{"id":1564,"date":"2002-12-20T13:05:12","date_gmt":"2002-12-20T11:05:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1564"},"modified":"2014-10-12T13:06:13","modified_gmt":"2014-10-12T11:06:13","slug":"weihnachten-iv-durch-die-wueste-zu-den-sternen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/12\/20\/weihnachten-iv-durch-die-wueste-zu-den-sternen\/","title":{"rendered":"Weihnachten IV: Durch die W\u00fcste zu den Sternen"},"content":{"rendered":"<p>Drau\u00dfen dr\u00f6hnt ein Pre\u00dflufthammer. Wieder reissen Arbeiter das Pflaster auf, das gerade mal ein paar Wochen seit der letzten Baustelle hinter sich gebracht hat.  Zwar nehme ich den L\u00e4rm wahr, wenn ich einen Eindruck meiner Umwelt aufschreiben will, doch im Grunde ber\u00fchrt er mich nicht. Seit der <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/erde\/index.htm\"><strong>R\u00fcckkehr aus Mecklenburg<\/strong><\/a> im Mai 2001, dem Land der gro\u00dfen Stille und Weite, ist diese Ver\u00e4nderung erstaunlich stabil: L\u00e4rm geht einfach durch mich hindurch, da ist nichts mehr, dass sich dagegen str\u00e4ubt und sagt: Was f\u00fcr eine r\u00fccksichtlose Schweinerei! Wie soll ich da blo\u00df arbeiten?<\/p>\n<p>Die eingetretene Ver\u00e4nderung hab&#8216; ich nicht &#8222;gemacht&#8220;, beabsichtigt, gew\u00fcnscht oder gar herbei ge\u00fcbt. Es war auf einmal so, ohne dass ich es auch nur bemerkte. \u00fcblicherweise nimmt das Bewu\u00dftsein die Abwesenheit eines \u00c4rgers ja gerade NICHT wahr. Erst duch die Beschwerden meines Lebensgef\u00e4hrten ist mir dann aufgefallen: wo ist eigentlich MEIN &#8222;Leiden am L\u00e4rm&#8220; hin gekommen? <\/p>\n<p>Und hier ist sie nun, die Wegscheide: Soll ich jetzt etwa danach SUCHEN? Soll ich &#8222;in mich gehen&#8220; bis ich das verlorene Leiden wieder finde? Soll ich in die hinterletzten Winkel  meiner Psyche schauen, ob nicht vielleicht eine blo\u00dfe VERDR\u00c4NGUNG vorliegt oder ob ich mir das nur EINBILDE? Ob also mein Eindruck des Nicht-vom-L\u00e4rm-Betroffen-Seins vielleicht nur Illusion, Selbstbetrug und Heuchelei ist???<\/p>\n<p>Habe ich nicht die Pflicht zu solcher Suche, wenn mir Wahrheit etwas bedeutet? Jahrzehntelang dachte ich so, suchte also st\u00e4ndig nach Unter- und Hintergr\u00fcnden und fand auch immer genug: unter der Oberfl\u00e4che des allt\u00e4glichen So-Seins (meines, deines, unser aller&#8230;)  liegt eine unersch\u00f6pfliche Mine, man kann bis in alle Ewigkeit Gold und Schei\u00dfe finden, alles Gefundene mit Staunen betrachten, es gar ausstellen &#8211; und dann?<\/p>\n<p>Wer solche Erkundungen niemals angestellt hat, ist gut beraten, bei der n\u00e4heren Untersuchung eines Leids nicht nur im \u00c4u\u00dferen nach den Ursachen  zu forschen, keine Frage! Diese Denkweise kann sich allerdings &#8211; auf Dauer gestellt &#8211; verselbst\u00e4ndigen: das beobachtenden Hinterfragen wird zum Selbstzweck und raubt die Kraft und den Willen zum Handeln in der Welt. Sie wird grau und w\u00fcstenhaft, ihre Blumen verdorren, ihre D\u00fcfte verschwinden und verlieren alle Lockungen, ihre ureigenen Sch\u00f6nheiten verkommen zu weniger als Nichts, zur blo\u00dfen Spiegelung eines Ich, das nichts mehr au\u00dfer sich selbst f\u00fcr wahr und betrachtenswert h\u00e4lt: verliebt in sein Elend weint Narziss seine Tr\u00e4nen am Rand des Brunnens der Wirklichkeit, spiegelt sich darin und seufzt: All das bin ICH!<\/p>\n<p>Wer zur Welt und zu sich selbst immer schon eine negative Einstellung pflegt, wird kein Problem damit haben, in dieser Lebenshaltung bis zum Ende aller Tage zu verharren. Schlie\u00dflich ist die Welt voller Schrecken und Ungerechtigkeit,  ist Fressen und Gefressen werden, ist Kampfzone, vor der uns auch der Sozialstaat nicht mehr wirklich retten kann, wie wir derzeit zur Kenntnis nehmen m\u00fcssen. Was st\u00fcnde dem Geistesmenschen besser an als ein Leben im Modus der Klage und Anklage?<\/p>\n<p>Hier m\u00fcssen wir jeder f\u00fcr sich die je eigene Antwort finden und entscheiden, ob wir unser Gl\u00fcck oder unser Elend schmieden wollen &#8211; und damit letztlich auch das &#8222;der Welt&#8220;. Pers\u00f6nlich ziehe ich das Erstere vor, denn ich habe etwas bemerkt, das ich nicht mehr ignorieren kann:  Ich FINDE de Wahrheit nicht nur vor, ich SCHAFFE sie auch! Je leerer ich bin, desto besser sehe ich: schon die geringste Erwartung eines bestimmten innerpsychischen Fakts kann diesen Fakt von der bisher nur gedachten M\u00f6glichkeit in die folgenreiche Wirklichkeit katapultieren. (Ein Ph\u00e4nomen, das nicht nur erkannt werden, sondern &#8211; es liegt auf der Hand! &#8211; auch ANGEWENDET werden kann.)<\/p>\n<p>Wohlgemerkt, ich sage nicht, dass ich die Wirklichkeit NUR schaffe und dass es gar nichts zu finden g\u00e4be! Nach meiner Erfahrung gibt es beides, aber in einem von mir letztlich nicht vollst\u00e4ndig analysierbaren Geflecht &#8211; wer kann schon sagen, wo &#8222;ich&#8220; endet und &#8222;Welt&#8220; anf\u00e4ngt??? Im Grunde ist alles Teil der Oberfl\u00e4che des einen Seins &#8211; um es mal ein bi\u00dfchen mystisch auszuzdr\u00fccken. Wie weit &#8222;meine&#8220; Wirkungen reichen, kann ich nur von Fall zu Fall ausprobieren  &#8211; nicht ein f\u00fcr alle Mal erforschen, in Gesetze fassen und mich dann darauf verlassen.<\/p>\n<p>Genau das werde ich jetzt bewu\u00dfter tun! Nichts macht tats\u00e4chlich mehr Freude, als sich ganz in etwas hinein zu geben, von Augenblick zu Augenblick den Impulsen zu folgen und dann zu sehen, was kommt, was ES GIBT. Lass die F\u00fc\u00dfe entscheiden, wohin  du gehst, sagt ein alter Weisheitsspruch &#8211; in diesem Sinne ist auch der Geist nichts anderes als Fu\u00df: ist er in Erwartung einer Katastrophe, wird sich alles zur Ver-wirklichung der Katastrophe verdichten, ist er in Angst, werden immer neue Monster sich zeigen. Gibt er sich dem Ha\u00df und dem Ressentiment hin, werden &#8222;die Anderen&#8220; immer feindlich wirken und niemals Freunde sein. Erwartet er jedoch das Gl\u00fcck, das Wunderbare, das Abenteuerliche, und ist voller Freude und Zuversicht, dann k\u00f6nnen auch die hellen Seiten zur Wirkung kommen, indem sie von der M\u00f6glichkeit in die Wirklichkeit umschlagen.<\/p>\n<p>Gr\u00fcbeln und Herumrechten, Bedenken tragen und ohne Ende Motive hinterfragen, mit vorgestanzten Wirkungen rechnen und Absicherungen gegen alle denkbaren Unw\u00e4gbarkeiten anstreben &#8211; all das ist der Grauschleier \u00fcber dem Leben, ist die selbst gebaute K\u00e4figlandschaft, in der wir (ich, du und alle, die das allzu gern so machen!) dann jammernd auf nicht allzu hohen Stangen sitzen und die Kr\u00e4tze kriegen. <\/p>\n<p>Anstatt zu sehen, dass die Tore immer offen stehen und zu fliegen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drau\u00dfen dr\u00f6hnt ein Pre\u00dflufthammer. Wieder reissen Arbeiter das Pflaster auf, das gerade mal ein paar Wochen seit der letzten Baustelle hinter sich gebracht hat. 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