{"id":1570,"date":"2002-11-17T13:21:06","date_gmt":"2002-11-17T11:21:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1570"},"modified":"2014-10-12T13:27:21","modified_gmt":"2014-10-12T11:27:21","slug":"vom-wohnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/11\/17\/vom-wohnen\/","title":{"rendered":"Vom Wohnen"},"content":{"rendered":"<h2>Vom Wohnen<\/h2>\n<p>Es ist Sonntag. Der Tag, f\u00fcr den ich mir extra angew\u00f6hnt habe, nichts &#8222;Richtiges&#8220; zu arbeiten, ganz gewiss keine Arbeit f\u00fcr Geld. Seither gibt&#8217;s f\u00fcr mich (endlich!) ein stinknormales Wochenende, sp\u00e4t, aber doch noch. Und kaum ist das Normalit\u00e4t geworden, gehts schon nicht mehr anders: selbst wenn ich &#8211; wie jetzt &#8211; pl\u00f6tzlich arbeiten WILL. Den ganzen Tag schon sag ich zu mir: jetzt klotz erstmal zwei-, drei Stunden ran, mach diesen Entwurf zur Website, wie versprochen &#8211; und DANACH kannst du ja dann Diary schreiben, in die Sauna oder ins Fitness-Center gehen, einen Spaziergang machen, lesen oder einfach abliegen und den atem sp\u00fcren.  Es ist genug Zeit daf\u00fcr  &#8211; danach! aus alledem ist aber nichts geworden: Weil ich es nicht \u00fcber mich bekomme, heute am Sonntag ernsthaft zu arbeiten, und seien es nur zwei Stunden, wie ich es mir ausnahmsweise verordnet  hatte. (Derzeit schaffe ich nicht alles in der Woche). So kann es gehen mit der Selbsterziehung: Man hat Erfolg, und dann ist&#8217;s auch wieder nicht recht.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Das Wohnung-Suchen hat noch nicht sehr ernsthaft angefangen. Bis Ende Januar will ich umgezogen sein, da ist es  noch lange hin! Wenn ich in den Wohnungsanzeigen w\u00fchle, merke ich, dass ich innerlich noch nicht so weit bin. Da ist einfach keine Vorstellung, WIE ich wohnen will. Nach zehn Jahren wieder alleine zu leben, erscheint mir als die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Ver\u00e4nderung &#8211; dar\u00fcber hinaus auch noch kreativ an die Wohnungsfrage selbst heran zu gehen, \u00fcberfordert mich.<\/p>\n<p>Doch empfinde ich eine starke Ver\u00e4nderung in Sachen &#8222;wohnen&#8220; gegen\u00fcber fr\u00fcher. auf einmal ist mir n\u00e4mlich wichtig, WIE ich wohne. Mit f\u00fcnfundzwanzig und f\u00fcnfunddrei\u00dfig war allein die Mieth\u00f6he und die Lage wichtig, der richtige Stadtteil mit &#8222;Anschl\u00fcssen&#8220; an die richtigen Kiez-\u00d6ffentlichkeiten. (In Berlin hatte ich Anfang der 80ger &#8222;das Dorf&#8220; entdeckt.) Und dann noch ein paar selbstverst\u00e4ndliche Basiseigenschaften: genug Licht, genug Platz &#8211; ansonsten war ich kompromissbereit, Hauptsache, die Lage und der Preis stimmten. Im Grunde konnte man mein &#8222;mieten&#8220; auch kaum &#8222;wohnen&#8220; nennen, denn ich war damals eher selten zuhause, eigentlich st\u00e4ndig unterwegs. Oder mit dem jeweiligen Liebsten zusammen, jedenfalls nie allein.<\/p>\n<p>Heute bin ich \u00fcber&#8217;s Netz an meine \u00d6ffentlichkeiten &#8222;angeschlossen&#8220;, der Stadtraum spielt eher eine \u00e4sthetische, denn eine kommunikative Rolle: ich m\u00f6chte kurze G\u00e4nge machen k\u00f6nnen, ohne depressiv zu werden, ohne immer nur miesepetrige Menschen auf den Stra\u00dfen zu begegnen. Und ich liebe es locker, leger und informell. Die bedeutungsgeile Gestelztheit, die vom kontinuierlichen Besser-Verdienen kommt, ist mir ein Graus. andrerseits finde ich dieses Friedrichshainer &#8222;Szene-Viertel&#8220; um Simon-Dach-Stra\u00dfe und Boxhagener Platz auch selber einen Zacken ZU schmuddelig: relativ viel M\u00fcll, alles voller Graffiti, viele Kneipen, viele Penner und Besoffene zwischen all den Studenten und Lebensk\u00fcnstlern &#8211; und nur wenige \u00c4ltere, kaum Alte. Naja. So ist&#8217;s halt im &#8222;sozialen Brennpunkt&#8220;, Sanierungsgebiete im Umbruch waren immer so.<\/p>\n<p>Was mich wirklich in der Gegend h\u00e4lt, ist der Blick in die WEITE, den ich seit den zwei Jahren in Mecklenburg nicht mehr missen will. Ich gehe nur f\u00fcnf Minuten bis zu den S-Bahn-Geleisen und hab&#8216; den Blick auf die Skyline von Berlin, toll. Und noch ein wenig weiter die Spree, die Rummelsburger Bucht, die Halbinsel Stralau &#8211; komisch, dass mir &#8222;Gegend&#8220; pl\u00f6tzlich unverzichtbar ist &#8211; noch vor zehn Jahren war ich es zufrieden, wie ein Maulwurf immer nur die W\u00e4nde vor mir zu sehen &#8211; ich hab&#8216; ja eh nicht hingeguckt, sondern war immer &#8222;in Gedanken&#8220;.<\/p>\n<p>Gut, soviel zur Gegend. Das Wohnen hat ja noch viel mehr Aspekte: Es beginnt mit dem K\u00f6rper, geht weiter mit der Kleidung, dann kommen die Zimmer und ihre Einrichtung, die Gegenst\u00e4nde, mit denen ich mich umgebe &#8211; dann das Haus: In welche Himmelsrichtung \u00f6ffnen sich die Fenster oder der Balkon? Das ergibt g\u00e4nzlich unterschiedliche Lebensgef\u00fchle, man kann es gar nicht wichtig genug nehmen: Was soll ein Sp\u00e4taufsteher mit einem Ost-Zimmer? F\u00fcr mich aber w\u00e4r&#8216; es langsam genau das Richtige!<\/p>\n<p>Dann die Stra\u00dfen: wie ist es eigentlich m\u00f6glich, dass so viele Menschen DIREKT an lauten Verkehrsstra\u00dfen wohnen? Wie halten die das aus? Den L\u00e4rm, den Staub, den Gestank &#8211; die ganze Palette sch\u00e4dlicher Einfl\u00fcsse scheint Hunderttausenden nichts aus zu machen. Hier im Gebiet ist es gar nicht einfach, eine relativ ruhige Bleibe zu finden &#8211; komplizierter noch, wenn man nicht in einen Seitenfl\u00fcgel oder ein Hinterhaus will, zumindest dann nicht, wenn man da nur die R\u00fcckseite des Vorderhauses und die M\u00fclltonnen im Hof sieht. ans Fenster treten und einen Blick in &#8222;die au\u00dfenwelt&#8220; werfen &#8211; Himmel noch mal, darauf mag ich nicht mehr verzichten!<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Wenn ich so daher plaudere, merke ich, dass meine W\u00fcnsche bez\u00fcglich des Wohnens doch schon sehr spezifisch sind: ein gro\u00dfer Multifunktionsraum gef\u00e4llt mir weit besser als drei kleine Zimmer, ich mag hohe Decken und liebe die Gem\u00fctlichkeit der typischen Gr\u00fcnderzeit-Altbauten &#8211; aber zum  Selber-drin-wohnen sind sie mir heute modernisiert weit lieber als &#8222;naturbelassen&#8220;. (Sch\u00f6n, das in diesem Leben noch mitzubekommen, nachdem ich eine so wesentliche Zeit als junge Erwachsene im Kampf gegen die &#8222;Luxus-Modernisierung&#8220; zubrachte!  Man sollte immer beide Seiten der Barrikaden kennen lernen&#8230;:-)<\/p>\n<p>Ob das aber ALLES gewesen sein muss? Jahr um Jahr in einem &#8222;top mod. AB, Blk, teils abgez. Dielen, teils Laminat, gro\u00dfes WB u. Wohnk\u00fcche geflie\u00dft&#8220; bis an mein Lebensende ??? Oder mal was ganz anderes? Das ganz gem\u00fctlich, ohne Zwang und Termindruck zu erforschen, versteh ich unter &#8222;kreatives Herangehen an die Wohnfrage&#8220; &#8211; und daf\u00fcr brauch ich Zeit. Zeit, um herum zu wandern und Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze, Stadtteile anzusehen, Zeit, um Menschen zu besuchen, die in den unterschiedlichsten Situationen leben: im 21. Stock eines Plattenbaus mit Weitblick \u00fcber Berlin, in einem Wohnwagen als Teil einer halblegalen Wagenburg, in einer 50ger-Jahre-Siedlung mit gro\u00dfem gr\u00fcnen Innenhof, in einem Dachgeschoss, einem Loft, einer Datscha in der Gartenkolonie, einem umgenutzten Bahnw\u00e4rterh\u00e4uschen, in einer Ladenwohnung im Erdgeschoss &#8211; gewiss ist das nicht alles, was m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Heute finde ich so eine Suche interessanter als die &#8222;Suche nach dem Sinn des Lebens&#8220;, die viele auf diese Seiten f\u00fchrt. Das Wohnen in all seinen Aspekten bildet ja die Schalen bzw. Schichten unseres Da-Seins, unseres Mit-Seins und In-Der-Welt-Seins &#8211; wie spannend, es auch als ein Teil des Selbst-Seins ganz bewusst zu erfahren! Solange ich allerdings jeden Schritt, jede Handlung, jede Regung und \u00dcberlegung nur in Bezug auf die Welt &#8222;hinter dem Monitor&#8220; erlebe, ist Wohnen tats\u00e4chlich kein Thema.<\/p>\n<p>Oder doch? Die Webdesignerin in mir erhebt Widerspruch gegen die Philosophierende &#8211; na, das wird ein Thema f\u00fcr ein andermal.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Wohnen Es ist Sonntag. Der Tag, f\u00fcr den ich mir extra angew\u00f6hnt habe, nichts &#8222;Richtiges&#8220; zu arbeiten, ganz gewiss keine Arbeit f\u00fcr Geld. Seither gibt&#8217;s f\u00fcr mich (endlich!) ein stinknormales Wochenende, sp\u00e4t, aber doch noch. 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