{"id":1548,"date":"2014-09-13T14:50:34","date_gmt":"2014-09-13T12:50:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1548"},"modified":"2014-09-18T00:12:26","modified_gmt":"2014-09-17T22:12:26","slug":"mega-trend-ueberwachung-statt-selbstvertrauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/09\/13\/mega-trend-ueberwachung-statt-selbstvertrauen\/","title":{"rendered":"Mega-Trend: \u00dcberwachung statt Selbstvertrauen"},"content":{"rendered":"<p>Angesichts mancher gesellschaftlicher Entwicklungen bin ich ganz froh, nicht &#8222;ewig&#8220; zu leben. Schlie\u00dflich macht es irgendwann keine Freude mehr, nurmehr Menschen von einem &#8222;neueren Typus&#8220; vorzufinden, deren Blick auf das Leben und was man damit anfangen k\u00f6nnte, ein ganz anderer ist. Deren Selbstverst\u00e4ndnis nicht mehr von innen, aus der Intuition, den Gef\u00fchlen, den Verkettungen und Pr\u00e4gungen individueller Lebenserfahrung im Unbewussten entsteht, sondern \u00fcber technische Ger\u00e4te und durch Bewertungen eines Publikums zustande kommt. <\/p>\n<p>Die Frage &#8222;wer bin ich?&#8220; werden sich diese Post-Humanen nicht mehr stellen, sondern die Antworten &#8222;in Echtzeit&#8220; von Ger\u00e4ten ablesen, die \u00fcber den eigenen Status informieren &#8211; \u00fcber die gesellschaftliche Akzeptanz bei den jeweils relevanten Gruppen, die aktuelle Performance auf unterschiedlichen Leistungsfeldern bis in die Details der eigenen K\u00f6rperlichkeit hinein. Angereichert mit einer Menge hilfreicher Anweisungen, wie das so festgestellte Selbst in allen erdenklichen Formen zu optimieren sei. <!--more--><\/p>\n<p>Zum Erscheinen der neuen iWatch von Apple, die einen weiteren Pflock in Sachen Selbst\u00fcberwachung einschl\u00e4gt, schreibt <a href=\"http:\/\/time.com\/3318655\/apple-watch-2\/\">&#8222;Time&#8220;<\/a>, man werde mit ihr &#8222;slightly posthuman&#8220; und fragt dann:<\/p>\n<blockquote><p>Was k\u00f6nnte dieses &#8222;post-human&#8220; bedeuten? Das Paradoxe an so einem tragbaren Ger\u00e4t ist, dass es zur gleichen Zeit sowohl Kontrolle gibt und nimmt. Etwa die Fitness-Anwendungen der Uhr: Sie erfasst alle Daten, die Ihr K\u00f6rper erzeugt, Ihr Herz, ihre Aktivit\u00e4t und so weiter. Sie sammelt und speichert die Daten und gibt sie Ihnen in einer Form, die Sie verwenden k\u00f6nnen. Wenn erst die Entwickler-Community daf\u00fcr Apps entwickelt,  ist gar nicht mehr abzusehen, was sie sonst noch alles sammeln wird. Das wird Ihre Erfahrung des K\u00f6rpers ver\u00e4ndern. Nicht zu wissen, wie sp\u00e4t es ist, erscheint seit Erfindung der Armbanduhr absurd. In f\u00fcnf Jahren k\u00f6nnte es absurd wirken, nicht zu wissen, wie viele Kalorien Sie heute verspeist haben oder die eigene Ruhe-Herzfrequenz nicht zu kennen.<br \/>\nAber Wearables fordern auch die Aufgabe von Kontrolle. Das Telefon wird Ihnen sagen, was Sie essen sollten und was nicht und wie weit Sie laufen sollten. Es wird sich zwischen Sie und Ihren K\u00f6rper dr\u00e4ngelnd und ihre Beziehung zum ihm vermitteln.  Wearables werden Ihr k\u00f6rperliches Selbst in Form von Informationen, in Gestalt eines unausl\u00f6schlichen digitalen K\u00f6rper-Abdrucks in der virtuellen Welt sichtbar machen. Diese Information wird sich verhalten wie jede andere Information sich dieser Tage verh\u00e4lt. Sie wird kopiert und weiterverbreitet werden, sie geht an Orte, die Sie nicht erwarten. Die Menschen werden diese Informationen verwenden, um Sie zu tracken und zu vermarkten. Sie wird gekauft, verkauft und geleakt werden &#8211; stellen Sie sich ein Daten-Leck vor \u00e4hnlich dem letzten iCloud-Leck, jedoch mit Apple-Uhr-Daten anstelle nackter Selfies!<br \/>\n&#8211; (via <a href=\"http:\/\/martingiesler.de\/2014\/09\/der-nachste-schritt-nach-der-apple-watch-das-implant\/\">MartinGiesler<\/a>, \u00fcbersetzt von Google und mir)<\/p><\/blockquote>\n<p>Jonny H\u00e4usler <a href=\"http:\/\/www.spreeblick.com\/2014\/09\/12\/and-u2-apple\/\">schreibt auf Spreeblick<\/a> dazu: <em>&#8222;Pulsschl\u00e4ge und Mini-Scribbles statt SMS werden Menschen auf eine neue Art kommunizieren lassen. Meine Prognose: Wir werden die Dinger lieben, Stars und Sternchen werden nicht mehr ohne gehen.&#8220;<\/em> Und regt sich ansonsten nur \u00fcber die &#8222;Grenz\u00fcberschreitung&#8220; auf, die Apple begehe, indem ein kostenloses Album der Gruppe U2 &#8222;automatisch&#8220; auf die iWatches der Kunden gespielt werde. <\/p>\n<h2>Nur ein irrelevantes Gadget mehr?<\/h2>\n<p>Das k\u00f6nnte man denken, umso mehr, als die iWatch erstmal nur mit einem iPhone funktionieren soll. Aber mir geht es gar nicht speziell um diese &#8222;Mehr-als-Uhr&#8220;, sondern um den gesamten Trend in Richtung totaler \u00dcberwachung. Wir regen uns seit Snowden \u00fcber die bekannt gewordene Abschnorchelei von allem und jedem durch die Geheimdienste auf, auch das User-Tracking, der Datenhandel, das punktgenaue Marketing ist vielen ein Dorn in Auge. Kaum problematisiert wird jedoch das eigene Verlangen nach \u00dcberwachung &#8211; nach Selbst\u00fcberwachung ebenso wie nach \u00dcberwachung Anderer. <\/p>\n<ul>\n<li>Die &#8222;Fitness-Anwendungen&#8220; werden ja lange schon genutzt, man traut nicht mehr dem eigenen Gesp\u00fcr und Befinden, sondern erhebt Daten und gibt diese in ein Programm ein, das die eigene Leistung bewertet. Und teilt sie auch schon mal mit Anderen in irgendwelchen Fitness-Communities. <\/li>\n<li>Hunger kennen wir nicht mehr und dem eigenen Appetit vertrauen wir nicht. Statt dessen soll man genau festhalten, was, wieviel und wann man isst. Dabei auf &#8222;ausgewogene N\u00e4hrstoffzufuhr&#8220;, wichtige Spurenelemente und einen ausgeglichenen S\u00e4ure-Basen-Haushalt achten. Und weil das niemand perfekt schafft, helfen Analyseprogramme, und Nahrungserg\u00e4nzungsmittel sollen alle Stoffe zuf\u00fchren, die dem &#8222;Reagenzglas Mensch&#8220; evtl. doch noch fehlen k\u00f6nnten.<\/li>\n<li>Eine Frau, die schwanger wird, ist heute nicht mehr &#8222;guter Hoffnung&#8220;, sondern wird durch <a href=\"http:\/\/www.frauenaerzte-im-netz.de\/de_schwangerenvorsorge-zeitplan-der-untersuchungen_172.html\">vielerlei Untersuchungen<\/a> genauestens \u00fcberwacht. Um auch nichts zu verpassen, hilft der <a href=\"http:\/\/www.babycenter.de\/t22255\/vorsorgeplaner-schwangerschaft\">&#8222;Vorsorgeplaner&#8220;<\/a>. Daneben liest sie einen Stapel B\u00fccher, besucht Kurse und bekommt unverlangt Tipps oder gar emp\u00f6rte Blicke, wenn sie sich nicht so verh\u00e4lt, wie es Dritte von einer Schwangeren erwarten.  <\/li>\n<li>Kinder haben heute praktisch keine un\u00fcberwachten Freir\u00e4ume mehr. Sogar zur Schule werden sie gefahren und wieder abgeholt, was <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/offenbach\/offenbach-eltern-gefaehrden-ihre-kinder,1472856,28352376.html\">mancherorts zum Problem wird.<\/a>\n<li>Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser &#8211; das scheint in modernen Beziehungen tats\u00e4chlich ein Feld der Auseinandersetzung zu sein. Im Web kursieren Tipps, wie man das Handy des Partners manipulieren kann, um fortan die totale Kontrolle \u00fcber dessen Aufenthalt und Kommunikation zu haben. Zumindest der Blick auf die Anrufliste in unbeobachteten Momenten scheint keine Seltenheit zu sein. <\/li>\n<li>\u00dcberwachungskameras sind gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, der private Einsatz boomt. Es gibt sie jetzt <a href=\"http:\/\/www.lidl.de\/de\/bresser-wild-\/ueberwachungskamera-120\/p84484\">bei LIDL<\/a> und sie sind schnell ausverkauft. <\/li>\n<li>\u00dcberwachungsszenarios sind erfolgreiche TV-Formate: Wer zahlt, darf bei Events wie &#8222;PromiBigBrother&#8220; rund um die Uhr die Leute beobachten, die &#8211; hoffentlich! &#8211; ihr Beobachtet-werden im Lauf der Zeit vergessen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich k\u00f6nnte noch mehr Beispiele bringen, belasse es aber dabei. Was wir erleben, ist nicht nur der Verlust von Privatsph\u00e4re, sondern der Verlust dessen, was dieses &#8222;Private&#8220; einmal meinte. Messen und Sichten, speichern und analysieren wird auch der normale Umgang &#8222;mit sich selbst&#8220; werden.  Befindlichkeiten, Bewegungen, Verhalten und Kommunikation &#8211; alles wird zu Daten, die von Programmen aufbereitet und jenen zur Verf\u00fcgung gestellt werden, die Zugang dazu haben oder ihn sich erschleichen. SICHERHEIT ist &#8222;Supergrundrecht&#8220; &#8211; nicht weil ein Minister das sagt, sondern weil sie f\u00fcr viele zum obersten Wert geworden ist.<\/p>\n<p>Denn all das passiert nicht, weil eine b\u00f6se Herrscher-Riege uns das auferlegt oder die Werbung es aufzwingt, sondern weil es die Menschen mehrheitlich so wollen. Die Unsicherheit einer eigenen Einsch\u00e4tzung mag man nicht mehr aushalten, nicht in Bezug auf sich selbst, nicht auf die Mitmenschen und nicht aufs gro\u00dfe &#8222;Drau\u00dfen&#8220; in der Welt. Zu einer eigenen Meinung f\u00fchlt man sich erst dann wirklich berechtigt, wenn sie von Experten best\u00e4tigt und mit Studien belegt ist. Was im Gange ist, ist die totale Verkopfung des Menschen, der Siegeszug des &#8222;rechnenden Denkens, das alles zum Bestand stellt&#8220;. So etwas wie ein <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Subjekt_%28Philosophie%29\">Subjekt<\/a> als &#8222;das sich selbst gewisse und sich selbst bestimmende Ich-Bewusstsein&#8220; bleibt da nirgends mehr \u00fcbrig. Man ist h\u00f6chstens noch zu wenig analysiert und diagnostiziert &#8211; und entsprechend &#8222;verunsichert&#8220; \u00fcber den eigenen jeweiligen Status. <\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>So angeln wir nun also mit blechernen Schiebern im Br\u00f6tchenknast mit Zur\u00fccklege-Hindernis nach dem t\u00e4glichen Brot, das ganz SICHER niemand zuvor ber\u00fchrt hat (es w\u00e4re sonst <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/09\/09\/heute-bei-lidl-das-ist-kein-brot-das-ist-muell\/\">M\u00fcll<\/a>). Doch so sehr wir uns auch absichern und alles \u00fcberwachen: eines Tages sind wir trotzdem tot. Gl\u00fccklich jene, die zuvor \u00fcber alledem nicht vergessen haben zu leben. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts mancher gesellschaftlicher Entwicklungen bin ich ganz froh, nicht &#8222;ewig&#8220; zu leben. Schlie\u00dflich macht es irgendwann keine Freude mehr, nurmehr Menschen von einem &#8222;neueren Typus&#8220; vorzufinden, deren Blick auf das Leben und was man damit anfangen k\u00f6nnte, ein ganz anderer ist. 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