{"id":1464,"date":"2014-06-03T12:17:20","date_gmt":"2014-06-03T11:17:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1464"},"modified":"2017-12-13T10:40:22","modified_gmt":"2017-12-13T09:40:22","slug":"sich-selbst-ermutigen-anderen-mut-machen-wie-geht-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/06\/03\/sich-selbst-ermutigen-anderen-mut-machen-wie-geht-das\/","title":{"rendered":"Sich selbst ermutigen, anderen Mut machen &#8211; wie geht das?"},"content":{"rendered":"<p>Johannes vom Jazzlouge-Blog ruft zur <a href=\"http:\/\/www.jazzblog.de\/jazzlounge\/2014\/05\/mitmachen-mutmachparade\/\">Mutmachparade<\/a> auf. Er m\u00f6chte diesen Zeiten, <em>&#8222;die von Aussitzerei und frucht- wie endlosen Diskursen gepr\u00e4gt sind, aber zupackendes Handeln zur Ausnahmeerscheinung verkommen lassen&#8220;<\/em> etwas Positives entgegen setzen und fragt: <\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Wie sprecht ihr euch selbst Mut zu, wie ermutigt ihr andere? Was sind Erlebnisse, in denen ihr euch ein Herz gefasst habt und eigene Grenzen \u00fcberwunden oder anderen bei der \u00dcberwindung ihrer Grenzen geholfen habt? Wie weit seid ihr dabei gegangen und wie ist es euch damit ergangen?&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Spontan hatte ich einen Beitrag zugesagt, doch immer wenn ich dar\u00fcber nachdachte, was mein Thema sein k\u00f6nnte, schreckte ich zur\u00fcck. Ein mulmiges Gef\u00fchl beschleicht mich, wenn es darum gehen soll, eigenes Handeln zu r\u00fchmen, es gar als &#8222;mutig&#8220; zu bezeichnen. Selbstkritik w\u00e4re ja so viel einfacher!<\/p>\n<p>Dabei hat es durchaus &#8222;mutige Momente&#8220; in meinem Leben gegeben. Ein Haus besetzt, auf den Balkon getreten und das Transparent ausgerollt, w\u00e4hrend die Mannschaftswagen mit Polizisten in &#8222;Kampfmontur&#8220; eintrafen. Das Jura-Studium &#8222;mit allen Scheinen&#8220; abgebrochen und nach Berlin gezogen, ohne Plan. Vor 500 Leuten eine Rede gehalten, obwohl ich noch aufs m\u00fcndliche Abi aus Pr\u00fcfungsangst verzichtet hatte. Eine gute Stelle im quasi-\u00f6ffentlichen Dienst aufgegeben, als ich Mitte der 90ger Internet entdeckt hatte und mir nichts wichtiger war als dieses &#8222;Neuland&#8220; zu erkunden. <\/p>\n<p>Genug!!!!!!!!!! Noch immer empfinde ich eine unzeitgem\u00e4\u00dfe Scham, wenn ich derlei Highlights eines selbst bestimmten Lebens erw\u00e4hne. Aber egal, es soll ja um das &#8222;wie&#8220; gehen und nicht ums &#8222;was&#8220;: Wie hab&#8216; ich mir also Mut gemacht, wenn es denn sein musste?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie geistige Grundlage, die Erlaubnis f\u00fcr eigenst\u00e4ndiges Handeln, das auch mal aneckt und den Rahmen des \u00dcblichen bzw. Erwarteten sprengt, hat mir meine Mutter mit auf den Weg gegeben. <em>&#8222;Kind, k\u00fcmmer&#8216; dich nicht darum, was andere sagen, sondern mach&#8216;, was du f\u00fcr richtig h\u00e4ltst!&#8220;. <\/em> So eher beil\u00e4ufig ermuntert, traute ich mich, gegen den Vater zu rebellieren und eigene Entscheidungen zu treffen, obwohl ich sah, dass sie nicht immer in der Lage war, diesen Rat f\u00fcr sich selbst umzusetzen. <\/p>\n<h2>Was droht?<\/h2>\n<p>In vielen Entscheidungssituationen hat mir dann auch meine Erfahrung mit dem Schachspiel geholfen. Drei Jahre hatte ich recht engagiert in einem Verein gespielt bis ich eines Tages sp\u00fcrte, dass &#8222;tote Holzfiguren schieben&#8220; mich nicht mehr erf\u00fcllte. Geblieben ist mir eine hilfreiche Denkweise, &#8222;wenn&#8217;s drauf ankommt&#8220;: <\/p>\n<blockquote><p>\u00dcberlege, was droht &#8211; und dann nimm die schlimmste M\u00f6glichkeit als gegeben an und akzeptiere sie!<\/p><\/blockquote>\n<p>Beispiele?  <\/p>\n<ul>\n<li><em>Wenn ich ihm jetzt sage, was ich denke, k\u00f6nnte er mich verlassen.<\/em> Ok, dann bin ich eben wieder alleine und werde nicht dran sterben!<\/li>\n<li><em>Wenn ich mich jetzt beim Reden verhaspele und den roten Faden verliere, werden alle \u00fcber mich lachen.<\/em> Na und? Ich lache mit und sage am besten gleich, dass mir &#8222;reden vor Leuten&#8220; Angst einjagt.<\/li>\n<li><em>Wenn ich jetzt k\u00fcndige, finde ich vielleicht nie wieder so einen angenehmen Job. Wom\u00f6glich muss ich Sozialhilfe beantragen&#8230; <\/em> Und? Ist das denn so schlimm? Schlie\u00dflich kenne ich Menschen, die so leben und nicht etwa Tr\u00fcbsal blasen!<\/li>\n<li><em>Wenn ich mich weigere, dieses nervige Klicki-Bunti in eine Webseite einzubauen, werde ich den Auftrag verlieren.<\/em> Na und? Verhungern werde ich deshalb nicht und vorzeigen mag&#8216; ich so eine Seite sowieso nicht!<\/li>\n<li><em>Wenn ich jetzt dieses Projekt starte, k\u00f6nnte es scheitern. Vielleicht interessiert es niemanden, vielleicht verliere ich selber nach der Startphase die Freude an der Sache.<\/em> Ja, kann sein, aber w\u00e4re das wirklich so schlimm? Was habe ich konkret zu verlieren &#8211; im Vergleich zu &#8222;gar nicht erst starten&#8220;?\n <\/ul>\n<p>Im Vorausdenken der schlechtesten M\u00f6glichkeit und ihrem Annehmen mache ich mich immun gegen weiteres Gr\u00fcbeln, Bedenken tragen, \u00c4ngste schieben. Das Thema ist dann innerlich abgehakt und ich kann entsprechend handeln. <\/p>\n<h2>Atmen!<\/h2>\n<p>Das zweite &#8222;Werkzeug&#8220; zur Selbstermunterung ist kein Denken, sondern ein konkretes Verhalten in brisanten Situationen. Durch meine Yoga-Erfahrung wei\u00df ich, dass alle \u00c4ngste und Emotionen eine k\u00f6rperliche Basis haben: Verspannungen aller Art im Bauch, im Solar-Plexus-Bereich, in Schultern und Nacken haben ihre physische Entsprechung. (Es ist z.B. UNM\u00d6GLICH, einen Wutanfall zu bekommen, ohne den Bauch zu verspannen). Wenn also meine Entscheidungsfindung (s.o.) gelaufen ist, <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/entspann.htm\">entspanne<\/a> ich mich, konzentriere mich auf den Atem, mache den Kopf leer &#8211; und aus dieser entspannten Leere heraus geschieht dann das Handeln. Nicht als &#8222;kopfloses Handeln&#8220;, wie man jetzt denken k\u00f6nnte, sondern als konzentriertes Tun, zu dem auch Gedanken geh\u00f6ren m\u00f6gen, aber eben nur jene, die f\u00fcr die Umsetzung erforderlich sind &#8211; nicht alle m\u00f6glichen Zweifel und Bedenken, die in diesem Moment nur verunsichern w\u00fcrden. <\/p>\n<h2>Anderen Mut machen<\/h2>\n<p><em>&#8222;Tschakka, du schaffst es!&#8220;<\/em> &#8211; diese Art der Ermunterung ist schon vielfach auf die humorige Schippe genommen worden. Zu Recht, denn Menschen mit Selbstzweifeln werden so h\u00f6chstens auf alleroberfl\u00e4chlichste Art kurzzeitig ermuntert. Sobald der Coach bzw. die tragende Gruppe weg ist, wird der Effekt nachlassen, wom\u00f6glich entsteht sogar eine kontraproduktive Abh\u00e4ngigkeit vom Ermunterungs-Guru, wer immer das gerade sein mag. <\/p>\n<p>Auch das sehr pers\u00f6nliche &#8222;Du schaffst das schon, ich glaub an dich&#8220; von Seiten des Lebensgef\u00e4hrten oder guter Freunde kann den Druck, den jemand f\u00fchlt, eher noch verst\u00e4rken. Was, wenn man den Erwartungen dieser N\u00e4chsten nicht entspricht? Zur Angst vor dem Wagnis kommt so noch die Sorge um die Reputation bei den Allerliebsten hinzu &#8211; nicht bei allen, aber bei manchen Menschen, denen es nicht leicht f\u00e4llt &#8222;an sich zu glauben&#8220;. Schon gar nicht, wenn es sich um Aufbr\u00fcche handelt, die ins bisher Unbekannte, noch nicht Erlebte f\u00fchren. Das bisher bekannte &#8222;Ich&#8220; ist ja genau dieses &#8222;Ich&#8220;, das \u00c4ngste schiebt und Zweifel sp\u00fcrt. Ratschl\u00e4ge, doch einfach darauf zu vertrauen, k\u00f6nnen geradezu zynisch klingen. <\/p>\n<p>Was also dann? Nat\u00fcrlich kenne ich kein Rezept, das bei allen Menschen &#8222;ermunternd&#8220; wirkt. Schon das Wort &#8222;Rezept&#8220; f\u00fchrt auf die falsche F\u00e4hrte, denn der eigene Wille, jemandem nun unbedingt &#8222;Mut machen&#8220; zu wollen, kann dem Erfolg im Wege stehen. Sobald ich n\u00e4mlich meine, genau zu wissen, was f\u00fcr den Anderen gut ist und mich anstrenge, ihn oder sie zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, diene ich nicht der Selbstfindung und Selbsterm\u00e4chtigung des Gegen\u00fcbers, sondern bin am manipulieren. Selbst wenn das richtig gut gemeint ist, entsteht so allenfalls Gehorsam, aber nicht eigener Mut zum Wagnis. Und wenn es dann schief geht, bin ich wom\u00f6glich sogar &#8222;schuld&#8220;, weil die Entscheidung nicht wirklich eine eigene war. <\/p>\n<p>Auf wirksame Formen der &#8222;Ermunterung&#8220; bin ich aus Langeweile am Smalltalk gekommen. Situationen, aus denen ich mich nicht entfernen kann oder mag, wo man sich zu zweit, zu dritt oder als kleine (!) Gruppe gespr\u00e4chsweise zusammen findet &#8211; am Rande einer Party, beim Besuch von Freunden von Freunden, nach einem Meeting &#8211; wo auch immer.  Es liegt nichts Konkretes mehr an und man ist  dabei, Oberfl\u00e4chlichkeiten auszutauschen: Meinungen, Infos des Tages, Urlaubspl\u00e4ne, Scherze, Konsumthemen &#8211;  nach einiger Zeit \u00f6det mich das derma\u00dfen an, dass es fast schmerzt. <\/p>\n<h2>Zuwenden, zuh\u00f6ren, nachfragen<\/h2>\n<p>Wenn ich mich dennoch nicht entferne, bleibt nur die M\u00f6glichkeit, das Gespr\u00e4ch interessanter zu gestalten. Also hake ich bei irgend einer Bemerkung ein und frage nach, zur Not auch in der banalen Form von <em>&#8222;und was machst du sonst so?&#8220;<\/em><br \/>\nDer Ton der Antwort l\u00e4sst mich wissen, ob das Gegen\u00fcber mit dem Erw\u00e4hnten im Reinen ist oder nicht. Wenn nicht, frage ich weiter nach, frage, wie es ihr damit ergeht, was ihn daran st\u00f6rt oder zweifeln l\u00e4sst. Eigentlich frage ich <strong>&#8222;wer bist du?&#8220;<\/strong> und der Andere sp\u00fcrt dieses gelassen (!) vorgetragene Interesse an seinem wahren Ich.<\/p>\n<p>Gelassenheit beim Fragen ist wichtig, denn nur so f\u00fchlt sich das Gegen\u00fcber nicht &#8222;ausgefragt&#8220; und frei, zu antworten oder auch nicht, bzw. auf der Smalltalk-Ebene zu bleiben. Die meisten Menschen nehmen dann nach kurzem Z\u00f6gern die Gelegenheit wahr, von sich zu sprechen. Denn im Grunde wollen wir ja alle Aufmerksamkeit, warum also das Geschenk nicht nutzen? <\/p>\n<p>So kommen ganz beil\u00e4ufig ziemlich tief gehende Gespr\u00e4che zustande. Mein Fragen und aufmerksames Zuh\u00f6ren (!) ist dann der Spiegel, in dem sich die Person besser sehen kann als zuvor. Wer gespr\u00e4chsweise dazu ermuntert wird, die eigenen M\u00f6glichkeiten, Zweifel, Bedenken und Hoffnungen in Worte zu fassen, kommt dadurch zu mehr Klarheit \u00fcber sich selbst. Und Klarheit \u00fcber das eigene wahre W\u00fcnschen und Wollen ist eine gute Voraussetzung f\u00fcr den Mut zum Handeln. <\/p>\n<p>Den kann ich dann noch mit den eigenen Mut-mach-Rezepten verst\u00e4rken, indem ich mit &#8222;was droht?&#8220; und &#8222;was w\u00e4re dann?&#8220; das Wagnis auf \u00fcberschaubare Dimensionen schrumpfe, dabei aber jegliche \u00dcbergriffigkeit (&#8222;du solltest&#8230;&#8220;) vermeide. <\/p>\n<p>Wie weit dieser sanfte Einfluss mittels gerichteter Aufmerksamkeit reicht, kann ich  nicht immer sagen. Manchmal bekomme ich sp\u00e4ter mit, dass es offensichtlich geholfen hat, dass anstehende Entscheidungen im Sinne der in unserem Gespr\u00e4ch erkundeten &#8222;wahren W\u00fcnsche&#8220; getroffen wurden. Dann freue ich mich, klar! F\u00fcr mich ist es aber auch schon ein Erfolg, wenn ich jemandem dazu verhelfe, hier und jetzt sich selbst besser zu sehen. Das ist 1000 mal spannender als jeder Smalltalk dieser Welt, ist das Gegenteil von &#8222;Zeit tot schlagen&#8220;. Eine Win-Win-Situation im besten Sinne.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Andere <a href=\"http:\/\/www.jazzblog.de\/jazzlounge\/2014\/05\/mitmachen-mutmachparade\/\">Beitr\u00e4ge zur Mutmach-Parade<\/a> findet Ihr unter dem Initial-Artikel auf der Jazzlouge aufgelistet. <\/p>\n<p>Das Hashtag zur Parade lautet <strong>#mutmachparade<\/strong>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes vom Jazzlouge-Blog ruft zur Mutmachparade auf. Er m\u00f6chte diesen Zeiten, &#8222;die von Aussitzerei und frucht- wie endlosen Diskursen gepr\u00e4gt sind, aber zupackendes Handeln zur Ausnahmeerscheinung verkommen lassen&#8220; etwas Positives entgegen setzen und fragt: &#8222;Wie sprecht ihr euch selbst Mut zu, wie ermutigt ihr andere? 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