{"id":1577,"date":"2002-09-26T14:23:31","date_gmt":"2002-09-26T12:23:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1577"},"modified":"2014-10-12T14:29:28","modified_gmt":"2014-10-12T12:29:28","slug":"luft-holen-kranke-besuchen-und-laestern-nach-der-wahl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/09\/26\/luft-holen-kranke-besuchen-und-laestern-nach-der-wahl\/","title":{"rendered":"Luft holen, Kranke besuchen &#8211; und l\u00e4stern nach der Wahl"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit gestern ist wieder ein wenig Luft.<\/strong> In den letzen Wochen hab&#8216; ich von fr\u00fch bis sp\u00e4t &#8222;Webseiten geklopft&#8220;, keine Zeit mehr f\u00fcr irgend etwas anderes, kein Gedanke an eine Mailingliste oder an dieses Diary. Naja, ein bisschen schlechtes Gewissen, nun schon \u00fcber acht Tage nichts Neues, ich glaub, das ist die l\u00e4ngste Pause gewesen, seit das Diary existiert &#8211; und leider nicht wegen Urlaub!<\/p>\n<p>Umso sch\u00f6ner, nun wieder den Kopf zu heben und zu sehen: Es gibt ein Leben neben den Auftr\u00e4gen! Nat\u00fcrlich liebe ich meine Arbeit, finde es immer wieder faszinierend, aus dem Nichts eine Webpr\u00e4senz erstehen zu lassen, das &#8222;Home&#8220; einer Institution, eines Unternehmens oder einer Person mit einem je ganz eigenen Gesicht. Aber wenn es zu dicke kommt, wenn mehrere gleichzeitig darauf warten, dass zumindest der Rohbau ihres neuen Heims im Cyberspace sichtbar wird, dann wird es f\u00fcr mich ein wenig eng &#8211; wo ich doch &#8222;offene Weite&#8220; gewohnt bin! <\/p>\n<p>Egal, es hat alles geklappt und jetzt geht es wieder ein bi\u00dfchen gem\u00fctlicher zu. Zum ersten Mal seit langer Zeit plane ich sogar ein neues No-Commerce-Projekt, n\u00e4mlich eine Website f\u00fcr meinen Yoga-Lehrer! Seit vielen Jahren schon bin ich nun bei ihm und immer hab&#8216; ich es vermieden, zum Thema Yoga eine eigene ernsthafte Seite zu machen. Als h\u00e4tte ich gewu\u00dft, dass ich eines Tages dazu kommen w\u00fcrde, das Original  zu verwebben: die Quelle darstellen &#8211; die Fr\u00fcchte m\u00fcssen f\u00fcr sich selber sprechen.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p><strong>Frau B. hab ich im Krankenhaus besucht.<\/strong> Sie ist schm\u00e4chtig, kaum mehr von dieser Welt, d\u00fcnn und durchsichtig die Haut,  aber ihr Gesicht strahlt wie das einer 13-J\u00e4hrigen. Fast ein engelhafter Anblick! Wie kann eine 87-J\u00e4hrige krebskranke alte Frau so JUNG aus den Augen schauen?<br \/>\nSie begr\u00fc\u00dft mich freundlich, findet nichts dabei, da\u00df wir uns nicht kennen und es keinen GRUND gibt, dass ich sie besuche. Gern erz\u00e4hlt sie aus ihrem Leben, auf Nachfrage auch von ihrem Krebs und ihren n\u00e4chtlichen Schmerzen &#8211; ohne Scheu und Scham und ohne das aufdringlich r\u00fccksichtlose Vollabern-um-jeden-Preis, das soviele Alte und Junge auch unaufgefordert an den Tag legen, wenn man ihnen den Raum dazu l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Fast zwei Stunden bleibe ich an ihrem Bett, fasse ihre H\u00e4nde zum abschied, bin dankbar, dass SIE es ist, die ich als erste besuche. Ich will mit alten, Kranken und Sterbenden in Kontakt kommen &#8211; aber eine verbitterte und zu Tode ge\u00e4ngstigte Person h\u00e4tte mich zu anfang vielleicht doch abgeschreckt. Frau B. aber strahlt Frieden und Liebe aus &#8211; trotz aller Schmerzen. \u00dcber niemanden sagt sie etwas B\u00f6ses nach, nicht e\u00ednmal, als sie mir erz\u00e4hlt, wie sie von der letzten Pflegerin zuhause bestohlen wurde. (&#8222;Wer will denn das Leben einer 20-J\u00e4hrigen mit einer anzeige belasten!&#8220;).<\/p>\n<p>Leider versteht mich Frau B. kaum, altersbedingt ist sie stark schwerh\u00f6rig. Eigentlich hatte ich gedacht, das w\u00fcrde mich nicht gro\u00df st\u00f6ren, denn in meiner Midlife-Arroganz war ich davon ausgegangen, dass ich kein Verlangen haben w\u00fcrde, mit einer Hochbetagten ein richtiges Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren. Erst jetzt wird mir das bewu\u00dft, jetzt, wo ich ihr gerne wenigstens ein paar S\u00e4tze da\u00fcrber sagen w\u00fcrde, wer ich bin und warum ich hier bin.<\/p>\n<p>Ich nehme mir vor, beim n\u00e4chsten Mal zu erforschen, warum sie kein H\u00f6rger\u00e4t benutzt &#8211; im Moment jedenfalls tr\u00e4gt sie keines und schon am Telefon hat sie mich kaum verstanden. Vielleicht k\u00f6nnte ich eine Low-Tech-L\u00f6sung ausprobieren? Einen kleinen Verst\u00e4rker mitbringen, dazu ein Mikro und Kopfh\u00f6rer &#8211; so k\u00f6nnte sie sich Lautst\u00e4rke, H\u00f6hen und Tiefen selber einstellen, w\u00e4hrend ich ins Mikro rede. Das w\u00e4re gewi\u00df besser, als sie anschreien zu m\u00fcssen!<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><strong>Die Wahl ist ja nun rum, die Probleme sind geblieben.<\/strong> Ich hab&#8216; gr\u00fcn gew\u00e4hlt, damit Renate K\u00fcnast die Agrarwende weiter betreiben kann. Was die gro\u00dfen Themen angeht, vermute ich, das alles so weiter geht wie bisher, wobei die wirtschaftliche Lage immer schlechter und schwieriger werden wird.  Die Neigung, Problemen auszuweichen und Realit\u00e4ten einfach nicht sehen zu wollen, ist hierzulande derart verbreitet, dass es noch viel Katastrophisches braucht, damit sich etwas \u00e4ndert. \u00dcber den Wahlkampf haben sich ja viele aufgeregt, weil er so personalisiert und emotionalisiert ablief, anstatt echte Diskussionen zu den wichtigen Fragen zu bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Tja, das ist so, weil die Mehrheiten das so wollen! Augen zu und weiter so. Wenn die Politiker wirklich von den PROBLEMEN reden w\u00fcrden und nicht \u00e4ngstlich den Schlaf des Volkes sch\u00fctzen, dann w\u00fcrden sie eben einfach NICHT GEW\u00c4HLT:<\/p>\n<ul>\n<li type=\"disk\">Wer will denn h\u00f6ren, dass wir in Zukunft weit weniger Wohlstand erwirtschaften werden und verteilen k\u00f6nnen als bisher?<\/li>\n<li type=\"disk\">Wer will denn wissen, dass f\u00fcr das soziale Netz in Zukunft jeder MEHR aufbringen wird m\u00fcssen und dennoch WENIGER davon haben &#8211; also private<br \/>\nVorsorge treffen oder mit MEHR Unsicherheit leben.<\/li>\n<li type=\"disk\">Wer will denn wahrhaben, dass die Bedingungen, unter denen im \u00f6ffentlichen Dienst hierzulande (noch) gearbeitet, geurlaubt, krank geschrieben und fr\u00fch pensioniert wird, eine G\u00f6tterwelt repr\u00e4sentieren, die nicht mehr viel mit der Wirklichkeit der anderen Da DRAUSSEN zu tun hat? Und dass da eine zunehmende &#8222;Gerechtigkeitsl\u00fccke&#8220; besteht?<\/li>\n<li type=\"disk\">Wer breitet denn gern die ganzen erschreckenden Folgen aus, die der Bev\u00f6lkerungssr\u00fcckgang in den n\u00e4chsten 30 Jahren unabwendbar haben wird??? (Die Kitas sind bereits reduziert, viele Grundschulen stehen schon leer &#8211; etwa in 2006 werden die Firmen die Lehrlinge suchen und nicht mehr umgekehrt &#8211; und dann kann man von Jahr zu Jahr immer besser beobachten, wie der &#8222;Knick&#8220; in die produktiven Jahrg\u00e4nge reinw\u00e4chst und was das bedeutet&#8230;die Arbeitslosigkeit, das wird von  manchen Politikern l\u00e4ngst heimlich gedacht, kann man vor diesem Hintergrund einfach<br \/>\nAUSSITZEN)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nun ja, in diesem Diary werden wir die Fragen auch nicht l\u00f6sen, zumindest nicht f\u00fcrs gro\u00dfe Ganze. Ganz individuell aber finde ich es mehr als angesagt, sich mal ein paar ernste Gedanken dar\u00fcber zu machen, wie es in den n\u00e4chsten 30 Jahren weiter gehen soll: WIR werden keine Renten bekommen wie die Rentner von heute &#8211; und auch die Riester-Rente wird uns nicht retten. Wie sollen wir also im alter k\u00fcnftig unser Dasein fristen? Und BIS WANN? Oder &#8211; mal auf ein anderes Gebiet geschaut &#8211; lohnt es sich z.B., wegen ein bi\u00dfchen Ziehen in den Oberarmen oder irgend welchen Schmerzen in den Gelenken zu allerlei arzten zu rennen und Diagnosekosten von mehreren 1000 Euro auszul\u00f6sen? Um heraus zu finden, dass es sich um irgend eine Form rheumatischer Beschwerden handelt, gegen die sowieso nichts auszurichten ist?<\/p>\n<p>Wenn man mal anf\u00e4ngt, \u00fcber den allgemeinen Wahnsinn zu schreiben, der bei uns noch immer als normal gilt, kommt man so schnell an kein Ende. F\u00fcr heute muss es hier aber genug sein. Euch hab ich vermutlich sowieso schon die Laune verdorben &#8211; sorry, ein andermal geht&#8217;s heiter weiter, versprochen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit gestern ist wieder ein wenig Luft. In den letzen Wochen hab&#8216; ich von fr\u00fch bis sp\u00e4t &#8222;Webseiten geklopft&#8220;, keine Zeit mehr f\u00fcr irgend etwas anderes, kein Gedanke an eine Mailingliste oder an dieses Diary. 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