{"id":1571,"date":"2002-11-07T13:36:39","date_gmt":"2002-11-07T11:36:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1571"},"modified":"2014-10-12T13:37:08","modified_gmt":"2014-10-12T11:37:08","slug":"vom-kleben-am-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/11\/07\/vom-kleben-am-problem\/","title":{"rendered":"Vom Kleben am Problem"},"content":{"rendered":"<p>Da sagt Einer dem Anderen, wie es funktionieren kann. Was richtig und was wichtig ist, wie die wahre Wirklichkeit aussieht und wie man sich selbst, das Sein, das wahre Wesen findet. Dass das Suchen nichts bringt. Dass man im Grunde immer schon dort ist, dass es also keinen Weg gibt. Dass alle, die von Wegen sprechen, l\u00fcgen und klammheimlich eigene Interessen verfolgen. Dass immer schon kein Mensch dem andern helfen kann, weil doch &#8211; eigentlich &#8211; gar kein Problem existiert. Weil das &#8222;Ich&#8220; eine Illusion ist, dass da glaubt, ein Problem zu haben. Dass der Verstand das Problem selber erzeugt, um eine Haut zu retten, die keinen Besitzer hat. Dass das absurd ist, total verr\u00fcckt, und dass alle, die einen Weg aus der Verr\u00fccktheit weisen, irgendwie l\u00fcgen und eigene Interessen verfolgen.<\/p>\n<p>Wenn ich jetzt mehr dazu sage, bin ich auch wieder &#8222;dort&#8220;. Reihe mich ein unter die Ratgeber und Probleml\u00f6ser oder unter diejenigen, die die Ratgeber und Probleml\u00f6ser kritisieren: weil es kein Problem gibt, und kein Rat m\u00f6glich ist. Weil ja alles, was einer sagen kann, nur von denen verstanden wird, die es schon wissen. <\/p>\n<p>Nun springt der logische Verstand an, mischt sich sogleich ein in das, was eher als ein St\u00fcck Literatur, als wortreiche Illustration eines Gef\u00fchls und nicht etwa als Analyse oder Kritik gemeint war. Und Seine Majest\u00e4t merkt an: <\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Selbst wenn alles Ratschlagen obsolet ist, weil immer nur derjenige versteht, der es schon begriffen hat, so liegt doch hier eine Ebenenverwechslung vor. Im Relativen haben Aktionen ihren beschr\u00e4nkten Sinn &#8211; auch Analyse, Suche, Weg und Rat. Dass wir in der Lage sind, denkend absolute Blickwinkel einzunehmen, sollte nicht dazu f\u00fchren, die Welt des Relativen als nichtig abzutun &#8211; schlie\u00dflich leben wir darinnen, Tag f\u00fcr Tag, es gibt kein Anderland, auch wenn man sich vorkommen mag wie vom andern Stern.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Sch\u00f6ner Einwand, doch wie entsetzlich langweilig! Diese Abstrahierungen! Um sie allgemein verst\u00e4ndlich zu machen, k\u00f6nnte man sich unter t\u00e4tiger Hilfe anderer auf hunderten von Webseiten und Diskussionsforen damit besch\u00e4ftigen, &#8222;Erkenntnisse&#8220; auf Erlebnisse und Ereignisse anzuwenden, bzw. diese aus ihnen heraus zu lesen. Im konkreten Einzelnen w\u00fcrde man die Thesen untermauern, beweisen, rechtfertigen, als Wahrheit verteidigen oder als falsche Vorstellung entlarven. Jede Menge schreiben, diskutieren, argumentieren, sich dabei Freunde und Feinde machen, vielleicht ein Gefolge um sich scharen, dem man &#8211; \u00d6konomie ist immerhin Leben! &#8211; mit Gl\u00fcck demn\u00e4chst etwas verkaufen k\u00f6nnte (zu Weihnachten wollte ich endlich mal eine &#8222;Digital-Diary-CD&#8220; produzieren, f\u00e4llt mir da wieder ein&#8230;).<\/p>\n<h2>Kein Draht zum Dasein<\/h2>\n<p>Warum macht man das alles? Warum verbringen unz\u00e4hlige Menschen freiwillig gro\u00dfe Teile ihrer freien Zeit damit, \u00dcBER DAS LEBEN nachzudenken und diesem Nachdenken Gestalt zu geben, es zu verbreiten und sich mit anderen dar\u00fcber auseinander zu setzen, anstatt einfach zu leben? (Mr.Logos mischt sich quengelnd ein: <em>&#8222;Denken ist aber doch TEIL des Lebens&#8230;&#8220;<\/em> Shut Up!)<br \/>\nNicht aus Sorge um sich selbst oder um die Welt. Nicht einmal aus einem konkreten Leiden heraus (obwohl praktisch jeder von sich glaubt, er w\u00e4re dabei, Missst\u00e4nde zu bedenken, zu besprechen und damit an ihrer Beseitigung zu arbeiten). Sondern weil gar nichts anderes m\u00f6glich scheint als das &#8222;Leben im Modus des Denkens&#8220;, das Leben in Distanz zum Dasein. \u00fcblicherweise KENNEN wir nichts anderes und K\u00d6NNEN es also auch nicht. Das ist das kleine schmutzige Geheimnis der &#8222;dr\u00fcber stehenden und schreibenden Klasse&#8220;, heute die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit. Eine art Impotenz.<br \/>\nIch kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vor ein paar Jahren zu einem Freund, der viele Dinge gern allein macht, sagte: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es gibt mir nichts, einen sch\u00f6nen Sonnenuntergang alleine zu erleben. auch ein sch\u00f6nes Bild in einem Museum, ein Spaziergang durch den Wald: wenn ich dabei alleine bin, sehe ich zwar, dass es sch\u00f6n ist, aber es ist ein schmerzliches Gef\u00fchl damit verbunden, weil ich es mit niemandem teilen kann&#8220;. <\/p><\/blockquote>\n<p>Auf dieses hier offen aber ohne Gewahrsein ausgesprochene Unverm\u00f6gen, etwas Sch\u00f6nes zu genie\u00dfen, war ich sogar noch stolz! Dass ich den Anderen brauchte, um \u00fcber den Umweg SEINER Freude und SEINER Lust wenigstens mittelbar etwas vom Leben mitzubekommen, sah ich nicht, sondern hielt mich f\u00fcr einen besseren, weil gemeinschafts-orientierten Menschen. Was f\u00fcr eine Ignoranz! Das &#8222;schmerzliche Gef\u00fchl&#8220; war die Empfindung eines Mangels &#8211; als w\u00fcrde man Schokolade in den Mund stecken und \u00fcberhaupt nichts schmecken.<\/p>\n<p>Wer meint, ich \u00fcbertreibe, m\u00f6ge doch mal sein eigenes Leben betrachten: WO ist der Platz und die Zeit f\u00fcr reine Lebensfreude, f\u00fcr das Erleben und Genie\u00dfen, f\u00fcr das F\u00fchlen, das Staunen, das spielerische Experimentieren ohne in die Zukunft weisende Zwecke? (Wenn dir jetzt ganz viel einf\u00e4llt, wunder ich mich, dass du diesen Artikel bis hierhin mitgelesen hast!).<br \/>\nKlar, praktisch jeder kennt die drastischen Gen\u00fcsse und vielversprechenden Gl\u00fccksbringer: Essen &#038; Trinken, Sex, mancherlei Drogen, die aus der Welt des Denkens kurz heraus f\u00fchren. Doch all das ist entweder sozial problematisch oder hat seinen Preis. Der Kampf gegen das \u00dcbergewicht ist allgegenw\u00e4rtig, von einer freien, liebevollen und unbelasteten Sexualit\u00e4t kann keine Rede sein (dieser Artikel wird wegen der blo\u00dfen Erw\u00e4hnung des Wortes &#8222;Sex&#8220; jetzt mancherorts schon ausgefiltert!). Legale und illegale Drogen bringen nur kurze Zeit Freude und Abenteuer, schon bald machen sie krank, irre oder s\u00fcchtig.<\/p>\n<p>Da wendet sich der Geistesmensch mit Grausen und wird Analytiker, wird Gr\u00fcbler, Denker und Kritiker. Steht k\u00fcnftig dar\u00fcber und daneben, beurteilt, beschreibt und diskutiert, zeigt gar als Philosophin oder Lehrer Wege auf, auf denen die anderen fortschreiten m\u00f6gen, nur selber bleibt man allzu gerne sitzen. Und wenn das dann nicht f\u00fcr alle Tage reicht, gibt&#8217;s ja noch das Reisen: Sich r\u00e4umlich ver\u00e4ndern, so oft wie m\u00f6glich in Bewegung von hier nach dort versetzen und mit immer neuen EINDR\u00dcCKEN versorgen. Das l\u00e4sst vergessen, dass diese Eindr\u00fccke eben nur kurz, nur im Modus der Neuheit funktionieren &#8211; ansonsten ist es wieder nichts mit dem Genie\u00dfen, selbst der Berg Kailasch wird langweilig, wenn man wieder und wieder um ihn herum laufen m\u00fcsste. <\/p>\n<p>Eindr\u00fccke, die nachhaltig wirken sollen, brauchen ein passendes Medium, in das sie sich einschreiben k\u00f6nnen: ein offenes, weiches, empfindliches Medium, dessen Oberfl\u00e4che RUHIG und aufnahmebereit ist. Unstetig-nerv\u00f6se Aufmerksamkeit, die st\u00e4ndig von diesem zu jenem zappt, ist kontraproduktiv. Es braucht Stille, braucht Leere, damit Form quer durch alle Wirklichkeitsbereiche zur Entfaltung kommen kann.<\/p>\n<p>Doch kaum etwas in unsrer Welt unterst\u00fctzt uns darin, leer zu werden. Wir sollen (wollen?) ja auch nicht genie\u00dfen, sondern arbeiten &#8211; oder zumindest engagiert nach Arbeit suchen. arbeiten, um Geld zu verdienen und\/oder um beim andern etwas zu gelten. Wir wollen immer etwas WERDEN, anstatt einfach so miteinander Spa\u00df zu haben, wie wir gerade sind.<br \/>\nF\u00fcr jetzt lasse ich es mal dabei bewenden, ich halte das Sitzen einfach nicht mehr aus. Drau\u00dfen ist ein wunderbar blauer Himmel, die Sonne scheint, ich werde zum billigen Inder gehen und etwas zu Mittag essen. auf einen runden Schluss, einen Clou oder gar einen ordentlichen &#8222;Weg&#8220; muss die Welt heut verzichten (und wird wenig von mir und meiner Schreibe halten&#8230;) &#8211; daf\u00fcr genie\u00dfe ich jetzt den Tag! :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da sagt Einer dem Anderen, wie es funktionieren kann. Was richtig und was wichtig ist, wie die wahre Wirklichkeit aussieht und wie man sich selbst, das Sein, das wahre Wesen findet. Dass das Suchen nichts bringt. Dass man im Grunde immer schon dort ist, dass es also keinen Weg gibt. 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