{"id":1559,"date":"2014-10-06T13:02:19","date_gmt":"2014-10-06T11:02:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1559"},"modified":"2014-10-06T17:48:33","modified_gmt":"2014-10-06T15:48:33","slug":"globalisierte-barbarei-islamischer-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/10\/06\/globalisierte-barbarei-islamischer-staat\/","title":{"rendered":"Globalisierte Barbarei: Ein Versuch, das Ph\u00e4nomen \u201eIslamischer Staat\u201c zu begreifen &#8211; von Tomasz  Konicz"},"content":{"rendered":"<p><em>[Der folgende Artikel von Tomasz Konicz wurde <a href=\"http:\/\/www.streifzuege.org\/2014\/globalisierte-barbarei\">im STREIFZ\u00dcGE-Magazin erstver\u00f6ffentlicht<\/a>. Da er unter <a href=\"http:\/\/www.streifzuege.org\/8150-2\">&#8222;Copyleft&#8220;<\/a> erscheint, habe ich ihn (trotz &#8222;\u00dcberl\u00e4nge&#8220;) mal hierhin \u00fcbernommen. Die Analyse ist umfangreich und tiefsch\u00fcrfend, auf jeden Fall sehr lesenswert. F\u00fcr die \u00dcbernahme hab ich mich mit einer Spende bedankt] <\/em><\/p>\n<p>Auf ein Neues! Wieder einmal mobilisiert der Pr\u00e4sident der USA eine Koalition der Willigen, um gegen \u201eDas B\u00f6se\u201c (SPON) zu Felde zu ziehen. Diesmal ist es die Terrortruppe \u201eIslamischer Staat\u201c (IS), die in einem dreij\u00e4hrigen Feldzug niedergerungen werden soll, in dessen erster Phase die US-Airforce ihre Luftschl\u00e4ge auch auf Syrien ausweiten wird. Zugleich fordert das Wei\u00dfe Haus vom Kongress die Kleinigkeit von 500 Millionen US-Dollar, um \u201emoderate syrische Rebellen zu trainieren und zu bewaffnen\u201c, wie Reuters berichtete.<!--more--><\/p>\n<p>Dieses Vorgehen weckt Erinnerungen an eine fr\u00fchere Phase des syrischen B\u00fcrgerkrieges, als westliche Geheimdienste in trauter Gemeinsamkeit mit den fundamentalistischen Golfdespotien wie Saudi-Arabien die syrische Opposition unterst\u00fctzten, aus der neben einer Vielzahl anderer islamistischer Milizen auch der Islamische Staat hervorging. Und selbstverst\u00e4ndlich dominieren eben auch innerhalb der syrischen Oppositionsbewegung fundamentalistische Gruppierungen, die sich in Konkurrenz zum Islamischen Staat befinden und diesen bek\u00e4mpfen. <\/p>\n<p>Eine der wichtigsten syrischen Rebellengruppen stellt etwa die fundamentalistische Allianz Islamische Front dar, deren F\u00fchrer Hassan Abboud j\u00fcngst bei einem mutma\u00dflich vom IS durchgef\u00fchrten Attentat get\u00f6tet wurde. Die Islamische Front stellt das gr\u00f6\u00dfte Kontingent innerhalb der syrischen Rebellen dar \u2013 und sie verf\u00fcgt \u00fcber enge Kontakte zur Dschihadistengruppe al-Nusra.<\/p>\n<p>Selbst dieser syrische Al-Kaida Ableger, die Jabhat al-Nusra, bem\u00fcht sich seit einer schweren Niederlage gegen den IS, durch Freilassungen von US-Geiseln sich vom Islamischen Staat zu distanzieren. Konsequenterweise werden diese \u201emoderaten\u201c Rebellen k\u00fcnftig ihre milit\u00e4rische Ausbildung auf dem Territorium der Vorzeigedemokratie Saudi-Arabien absolvieren.<\/p>\n<p>Um es klar auszusprechen: Der Westen ist mal wieder dabei, Islamisten zu bewaffnen, um Islamisten zu bek\u00e4mpfen \u2013 und nebenbei seine geopolitischen Interessen zu verfolgen, die im Falle Syriens auf den Sturz des Assad-Regimes abzielen. Es stellt sich nur noch die Frage, welche Dschihadisten-Truppe, die jetzt noch als Teil der \u201emoderaten Opposition\u201c gilt, in wenigen Jahren abermals au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t und vermittels milit\u00e4rischer Interventionen ausgeschaltet werden muss. Der Westen gleicht in seinem Windm\u00fchlenkampf gegen den islamischen Fundamentalismus dem ber\u00fcchtigten Zauberlehrling, der die Geister, die er zwecks geopolitischer Instrumentalisierung in der vom Staatszerfall ergriffen Region herbeirief, nun nicht mehr loswird.<\/p>\n<h2>IS = eine globalisierte Besatzungsarmee, keine autochthoner, traditionalistischer Aufstand<\/h2>\n<p>Dabei ist es nicht nur die westliche Geopolitik, die den Dschihadisten Auftrieb verschafft. Westliche L\u00e4nder fungieren auch als wichtige Rekrutierungsfelder f\u00fcr den IS. Rund 3000 Dschihadisten aus Westeuropa, den USA, Kanada und Australien sollen amerikanischen Medienberichten zufolge in den Reihen des Islamischen Staates k\u00e4mpfen. Von den rund 31.500 K\u00e4mpfern, die sich diesem Terrorgebilde angeschlossen haben sollen, ist insgesamt rund ein Drittel im Ausland \u2013 zumeist vermittels einer ausgefeilten Anwerbungskampagne \u2013 rekrutiert worden.<\/p>\n<p>Ein in den kurdischen Autonomiegebieten Syriens gefangen genommener Selbstmordattent\u00e4ter des IS berichtete gegen\u00fcber Medienvertretern von einem best\u00e4ndigen Zustrom von Dschihad-Touristen aus aller Welt, die sich den Kampfverb\u00e4nden dieser Terrorarmee anschlie\u00dfen w\u00fcrden:<\/p>\n<p>\u201eDort sind Nationalit\u00e4ten aus aller Welt vertreten. Es sind viele Briten darunter. Sie kommen aus asiatischen L\u00e4ndern, aus Europa und Amerika. Sie kommen von \u00fcberall her.\u201c<\/p>\n<p>Der IS stellt somit gewisserma\u00dfen ein Nebenprodukt der krisenhaften kapitalistischen Globalisierung dar. Hierbei handelt es sich gerade nicht um eine autochthone, traditionalistische und aus den regionalen Sippenverb\u00e4nden und \u201eSt\u00e4mmen\u201c hervorgegangene Aufstandsbewegung, sondern um eine im h\u00f6chsten Ma\u00dfe globalisierte Besatzungsarmee, die sich in den sozio\u00f6konomischen und politischen Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes konstituierte. Deswegen massakriert der Islamische Staat nicht nur \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, sondern auch Sunniten, die sich dieser Fremdherrschaft zu widersetzen wagen. An die 700 Mitglieder eines sunnitischen Sippenverbandes in Ostsyrien wurden von dem IS Mitte August buchst\u00e4blich abgeschlachtet, nachdem deren Stammesf\u00fchrer den Dschihadisten die Gefolgschaft verweigerten.<\/p>\n<h2>Terrorkonzern mit Gesch\u00e4ftsberichten und Milit\u00e4rmaschine<\/h2>\n<p>Worin aber besteht das Wesen dieser \u201eFremdherrschaft\u201c, die eine \u2013 zumindest in ihrer F\u00fchrungsriege \u2013 gr\u00f6\u00dftenteils zugereiste Dschihadistentruppe in dieser Zusammenbruchsregion zu errichten trachtet? Das, was sich im Zweistromland in Gestalt des IS materialisiert, ist eine bitterb\u00f6se Karikatur, ein Negativ der effizientesten Organisationsform, die der Sp\u00e4tkapitalismus hervorgebracht hat: der transnationalen Gro\u00dfkonzerne. Der Islamische Staat stellt eine hocheffiziente \u201eGeldmaschine\u201c (Bloomberg) dar, die durch Einnahmen aus \u00d6lschmuggel und sonstigen Gesch\u00e4ftsfeldern der Organisierten Kriminalit\u00e4t einen permanenten \u201eStrom von Geldzufl\u00fcssen\u201c erzeugen konnte. \u201eDer Islamische Staat ist wahrscheinlich die verm\u00f6gendste Terrorgruppe, die wir jemals kennengelernt haben\u201c, erkl\u00e4rte ein US-Analyst gegen\u00fcber Bloomberg.<\/p>\n<p>Dieser Terrorkonzern, der regelrechte \u201eGesch\u00e4ftsberichte\u201c publiziert, verf\u00fcgt \u00fcber eine hocheffiziente interne Befehlsstruktur und eine sehr effektive Milit\u00e4rmaschine, er unterh\u00e4lt eine professionelle Public-Relations-Abteilung, die sich sehr erfolgreich der Rekrutierung neuer Mitglieder widmet \u2013 und er \u00fcbt sich im \u201eLean Management\u201c der eroberten Gebiete, deren Verwaltung lokalen W\u00fcrdentr\u00e4gern \u00fcberlassen wird, sofern sie dem \u201eKalifat\u201c Treue schw\u00f6ren und Gefolgschaft leisten. Die internationalen Verflechtungen dieser dschihadistischen \u201eGeldmaschine\u201c beschr\u00e4nken sich nicht nur auf deren Mitgliederstruktur, auch die Anschubfinanzierung des IS erfolgte \u00fcber internationale Finanzzuwendungen reicher Sponsoren aus den Golfstaaten.<\/p>\n<p>Der wichtigste Unterschied zwischen dem global agierenden Konzern und dem Islamischen Staat besteht darin, dass f\u00fcr die transnationalen Konzerne die Akkumulation von Kapital den Selbstzweck ihrer gesamten T\u00e4tigkeit bildet. Alle Verw\u00fcstungen und Zerst\u00f6rungen, die der Sp\u00e4tkapitalismus den Menschen und der Umwelt antut, bilden nur Nebenprodukte des blinden und uferlosen Strebens nach Kapitalverwertung, worin der irrationale Kern der kapitalistischen Produktionsweise nun einmal besteht. F\u00fcr den Islamischen Staat stellt die Kapitalakkumulation hingegen nur ein Mittel zu einem anderen irrationalen Zweck dar, der in einem m\u00f6glichst effizienten Vernichtungs- und Zerst\u00f6rungswerk besteht. Nichts anderes stellen die besagten \u201eGesch\u00e4ftsberichte\u201c des IS dar, es sind Auflistungen der erfolgreichen Terroroperationen dieses \u201eUnternehmens\u201c. Die implizite Tendenz zur Selbstzerst\u00f6rung, die dem Kapitalismus innewohnt, tritt beim IS somit offen zutage, sie wird explizit.<\/p>\n<h2>Parallelen zum Vernichtungswerk des deutschen Nationalsozialismus<\/h2>\n<p>Der Islamische Staat nutzt somit die effektivsten Organisationsformen und rationellsten Methoden, die der krisengeplagte Sp\u00e4tkapitalismus hervorbrachte, um ein irres, ein wahnsinniges Ziel zu verfolgen: die buchst\u00e4bliche Ausl\u00f6schung aller Ungl\u00e4ubigen. Sp\u00e4testens hier wird eine Parallele zu dem bisher gr\u00f6\u00dften Zivilisationsbruch der Weltgesichte, dem Vernichtungswerk des deutschen Nationalsozialismus, offensichtlich. Auch die Nazis bedienten sich der damals modernsten Organisationsformen und Methoden, um mit Auschwitz eine fordistische Todesfabrik zu erschaffen, deren flie\u00dfbandartig hergestelltes \u201eProdukt\u201c in dem aus den Krematorien aufsteigenden Rauch verbrannter Menschenleiber bestand. So wie die Nazis im rassistischen Wahn eine effiziente negative Fabrik der Menschenvernichtung errichteten, um die Welt von Juden, Roma, slawischen Untermenschen oder Bolschewisten zu \u201es\u00e4ubern\u201c, so konstituiert sich der IS in der Organisationsform eines negativen Konzerns, um sein irres Ziel eines religi\u00f6s reinen Weltkalifats zu verfolgen. Die instrumentelle Rationalit\u00e4t und \u00f6konomistische Vernunft des westlichen Kapitalismus, die zwecks effizientester Kapitalakkumulation immer weiter vervollkommnet wird, schl\u00e4gt so in den H\u00e4nden des IS in nackte Barbarei um.<\/p>\n<p>Im Terrorkonzern, den der Islamische Staat errichtet, spiegelt sich somit die krisenhafte Irrationalit\u00e4t kapitalistischer Vergesellschaftung. Inzwischen scheinen sich erste Franchisenehmer auf dem globalisierten Terrormarkt einzufinden, die das massenm\u00f6rderische Erfolgsrezept des IS zu kopieren versuchen. Eine zweite Welle der Globalisierung der dschihadistischen Barbarei setzt ein. Die \u201ewachsende Popularit\u00e4t\u201c des IS in S\u00fcdostasien k\u00f6nnte langfristige Sicherheitsbedrohungen nach sich ziehen, warnte etwa Aljazeera Mitte Juli. Tats\u00e4chlich hat sich auf den Philippinen k\u00fcrzlich die Terrorgruppe Abu Sayyaf dem Islamischen Staat angeschlossen. Die westafrikanischen Dschihadisten der Boko Haram, die laut Neewsweek ein \u201eTerritorium von der Gr\u00f6\u00dfe Irlands\u201c kontrollieren, bem\u00fchen sich ebenfalls, mit der Ausrufung ihres afrikanischen \u201eKalifats\u201c das Vorgehen des IS zu imitieren.<\/p>\n<h2>Konkurrenz um K\u00e4mpfer:  Heerscharen \u00f6konomisch \u201e\u00fcberfl\u00fcssige\u201c junge M\u00e4nner<\/h2>\n<p>Um was konkurrieren die Terrorgruppen auf dem globalen Terrormarkt? Neben den Finanzzuwendungen verm\u00f6gender Sponsoren aus den Despotien der arabischen Halbinsel ist es vor allem die Ware, die der Sp\u00e4tkapitalismus im \u00dcberfluss ausscheidet: Menschen. Viele der spektakul\u00e4ren Angriffe und Aktionen des IS \u2013 wie etwa die kurzfristige Okkupierung der Talsperre bei Mossul \u2013 zielen gerade auf einen propagandistischen Effekt ab, mit dem die Rekrutierung neuen Menschenmaterials beschleunigt werden soll. Mit Erfolg, wie eine US-Studie belegt. Demnach haben insbesondere die afghanischen Taliban, die unter enormen milit\u00e4rischen Druck geraten sind, einen herben Exodus ausl\u00e4ndischer K\u00e4mpfer verzeichnen m\u00fcssen, die nun gen Syrien und Irak aufbrechen, um sich den dortigen Dschihadisten anzuschlie\u00dfen:<\/p>\n<p>\u201eK\u00e4mpfer aus Usbekistan, China und Tschetschenien haben kaum Chancen, in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcckzukehren, aber sie wissen, dass sie in Syrien und dem Irak willkommen sind, wo Jabhat al-Nusra und der Islamische Staat gegen den syrischen Pr\u00e4sidenten Assad, gegeneinander, und im Falle des Islamisches Staates gegen Kurden, Irakis und sogar den Iran k\u00e4mpfen.\u201c<\/p>\n<p>Es ist ein Eingest\u00e4ndnis des v\u00f6lligen Scheiterns des brutalen westlichen \u201eKrieges gegen den Terror\u201c, der letztendlich unter Anwendung terroristischer Methoden gef\u00fchrt wurde. Nach rund 13 Jahren hat sich eine global agierende Schicht von Zehntausenden heimatlosen Gottesk\u00e4mpfern herausgebildet, deren Heimat der \u201eHeilige Krieg\u201c ist. Im Gegensatz zum global agierenden Al-Kaida-Netzwerk ist diese neue Generation von Dschihadisten aber bem\u00fcht, in den Zusammenbruchsgebieten des Weltmarktes Territorien zu erobern und zu halten, um ihr Wahngebilde eines weltumspannenden Kalifats zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcckgreifen kann der in Geld schwimmende Islamische Staat dabei auf die Heerscharen \u00f6konomisch \u201e\u00fcberfl\u00fcssiger\u201c junger M\u00e4nner, die in der Peripherie \u2013 und zunehmend auch in den Zentren \u2013 des kapitalistischen Weltsystems ein marginalisiertes und elendes Dasein fristen. Ein Sold von wenigen Hundert US-Dollar im Monat und die Hoffnung auf ein jenseitiges Paradies reichten in vielen F\u00e4llen aus, um diese perspektivlosen Menschen, die in der H\u00f6lle zerfallender Staaten und Gesellschaften vegetieren, zum Beitritt in die Reihen des IS zu motivieren.<\/p>\n<h2>Vom kleinkriminellen Gettokid zum Gotteskrieger<\/h2>\n<p>Doch was veranlasst Tausende Muslime aus dem Westen, sich dem dschihadistischen Terrornetzwerken anzuschlie\u00dfen? Eine Studie des Verfassungsschutzes, in der die Lebensl\u00e4ufe der knapp 400 aus Deutschland in den \u201eHeiligen Krieg\u201c gezogenen Islamisten beleuchtet wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass sich gr\u00f6\u00dftenteils marginalisierte Muslime den Dschihadisten angeschlossen haben. Einer geregelten Besch\u00e4ftigung gingen nur 12 Prozent dieser Gotteskrieger nach, die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit hiervon war im Niedriglohnsektor besch\u00e4ftigt. Nur sechs Prozent hatten eine Ausbildung absolviert, zwei Prozent ein Studium. Rund ein Drittel dieser Islamisten war schon zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten, gr\u00f6\u00dftenteils im Zusammenhang mit getto\u00fcblicher Kleinkriminalit\u00e4t. Bei der Mehrheit der Ausgereisten handelte es sich somit um Angeh\u00f6rige der Unterschicht, die unter prek\u00e4ren Lebensbedingungen in den informellen Ausl\u00e4ndergettos der BRD ein marginalisiertes Leben am Rande der Legalit\u00e4t fristen \u2013 bis sie in die F\u00e4nge der Salafistenszene geraten. Bezeichnend ist etwa, dass nur in 23 Prozent der F\u00e4lle die Eltern dieser Gotteskrieger einen fundamentalistischen Islam praktizierten. Ein Paradebeispiel f\u00fcr eine solche Karriere vom kleinkriminellen Gettokid zum Gotteskrieger stellt der Rapper Denis Cuspert dar, der inzwischen in den engeren F\u00fchrungszirkel des IS aufgestiegen sein soll.<\/p>\n<p>Es sind somit gerade keine traditionsbehafteten Muslime, die da in den Terrorkrieg ziehen, wie auch Tarfa Baghajati, Obmann der Initiative muslimischer \u00d6sterreicherInnen, in einem Interview mit Radio Free Europe erl\u00e4uterte. Es gebe eine Reihe von Faktoren, auf die die Rekrutierungserfolge des IS in Europa zur\u00fcckzuf\u00fchren seien, so Baghajati:<\/p>\n<p>\u201eAm beachtenswertesten ist erstens, dass die jungen Leute, die sich diesen Gruppen anschlie\u00dfen, zuvor keine starken Bindungen an den Islam und andere Muslime hatten. Sie haben nie Moscheen besucht und einige von ihnen wussten zuvor gar nicht, wie man betet. Deswegen ist ihre religi\u00f6se Erfahrung sehr stark emotionsgeladen. \u2026 Der zweite Faktor besteht darin, dass diese jungen Menschen sich nicht als Teil der westlichen Gesellschaft sehen. Sie haben es nicht vermocht, sich positiv einzubringen. Zudem gibt es auch Diskriminierung und indirekte Verfolgung gegen den Islam und Muslime, die unter dem Begriff Islamophobie zusammengefasst wird.\u201c<\/p>\n<p>Die vom IS rekrutieren Muslime aus den Westen sehen sich nicht als Teil dieser Gesellschaften, weil sie es nicht sind, weil sie durch \u00f6konomische Marginalisierung und zunehmenden Rassismus von der kriselnden kapitalistischen Arbeitsgesellschaft ausgeschlossen sind. Der europaweit krisenbedingt zunehmende Rassismus und Rechtsextremismus, der sich in den Wahlerfolgen der AfD, der britischen UKIP oder des franz\u00f6sischen Front National manifestiert, zielt ja letztendlich auf den \u00f6konomischen Ausschluss derjenigen Gruppen, die nicht als Teil der \u201eVolksgemeinschaft\u201c verstanden werden (\u201eArbeitspl\u00e4tze zuerst f\u00fcr Deutsche\u201c). Der Rechtsextremismus, der den Ausschluss bestimmter Bev\u00f6lkerungsgruppen propagiert, stellt somit eine ideologische Waffe im krisenbedingt zunehmenden Konkurrenzkampf dar. Es verwundert somit nicht, dass der IS das europaweit gr\u00f6\u00dfte Kontingent an K\u00e4mpfern in Frankreich, im krisengeplagten Land der Banlieues und des Front National, rekrutieren konnte.<\/p>\n<h2>Vom N\u00e4hrboden der Vernichtungsfantasien<\/h2>\n<p>Die Hinwendung zum extremistischen Islam unter europ\u00e4ischen Muslimen stellt somit eine Parallelentwicklung zu dem krisenbedingt zunehmenden Rechtsextremismus in Europa dar. Der militante und terroristische Dschihadismus stellt letztendlich eine religi\u00f6s verbr\u00e4mte Modifikation des Rechtsextremismus, eine Art postmodernen und globalisierten Klerikalfaschismus dar. W\u00e4hrend im Westen die nationale Identit\u00e4t als ein N\u00e4hrboden dient, aus dem rechtsextreme und faschistische Ideologien erwachsen, fungiert im arabischen Kulturkreis die Religion als eben dieser N\u00e4hrboden, der Vernichtungsfantasien hervorbringt. Die Kategorie der Rasse, die in Europa die faschistische Vernichtungswut befeuerte, wurde im klerikalfaschistischen Dschihadismus durch die Kategorie des \u201eUngl\u00e4ubigen\u201c ersetzt.<\/p>\n<p>Sowohl der Islamismus wie der europ\u00e4ische Rechtsextremismus stellen zudem einen Extremismus der Mitte dar, der die in der Gesellschaft dominierenden ideologischen Vorstellungen und Anschauungen ins geschlossene weltanschauliche Extrem treibt. Im Fall des Islamismus ist es die Religion, die in der \u201eMitte\u201c der arabischen Gesellschaften eine hegemoniale Stellung einnimmt, beim Rechtsextremismus ist es die l\u00e4ngst zu einem \u00f6konomistischen Standortdenken mutierte nationale Identit\u00e4t, die ins Extrem getrieben wird. Beide Ideologien k\u00f6nnen zudem als postmodern bezeichnet werden, da sie einen ideellen Ausfluss der Krise und des Scheiterns der kapitalistischen Moderne darstellen.<\/p>\n<p>Der islamistische \u201eExtremismus der Mitte\u201c kann letztendlich auch als eine Abart des Klerikalfaschismus begriffen werden. Faschismus \u2013 ob nun der deutsche Nationalsozialismus, Francos katholischer Faschismus in Spanien oder die faschistische Diktatur Pinochets in Chile \u2013 stellt eine offen terroristische Krisenform kapitalistischer Herrschaft dar. Rechtsextreme und faschistische Tendenzen gewinnen immer dann an Dynamik, wenn die b\u00fcrgerlich-liberale kapitalistische Gesellschaft in eine \u00f6konomische oder politische Krise ger\u00e4t, die das Fortbestehen des Gesamtsystems gef\u00e4hrdet oder auch nur zu gef\u00e4hrden scheint (Weltwirtschaftskrise 1929, Sieg der Volksfront 1936 in Spanien oder Allendes Wahlerfolg 1970 in Chile).<\/p>\n<p>Ob nun in Europas Metropolen oder in den Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes \u2013 der Konstitutionsprozess des rassistischen wie des klerikalen Rechtsextremismus verl\u00e4uft in sehr \u00e4hnlichen Bahnen. In Reaktion auf Krisenersch\u00fctterungen, auf das Auseinanderbrechen der bestehenden Gesellschaftsordnung setzt oftmals eine verst\u00e4rkte Identit\u00e4tsproduktion in den betroffenen Gesellschaften ein. Wenn alles in Fluss, in Unordnung ger\u00e4t, suchen die autorit\u00e4r disponierten Individuen Halt \u2013 und den finden sie nur noch in der Identit\u00e4t, in dem, was sie scheinbar sind: Deutscher, Franzose, Sunnit, Schiit. Die Angst vor der Zukunft und den unverstandenen Umbr\u00fcchen f\u00fchrt zu einer Sehnsucht nach fr\u00fcheren, als idyllisch imaginierten Gesellschaftszust\u00e4nden; sei es der rassereine Nationalstaat oder das fr\u00fchmittelalterliche Kalifat.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Selbstbetrug bei dieser Hinwendung zur Identit\u00e4tspolitik besteht selbstverst\u00e4ndlich darin, dass diese Identit\u00e4ten sich ja nur in Wechselwirkung mit der kriselnden kapitalistischen Gesellschaft konstituieren und somit nur identit\u00e4rer Ausdruck des sp\u00e4tkapitalistischen Krisenprozesses sind. Das, was unter \u201edeutscher Identit\u00e4t\u201c in der gegenw\u00e4rtigen Deutschland AG landl\u00e4ufig verstanden wird, hat recht wenig zu tun mit den Deutschlandvorstellungen des fr\u00fchen Kaiserreichs oder gar mit denen der Paulskirchenversammlung. Dasselbe gilt f\u00fcr den Islam, der gerade im fr\u00fchen Mittelalter oftmals viel toleranter war, als es die gegenw\u00e4rtigen Gotteskrieger und postmodernen Kalifatsbauer je wahrhaben m\u00f6chten. Es reicht hier, etwa daran zu erinnern, dass die Juden Spaniens gerade in der Fr\u00fchphase der maurischen Herrschaft (von 711 bis zum Zusammenbruch des Kalifats von C\u00f3rdoba 1031) weitgehende Religionsfreiheit und Rechtssicherheit genossen; vertrieben wurden sie erst durch die \u201eKatholischen K\u00f6nige\u201c nach der endg\u00fcltigen Reconquista 1492.<\/p>\n<h2>Unterwerfung und autorit\u00e4re Charakterstruktur<\/h2>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige krisenbedingte Hinwendung zur nationalen oder religi\u00f6sen Identit\u00e4t, die als ein ahistorisches und unab\u00e4nderliches Kontinuum halluziniert wird, geht fast immer mit einer autorit\u00e4ren Charakterstruktur bei den betroffenen Personen einher. Der postmoderne Islamist unterwirft sich genauso blind der rigiden Koranauslegung, wie es die postmodernen Rechtsparteien mit den geheiligten Gesetzen des Marktes und des Kapitalkultes (in Gestalt der zum Wirtschaftsstandort verkommenen Nation) praktizieren. In beiden F\u00e4llen f\u00fchrt die Unterwerfung zum Hass auf all diejenigen, die dies anscheinend nicht genauso praktizieren (Ungl\u00e4ubige, \u201eSozialschmarotzer\u201c, Arbeitslose, etc.).<\/p>\n<p>Der den europ\u00e4ischen wie islamischen Faschismus charakterisierende Gleichklang von Unterwerfung und Hass resultiert daraus, dass diese Unterwerfung mit Triebverzicht erkauft wird. Die Tr\u00e4ger dieser Ideologien leiden insgeheim unter den absurden Vorgaben und Geboten, die der Fetischdienst an Koran und Kapital diktiert, wobei die autorit\u00e4re Charakterstruktur ein Aufbegehren gegen diese Leidensquellen ausschlie\u00dft. Deswegen richtet sich die so aufgestaute Wut gegen imaginierte \u00e4u\u00dfere Feinde. Beiden Ideologien wohnt auch ein analcharakterhafter Reinheitswahn inne, der sich beim Rechtsextremismus auf die Reinhaltung des Volkes, der Nation oder des Wirtschaftsstandortes von \u201eParasiten\u201c erstreckt, w\u00e4hrend der Islamismus von der Manie um die Reinhaltung des religi\u00f6sen Kultes verzehrt wird.<\/p>\n<p>Die autorit\u00e4ren Dispositionen, die den Rechtsextremismus arabischer wie europ\u00e4ischer Pr\u00e4gung gleicherma\u00dfen antreiben, werden schon im Kleinkindalter in der patriarchalen oder kleinb\u00fcrgerlichen Familie erworben, die der Psychoanalytiker Wilhelm Reich in seiner 1933 erschienen Studie \u201eMassenpsychologie des Faschismus\u201c als die \u201eKeimzelle des autorit\u00e4ren Staates\u201c bezeichnete. Der Staat und die Kirche setzten die in der autorit\u00e4r-patriarchalen Familie eingeleitete autorit\u00e4re Strukturierung des Individuums fort. Zentral sei hierbei die Sexualunterdr\u00fcckung, so Reich:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie autorit\u00e4re Strukturierung des Menschen erfolgt \u2026 zentral durch Verankerung sexueller Hemmung und Angst am lebendigen Material sexueller Antriebe. \u2026 Ist n\u00e4mlich die Sexualit\u00e4t durch den Prozess der Sexualverdr\u00e4ngung aus den naturgem\u00e4\u00df gegebenen Bahnen der Befriedigung ausgeschlossen, so beschreitet sie Wege der Ersatzbefriedigung verschiedener Art. So zum Beispiel steigert sich die nat\u00fcrliche Aggression zum brutalen Sadismus.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese in Hinblick auf den deutschen Nationalsozialismus gemachten Beobachtungen treffen aber offenbar auch die Lebensrealit\u00e4t vieler Menschen in den krisengeplagten arabischen L\u00e4ndern. Es ist nicht nur die bestialische Behandlung \u201eerbeuteter\u201c Frauen durch K\u00e4mpfer des Islamischen Staates, in der sich der durch Sexualverdr\u00e4ngung konstituierte \u201ebrutale Sadismus\u201c \u00e4u\u00dfert, auch die brutalen \u00dcbergriffe auf Frauen w\u00e4hrend des Aufstandes in \u00c4gypten wurden durch diese sexuelle Frustration befeuert.<\/p>\n<h2>Sexualverdr\u00e4ngung f\u00fchrt zum Hass auf Frauen, die nurmehr vollverschleiert ertragen werden<\/h2>\n<p>Teilweise ist der in den vergangenen Dekaden zunehmende Verschleierungsdruck in vielen islamischen Gesellschaften auf die Wechselwirkung von \u00f6konomischer Krisendynamik und krisenbedingter Islamisierung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Der Islam verbietet strikt vorehelichen Sex, doch zugleich bringt die Krise der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft eine Heerschaar \u00f6konomisch \u00fcberfl\u00fcssiger junger Menschen im arabischen Raum hervor, die sich die Gr\u00fcndung einer Familie schlicht nicht leisten k\u00f6nnen. Die ideologisch durch den Islamismus aufgen\u00f6tigte Sexualverdr\u00e4ngung f\u00fchrt somit angesichts der sich zuspitzenden Krise zu dem \u00fcbersch\u00e4umenden Hass auf Frauen, deren Anblick der Islamist nur unter Vollverschleierung ertragen kann, ohne von seinem zum blo\u00dfen Sadismus degenerierten Sexualtrieb \u00fcbermannt zu werden.<\/p>\n<p>Die vom Islamismus angestrebte Verbannung der Frau aus dem \u00f6ffentlichen Raum wird aber vor allem durch einen anderen Faktor angetrieben, der aus der gescheiterten kapitalistischen Modernisierung dieser peripheren Weltmarktregion resultiert. Die historische Durchsetzung des Kapitalismus ging mit der \u201eAbspaltung\u201c all jener Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion einher, die nicht in dem Prozess der Kapitalverwertung aufgehen k\u00f6nnen, wie die Haushaltsf\u00fchrung und die Familienarbeit, die dann der Sph\u00e4re des \u201eWeiblichen\u201c zugeordnet wurden. Die Familien- und Haushaltsarbeit wird bis zum heutigen Tage als wertlos angesehen, da sie keinen Wert schafft, nicht unmittelbar Teil des Verwertungsprozesses des Kapitals ist. Die Sph\u00e4re der wertbildenden Arbeit war hingegen bis weit ins 19. Jahrhundert ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlich determiniert, der \u201eharte\u201c und rationell handelnde Mann hatte sich als Ern\u00e4hrer auf dem Markt zu behaupten, w\u00e4hrend der Frau die Sph\u00e4re des Privaten, des Irrational-Sinnlichen und der Hege und Pflege zugewiesen war. Diese Scheidung zwischen m\u00e4nnlich-\u00f6ffentlicher Sph\u00e4re der wertbildenden Arbeit (sowie der Politik, Kunst und Wissenschaft) und der weiblich-privaten Sph\u00e4re der \u201ewertlosen\u201c Arbeit bildete die Grundlage der Frauendiskriminierung in den kapitalistischen L\u00e4ndern, die ja erst in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zumindest formell aufgehoben werden konnte (Frauenwahlrecht).<\/p>\n<p>In der mittelalterlichen patriarchalen Familie \u2013 die ja zu gut 90 Prozent eine Bauernfamilie war \u2013 bestand ebenfalls eine Arbeitsteilung zwischen Ehemann und Ehefrau, doch waren ihre T\u00e4tigkeiten gleicherma\u00dfen auf die direkte Bed\u00fcrfnisbefriedigung gerichtet und nicht auf die Akkumulation von Kapital. Die Kategorien des Werts und der abstrakten Arbeit gab es schlicht und einfach nicht, weshalb die weiblichen T\u00e4tigkeiten auch nicht herabgesetzt werden mussten. Die D\u00e4monisierung der Frau, des Sinnlich-Weiblichen setzte in Europa denn auch erst in der fr\u00fchen Neuzeit ein, im Gefolge des Zusammenbruchs der mittelalterlich-st\u00e4ndischen Gesellschaftsverfassung und des Aufkommens erster Ans\u00e4tze der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die eben diese f\u00fcr die damaligen Menschen ungeheuerliche und unverstandene Abspaltung der Sph\u00e4re des Weiblich-Privaten von dem aufkommenden Regime der Kapitalverwertung mit sich brachte. Die D\u00e4monisierung der Frau \u00e4u\u00dferte sich in dem Hexenwahn, der Europa und Nordamerika vom 16. bis zum 18. Jahrhundert im W\u00fcrgegriff hielt, und dem Zehntausende von Frauen und M\u00e4dchen zum Opfer fielen. Zentral war bei nahezu allen zumeist von weltlichen Gerichten gef\u00fchrten Prozessen die Anschuldigung, die angeblichen Hexen h\u00e4tten mit dem Teufel oder D\u00e4monen Sexualverkehr praktiziert, um ihre \u201e\u00fcbernat\u00fcrlichen Kr\u00e4fte\u201c zu gewinnen. Und es war gerade die halluzinierte Anwendung eben dieser weiblich-d\u00e4monischen Kr\u00e4fte, die f\u00fcr das Chaos verantwortlich gemacht wurde, in dem sich die in Systemtransformation begriffenen, fr\u00fchneuzeitlichen Gesellschaften befanden.<\/p>\n<p>Keine andere Anschuldigung bringt eine Frau im heutigen Afghanistan, Libyen oder Saudi-Arabien st\u00e4rker in Lebensgefahr als die des au\u00dferehelichen Geschlechtsverkehrs. Die Systemtransformation zu Kapitalismus und Weltmarkt, die in Europa blutige Jahrhunderte in Anspruch nahm, brach in der Peripherie mit der Intensit\u00e4t einer Naturkatastrophe ein, sie vollzog sich in weitaus k\u00fcrzerer Zeit (wenige Dekaden) \u2013 und sie hatte einen weitaus h\u00f6heren ideologischen Legitimit\u00e4tsdruck zur Folge, bei dem traditionell-patriarchale Strukturen mit den \u201eneuartigen\u201c kapitalistischen Vergesellschaftungsformen \u2013 und der damit einhergehenden Abspaltung der weiblich konnotierten, der Kapitalverwertung unzug\u00e4nglichen Lebensbereiche \u2013 in \u00dcbereinstimmung gebracht werden mussten.<\/p>\n<h2>Gescheiterte Modernisierung<\/h2>\n<p>Der gro\u00dfe historische Unterschied zwischen Europa und Arabien besteht darin, dass die kapitalistische Modernisierung zwischen Hindukusch und Atlasgebirge dort nicht mehr gelingen konnte. In diesen krisengeplagten L\u00e4ndern, die oftmals schon von Staatszerfall ergriffen sind, wird sich keine funktionierende kapitalistische Arbeitsgesellschaft mehr etablieren, die einer S\u00e4kularisierung dieser Gesellschaften Vorschub leisten k\u00f6nnte. Das Scheitern der Modernisierung und die damit um sich greifende Krisendynamik f\u00fchren somit zu einer Verh\u00e4rtung der islamistischen Krisenideologie und der regelrechten Tabuisierung des Weiblichen: Als ob die Totalverschleierung und totale Verbannung der Frau aus dem \u00f6ffentlichen Leben es den M\u00e4nnern trotz der Weltkrise des Kapitals erm\u00f6glichen w\u00fcrde, sich noch als selbstherrliche Marktsubjekte zu bet\u00e4tigen.<\/p>\n<p>In der barbarischen Gegenwart islamistischer Ideologie und Praxis findet der kapitalistisch-liberale Westen somit die Echos seiner eigenen blutgetr\u00e4nkten Vergangenheit. Mehr noch: Der barbarische Kern kapitalistischer Vergesellschaftung kommt im extremistischen Islamismus wie im Rechtsextremismus zum Vorschein. Auf die Gr\u00e4uel des Islamischen Staates blickend schaut die westliche Wertegemeinschaft in den Spiegel. Nichts w\u00e4re verkehrter, als den von beiden extremistischen Seiten proklamierten \u201eKampf der Kulturen\u201c f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen. Die westliche Kultur stellt keinen positiven Gegenpol zum dschihadistischen Wahnsinn dar. Die liberalen westlichen Zentren des kapitalistischen Weltsystems schwitzen in der gegenw\u00e4rtigen Systemkrise sowohl den Rechtsextremismus wie den Islamismus aus.<\/p>\n<h2>Islamismus:  Produkt der Weltkrise des Kapitals<\/h2>\n<p>Offensichtlich ist dies, wie eingangs dargestellt, auf der geopolitischen Ebene, wo die politische, finanzielle oder milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung des Dschihadismus seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts \u2013 als islamistische Fundamentalisten mit Unterst\u00fctzung des Westens in den Heiligen Krieg gegen den gottlosen Kommunismus in Afghanistan zogen \u2013 zum Fundus westlicher Geopolitik geh\u00f6rt. Ein gewisser Osama Bin Laden hat seine ersten milit\u00e4rischen Erfahrungen unter den Fittichen der CIA in Afghanistan machen k\u00f6nnen. Saudi-Arabien, das wohl brutalste fundamentalistische Regime der Welt, ist ein enger Verb\u00fcndeter des Westens, der mit milliardenschweren Waffenlieferungen hochger\u00fcstet wird.<\/p>\n<p>Doch es ist vor allem die von den Zentren ausgehende und die Peripherie verw\u00fcstende \u00f6konomische Krise, die erst die Heerscharen \u00f6konomisch \u00fcberfl\u00fcssiger junger M\u00e4nner hervorbringt, die mangels Perspektiven bereit sind, sich dem Todeskult der Dschihadisten anzuschlie\u00dfen. Das m\u00fchselige \u00dcberleben in der H\u00f6lle der Zusammenbruchs\u00f6konomien Iraks, Syriens oder Afghanistans ist f\u00fcr immer mehr Menschen derma\u00dfen unertr\u00e4glich, dass sie bereit sind, dieses gegen die illusorische Aussicht auf ein jenseitiges Paradies zu tauschen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sind die ideologischen und identit\u00e4ren Reflexe auf diesen Krisenprozess im Abend- wie im Morgenland sehr \u00e4hnlich gelagert. Es findet eine autorit\u00e4re R\u00fcckbesinnung auf die religi\u00f6se oder nationale Identit\u00e4t statt, die vorhandene nationale oder religi\u00f6se Anschauungen ins ideologische Extrem treibt und zu einer militanten Mobilisierung gegen \u00e4u\u00dfere Feindbilder oder innere Abweichler f\u00fchrt. Der Islamismus ist somit \u2013 genauso wie der Rechtsextremismus \u2013 ein Produkt der Weltkrise des Kapitals.<\/p>\n<p>****<br \/>\nvon Tomasz Konicz, Streifz\u00fcge-Magazin, Oktober 2014<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.streifzuege.org\/2014\/globalisierte-barbarei\">http:\/\/www.streifzuege.org\/2014\/globalisierte-barbarei<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Der folgende Artikel von Tomasz Konicz wurde im STREIFZ\u00dcGE-Magazin erstver\u00f6ffentlicht. Da er unter &#8222;Copyleft&#8220; erscheint, habe ich ihn (trotz &#8222;\u00dcberl\u00e4nge&#8220;) mal hierhin \u00fcbernommen. Die Analyse ist umfangreich und tiefsch\u00fcrfend, auf jeden Fall sehr lesenswert. F\u00fcr die \u00dcbernahme hab ich mich mit einer Spende bedankt] Auf ein Neues! 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