{"id":150,"date":"2008-03-28T11:23:04","date_gmt":"2008-03-28T09:23:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/03\/28\/fisch-mit-zitrone-und-glueck-allein\/"},"modified":"2008-08-24T11:39:28","modified_gmt":"2008-08-24T09:39:28","slug":"fisch-mit-zitrone-und-glueck-allein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/03\/28\/fisch-mit-zitrone-und-glueck-allein\/","title":{"rendered":"Fisch mit Zitrone und Gl\u00fcck allein"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoPlainText\">Als ich vor fast sechs Wochen in Phnom Penh ankam, g\u00f6nnte ich mir erst mal ein paar ruhige Tage, um mich an all das Neue zu gew\u00f6hnen. Dass das nach der R\u00fcckkehr genauso n\u00f6tig sein w\u00fcrde, h\u00e4tte ich gar nicht erwartet: schlie\u00dflich ist es ein Heimkommen zum Altbekannten, zum Gewohnten und Vertrauten. Und doch f\u00fchlt es sich nicht weniger spektakul\u00e4r an wie der Wechsel ins Fremde, wobei die &#8222;Akklimatisierung&#8220; vom Groben zum Feinen vonstatten geht. Am drastischsten beeindruckt die physische Umwelt, die winterliche K\u00e4lte, die ich noch niemals als so angenehm erlebte: Kalte, klare Luft streichelt das Gesicht, der K\u00f6rper f\u00fchlt sich leicht, fast schwebend, denn er muss nicht mehr schwitzen, um seine  Innentemperatur gegen die Hitze zu verteidigen. Erst jetzt merke ich, wie gro\u00df die physische Sehnsucht nach Abk\u00fchlung war!<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\"><strong>Kulinarische Abenteuer <\/strong><\/p>\n<p>Das n\u00e4chste ist das Essen, das eine tiefe Zufriedenheit ausl\u00f6st: Keine Irritationen durch exotische Khmer- und Thai-Gew\u00fcrze mehr, von denen ich einige definitiv nicht mochte. Das ist allerdings nur der Gipfel des Eisbergs, mehr als gelegentliche Geschmacksschocks durch &#8222;Banana-Flower&#8220; oder Koriander bedeutet es einen subtilen Stress, dass definitiv gar nichts von all den vielen gesunden und durchaus wohl schmeckenden Gerichten die &#8222;Geschmackserwartung&#8220; wirklich befriedigt &#8211; auch dann nicht, wenn ich, wie gegen Ende des Urlaubs, immer \u00f6fter europ\u00e4ische und internationale K\u00fcche bevorzugte. Schon zwei Spiegeleier bescheren ja ein gewisses Frusterlebnis, wenn sie ganz ohne Salz und Pfeffer serviert werden, und zig Varianten von Fisch und Sea-Food, auf die ich wirklich stehe, erscheinen unvollkommen, wenn es keine Zitrone dazu gibt. Pizza ohne grundlegenden Tomatenbelag und Pasta aus d\u00fcnnen asiatischen Nudeln wirken nicht wirklich &#8222;stimmig&#8220;, genau wie das immerhin vorhandene, aus der franz\u00f6sischen Tradition \u00fcbernommene Baguette nie und nimmer die &#8222;richtige&#8220; Konsistenz in Teig und Kruste aufweist.<!--more--><\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich so stockkonservativ bin, was das Essen angeht, sondern pflegte ein Selbstbild der Aufgeschlossenheit gegen\u00fcber allen m\u00f6glichen fremden K\u00fcchen. Dass das durchweg europ\u00e4ische bzw. europ\u00e4isierte K\u00fcchen sind, war mir gar nicht so bewusst, doch beim Inder in Berlin schmeckt es eben deutlich anders als beim Inder in Phnom Penh.  ALLES schmeckt anders, egal, was es ist. Und nat\u00fcrlich hab&#8216; ich das lange sehr genossen, mit Freude vieles ausprobiert und manches neue &#8222;Lieblingsgericht&#8220; entdeckt (z.B. Nudelsuppe). Dass es bei allem Spa\u00df an kulinarischen Abenteuern auf Dauer doch anstrengt, s\u00e4mtliche vertrauten Geschmackserlebnisse zu entbehren, merke ich erst jetzt nach der Heimkehr: mein morgendlicher Milchkaffe aus der Espressokanne macht mich richtig gl\u00fccklich! Ich brate Tiefk\u00fchlfisch ohne Gr\u00e4ten und geize nicht mit Zitrone, gehe t\u00e4glich zum  B\u00e4cker und freue mich \u00fcber Brezeln und Mehrkornbr\u00f6tchen, bereite mir gr\u00fcne Salate mit genau dem Dressing, das ich mag und merke, wie sich jede einzelne Geschmacksknospe auf der Zunge \u00fcbers Wiederschmecken freut!<\/p>\n<p><strong>Allein <\/strong><\/p>\n<p>Eine dritte drastische Ver\u00e4nderung &#8222;im Groben&#8220; ist die Heimkehr ins Alleinsein. Fast sechs Wochen war ich ununterbrochen mit meinem liebsten Gef\u00e4hrten zusammen, phasenweise sogar im selben Zimmer. Jeden Tag und jede der vier Reisen durchs Land erlebte ich mindestens zu zweit, oft waren wir auch zu dritt und zu viert. Es ging sehr gut und gab keinerlei Urlaubszoff, doch in der letzten Woche sp\u00fcrte ich die zunehmende Sehnsucht nach meiner heimischen &#8222;Einsiedelei&#8220;:  einfach nur da sein, ohne dass jemand meinen Gesichtsausdruck interpretiert, frei verf\u00fcgbare Zeit ohne jede Abstimmung und Verabredung mit anderen. So, wie ich jetzt wieder vor dem PC sitze: allein und doch virtuell mit allem verbunden, jeden Moment frei, etwas ganz Anderes zu tun als ich es eben noch vor hatte, ohne dass ich das irgendwie erl\u00e4utern und vermitteln m\u00fcsste &#8211; nach sechs Wochen &#8222;in Kontakt&#8220; genie\u00dfe ich den mir eigentlich vertrauten Normalzustand wie ein neu erobertes Paradies. Wie anders ist das doch als noch mit 25, wo ich es kaum allein zuhause aushielt, sondern immer bei Freunden und Geliebten herum hing oder selbst Besuch hatte!<\/p>\n<p>Nun bin ich schon den vierten Tag alleine und kann mich langsam wieder auf die lieben Mitmenschen freuen, die ich morgen und \u00fcbermorgen sehen werde. (Wie machen das nur all die vielen &#8222;Zusammen-Wohner&#8220; ?) Anders als noch vor der Reise ist mir allerdings bewusst, wie privilegiert dieses Leben in einem gro\u00dfen, individuell gestaltbaren Freiraum ist, in dem der Andere ein &#8222;besonderes Ereignis&#8220; ist und keine st\u00e4ndige Notwendigkeit. Schon meine 72 Quadratmeter pers\u00f6nlicher Wohn- und Arbeitsraum sind ein riesiger Luxus:  auf dieser Fl\u00e4che w\u00fcrden in Kambodscha und Vietnam locker mehrere Familien leben, wenn sie nicht gerade zu den Reichen geh\u00f6ren, die es nat\u00fcrlich auch gibt.<\/p>\n<p>Ich muss daf\u00fcr zum Gl\u00fcck nicht reich sein und wenn ich krank bin oder einen Unfall habe, zahlt die Kasse den Arzt. Wogegen man in Kambodscha sogar im Krankenhaus einfach stirbt, wenn man keine zahlungsf\u00e4hige, bzw. verschuldungsbereite Familie hat, die f\u00fcr die Behandlung gerade steht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich vor fast sechs Wochen in Phnom Penh ankam, g\u00f6nnte ich mir erst mal ein paar ruhige Tage, um mich an all das Neue zu gew\u00f6hnen. Dass das nach der R\u00fcckkehr genauso n\u00f6tig sein w\u00fcrde, h\u00e4tte ich gar nicht erwartet: schlie\u00dflich ist es ein Heimkommen zum Altbekannten, zum Gewohnten und Vertrauten. 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