{"id":1574,"date":"2002-10-15T13:59:32","date_gmt":"2002-10-15T11:59:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1574"},"modified":"2014-10-12T14:05:00","modified_gmt":"2014-10-12T12:05:00","slug":"ueber-sex-und-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/10\/15\/ueber-sex-und-selbst\/","title":{"rendered":"\u00dcber Sex und Selbst"},"content":{"rendered":"<p>So langsam wird es besser mit dem &#8222;Maus-Arm&#8220; &#8211; dabei hab&#8216; ich nur ein wenig die Stellung des Monitors ver\u00e4ndert und sitze auch nicht weniger vor dem Bildschirm als bisher.  Evtl. haben mir die hom\u00f6opathischen K\u00fcgelchen geholfen, vielleicht ist es auch eine innere Haltungs\u00e4nderung, die sich nach und nach in mein Leben schleicht und immer sp\u00fcrbarer wird. Warum nicht einfach sein, was ich bin, und tun, was ich m\u00f6chte? Soll ich denn zehntausend Jahre B\u00fccher lesen, in denen das empfohlen wird, und ansonsten vor allem darauf achten, niemandem auf die F\u00fc\u00dfe zu treten und einen guten Eindruck zu machen? Immer stromlinienf\u00f6rmig, lieb und nett, gelassen und vern\u00fcnftig: sei berechenbar, tu wenigstens so, als w\u00e4re das m\u00f6glich!<\/p>\n<p>Wer lebt eigentlich nicht &#8222;verhalten&#8220;, wer sp\u00fcrt um sich her keine &#8222;du sollst!&#8220; und &#8222;du sollst nicht!&#8220; ? Nicht nur, dass man meist in vorgezeichneten Bahnen lebt &#038; arbeitet, man soll auch auf bestimmte Weise feiern, trauern, lieben, streiten, reisen und sogar meditieren. allein die Lehre vom richtigen Essen und Trinken ist derart komplex und in st\u00e4ndigem Wandel begriffen, dass deren Studium und Beachtung schon ganz allein alle freie Zeit fordern w\u00fcrde. Wir leben in der Info-Gesellschaft, und das bedeutet die Heraufkunft des Wissens,  dass es unm\u00f6glich ist, sich vollst\u00e4ndig von au\u00dfen nach innen zu in-formieren, sich in Form zu bringen, so dass man passt &#8211; dass man in die Vorstellungen der anderen passt, denn diese sind eben auch nur Wunschwelten und angstwelten und keine gelebte Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Lothar hat einen <a href=\"http:\/\/www.reschke.de\/ideenmagazin\/i_coming_out.htm\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"goto.gif\" alt=\"raus\" border=\"0\" height=\"10\" width=\"10\">wunderbaren Artikel \u00fcber das Selbst-Sein<\/a> geschrieben, verpackt in eine Geschichte von einem Theaterbesuch mit anschlie\u00dfender Diskussion. Es geht um das Coming Out eines Schwulen &#8211; aber eigentlich geht es  damit um die Besonderheit, um das Au\u00dfenseitertum und das Nicht-in-die-Welt-passen eines jeden. Um den Schmerz und die Verletzlichkeit, um das schwach und bed\u00fcrftig-sein, um die gro\u00dfe Diskrepanz zwischen dem \u00fcblichen Auftreten des gro\u00dfen welt-kompatiblen ICH verglichen mit dem &#8222;Kind&#8220;, das hinter den Masken und Schutzschilden lebt.<\/p>\n<p>Dieses Kind zu verbergen ist in der Welt offensichtlich ein Muss &#8211; so scheint es zumindest. Nicht, weil wir uns etwa laufend motiviert f\u00fchlten, als dieses Kind etwas Besonderes anzustellen oder irgendwie gemeingef\u00e4hrlich oder &#8222;sozialsch\u00e4dlich&#8220; zu werden: ich f\u00fchl mich schon ganz komisch, wenn ich mal einer Frau ein Kompliment \u00fcber eine Klamotte mache, die ihr wunderbar steht und in mir die Begeisterung als Welle der Freude hochkommt! Ohne deshalb lesbisch zu sein, m\u00f6chte ich sie umarmen, den Stoff anfassen, um sie herum gehen und sie ausschweifend bewundern &#8211; das ist doch nicht normal, oder? <\/p>\n<p>N\u00e4chste Woche bin ich mit einer richtig alten (!) Frau aus dem Grunewald verabredet, wir gehen in ein Internet-Caf\u00e9 am Ku&#8217;damm und ich zeig ihr die &#8222;unendlichen Weiten&#8220;, ich freu mich drauf!  \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.freunde-alter-menschen.de\/\">Verein der Freunde alter Menschen<\/a> kam ich mit ihr in Kontakt. Vorher hab&#8216; ich jahrelang die Alten eher im Augenwinkel wahr genommen: unerreichbare, aus der Gesellschaft ausgegrenzte Gestalten, keine Ahnung, wie ich mich benehmen sollte, um mich ihnen zu n\u00e4hern &#8211; ja, schon der Wunsch, gelegentlich mit Alten Menschen zusammen zu sein, scheint ein bisschen pervers, oder? <\/p>\n<p>Und die M\u00e4nner? Was ist mit der Sexualit\u00e4t? Ja, wei\u00df denn noch irgend jemand, was im Kontakt zwischen den Geschlechtern &#8222;angesagt&#8220; bzw. gut und wahr und richtig ist? Gerade las ich im &#8222;christlichen Bl\u00e4ttchen&#8220;, das gelegentlich der ZEIT beiliegt, ein Gespr\u00e4ch zwischen Oswald Kolle (74) und Katja Kullmann (32) zum Thema &#8222;Ist die sexuelle Revolution \u00fcberholt?&#8220; (F\u00fcr die J\u00fcngeren: Kolle ist der gro\u00dfe Aufkl\u00e4rer der Nation, der in den 60gern und 70gern den Sex unter der Decke hervor geholt und ins Licht des \u00f6ffentlichen Bewu\u00dftseins gestellt hat). <br \/>Katja Kullman hat eines dieser immer gut laufenden Generationen-B\u00fccher geschrieben: &#8222;Generation Ally&#8220; zeigt die \u00dcberforderung der Um-30-J\u00e4hrigen, die unter ihren eigenen Anspr\u00fcchen schier zusammen brechen. Rundum gefordert, sich \u00fcberall erfolgreich selbst zu vermarkten und durchzusetzen, sind sie verst\u00e4ndlicherweise kaum in der Lage, in der Sexualit\u00e4t Entspannung zu finden, hingebungsvoll zu sein, es einfach locker anzugehen. Und &#8211;  so meint wenigstens Katja Kullmann &#8211; viele lassen es dann lieber ganz! Oder, und das ist nicht weniger irre, sie verfallen dem Romantizismus, sehnen sich nach der Sexualit\u00e4t als Mysterium: wenn schon alles so anstrengend ist, dann soll es wenigstens im Zwischengeschlechtlichen &#8222;einfach schnackeln&#8220;.<\/p>\n<p>Nun ja, ich w\u00fcnsch ihr viel Gl\u00fcck beim schnackeln, aber so einfach ist es nicht. F\u00fcr mich zeigt sich mehr und mehr: Sexualit\u00e4t l\u00e4\u00dft sich nicht abtrennen vom Leben und in ganz bestimmte Container packen: der Beziehungscontainer, der One-Night-Stand, die kommerzielle Variante, die &#8222;Szenen&#8220; &#8211; mit Grausen spricht Kullmann von den Swingerclubs als dem Gipfel der Spie\u00dfigkeit (&#8222;einen pinkfarbenen Stringtanga anziehen und in die Kneipe Swingerparadies 308 gehen&#8220;) und hat vermutlich ganz recht. Der Pornomarkt, der uns auch online als SPaM st\u00e4ndig mit seinen klebrig-langweiligen Inhalten \u00fcbersp\u00fclt, ist eigentlich auch eher anla\u00df, die Lust auf Sex verblassen zu lassen &#8211; ich frag mich manchmal schon, wie es kommt, dass die Kundschaft mit so wenig zufrieden ist, mit derart &#8222;entsch\u00e4rfter Sch\u00e4rfe&#8220;! Hab&#8216; mir selber alles angesehen und mu\u00df sagen: ohne einen echten Menschen gegen\u00fcber ist das doch schnell \u00f6d! allenfalls  erotische Geschichten les&#8216; ich ganz gern, aber die wirklich lesbaren sind tats\u00e4chlich d\u00fcnn ges\u00e4t: man mu\u00df n\u00e4mlich auch bei Texten \u00fcber &#8222;das eine&#8220; vor allem eines k\u00f6nnen: schreiben!<\/p>\n<p>Ich schweife ab, aber das Thema ist ja auch eher weitl\u00e4ufig und l\u00e4dt auf Nebenschaupl\u00e4tze ein. Kurzum: ich sehe es heute eigentlich so, wie man es in den 70gern verk\u00fcndet, aber nicht wirklich ernst gemeint hat: Sex ist wie essen &amp; trinken, wie atmen und bewegen, &#8211; ja, aus entspanntem atmen entsteht ganz von selber eine Welle sexueller Empfindungen, g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngig von Personen, von sozialen Benefits oder sonstigen Verwertungs- und Verbannungsschubladen, in die wir Sex so gerne stecken.<\/p>\n<p>In den Siebzigern hat es ziemlich radikale Gruppen gegeben, die versucht haben, der Erkennntnis &#8222;Sex ist etwas ganz normales&#8220; eine soziale Gestalt zu geben: insbesondere Otto M\u00fchls aa0 ist mir in denkw\u00fcrdiger Erinnerung: eine Kommune mit t\u00e4glichem Selbstdarstellungsritual und mit einem &#8222;Fickplan&#8220;. Da man wu\u00dfte: &#8222;Jeder gesunde Mann kann mit jeder gesunden Frau und umgekehrt&#8220;, hatten sie einfach einen Terminplan, der festlegte, wer mit wem und wann. Dabei war jedes abgleiten ins Romantische und jedes Sich- Verlieben total verp\u00f6nt: den Kleinfamilienvirus wollte man als Urgrund allen \u00fcbels ja gerade austreiben!<\/p>\n<p>Klar, dass das kein Modell f\u00fcr die Zukunft war, wie immer, wenn man aus neuen an- und Einsichten knallharte Rezepte schmiedet, ja Pflichten schafft. Im Grunde war es absurd: man wollte sich BEFREIEN und schuf doch nur neue, geradezu totalit\u00e4re Formen der Selbstvergewaltigung. Die sexuelle Bed\u00fcrftigkeit wurde durch den Bumsstress abgel\u00f6st, man k\u00f6nnte lachen, wenn es nicht so traurig w\u00e4re!<\/p>\n<p>Nun ja, die aa0 gibt&#8217;s lange nicht mehr, aber was sie sagten, stimmt immer noch: Sexualit\u00e4t ist \u00fcberall und jederzeit existent, schwingt immer mit, mal mehr, mal weniger. Und bis heute ist es unser aller Vers\u00e4umnis und Versagen, daf\u00fcr noch immer keine Kultur entwickelt zu haben, die  Sex aus den vielf\u00e4ltigen Schmuddelecken und Schubladen heraus holt. Ein Miteinander, das den Pornomarkt auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte verabschiedet, weil Frauen und M\u00e4nner sich selber genug sind &#8211; ach, was hei\u00dft &#8222;genug&#8220;, ich meine mehr, viel mehr.<br \/>&nbsp;<br \/>\nGenug f\u00fcr jetzt, die arbeit ruft mich immer lauter, ich mu\u00df mich dem Reich der Notwendigkeit zuwenden. Sowieso ist das Reich der Freiheit eher keine kollektive angelegenheit, keine Sache, die man an &#8222;die Gesellschaft&#8220; delegieren kann. Zun\u00e4chst und zumeist geht es darum, das Kind sein zu lassen, dass ich immer auch bin und nicht immer alles kontrollieren zu wollen. Wir haben uns selbst und die Welt, die anderen und das Dasein als Ganzes nicht im Griff &#8211; wenn wir das endlich einsehen und danach leben k\u00f6nnten, w\u00e4re es so viel leichter, einander zu ber\u00fchren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So langsam wird es besser mit dem &#8222;Maus-Arm&#8220; &#8211; dabei hab&#8216; ich nur ein wenig die Stellung des Monitors ver\u00e4ndert und sitze auch nicht weniger vor dem Bildschirm als bisher. 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