{"id":1514,"date":"2014-08-05T11:29:14","date_gmt":"2014-08-05T09:29:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1514"},"modified":"2014-08-13T12:33:56","modified_gmt":"2014-08-13T10:33:56","slug":"von-der-irrsinnigen-liebe-zur-totalen-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/08\/05\/von-der-irrsinnigen-liebe-zur-totalen-arbeit\/","title":{"rendered":"Von der irrsinnigen Liebe zur totalen Arbeit"},"content":{"rendered":"<p>In einem <a href=\"http:\/\/t3n.de\/news\/deutschlands-gruenderszene-frauenproblem-560852\/\">Artikel \u00fcber zuwenige weibliche Gr\u00fcnderinnen<\/a> und StartUps auf t3n geht es am Ende um die Arbeitsbelastung, die eine Familiengr\u00fcndung kaum zulasse. Der Schlusssatz lautet:<\/p>\n<blockquote><p>Clue-Gr\u00fcnderin Tin kann als Gegenbeispiel herhalten. Sie ist derzeit schwanger und hat mit Kind gegr\u00fcndet \u2013 ihr Sohn war damals anderthalb. \u201eIch glaube, man kann Familie haben und ein Startup gr\u00fcnden\u201c, sagt sie. \u201eIn gewisser Weise hilft es einem, nicht verr\u00fcckt zu werden. Denn sonst w\u00fcrde ich einfach immer arbeiten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht als &#8222;verr\u00fcckt&#8220;, sondern als begr\u00fc\u00dfenswerten Lifestyle abseits vom &#8222;s\u00fc\u00dfen Gift&#8220; der Festanstellungen beschreibt der Journalist Richard Gutjahr in <a href=\"http:\/\/gutjahr.biz\/2014\/08\/arbeit-to-go\/?\">&#8222;Arbeit to go&#8220;<\/a> seinen Arbeitsalltag:<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>Klack-klack-klack-klack-klack. Mein Rollkoffer. Um genau zu sein, einer meiner Rollkoffer. Ich habe 3 davon. Zur Zeit sind wieder alle 3 Trolleys im Einsatz. Komme ich sp\u00e4t nachts nach Hause, mache ich mir gar nicht erst die M\u00fche, ihn auszupacken. Gleich neben der Eingangst\u00fcr wartet schon Koffer Nummer 2, fertig best\u00fcckt f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag. Auspacken und W\u00e4sche waschen kann ich wann anders. Die wenigen Stunden Schlaf, bis der iPhone-Wecker l\u00e4utet, sind einfach zu kostbar.<br \/>\nNew York, M\u00fcnchen, D\u00fcsseldorf, K\u00f6ln, Tel Aviv, Jerusalem, Frankfurt, Saarbr\u00fccken, Hannover, M\u00fcnchen, Berlin \u2013 das alles in 14 Tagen, keine Seltenheit. Senator-Lounges, Business-Upgrades, FlugbegleiterInnen, die mich mit Namen gr\u00fc\u00dfen (okay, die haben einen Sitzplan mit allen Vielfliegern vor sich liegen). Es kommt vor, dass ich morgens denselben Stellplatz im Flughafen-Parkhaus belege, den ich selbst erst wenige Stunden zuvor nach meiner Ankunft freigemacht hatte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit solchen Zitaten k\u00f6nnte ich weiter machen, denn der Virus der &#8222;totalen Arbeit&#8220; hat sich seit den 90gern massenhaft verbreitet. Was ist TOTALE ARBEIT? Es ist jene Art zu arbeiten, die niemals aufh\u00f6rt, die uns zu jeder Zeit in Gestalt innerer ToDo-Listen umgibt, egal was wir gerade tun oder lassen. Arbeit, die mit 1000 M\u00f6glichkeiten und Chancen lockt, die keinen Feierabend kennt, nur Ersch\u00f6pfung. Jene so wunderbar &#8222;selbstbestimmte&#8220; Arbeit, die keine anderen G\u00f6tter neben sich duldet, weil sie alles umfasst und sich einverleibt, was fr\u00fcher in sogenannten &#8222;Hobbys&#8220; in der &#8222;Freizeit&#8220; ausgelebt wurde. <\/p>\n<p>&#8222;Keine Zeit!&#8220; ist denn auch das Mantra, das man als selbstbestimmte neue Arbeitskraft im niemals wirklich abzuarbeitenden totalen Arbeitskosmos vor sich hinmurmelt, wenn irgend etwas einzubrechen droht, das nur einfach &#8222;Zeit kostet&#8220;. Man HAT keine Zeit, denn man IST ja in Bewegung, selbst dann, wenn sich das Arbeiten nicht auf Flugh\u00e4fen, im &#8222;Workspace&#8220; und auf Meetings abspielt, sondern allein zuhause vor dem Monitor. <\/p>\n<h2>Lebensl\u00e4nglich!<\/h2>\n<p><em>&#8222;Werde ich niemals mehr Feierabend haben? Lebenslanges Arbeiten \u2013 online bis zum letzten Atemzug? Viel Zeit, dar\u00fcber nachzugr\u00fcbeln, habe ich nicht \u2013 der Flieger ruft. Klack-klack-klack-klack-klack.&#8220;,<\/em> schlie\u00dft Gutjahr seinen Artikel. Mich rufen statischere Arbeitsprojekte, ihr Chor wird zeitweise recht laut, weil ich mich erdreiste, nicht mehr bis tief Nachts am Ger\u00e4t zu sitzen. Nicht wirklich freiwillig, die Energie reicht einfach nicht mehr f\u00fcr einen 14-Stunden-Tag. H\u00e4tte mich nicht der gl\u00fcckliche Zufall <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\/2008\/05\/24\/einen-garten-suchen-in-berlin\/\">im Jahr 2005 mit einem Garten beschenkt<\/a>, h\u00e4tte ich damals nicht beherzt zugegriffen und mir so eine &#8222;Anderwelt&#8220; erschlossen, die mich immer wieder leibhaftig auf dem Boden der einfachen Tatsachen landen l\u00e4sst, h\u00e4tte ich vermutlich den zweiten Burnout l\u00e4ngst hinter mir. <\/p>\n<p>Das Loblied der freien, selbstbestimmten, total entgrenzten Arbeit hab&#8216; ich lange gesungen &#8211; und sogar immer schon gelebt, mein ganzes Arbeitsleben lang. Die Jobs, die ich nach dem Abi und als Studentin jeweils ein paar Wochen oder Monate lang aus\u00fcbte, verschafften mir einen Einblick in die Arbeitswelten der Angestellten und Chefs in Unternehmen und Beh\u00f6rden. Durchweg fand ich diese Art komplett entfremdeten Funktionierens und forcierten Zeit totschlagens (weil man ja nicht gerne tut, was man da arbeitet) so gruslig, dass meine Konsequenz immer klar und deutlich hie\u00df: <\/p>\n<h2>&#8222;Mit mir nicht!&#8220;<\/h2>\n<p>Und wie gl\u00fccklich war ich &#8211; allermeist! &#8211; dass es auch anders ging. Zwar immer prek\u00e4r, nur selten mal gut verdienend, anfangs noch rotierend zwischen Projektarbeit, Honorarjobs, eigenen Kleinunternehmungen und &#8222;St\u00fctze&#8220; (damals noch die gro\u00dfz\u00fcgige &#8222;Arbeitslosenhilfe&#8220;), mit dem Internet  seit 1997 schlie\u00dflich selbstst\u00e4ndig als &#8222;Webworkerin&#8220;. Ich war angekommen, wo ich immer schon sein wollte: selbstbestimmt arbeitend in der Welt der schier grenzenlosen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Jetzt brauchte ich gar keine Mitarbeitenden mehr und herrschte ganz alleine \u00fcber die Produktionsmittel. Die virtuelle Welt verschluckte mich, mein Leben vor dem Monitor begl\u00fcckte, inspirierte, faszinierte und befriedigte mich. Phasenweise verdiente ich jetzt auch mal ganz gut, jedoch nie soviel, dass dabei noch so etwas wie &#8222;Altersversorgung&#8220; h\u00e4tte herauskommen k\u00f6nnen. Meine heutigen R\u00fccklagen  w\u00fcrden bei meinem bescheidenen Lebensstil ohne Auto etwa zwei bis drei Monate reichen, wenn jetzt gar nichts mehr reink\u00e4me. Momentan ist mir das zuwenig, ich w\u00fcrde das gerne auf sechs Monate erh\u00f6hen &#8211; und damit nicht mal das &#8222;Schonverm\u00f6gen&#8220; erreichen, dass einem Hartz4-Bezieher belassen wird. Irgendwie &#8222;besorgt&#8220; bin ich deshalb aber nicht, war es mein ganzes Leben lang nicht. <\/p>\n<p>Wenn ich dieser Tage im Web Blogpostings lese von Menschen, die sich mit der Problematik der &#8222;Leere&#8220; nach dem \u00dcbergang in die Rente befassen, empfinde ich das wie den Einblick in eine versunkene Welt, an der ich nie Anteil hatte und auch nie haben werde. Selbstverst\u00e4ndlich werde ich arbeiten bis ich die Tastatur nicht mehr bedienen kann &#8211; und dann werde ich schauen, welche M\u00f6glichkeiten mir das &#8222;Texte diktieren&#8220; l\u00e4sst. Eines Tages werde ich vielleicht um Spenden bitten m\u00fcssen f\u00fcr Medikamente, die ich mir nicht leisten kann, doch werde ich mich daf\u00fcr nicht sch\u00e4men, denn meine Arbeitskraft ist oft genug &#8222;ganz kostenlos&#8220; in <a href=\"https:\/\/www.betterplace.org\/de\/projects\/16145-formulare-verstehbar-machen-ein-ubersetzungsprojekt\/news\">sinnvolle, der Gesellschaft dienende Felder<\/a> geflossen. <\/p>\n<p>Kurzum: Ich bereue keine Sekunde, kein anderes, zwar langweiligeres aber gesichertes und besser verdienendes Leben gef\u00fchrt zu haben. Aber allen, die das glorifizieren und bereitwillig als f\u00fcr alle w\u00fcnschenswert betrachten, m\u00f6chte ich doch sagen: <strong>Es hat seinen Preis!<\/strong> Die Begeisterung f\u00fcr immer wieder Neues l\u00e4sst irgendwann nach, man m\u00f6chte sich dann mehr konzentrieren, entschleunigen, mehr die eigene Lebenserfahrung kondensieren und vermitteln als am Fortgang der Wachstumsmaschine kreativ mitzuwirken, sei es auch noch so selbstbestimmt. Doch dem sind dann Grenzen gesetzt, denn solche Bed\u00fcrfnisse kollidieren mit eben jenem Mantra, das die totale Arbeit kennzeichnet: <\/p>\n<p>Keine Zeit! <\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Auch lesenswert:<\/p>\n<p> <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/karriere\/beruf\/2014-07\/gastbeitrag-arbeit-sinn\">Sinn der Arbeit: Ich arbeite, also bin ich &#8211; Patrick Sp\u00e4t;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/ausbeutung-2-0-die-coole-schinderei-der-zukunft-13027996.html\">Ausbeutung 2.0 Die coole Schinderei der Zukunft &#8211;  Dietmar Dath;<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Artikel \u00fcber zuwenige weibliche Gr\u00fcnderinnen und StartUps auf t3n geht es am Ende um die Arbeitsbelastung, die eine Familiengr\u00fcndung kaum zulasse. Der Schlusssatz lautet: Clue-Gr\u00fcnderin Tin kann als Gegenbeispiel herhalten. 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