{"id":1573,"date":"2002-10-20T13:52:17","date_gmt":"2002-10-20T11:52:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1573"},"modified":"2014-10-12T14:05:39","modified_gmt":"2014-10-12T12:05:39","slug":"herzgeist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/10\/20\/herzgeist\/","title":{"rendered":"Herzgeist"},"content":{"rendered":"<p>Zum letzten Eintrag <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/10\/15\/ueber-sex-und-selbst\/\">\u201e\u00dcber Sex und Selbst\u201c<\/a> schreibt mir ein Leser: <\/p>\n<p>&#8222;Kindsein &#8211; und entspannte Sexualit\u00e4t &#8211;  hei\u00dft immer auch verantwortungslose Spontaneit\u00e4t, hei\u00dft Unbest\u00e4ndigkeit und Bestechlichkeit&#8220;.  <\/p>\n<p>Er gibt damit einer verbreiteten Furcht Ausdruck, die oft auch so formuliert wird: Wenn jeder machen w\u00fcrde, was er\/sie will, w\u00fcrde doch das Chaos ausbrechen!<\/p>\n<p>Ist das so? Beschreiben diese Bef\u00fcrchtungen eine (allen gemeinsame) Realit\u00e4t? Oder sagen sie allein etwas \u00fcber denjenigen aus, der sie vorbringt? Das innere &#8222;Kind&#8220;, das hier gemeint ist, stand in meinem Artikel f\u00fcr das Gef\u00fchlswesen, das wir sind, f\u00fcr unsere Verletzlichkeit, Bed\u00fcrftigkeit und Schwachheit, die wir im \u00e4u\u00dferen Leben so gerne hinter Masken verbergen &#8211; Masken, die sich bei manchen zu so festen Gef\u00e4ngnismauern verdichten, dass sie \u00fcberhaupt nichts mehr  sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Die Verteidigungsanlagen, die wir gegen Angriffe von &#8222;au\u00dfen&#8220; errichten, machen uns fortlaufend einsamer, denn sie trennen uns von den anderen und vom Fluss des Lebens: wenn ich den Schwerpunkt meiner Bem\u00fchungen, meiner Energie und Aufmerksamkeit darauf verlege, v\u00f6llig &#8222;cool&#8220; und unangreifbar zu wirken, dann ist genau DAS die Barriere, die mich von menschlicher Gemeinschaft abspaltet.<\/p>\n<p>Das ist allgemein verbreitet und doch v\u00f6llig absurd: Jede und jeder kann bei sich selber ja leicht feststellen, dass es NICHT die coolen Typen, die unnahbaren Champions und Sieger-Figuren sind, die wir wirklich m\u00f6gen.  Wir bewundern und beneiden sie vielleicht, wollen ihnen nacheifern, sie evtl. besiegen und unterwerfen, wenn wir uns stark genug f\u00fchlen &#8211; aber fassen wir etwa Vertrauen? K\u00f6nnen wir mit ihnen lachen, innerlich locker und fr\u00f6hlich sein?<\/p>\n<p>Die eigenen Gef\u00fchle zulassen &#8211; einschlie\u00dflich Angst, Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung &#8211;  und nicht mehr unter den Vorbehalt zu erreichender Zwecke zu stellen, bedeutet, der reinen Zweckratonalit\u00e4t zu sterben. Ich werde mich nicht mehr &#8222;zusammenreissen&#8220; und endlos selber vergewaltigen zugunsten einer Bef\u00f6rderung, wegen eines tollen Auftrags, oder um beim anderen Geschlecht besser anzukommen. Und das nicht etwa aus einer irgendwoher \u00fcbernommenen Moral heraus, nicht wegen der weisen Worte eines Gurus, sondern weil ich im Lauf des Lebens feststellen konnte, dass NICHTS, aber auch gar nichts, was ich auf diese Weise erreichen und erringen kann, den Einsatz wert ist! <\/p>\n<p>Freude empfinden, Liebe f\u00fchlen, Verbundenheit sp\u00fcren &#8211; das sind &#8222;Verm\u00f6gen&#8220;, die nicht durch ein Jagen, Raffen, Zupacken und Halten errungen werden, sondern durch ein los- und zulassen dessen, was ist. Wobei ich mit &#8222;dem, was ist&#8220; nicht nur &#8222;die Welt da drau\u00dfen&#8220; meine, sondern ALLES, was ich sp\u00fcre und wahrnehme: Die Traurigkeit genauso wie den Regen, die Wut genauso wie den B\u00e4ume-f\u00e4llenden Orkan, die Schmerzen im Kopf, die L\u00f6cher in der Stra\u00dfendecke, das Verlangen, ber\u00fchrt zu werden, den Milbenfra\u00df auf den wei\u00df bl\u00fchenden Kastanien, Verspannungen in den Schultern, ausgetrocknete Bl\u00e4tter auf durstigen B\u00e4umen &#8211; angst, Melancholie, abendrot, Sonnenschein.<\/p>\n<p>Was mich trennt und wirklich einsam f\u00fchlen l\u00e4sst, ist der &#8222;Erfolg&#8220; des rechnenden Denkens. Wir sind von klein auf konditioniert, den Verstand einzusetzen, um uns vor dem Leben und seinen Ver\u00e4nderungen zu sch\u00fctzen, geradezu zu verbarrikadieren. Wir suchen Gl\u00fcck und Ekstase, weigern uns aber, den Schmerz zu sp\u00fcren &#8211; doch es gibt immer nur die ganze Packung.<\/p>\n<p><strong>Es gibt und gibt und gibt<\/strong>, aber wir wollen nichts annehmen. Wir pr\u00fcfen und sortieren aus, schalten allerlei Siebe dazwischen, bis fast nichts mehr durch die Filter kommt. Nach Sicherheit und Berechenbarkeit verlangend, bauen wir vermeintlich sichere T\u00fcrme, hohe Z\u00e4une, feste Mauern, entwickeln f\u00fcr alles und jedes Vorschriften und DIN-Normen &#8211; bis wir die Welt zur Benutzeroberfl\u00e4che, zur Negativ-Form des eigenen Zugriffs geformt haben, bar jeglichen Inhalts. Und dann erschrecken wir und verzweifeln an der Leere, am selbst gemachten Nichts. <\/p>\n<p>Wieder durchl\u00e4ssig werden, das Zusammenspiel von K\u00f6rper, Gef\u00fchl und Geist wahrnehmen, indem wir es einfach geschehen lassen. Den Atem nicht anhalten, sich dem hingeben, was ist &#8211; das bedeutet keinesfalls  verantwortungslose &#8222;Spontanit\u00e4t&#8220;, wie manche es missverstehen. Krasser Egoismus ist geradezu das Gegenteil einer solchen Haltung bzw. Gelassenheit. Wenn ich n\u00e4mlich nichts tue, um mich gegen schmerzhafte Gef\u00fchle abzuschotten, dann ist da keine Trennung zwischen &#8222;meinem&#8220; Leid und dem Leiden des anderen. Gef\u00fchle sind wie Wogen von Energie, sie fluten durch uns hindurch ohne sich an K\u00f6rpergrenzen aufzuhalten, wenn wir es zulassen: die angst des Kollegen vor der K\u00fcndigung l\u00e4sst mich nicht unber\u00fchrt, wenn er mir am Schreibtisch gegen\u00fcber sitzt. Die Entt\u00e4uschung und Einsamkeit der alten Frau, wenn ich zum versprochenen Besuch nicht erscheine, ist meine eigene Einsamkeit. Die Mutter, die auf der Stra\u00dfe ihr Kind schl\u00e4gt &#8211; macht das nicht jeden w\u00fctend, der zusehen muss? Wobei WUT schon ein sekund\u00e4res Gef\u00fchl ist, eines, das ins Bewusstsein tritt, weil der urspr\u00fcnglich mitgef\u00fchlte Schmerz abgeblockt wurde. <\/p>\n<p>So geht eins ins andere \u00fcber, nichts ist getrennt, nichts ist unabh\u00e4ngig. Allein unser (be-) rechnendes Denken substantiviert, errichtet eine Welt aus Gegenst\u00e4nden, die uns entgegen stehen, die wir dann lernen, als Bestand zu betrachten, als auszubeutende Ressource, als Mittel zum Zweck. <\/p>\n<p>&#8222;Der Weg (das DaO) ist einfach, nur ohne Wahl&#8220;, hei\u00dft es in der &#8222;Mei\u00dfelschrift vom Glauben an  den Geist&#8220;, einer meiner Lieblings-ZEN-Texte. Wenn ich mich an der T\u00fcr sto\u00dfe oder mir jemand einen Schlag versetzt, entsteht ein blauer Fleck, der sich dann gelb und gr\u00fcn f\u00e4rbt, bevor er wieder verschwindet. Das bedeutet &#8222;ohne Wahl&#8220;: mein arm, meine Muskeln, Zellen und Blutgef\u00e4\u00dfe haben nicht die Wahl, diesem Verlauf etwas entgegen zu setzen. Wir aber glauben, wir k\u00f6nnten uns selbst und die Welt vollst\u00e4ndig in den Griff bekommen, k\u00f6nnten das Leiden abschaffen und die Freuden behalten. Ein Irrtum, der uns in ein gestresstes freudloses Dasein st\u00fcrzt &#8211; man schaue sich nur um, wie miesepetrig die meisten Leute vor sich hingucken! <\/p>\n<p>Wenn du mir weh tust, weine ich. Wenn du nicht da bist, sehne ich mich nach dir. Wenn du lachst, lache ich mit und wenn du f\u00fcr immer gehst, werde ich lange trauern. So folge ich dem Herzgeist &#8211; nicht immer, aber immer \u00f6fter. ;-) <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum letzten Eintrag \u201e\u00dcber Sex und Selbst\u201c schreibt mir ein Leser: &#8222;Kindsein &#8211; und entspannte Sexualit\u00e4t &#8211; hei\u00dft immer auch verantwortungslose Spontaneit\u00e4t, hei\u00dft Unbest\u00e4ndigkeit und Bestechlichkeit&#8220;. 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