{"id":1426,"date":"2003-12-22T08:19:06","date_gmt":"2003-12-22T07:19:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1426"},"modified":"2022-12-29T19:26:51","modified_gmt":"2022-12-29T18:26:51","slug":"wert-und-wertschaetzung-ueber-die-konsumkrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/12\/22\/wert-und-wertschaetzung-ueber-die-konsumkrise\/","title":{"rendered":"Wert und Wertsch\u00e4tzung &#8211; \u00fcber die Konsumkrise"},"content":{"rendered":"<p>Nun ist die Weihnachts-Einkaufsschlacht ja bald wieder vorbei. Wie ich h\u00f6re, versucht der Handel noch in letzter Minute, mit neuen Rabatten K\u00e4ufer zu locken, die immer noch in &#8222;Kaufzur\u00fcckhaltung&#8220; verharren. Schn\u00e4ppchen jagen ist lange Volkssport Nummer Eins geworden, und es hei\u00dft, Geiz sei geil. In den Talkshows sitzen Politiker und gr\u00fcbeln dar\u00fcber, was sie alles tun k\u00f6nnten, sollten oder m\u00fcssten, damit das &#8222;Sparen&#8220; als oberster Wert aus den K\u00f6pfen wieder verschwindet und die Wirtschaft endlich wiederbelebt w\u00fcrde. H\u00f6rt man ihnen zu, erscheint das Konsumieren leicht als patriotische Pflicht eines jeden, der noch ein Minimum an Verantwortung f\u00fcr diesen Staat empfindet und das soziale Netz erhalten sehen will.<\/p>\n<p>So kann man das betrachten, es ist allerdings eine rein \u00e4u\u00dferliche Sicht. Klar, die &#8222;unsicheren Verh\u00e4ltnisse&#8220; st\u00f6ren die Bereitschaft, gr\u00f6\u00dfere Anschaffungen zu machen oder gar auf Kredit zu kaufen. Doch warum jagen auch Leute nach Schn\u00e4ppchen, die das nicht n\u00f6tig haben? Warum kaufen Besserverdienende bei Lidl und Aldi ein? Warum geht alles nur noch mit immensen Rabatten? Rabatte, die, wie man sich denken kann, auf Preise einger\u00e4umt werden, die es so nie gegeben hat &#8211; und deshalb geht der Schuss nach hinten los: jedes Vertrauen darauf, dass ein gutes Produkt auch seinen guten Preis hat, dass dieser Preis etwas mit dem Wert des Erworbenen zu tun hat, geht zum Teufel.<\/p>\n<p>Ich bin keine &#8222;gute Konsumentin&#8220;. Wenn ich wenig Geld habe, und das ist die meiste Zeit so, dann kaufe ich lieber gar nichts, als dass ich lange nach etwas Billigem herumsuche. Noch immer stehen zwei Plastik-Gartenst\u00fchle hier herum, falls mal mehr Leute um den Tisch sitzen sollen. Das uralte Zweisitzersofa hat Risse im Bezugsstoff, es ist lange reif f\u00fcr den M\u00fcll. ABER: ich denk&#8216; nicht dran, mir ein billiges, unbequemes, h\u00e4ssliches und unsorgf\u00e4ltig zusammengeschustertes M\u00f6bel f\u00fcr 300 Euro zu kaufen, um es zu ersetzen. Ich wei\u00df genau, was ich f\u00fcr ein Sofa will, und das kostet mindestens 1000 Euro. Bisher jedenfalls &#8211; w\u00fcrde ich es morgen irgendwo rabattiert f\u00fcr &#8222;nur noch 600 Euro&#8220; sehen, w\u00e4re ich in meinem Kaufwunsch irritiert. Denn mein Wunschsofa IST wertvoll: ordentlich verarbeitet, gute Stoffe, gro\u00df und bequem, farblich harmonisch &#8211; wenn das auf einmal verramscht w\u00fcrde, muss ich mich fragen, ob es wirklich DAS ist, was ich meinte?<br \/>\nEin kleiner Prozentsatz der Gesellschaft ist immerhin bereit, Fleisch nur noch aus artgerechter Tierhaltung zu kaufen. Gut so! Aber warum ist es so weltfremd, beim Einkauf aller anderen Dinge auch auf die &#8222;artgerechte Menschenhaltung&#8220; zu achten? Jeder Billigpreis, jeder (echte) Rabatt mindert den Gewinn der Hersteller und Verteiler, manchmal bis dahin, dass nichts \u00fcbrig bleibt. Also &#8222;rationalisieren&#8220; sie mehr und mehr, nehmen billigere Materialien, mindern die Verarbeitungsqualit\u00e4t, ersetzen Menschen durch Maschinen und quetschen ihre Zulieferer bis aufs Blut aus. Damit entf\u00e4llt das Wertbewusstsein auf der Herstellungsebene: es macht keine Freude mehr, Dinge zu produzieren, die im Grunde schon M\u00fcll sind, bevor sie in die L\u00e4den kommen. Kreativit\u00e4t kann sich nicht mehr darin verwirklichen, sch\u00f6ne, gute, innovative Dinge herzustellen, sondern flie\u00dft in die Vermarktung und Verpackung, und eben ins Bem\u00fchen, immer schneller und billiger zu produzieren.<\/p>\n<h2>Die Liebe zum Gegenstand<\/h2>\n<p>Ein lieber Freund hat mir ein Regal geschenkt, das ich dringend brauchte. Ich durfte es selber aussuchen und w\u00e4hlte ein leichtes, helles Vollholzregal, einfach zusammen zu bauen. Ein schwedisches System (nicht Ikea!), das es seit 20 Jahren gibt, alles andere als billig. Beim Aufbauen bemerkte ich, dass das Regal nicht den &#8222;Sockel&#8220; hat, der noch in der Gebrauchsanweisung eingezeichnet war, sondern statt dessen lediglich auf den beiden L\u00e4ngsseiten Latten angeschraubt werden mussten. Meine Nachfrage beim Verk\u00e4ufer ergab: Eine &#8222;Sparma\u00dfnahme&#8220;, der komplette Sockel w\u00e4re zu teuer und so ginge es ja auch. Mich hat das gewundert: ICH als Kundin wollte und musste ja NICHT sparen! Ich war bereit, ein teureres und in meiner Anmutung auch rundum perfektes Regal zu kaufen. Gut, man sieht den Unterschied von au\u00dfen wirklich nicht. Auch die Standfestigkeit ist nicht gemindert, alles ok. Trotzdem w\u00e4re es mir lieber gewesen, wenn sich die Perfektion auch durchg\u00e4ngig auf die Bauweise erstreckt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Warum nur ist unsere Zeit so arm, sich das nicht mehr leisten zu wollen? Auch mein Vollholz-Sideboard hat leider innen furnierte Pressspanplatten als Einlegeb\u00f6den &#8211; man sieht sie nicht, klar, aber man SP\u00dcRT sie, wenn man das Ding mal verschiebt, gar tragen muss. Und man wei\u00df au\u00dferdem, was Pressspan so alles ausd\u00fcnstet. Die richtige Liebe zum Gegenstand will da einfach nicht mehr aufkommen.<\/p>\n<p>Die Liebe zum Gegenstand &#8211; ist sie vielleicht \u00fcberfl\u00fcssig? Ein unmodernes Festhalten an traditionellen Erwartungen und Gepflogenheiten? Nicht das Besitzen und Benutzen soll offensichtlich im Vordergrund des Umgangs mit den Dingen stehen, sondern das Kaufen im Sinne des Erjagens. Und der Besitz ist dann nur noch &#8222;Bedeutung&#8220;: eine &#8222;Marke&#8220; bringt Status, man zeigt, was man sich leisten kann. Wenn die Mode dann wieder wechselt, ab auf den M\u00fcll, das N\u00e4chste bitte! Dass dieser letztlich lustarme Prozess in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ins Stocken ger\u00e4t, wundert nicht. Ich bedauere das auch nicht, obwohl mir alle leid tun, die sich verunsichert f\u00fchlen, um ihren Arbeitsplatz bangen oder ihn bereits verloren haben.<\/p>\n<p>Vielleicht \u00e4ndert sich ja etwas, indem diese Gesellschaft altert. Zwar besteht die Werbewirtschaft in ihrem Jugendwahn darauf, nur die 14 &#8211; 49-J\u00e4hrigen als Zielgruppe ins Auge zu fassen, aber damit gr\u00e4bt sie sich auf Dauer ihr eigenes Grab. Es gibt nun mal immer mehr \u00c4ltere und sie haben vergleichsweise viel Geld! \u00c4ltere Menschen sind allerdings st\u00e4rker individualisiert, lassen sich weniger durch Mode und Meinung beeinflussen, wissen einfach schon genauer, was ihnen gut tut. Zum Beispiel ein Radiorecorder-CD-Player mit 50 Bedienelementen und einer 50-seitigen Gebrauchsanleitung tut nicht gut: das Teil kostet einfach zuviel Konzentration auf Technik und frisst kostbare Lebenszeit. Mein Ger\u00e4t hat genau 15 Kn\u00f6pfe und Tasten &#8211; wobei man mit DENSELBEN Kn\u00f6pfen sowohl den Recorder, den Player, als auch das Radio steuern kann. Eine Anleitung gibt&#8217;s auch, aber die hab ich bisher nicht gebraucht. Genial!<\/p>\n<h2>Wert und Sinnlichkeit<\/h2>\n<p>&#8222;Man g\u00f6nnt sich ja sonst nichts&#8220;, &#8222;weil ich es mir wert bin&#8220; &#8211; mit solchen Spr\u00fcchen wird geworben, aber niemand nimmt das ernst. Allenfalls ist ein \u00e4u\u00dferes Statusdenken gemeint: Ja, ich leiste mir das, ich geh\u00f6re dazu! Wirkliche Wertsch\u00e4tzung ben\u00f6tigt zu ihrer Entstehung bewusste Sinnlichkeit: Farbe, Form, Verarbeitung, Bedienbarkeit, Material &#8211; all das macht etwas mit mir, wirkt auf mich, wenn ich mit einem Ding umgehe. Es sind Qualit\u00e4ten, die ich ERF\u00dcHLEN muss, nicht blo\u00dfe Quantit\u00e4ten, um die ich nur wissen kann. Wer die Dinge so erf\u00fchlt, ist Eigent\u00fcmer, Besitzer, Benutzer, wer diese Aufmerksamkeit nicht aufbringen will, ist allenfalls Verbraucher. Ein wirklich passendes Wort, nur seltsam, dass kaum jemand den beleidigenden Gehalt wahrnimmt &#8211; es ist das gleiche &#8222;Ver-&#8220; wie in &#8222;Verachtung&#8220;.<\/p>\n<p>Der sinnlich-bewusste Umgang mit den Gegenst\u00e4nden ist ein Akt der Selbstachtung und Selbstliebe. Doch das Selbst, das hier &#8222;Beachtung&#8220; erf\u00e4hrt, ist nicht das denkende und rechnende &#8222;Ich&#8220;, sondern das Ganze, das ich wahrnehme, wenn ich mit einem Ding umgehe. Meine physischen Empfindungen und psychischen Reaktionen auf seine gegenst\u00e4ndlichen Qualit\u00e4ten geh\u00f6ren dazu, aber genauso auch die Bedingungen, unter denen es hergestellt wird. Es st\u00f6rt meinen Genuss, wenn die Menschen, die es produzieren und vermarkten, dabei auf unergonomischen Billigst\u00fchlen sitzen m\u00fcssen, nur einen Hungerlohn bekommen und keine Zeit haben, um es wirklich gut zu machen. Auf (echtem) Rabatt zu bestehen hei\u00dft im Klartext: Ich g\u00f6nne dir deinen Lohn nicht; du sollst dich krumm legen und darben, um mir m\u00f6glichst billig, am liebsten ganz umsonst das Optimale zu bieten! Mit Wertsch\u00e4tzung geht das nicht zusammen, denn das &#8222;Selbst&#8220; ist nicht teilbar: die Ebene, auf der ich Qualit\u00e4t wahrnehme, verbindet mich mit allen anderen Menschen. Wenn ich ihnen ihren Verdienst streitig mache, hat das tief in mir immer eine Entsprechung, die da hei\u00dft: Ich verdiene es nicht! Es wird mir nicht wirklich geh\u00f6ren, denn ich habe es nicht angemessen bezahlt. Allenfalls kann ich es &#8222;als Beute&#8220; wahrnehmen und allen erz\u00e4hlen, wie trickreich ich es erworben habe. Genie\u00dfen ist das nicht &#8211; und Schn\u00e4ppchenj\u00e4ger-Gespr\u00e4che werden schnell langweilig.<\/p>\n<p>So gesehen ist die derzeitige Konsumkrise vielleicht gar nicht so schlecht. Vielleicht besinnen wir uns ja wieder darauf, was wir uns wert sind.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist die Weihnachts-Einkaufsschlacht ja bald wieder vorbei. Wie ich h\u00f6re, versucht der Handel noch in letzter Minute, mit neuen Rabatten K\u00e4ufer zu locken, die immer noch in &#8222;Kaufzur\u00fcckhaltung&#8220; verharren. Schn\u00e4ppchen jagen ist lange Volkssport Nummer Eins geworden, und es hei\u00dft, Geiz sei geil. 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