{"id":1451,"date":"2014-05-12T10:14:47","date_gmt":"2014-05-12T09:14:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1451"},"modified":"2014-05-13T07:39:59","modified_gmt":"2014-05-13T06:39:59","slug":"warum-wir-nicht-auf-die-strasse-gehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/05\/12\/warum-wir-nicht-auf-die-strasse-gehen\/","title":{"rendered":"Warum wir nicht auf die Stra\u00dfe gehen"},"content":{"rendered":"<p>Zuerst sei gesagt, dass mir das &#8222;auf die Stra\u00dfe gehen&#8220; <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/09\/08\/demo-freiheit-statt-angst-endlich-mal-mehr-leute-aber-lange-nicht-genug\/\">nicht fremd<\/a> ist, zumindest nicht im DEMO-Format. Ich geh\u00f6re einer Generation an, die ihre weltverbessernden Forderungen auf vielerlei Demonstrationen zu Geh\u00f6r gebracht hat &#8211; und durchaus mit Erfolg. Das war allerdings noch eine ziemlich andere Welt, in der solche m\u00f6glichst &#8222;massenhaften&#8220; Treffen Gleichgesinnter unter freiem Himmel DAS probate Mittel zur Verst\u00e4rkung politischer Anliegen war. Transparente, Flugbl\u00e4tter (!) und Megaphone waren die Tools der Wahl, die eigene Meinung lautstark zu vertreten &#8211; es gab ja kaum andere M\u00f6glichkeiten, die uns zur Verf\u00fcgung gestanden h\u00e4tten.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nUnd heute? Immer noch wird viel demonstriert, jedes Wochenende finden in Berlin bis zu zehn Demos statt. Allerdings sind das oft eher kleine Zusammenk\u00fcnfte weniger hundert, im besten Fall weniger tausend Menschen, die kaum Aufmerksamkeit \u00fcber ihre jeweiligen Mitstreiterkreise hinaus generieren. Und bei Gro\u00dfthemen wie etwa dem schwer angesagten Kampf gegen die totale \u00dcberwachung fragen sich viele: Warum passiert da so wenig? Warum wird nur geredet, gebloggt, getwittert, mal eine Petition gezeichnet, aber nichts GETAN, um dem Angriff auf die demokratische Gesellschaft entgegen zu treten?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/demoschilder.jpg\" alt=\"Demoschilder\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1165\" height=\"171\" width=\"460\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/demoschilder.jpg 460w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/demoschilder-300x111.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/p>\n<h2>&#8222;Ihr redet nur, tut aber nichts!&#8220;<\/h2>\n<p>Das ist der h\u00e4ufigst formulierte Vorwurf: Es wird viel geredet und publiziert, aber nicht GEHANDELT. Als &#8222;Handlung&#8220; gilt vielen offenbar nur ein Tun, das den K\u00f6rper einbezieht, diese Wetware aus Fleisch und Blut, die es durch die Stra\u00dfen zu bewegen gilt, um so zu &#8222;demonstrieren&#8220;, dass man etwas ernst meint. Aber mal ehrlich: ist dieser Anspruch nicht ein bisschen sehr 80ger? Ist es wirklich immer noch das einzig angemessene Verhalten, um Protest zum Ausdruck zu bringen? <\/p>\n<p>Die Abstimmung dar\u00fcber findet &#8211; ganz anspruchskonform &#8211; mit den F\u00fc\u00dfen statt. F\u00fc\u00dfe, die lieber unter dem Schreibtisch bleiben, anstatt sich auf stundenlangen Spazierg\u00e4ngen unter Polizeischutz wund zu laufen. In einer Kommunikationswelt, in der fortw\u00e4hrend &#8222;Worte Welt bewegen&#8220; und man beim &#8222;Agenda Setting&#8220; auch mal erfolgreich sein kann ohne einen Schritt vor die T\u00fcr zu machen, erscheint der leibhaftige &#8222;Gang auf die Stra\u00dfe&#8220; als \u00fcberfl\u00fcssiges Ritual, alten Zeiten geschuldet, als es noch nichts anderes gab. Was wollte und will man denn auf Demos TUN? Es ging doch immer darum, zu zeigen: Wir sind viele, wir sind DA, wir lassen uns nicht mundtot machen!<\/p>\n<p>Aber heute macht uns niemand mehr &#8222;mundtot&#8220;. Jede und jeder kann bloggen, eigene Medien erschaffen, gemeinsame Kampagnen-Seiten unterst\u00fctzen. Sogar massenhafte Reaktionen auf ein neues brisantes Hashtag bei Twitter oder eine hohe Zahl Mitzeichner bei Petitionen bekommen immer mal wieder Aufmerksamkeit, die weit \u00fcber den Wirkungsgrad einer Demo mit den &#8222;\u00fcblichen Verd\u00e4chtigen&#8220; hinaus geht. Alleine oder zusammen mit vielen anderen kann man sich direkt an Abgeordnete, Institutionen und Unternehmen wenden, deren Social-Media-Plattformen entern, massenhaft Mails schicken und offene Briefe schreiben, zu denen sie sich in Zeiten des Internets auch \u00e4u\u00dfern m\u00fcssen. Als etwa der Verdacht aufkam, dass eine neue Saatgutverordnung das freie Samentauschen der Gartenfreunde illegalisieren k\u00f6nnte, reagierte sogar die EU-Kommission binnen einer Woche mit einer &#8222;Klarstellung&#8220; &#8211; irgendwelche institutionellen Wege oder gar Demos hat es nicht gebraucht, weil der Wirbel im Web exorbitant und un\u00fcbersehbar war. <\/p>\n<h2>Noch mehr Gr\u00fcnde f\u00fcr die Demo-Abstinenz<\/h2>\n<p>Neben dem &#8222;l\u00e4hmenden&#8220; Gewicht der Vermutung, dass die Musik heute eher online als &#8222;auf der Stra\u00dfe&#8220; spielt, sehe ich weitere Gr\u00fcnde f\u00fcr die geringer gewordene Neigung zur gemeinsamen Massen-Demo:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Individualisierung:<\/strong>  Wo immer Artikel und Reden geschrieben werden, die ein &#8222;wir&#8220; im Titel tragen oder versuchen, ein solches zu beschw\u00f6ren, f\u00fchlen sich viele Menschen heute unzul\u00e4ssig vereinnahmt. Und nirgends ist die Chance so gro\u00df, zu erleben, wie anders die Anderen sind, als auf einer &#8222;Latsch-Demo&#8220;, wo man leibhaftig mit dem Mitmenschen konfrontiert ist. Eine Erfahrung, die sich nicht wenige lieber ersparen. Irgendwelche missliebigen Gruppen sind ja doch immer dabei, alles Gr\u00fcnde, lieber fern zu bleiben &#8211; nicht sch\u00f6n, aber wahr.  <\/li>\n<li><strong>Alter:<\/strong>  in der alternden Gesellschaft sind es vielfach nicht mehr die ganz Jungen, die sich einmischen und gegen oder f\u00fcr etwas aktiv werden. Erstens gibt es weniger junge Menschen und zweitens sind sie heute in Beruf und Ausbildung oft so eingespannt, dass sie gar nicht dazu kommen, sich umfangreich an Protesten zu beteiligen. So wird das Kernpublikum zwischen 20 und 35, denen Demos unter freiem Himmel neben dem politischen Zweck auch gro\u00dfen Spa\u00df machen, nat\u00fcrlicherweise kleiner. Mit zunehmenden Alter verliert sich jedoch die Freude an Massenveranstaltungen, genau wie die Kneipenbesuche seltener werden. <\/li>\n<li><strong>Mangelnde B\u00fcndnisf\u00e4higkeit:<\/strong> Das ist die institutionelle Variante der zuvor genannten &#8222;Individualisierung&#8220;. Um wirklich &#8222;Massen&#8220; auf die Stra\u00dfe zu bringen, braucht es breite B\u00fcndnisse, um die Mobilisierungskraft der einzelnen Gruppierungen zu b\u00fcndeln. Das aber erscheint mir immer weniger gewollt: Zum einen l\u00e4hmt die Tatsache, dass die SPD in der Regierung sitzt, deren Gliederungen und Partei-nahe Institutionen, sich zu beteiligen. Zum Anderen haben Parteien und andere Gro\u00dfstrukturen (Gewerkschaften, Kirchen, Verb\u00e4nde..) insgesamt Akzeptanz und Mitglieder verloren, so dass sie ungern durch kantige Positionierungen wom\u00f6glich noch Teile der eigenen Klientel verschrecken. Und auch in der nicht partei-gebundenen &#8222;Linken&#8220; sind sich die vielf\u00e4ltigen Gruppen nicht unbedingt gr\u00fcn, also macht jeder seins, wom\u00f6glich noch ganz kurzfristig. Kein Wunder, dass &#8222;Gro\u00dfdemos&#8220; so kaum mehr zustande kommen.  <\/li>\n<\/ul>\n<h2>Trotzalledem: demonstrieren!<\/h2>\n<p>Obwohl ich bzgl. des herk\u00f6mmlichen Demo-Formats eher pessimistisch gestimmt bin, beteilige ich mich gelegentlich an den Mobilisierungsanstrengungen, poste Demo-Aufrufe in meinem Berlin-Blog oder gehe &#8211; zugegeben recht selten &#8211; sogar selber hin <em>(f\u00fcr die erste Stunde, damit ich gez\u00e4hlt werde)<\/em>. Das werde ich auch weiter tun, doch glaube ich, dass die Zukunft eher anderen Protestformen geh\u00f6rt. Gerne h\u00e4tte ich eine Debatte dar\u00fcber, wie man diese effektiver und fantasievoller gestalten k\u00f6nnte, damit sie &#8211; obwohl online umgesetzt &#8211; nicht &#8222;nur virtuell&#8220; wirken, sondern tats\u00e4chlich. Ist ja nicht so, dass das noch nie geklappt h\u00e4tte!<\/p>\n<p><strong>Die Kernfrage dieses Artikels<\/strong> ist jedoch: Warum zum Teufel gilt es immer noch als &#8222;Handeln&#8220;, wenn ich meinen K\u00f6rper an Treffpunkt X bewege &#8211; nicht aber, wenn ich diesselbe Zeit oder sogar mehr Stunden der Verst\u00e4rkung von Protesten per Internet widme?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuerst sei gesagt, dass mir das &#8222;auf die Stra\u00dfe gehen&#8220; nicht fremd ist, zumindest nicht im DEMO-Format. Ich geh\u00f6re einer Generation an, die ihre weltverbessernden Forderungen auf vielerlei Demonstrationen zu Geh\u00f6r gebracht hat &#8211; und durchaus mit Erfolg. 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