{"id":1567,"date":"2002-12-04T13:13:45","date_gmt":"2002-12-04T11:13:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1567"},"modified":"2014-10-12T13:15:37","modified_gmt":"2014-10-12T11:15:37","slug":"weihnachtszeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/12\/04\/weihnachtszeit\/","title":{"rendered":"Weihnachtszeit"},"content":{"rendered":"<p>Es schmerzt mich fast k\u00f6rperlich, dass mein Schreiben so begrenzt ist. Ich sage &#8222;mein&#8220; Schreiben, um nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, ich wolle mich hinter einer Allgemeinheit oder hinter einer Art Naturgesetz verstecken. Und doch ist es vielleicht so ein Gesetz: zumindest als Prosa l\u00e4\u00dft sich immer nur Negatives ausdr\u00fccken, mehr noch, man liest auch nur gern, wenn der kalte Hauch des Schreckens, des Leidens, der Endlichkeit oder der Gefahr zumindest andeutungsweise duch die S\u00e4tze weht. Ein bi\u00dfchen Tod und Sterben mu\u00df schon sein, zumindest ein paar &#8222;ordentliche Probleme&#8220;, der Autor m\u00f6ge doch bitte durch die H\u00f6llen gehen und erz\u00e4hlen, wie es war und wie er wieder heraus gekommen ist. Die Landschaften aus Langeweile und \u00d6\u00d6dnis h\u00e4tten wir gern kurzweilig beschrieben und zur Mittagspause serviert, damit wir wissen, wie schlimm es sein kann und wie gut wir es doch haben &#8211; vergleichsweise. <\/p>\n<p>Nahezu zwanghaft gerate ich schreibend  immer wieder in dieses Fahrwassser des Negativen, selbst bei den sachlichsten Gegenst\u00e4nden darf die W\u00fcrze nicht fehlen, die das Ganze interessant und f\u00fcr Andere konsumierbar macht: ein bi\u00dfchen H\u00e4me hier, ein wenig Spott da &#8211; selbst im Geist gro\u00dfz\u00fcgigster Gelassenheit l\u00e4\u00dft sich immer noch sagen, dass das, was Andere zu diesem Gegenstand gedacht, gesagt, geschrieben haben, doch ein ziemlicher Schrott ist! Wenn nicht im eigenen Elend ger\u00fchrt wird (was auch den Leser anr\u00fchrt), mu\u00df halt der Andere dran glauben, dann ist eben ein bi\u00dfchen Krieg angesagt!<\/p>\n<p>Gibt es eine Alternative? Wenn ich mich wehre, wenn ich dem verr\u00fcckten Impuls, dem Sch\u00f6nen durch Ausmalen des H\u00e4\u00dflichen zu dienen, widerstehe, werde ich langweilig oder verstumme gleich ganz. Auch selber lesend bin ich kaum in der Lage, \u00fcber die ersten S\u00e4tze eines &#8222;positiven&#8220; Textes hinaus zu kommen: Gott, wie naiv! Es scheint unvermeidlich zu sein, einem Schreibenden die Sicht aufs Ganze als Pflicht aufzuerlegen &#8211; und wenn er sich dann heraus nimmt, der Welt zu applaudieren, und sei es nur bez\u00fcglich eines kleinen Insekts, das immerhin einige Millionen Jahre erfolgreich hinter sich gebracht hat, dann kann man ihn schon nicht mehr ganz ernst nehmen.<\/p>\n<p>Bis hierhin ist gerade mal an der Oberfl\u00e4che gekratzt. Aber will ich denn \u00fcberhaupt tiefer? Ich w\u00fc\u00dfte nicht, wie ich das tun k\u00f6nnte, ohne in die beschriebenen Fahrwasser zu geraten. Gedichte schreiben, ja, das w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit, oder malen, singen &#8211; alles Abschiede von der mir so vertrauten Form der Kommunikation, in der ich immer noch ausharre, die ich weiter betreibe, selbst wenn ihre Grenzen lange erreicht sind. Ich tue so, als wollte ich mit Anderen reden &#8211; aber in Wahrheit ist das schon lange nicht mehr der Fall. Was g\u00e4be es denn auch zu sagen? Immer klarer steht mir vor Augen, dass es exakt drei S\u00e4tze sind, die wir endlos variieren k\u00f6nnen, mit mehr oder weniger Vergn\u00fcgen:<\/p>\n<p>1. Die Welt ist schlecht, das Leben furchtbar.<br \/>\n2. Die Welt ist wunderbar, das Leben ist sch\u00f6n.<br \/>\n3. Es ist, wie es ist.<\/p>\n<p>\u00dcber alles, was damit gemeint ist, spannt sich nat\u00fcrlich noch ein ganzer Kosmos aus Psychismen, aus \u00fcbergfl\u00fcssigen Problemen erregungss\u00fcchtiger Egos, (klar, ich spreche von mir!) die beim Blick in die aufgehende Sonne nicht zur Sonne werden k\u00f6nnen, sondern sagen m\u00fcssen: guck mal, was f\u00fcr ein toller Sonnenaufgang! F\u00fcr dieses Leiden  an der Gro\u00dfhirnrinde gibt es kein Heilmittel au\u00dfer der Ausbildung der F\u00e4higkeit, sie auf Standby zu schalten und nur im Bedarfsfall zu aktivieren &#8211; genau das \u00fcbe ich aber nicht ein, indem ich dar\u00fcber schreibe.<\/p>\n<p>Immerhin mu\u00df ich mir nicht mehr vormachen, ich w\u00fcrde schreibend etwas &#8222;kl\u00e4ren&#8220;, um hinterher daraus Nutzen zu ziehen. Es gibt da kein Um-Zu mehr, insofern bin ich mir schreibend selber voraus. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass die Buchstaben immer wieder ihren Weg finden.<\/p>\n<p>Jetzt geh ich mal ein paar Schritte um die H\u00e4user. Zur Zeit kann ich nicht lange vor dem PC sitzen, der K\u00f6rper sendet deutliche Signale.  Sowieso warte ich darauf, dass mich die Muse k\u00fc\u00dft: die letzte Website, die in diesem Jahr f\u00fcr eine Kundin zu gestalten ist,  mu\u00df das Licht der Welt erblicken. Und wie immer, kann ich es nicht auf die Stunde genau zwingen, spazierengehen ist dann besser, als auf eine wei\u00dfe Fl\u00e4che schauen.<\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt die Weihnachtszeit, endlich! Fr\u00fcher konnte ich das gar nicht wahrnehmen, so sehr war ich im Sumpf der Konsumkritik gefangen, in diesem nichts \u00fcbrig lassenden &#8222;Das.ist-doch-nur&#8220;, das sich f\u00fcr den Gipfel der Erkenntnis h\u00e4lt, aber mit dem Leben daf\u00fcr bezahlt. Jetzt freu ich mich an den Lichterketten, die in den Zeiten der Krise in Berlin offenbar besonders hell strahlen, hab mir beim \u00d6\u00d6ko-Stand einen &#8222;besonderen&#8220; Adventskranz gekauft (irgendwo muss das &#8222;besonders&#8220; ja hin&#8230;) und jetzt geh ich in den Supermarkt und kauf ein paar Lebkuchen. Manchmal sind sogar die Menschen in der Adventszeit fr\u00f6hlich und freundlich &#8211; da mach&#8216; ich ein bi\u00dfchen mit. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es schmerzt mich fast k\u00f6rperlich, dass mein Schreiben so begrenzt ist. Ich sage &#8222;mein&#8220; Schreiben, um nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, ich wolle mich hinter einer Allgemeinheit oder hinter einer Art Naturgesetz verstecken. 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