{"id":1569,"date":"2002-11-29T13:18:22","date_gmt":"2002-11-29T12:18:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1569"},"modified":"2025-12-02T15:45:55","modified_gmt":"2025-12-02T14:45:55","slug":"wohnen-wuenschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/11\/29\/wohnen-wuenschen\/","title":{"rendered":"Wohnen &#038; W\u00fcnschen"},"content":{"rendered":"<p>\u00fcber die Frage nach dem richtigen Wohnen tut sich mir die Welt des W\u00fcnschens wieder auf. Es erscheint mir als ein kleines Wunder und f\u00fchlt sich v\u00f6llig neu an. Ihr k\u00f6nnt ruhig dar\u00fcber lachen, doch ich habe tats\u00e4chlich geglaubt,  ich w\u00e4re da heraus gewachsen, gel\u00e4utert,  ein St\u00fcck weit heilig geworden, weil vermeintlich frei von materiellen MEHR-Bed\u00fcrfnissen. Schlie\u00dflich hegte ich Jahre lang keine konkreten Vorstellungen mehr, WIE und WAS ich im pers\u00f6nlichen Umfeld gerne anders gewollt h\u00e4tte, als es war und noch ist. <\/p>\n<p>Welch ein Irrtum! Ich war einfach erstarrt in einer lange Jahre einge\u00fcbten Haltung, die ein bestimmtes Leben zu zweit erst erm\u00f6glichte: eine Form, die ja in jedem Fall ein Konstrukt aus Kompromissen ist. Wenn man dann noch den Frieden \u00fcber alles setzt und Auseinandersetzungen meidet, muss man sich nicht wundern, dass die Form sich nicht mit der eigenen Ver\u00e4nderung entwickelt, sondern nach und nach zum festen Geh\u00e4use erstarrt, das nicht mehr allzu viel Leben beinhaltet.<\/p>\n<p>Im Zuge des Umziehens entschwindet nun nicht nur DIESE, sondern &#8211; zumindest f\u00fcr den Moment &#8211; JEDE Form eines gewohnheitsgest\u00fctzten Alltagslebens. Ich kann mich nicht mehr wirklich an ein &#8222;vorher&#8220; erinnern, in das ich zur\u00fcckfallen k\u00f6nnte &#8211; und stehe so vor dem Nichts, vor einer Leere.<\/p>\n<p>Diese wirkt allerdings &#8211; wieder nur f\u00fcr den Moment gesprochen &#8211; nicht gef\u00e4hrlich, sondern als die F\u00fclle, zumindest der M\u00f6glichkeit nach. Wobei diese F\u00fclle noch nicht durch bestimmte Wunschbilder ausdefiniert ist, sondern da ist einfach nur offene Weite &#8211; freier Raum, noch ganz ohne Stress, ihn irgendwie f\u00fcllen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ausnahme: \u00fcber die k\u00fcnftige Wohnung nachdenkend, die Basistation zur Erkundung dieser unbekannten F\u00fclle, erlebe ich auf einmal wieder konkrete Vorstellungen und W\u00fcnsche! Es ist, als flie\u00dfe eine neue Energie durch meine Nervenfasern und alles f\u00e4llt an seinen Platz: Die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, das leibhaftige Erleben und sp\u00fcrende Erleiden der jeweiligen Umwelt, das mir &#8211; anders als fr\u00fcher &#8211; heute selbstverst\u00e4ndlich ist,  bekommt auf einmal den Sinn, der ihm f\u00fcr mein Empfinden lange fehlte: ich richte mich danach! Wenn mich Morgensonne froh stimmt, dann ist ein Ostzimmer morgens genau richtig. Wenn ein Blick in die Weite f\u00fcr meine Psyche ein Lebenselexier bedeutet, werde ich mich nicht in einen Stadtteil vergraben, in dem es nur H\u00e4userschluchten gibt &#8211; und seien die H\u00e4user und Menschen dort noch so interessant. <\/p>\n<h2>Sp\u00fcren, f\u00fchlen, leben&#8230;<\/h2>\n<p>Es scheint auf einmal m\u00f6glich, auf eine Weise zu leben, die ich bisher nur als Herangehensweise bei der Gestaltung von Webseiten kannte: wenn eine Proportion nicht stimmt, eine Farbe sich mit der anderen beisst, tut das richtig WEH &#8211; und ich \u00e4ndere es. So entstehen meine Webwelten, von denen viele sagen, sie seien recht ansprechend. Warum nur ist es so unendlich schwer und langwierig, mit der Lebenswelt auf dieselbe Weise zu verfahren???<\/p>\n<p>Was ich hier sagen will, klingt vermutlich f\u00fcr viele ganz banal: Wer richtet sich denn NICHT nach den eigenen W\u00fcnschen? Wer m\u00f6chte NICHT die Dinge so gestalten, dass sie ihm behagen und Zust\u00e4nde vermeiden, die unangenehm wirken?<\/p>\n<p>Ich kann den Unterschied, den ich meine, an mir selbst am besten erl\u00e4utern: nat\u00fcrlich hatte ich von Kindheit an &#8222;W\u00fcnsche&#8220;,  wollte dieses und jenes haben, strebte nach Bewegungsfreiheit, nach Anerkennung, und nach allem, was bei den Menschen, die mir wichtig waren, &#8222;angesagt&#8220; schien. Sp\u00e4ter begann ich, gesellschaftliche Werte in dieses Motivationskorsett einzubauen: was dem (recht abstrakten!) &#8222;Gemeinschaftsgedanken&#8220; n\u00fctzt, ist auch gut und soll verwirklicht werden &#8211; ein Motiv, das bei entsprechender Gem\u00fctslage gern auch ins Gegenteil umkippt: alles, was der Selbstverwirklichung des Individuums n\u00fctzt, ist gut!<\/p>\n<p>So f\u00fcllt sich das Pantheon der obersten Werte: nach Peergroup, Individum und allerlei Gemeinschaften folgen Friede und soziale Gerechtigkeit, Erhaltung der Natur, bis hin zur Gesundheit, die in vorger\u00fccktem Alter ins Zentrum des Interesse r\u00fcckt &#8211; eine Gesundheit, die man sich dann meist von Labors ertesten und vom Arzt best\u00e4tigen lassen muss, weil jeder direkte Zugang dazu verloren gegangen ist.<\/p>\n<p>Damit ist angesprochen, was ich meine: alle diese Wertsetzungen hatten nichts mit mir zu tun, sondern wurden von wem auch immer \u00fcbernommen bzw. aus abstraktem Denken hergeleitet. Dazu dient auch der irrsinnige Input aus Geschriebenen, die vielen Worte der Weisen und die Erkenntnisse der Wissenschaften bis hin zum st\u00e4ndigen Trommelfeuer der Werbung, die uns vor Augen f\u00fchrt, wie wir sein sollen und leider immer noch nicht sind.<\/p>\n<p>Im Normalfall kommt mensch vielleicht gar nie auf die Idee, mal zu bemerken: all das hat ja gewiss seine Wahrheit und seinen Sinn &#8211; aber WAS BITTE hat das mit mir zu tun? Mit dem ganz konkreten Menschen, der ich \u00fcber die Jahre geworden bin?<\/p>\n<p>Und selbst wenn er aufkommt, dieser Gedanke, so ist doch nichts gewonnen, solange er allein bleibt, solang ihm kein Erleben, Leiden, Genie\u00dfen, Verlangen, kein F\u00fcHLEN zur Seite steht. Als reiner Gedanke wird er gleich wieder vom n\u00e4chsten verdr\u00e4ngt, der mit gleichem Recht sagt: Interessiert doch eh niemanden, wichtig ist jetzt der Ausgleich zwischen der ersten und der dritten Welt, die Rettung des Rentensystems, die Verhinderung des IRAK-Kriegs oder auch die Weiterentwicklung der &#8222;Gr\u00fcnen Meme&#8220; in den gelben Bereich hinein. Im \u00fcbrigen zeigt deine K\u00f6rperfettmessung katastrophale Werte an, k\u00fcmmer dich lieber mal darum!<\/p>\n<p>Diese, so normal wirkende Art und Weise des &#8222;Lebens aus dem Denken&#8220;, ger\u00e4t schnell zu einer Hetze, einem ewigen Pendeln zwischen Anstrengung und Scheitern, zwischen Euphorie und Zynismus, und echte Befriedigungen sind selten &#8211; was sollte das auch sein? Kurze Momente des Erfolgs, wenn etwas erreicht wurde, das von solchen Wertsetzungen bzw. Autorit\u00e4ten gefordert ist? Nur Momente, nur Gedanken &#8211; \u00fcblicherweise gedacht in einem K\u00f6rper, dessen Brust- und Zwischenrippenmuskulatur kaum mehr beweglich und zu echter Freude physisch gar nicht mehr f\u00e4hig ist.<\/p>\n<h2>&#8230;atmen! <\/h2>\n<p>Seit einigen Wochen assistiere ich Dienstags meinem Lehrer Hans-Peter Hempel im Kurs &#8222;Yoga f\u00fcr Anf\u00e4nger&#8220; an der Technischen Universit\u00e4t &#8211; es sind immer so zwischen 14 bis 24 Studentinnen und Studenten, junge Leute, bei denen eigentlich noch nicht so viel kaputt sein d\u00fcrfte. Aber wie sie ATMEN, bzw. NICHT ATMEN! Es erschreckt mich &#8211; und doch erinnere ich mich, dass ich mit 36 ganz genauso war und alles ganz normal fand. (Dass es mir k\u00f6rperlich total beschissen ging, hatte ich zu ignorieren gelernt). <\/p>\n<p>Es ist jedoch alles andere als &#8222;normal&#8220;, wenn man als Norm einen beweglichen und durchatmeten leibseelischen Gesamtorganismus setzt. Dieser w\u00fcrde nach einer Anstrengung, wie sie eine Yoga-\u00fcbung darstellt,  in einer Art Resonanz bzw. in einem Nachhall &#8222;automatisch&#8220; ca. dreimal verst\u00e4rkt einatmen. Und zwar deshalb, weil w\u00e4hrend der Anstrengungsphase \u00fcblicherweise eine gewisse Atemnot aufkommt (erst der weit fortgeschrittene Yogi hat gelernt, auch W\u00c4HREND der Anspannung gen\u00fcgend einzuatmen und hat diese Reaktion nicht mehr n\u00f6tig).<\/p>\n<p>Statt dessen: Nichts! Bei bestimmt zwei Dritteln bewegt sich der Brustkorb praktisch gar nicht mehr. Sie sind auch allesamt sehr still: kein St\u00f6hnen, kein h\u00f6rbares Ausatmen &#8211; zu jeder eigentlich &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; psychophysischen Lebens\u00e4u\u00dferung m\u00fcssen sie erst langwierig ermuntert, gefordert, motiviert werden &#8211; und gelgentlich auch BER\u00fcHRT. Sonst w\u00fc\u00dften sie vielleicht gar nicht, WO der Brustkorb ist, bzw. kennen ihn nur als Bild aus dem Spiegel, wenn sie kontrollieren, ob der eigene Body den Bildern aus den Medien \u00e4hnelt  (&#8230;Waschbrettbauch? Bauch\/Beine\/Po? ).<\/p>\n<p>Bin ich abgeschweift? Eigentlich nicht. Der K\u00f6rper ist die Basis allen In-Der-Welt-Seins. Als Instrument der Wahrnehmung von Qualit\u00e4ten kann er nur funktionieren, wenn alle seine Systeme frei funktionieren, in st\u00e4ndiger Interaktion mit der Welt und mit den eigenen Prozessen. Auf dieser Basis steht die Zwischenwelt der Empfindungen und Gef\u00fchle, die einerseits als k\u00f6rperliche Ph\u00e4nomene sp\u00fcrbar, andrerseits von der Welt des Denkens her beeinflussbar sind &#8211; Empfindungen (&#8222;ahhhh, was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Raum!&#8220;) eher weniger, Gef\u00fchle wie Zorn, Trauer, Sympahtie eher mehr.<\/p>\n<p>Einem Menschen, der von Kind an in ein hypertrophiertes Denken hinein erzogen wird und dessen K\u00f6rper- und Gef\u00fchlsebenen entsprechend verk\u00fcmmert sind, dem bleibt nur das &#8222;rechnende Denken&#8220;, das Denken in Quantit\u00e4ten und abstrakten Werten. Wobei f\u00fcr den, der im konkreten Einzelfall eigentlich nichts mehr sp\u00fcrt, abstrakte Werte nichtssagend und beliebig gegeneinander austauschbar sind. Ein diffuses Gef\u00fchl der Verweiflung ist das Ergebnis, gewisse Reste von Impulsen streben immer noch nach dem Guten\/Wahren und Sch\u00f6nen, nach dem Angenehmen und Freudvollen, Nach Liebe, sonne, W\u00e4rme und Z\u00e4rtlichkeit &#8211; aber ein \u00fcbergro\u00dfer Teil des eigenen Wesens schneidet diese Impulse ab und sagt: Das gibt es nicht! Du tr\u00e4umst! Sei vern\u00fcnftig! Und was dergleichen Teufelsspr\u00fcche mehr sind.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6r jetzt auf, denn die Arbeit ruft. Sollte ein lieber Leser jetzt meinen,  mit dem, was ich hier schreibe, werde weder die Welt gerettet noch ein Staat gemacht, dann kann ich nur sagen: Wir haben ja schon eine Welt und einen Staat &#8211; von denen &#8222;gemacht&#8220;, die kaum mehr atmen und fast nichts sp\u00fcren, die also haupts\u00e4chlich abstrahieren und berechnen anstatt mitzuf\u00fchlen, zu sorgen und zu lieben. Zufrieden damit???<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00fcber die Frage nach dem richtigen Wohnen tut sich mir die Welt des W\u00fcnschens wieder auf. Es erscheint mir als ein kleines Wunder und f\u00fchlt sich v\u00f6llig neu an. 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