{"id":1440,"date":"2014-05-03T10:32:28","date_gmt":"2014-05-03T09:32:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1440"},"modified":"2014-05-03T11:39:12","modified_gmt":"2014-05-03T10:39:12","slug":"ich-will-doch-nur-ein-besserer-mensch-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/05\/03\/ich-will-doch-nur-ein-besserer-mensch-sein\/","title":{"rendered":"Ich will doch nur ein besserer Mensch sein!"},"content":{"rendered":"<p>Gestern hab ich via Zattoo auf ZDFKultur den wundervollen Film  <a href=\"http:\/\/www.zwischenunsdasparadies.de\/\">&#8222;Zwischen uns das Paradies&#8220;<\/a> gesehen. Selten hat ein Filmtitel so gut gepasst! Bringt er doch das Dilemma auf den Punkt, um das es in der Filmhandlung vornehmlich geht: Ein junges Paar, das gerne ein Kind h\u00e4tte und bereits dabei ist, eine k\u00fcnstliche Befruchtung zu planen, dividiert sich binnen weniger Wochen auseinander, weil der Mann beginnt, mit Religion Ernst zu machen. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/luna-und-amar.jpg\" alt=\"luna-und-amar\" width=\"460\" height=\"308\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1442\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/luna-und-amar.jpg 460w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/luna-und-amar-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/p>\n<p>Als weltliche bosnische Muslime sind sie staatlich getraut und f\u00fchren ein \u00fcbliches &#8222;westliches&#8220; Leben. Nur dass Amar (der Mann) seit dem Krieg, in dem auch ihre Familie teils ermordet, teils vertrieben wurde, keinen neuen Job findet seit er wegen seiner Sauferei gefeuert wurde.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h2>Amars Seele wird gerettet<\/h2>\n<p>Gerne nimmt er deshalb das Angebot eines fr\u00fcheren Kampfgenossen an, in einer Art Feriencamp Kindern Computer-Unterricht zu geben. Dass dieser ihn in ungemein giftfreie Gastst\u00e4tten f\u00fchrt, wo er weder den gew\u00fcnschten doppelten Schnaps bekommt noch rauchen darf, f\u00e4llt ihm zwar unangenehm auf, aber was tut man nicht alles f\u00fcr einen guten Job! Andrerseits ist dieser Freund beeindruckend in seiner Zuwendung, seiner Lauterkeit, seiner Ersthaftigkeit &#8211; er hat etwas, das Amar schmerzlich vermisst in seiner desolaten Existenz. <\/p>\n<p>Obwohl seine Liebste (Luna) heftig protestiert, taucht Amar ins Leben der &#8222;Ernstgl\u00e4ubigen&#8220; ein. <em>&#8222;Ich wusste immer, dass da etwas ist&#8220;<\/em>, wird er sp\u00e4ter sagen, um seine pl\u00f6tzliche Ver\u00e4nderung zu erkl\u00e4ren, <em>&#8222;und jetzt habe ich es gefunden!&#8220;<\/em> Die wahabitische Gemeinde lebt nach den Regeln des Propheten, alle Frauen sind bis auf einen Augenschlitz voll verschleiert, M\u00e4nner und Frauen baden und beten getrennt. Handy-Empfang ist in dem entlegenen, inmitten der Natur gelegenen Camp nicht m\u00f6glich, wie Luna bei einem Besuch bemerkt. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/luna-im-camp.jpg\" alt=\"luna-im-camp\" width=\"460\" height=\"307\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1441\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/luna-im-camp.jpg 460w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/luna-im-camp-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/p>\n<p>Mit ihrem st\u00e4dtisch-modernen Outfit wirkt sie dort extrem exotisch und kollidiert hier und da mit den Vorschriften. Als sie auch noch mitbekommt, wie ein junges M\u00e4dchen als &#8222;Zweitfrau&#8220; islamisch geheiratet wird, tickt sie aus und verl\u00e4sst w\u00fctend Mann und Camp. ER soll nachhause kommen, SIE hat nicht vor, eine &#8222;gute muslimische Ehefrau&#8220; zu werden, die ihrem Mann gehorcht und ihren Lebenssinn darin sieht, f\u00fcr ihn und ihre Kinder da zu sein. <\/p>\n<h2>Der Sog des gottgef\u00e4lligen Lebens<\/h2>\n<p>Man k\u00f6nnte nun denken, gut und b\u00f6se seien hier klar verteilt, doch so einfach macht es der Film von Jasmila Zbanic den Zuschauenden nicht. Das Leben der &#8222;Weltlichen&#8220; in den Kneipen und Diskos wird in all seiner Rastlosigkeit und Leere gezeigt. Die Szenen in der Moschee lassen ahnen, wie sehr die Lehre vom reinen, gottgef\u00e4lligen Leben und die Liebe der Gemeinde das Herz ber\u00fchren und Amars Sinnsuche beantworten kann. Die gro\u00dfartig &#8222;gesungene&#8220; Koran-Rezitation erschafft einen sp\u00fcrbaren &#8222;Raum des Heiligen&#8220;, der auch weltliche Gem\u00fcter auf der Gef\u00fchlsebene erreicht.  <\/p>\n<p><em>&#8222;Es hat sich doch nichts ge\u00e4ndert&#8220;<\/em>, sagt Amar zu Luna, als er wieder einmal nachhause kommt. <em>&#8222;Ich will doch nur ein besserer Mensch sein!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/luna.jpg\" alt=\"Luna\" width=\"470\"  class=\"aligncenter size-full wp-image-1443\" style=\"width:460px\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/luna.jpg 470w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/luna-300x199.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 470px) 100vw, 470px\" \/><\/p>\n<p>Dieser bessere Mensch schl\u00e4ft nun nicht mehr mit seiner Frau, da sie ja (noch?) nicht islamisch getraut sind. Und morgens steht er vor ihr auf und rollt seinen Gebetsteppich aus. Zwischen den beiden liegen mittlerweile Welten, ein Br\u00fcckenschlag erscheint immer unm\u00f6glicher. <\/p>\n<h2>Zwischen uns das Paradies<\/h2>\n<p>Philosophisch bemerkenswert erschien mir die Jenseits-Orientiertheit der wahabitischen Gemeinde. Im Gegensatz zu ihrer Koran-konformen Lebensweise werden traditionelle muslimische Bosnier gezeigt, die zwar auch das Zuckerfest feiern und Allah anrufen, dabei aber fr\u00f6hlich geistigen Getr\u00e4nken zusprechen und singen und tanzen. Sie genie\u00dfen das Gl\u00fcck im Diesseits, w\u00e4hrend die &#8222;wahren Gl\u00e4ubigen&#8220; die Belohnung f\u00fcr ihren vielf\u00e4ltigen Verzicht auf weltliche Freuden im Paradies erwarten d\u00fcrfen: der Weg zu Gott ist steinig und schmal, wogegen die Stra\u00dfe in die H\u00f6lle mit Lust und Vergn\u00fcgen gepflastert ist, so beschreibt es der Imam. <\/p>\n<p>Damit wird deutlich, wie allzu schlicht die \u00fcblichen Diskussionen \u00fcber &#8222;den Islam&#8220; in der Regel gestrickt sind. Der Graben verl\u00e4uft nicht zwischen &#8222;dem Westen&#8220; und dem Islam, sondern zwischen Ernstgl\u00e4ubigen (die es ziemlich \u00e4hnlich in jeder Religion gibt) und den Weltlichen bzw. &#8222;Gem\u00e4\u00dfigten&#8220;. Die Vorschriften f\u00fcr das gottgef\u00e4llige Leben sind in pietistischen Gemeinden nicht weniger restriktiv: der Mensch in seiner S\u00fcndhaftigkeit soll gez\u00e4hmt werden mit dem Verweis auf ein Gl\u00fcck im Jenseits, das dann gr\u00f6\u00dfer sein wird als alles, was diese Welt zu bieten hat. <\/p>\n<p>Dieses &#8222;Rezept&#8220; zur Befriedung menschlicher Gier, Ignoranz und Ma\u00dflosigkeit nutzen viele religi\u00f6s motivierte Gruppierungen: islamische, christliche und auch buddistische. Mal ist das Paradies im Jenseits das Reich der Belohnung, mal die bessere Wiedergeburt oder die letztendliche Befreiung aus dem Samsara mit Eintritt ins Nirvana. Damit es gelingt, braucht es zwingend die Gemeinschaft, weil man nur so zusammen in diesem Leben &#8222;Ernst machen&#8220;, sich gegenseitig unterst\u00fctzen bzw. auf dem rechten Weg halten kann. Dass &#8222;das B\u00f6se&#8220; dabei oft nur unter den Teppich gekehrt wird und die jeweiligen Gemeinschaften zu rigiden Verbots- und Wohlverhaltens-Sekten sich gegenseitig \u00fcberwachender Rechtgl\u00e4ubiger werden, nimmt man in Kauf oder verleugnet einfach, dass dem so sei. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/glaeubige.jpg\" alt=\"glaeubige\" width=\"460\" height=\"307\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1445\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/glaeubige.jpg 460w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/glaeubige-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/p>\n<h2>&#8222;Gott sieht&#8217;s&#8220; wird geupdatet<\/h2>\n<p>Mit der Lebensweise moderner, in ganz anderer Weise nach Selbstoptimierung strebender Individuen (fit f\u00fcr den Markt!) sind solche Gemeinschaften tats\u00e4chlich nicht kompatibel. Dass &#8222;der Westen&#8220; so angestochen auf islamische &#8222;Rechtgl\u00e4ubige&#8220; reagiert, verdankt sich der Tatsache, dass &#8222;wir&#8220; kein wirklich funktionierendes Alternativkonzept haben. Der Zustand der vom weltlich-westlichen Lebensstil zunehmend dominierten Welt spricht ja B\u00e4nde. Auch der atheistische Humanismus hat niemals eine vergleichbare Wirkungsm\u00e4chtigkeit entwickelt, denn er kann keine ensprechende &#8222;Belohnung&#8220; f\u00fcr die Selbstbez\u00e4hmung in Aussicht stellen. Und er verliert in der Welt von <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/die-google-gefahr-zuboff-antwortet-doepfner-12916606.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">Big Data und Reality-Mining<\/a> genau wie die klassischen &#8222;gem\u00e4\u00dfigten&#8220; Religionen weiter an Boden: Die Innensteuerung des Individuums durch Gewissen und Werte (&#8222;Gott siehts!&#8220;) wird durch die Steuerung von Au\u00dfen per totaler \u00dcberwachung, Berechnung und Vorab-Verhinderung m\u00f6glichen Fehlverhaltens abgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Am Ende wird uns &#8222;die Maschine&#8220; bzw. das globale Betriebssystem auf dem rechten Weg halten. Leider  ohne eine M\u00f6glichkeit, noch mitzuentscheiden, was denn &#8222;Recht&#8220; und &#8222;Unrecht&#8220; ist. Denn dies wird das Gesch\u00e4ft der von irgendwem in Irgendwo zu Zwecken programmierten Algorithmen sein, weit au\u00dferhalb der Zugriffsm\u00f6glichkeiten unserer derzeit rasant veraltenden repr\u00e4sentativen Demokratie. <\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Tut mir leid, dass das so d\u00fcster ausgefallen ist &#8211; \u00fcber Widerspruch freue ich mich nat\u00fcrlich!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern hab ich via Zattoo auf ZDFKultur den wundervollen Film &#8222;Zwischen uns das Paradies&#8220; gesehen. Selten hat ein Filmtitel so gut gepasst! 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