle Tastaturen zuvor. Und ganz pl\u00f6tzlich setzte sie aus, mitten im Schreiben: nichts geht mehr. Wenn es dann NICHT die Batterie ist, kann man gar nichts machen.<br \/>\nWeg damit! Genau wie die zugeh\u00f6rige Funkmaus, die hab ich schon vor zwei Jahren auf dieselbe art verloren. Jetzt bin ich wieder am Draht. <\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong>Sie hatte aufgeh\u00f6rt, zur\u00fcck nach K. ziehen zu wollen.<\/strong> Eigentlich hatte sie nie zur\u00fcck gewollt, sie w\u00e4re nur mitgegangen, wenn alles so geblieben w\u00e4re wie bisher.   ZUR\u00fcCK zu gehen war nicht ihre Sache, ja, es schreckte sie: Angst vor dem allzu Bekannten, Angst vor den sprechenden W\u00e4nden, den Stra\u00dfen, in denen alte Geschichten h\u00e4ngen wie klebriger Dunst.<\/p>\n<p>Also nicht nach K. Wohin dann? Bleiben? Alleine in einer neuen Wohnung in FH? Eine Freundin hatte ihr die Augen ge\u00f6ffnet, neu ge\u00f6ffnet f\u00fcr die Sch\u00f6nheit, das Bunte, das Wilde. Es gibt Schlimmeres, als unter jungen Menschen alt zu werden. aber bleiben? WAS wollte sie denn hier?<\/p>\n<p>Sie hatte verlernt, etwas Eigenes, etwas Besonderes zu wollen. Vom Wohnen wu\u00dfte sie auch nicht mehr viel. Solange das k\u00fchle Licht des Monitors ihre Tage begleitete, war Wohnen keine Frage, auf die sie antworten mu\u00dfte. Meistens war sie ja doch unterwegs in den Zeichenwelten, die sie immer hungrig zur\u00fcck lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Was nun? Vielleicht  das oberste Stockwerk einer WBS 70-Platte? Ein Stalinbau in der Karl-Marx-Allee mit diesem melancholischen Charme des untergehenden Roms? Eine Fabriketage mit Blick auf die Spree &#8211; was w\u00e4re denn f\u00fcr sie das GANZ ANDERE? Der Ort, an dem sie herausfinden k\u00f6nnte, wohin es sie zog. Oder w\u00fcrde einfach nie mehr etwas an ihr ziehen? Ratlos beendete sie das Nachdenken. Es musste sich er-geben, nicht er-gr\u00fcbeln. Drau\u00dfen war es Herbst geworden und am liebsten w\u00fcrde sie jetzt einfach den Kopf unter die Bettdecke stecken.<\/p>\n<p>&#8211; &#8211; &#8211;<\/p>\n<p><strong>arbeit. Niemals zuvor war soviel Arbeit.<\/strong> Zu viel Arbeit, um noch jemand anderen zu Hilfe zu holen, denn demjenigen m\u00fc\u00dfte ich zuviel erkl\u00e4ren. Zuviel Arbeit,um daneben noch anderes zu tun, kein Platz, um nach rechts oder links zu schauen. Wo im ersten Halbjahr die Flaute mich daran denken lie\u00df, einen neuen Beruf zu suchen, erschlagen mich jetzt all die Auftr\u00e4ge. Und alle m\u00fcssen sie sp\u00e4testens im Oktober fertig sein. Sch\u00f6ne Projekte, wunderbare Auftraggeber, sinnvolle Webseiten &#8211; und ich geh&#8216; auf dem Zahnfleisch. Es m\u00f6ge mir niemand b\u00f6se sein, wenn ich mich jetzt nicht melde, nicht mal &#8222;Guten Tag&#8220; sage, wenn eine alte Bekannte in einer Mailingliste auftaucht, nicht verl\u00e4\u00dflich antworte, wenn mir einer schreibt: &#8222;Hey, da ist ein Link falsch gesetzt!&#8220;<\/p>\n<p>Wird es ein &#8222;danach&#8220; geben??? Im Moment kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn ich nichts zu tun habe. Wie lange tu ich eigentlich schon etwas, auch wenn ich nicht muss? Wielange schon geh\u00f6rt es zu meinem Selbstverst\u00e4ndnis, gern zu arbeiten, viel zu arbeiten,  niemals an ein &#8222;danach&#8220;, gar an so etwas exotisches wie &#8222;Urlaub&#8220; zu denken? <\/p>\n<p>Gerade beginne ich damit, den Montag zu f\u00fcrchten. Der Blick in den Monitor stimmt mich nicht freundlich und gestern ist die Tastatur ausgefallen, einfach so. Oh Ihr G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter allen Tuns&#038;Lassens: Lasst mich bitte bitte noch diese paar Auftr\u00e4ge zu Ende bringen! Dann, ja dann mag sich meinetwegen ein &#8222;Danach&#8220; entfalten &#8211; jetzt ist Disziplin und Energie alles, was ich brauchen kann.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heut&#8216; mit Frau B. telefoniert, sie liegt im Krankenhaus, wo sie sich dringend wieder hingew\u00fcnscht hatte. Zuhause, ans Bett gefesselt, allein den Pflegediensten ausgeliefert, sei es furchtbar, sagt Frau B. Nachts h\u00e4tte sie oft geschrien so laut sie konnte, doch niemand w\u00e4re gekommen. 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