{"id":1425,"date":"2003-12-10T10:16:36","date_gmt":"2003-12-10T09:16:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1425"},"modified":"2014-04-13T08:18:18","modified_gmt":"2014-04-13T07:18:18","slug":"nicht-dies-nicht-das-ueber-beziehungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/12\/10\/nicht-dies-nicht-das-ueber-beziehungen\/","title":{"rendered":"Nicht dies, nicht das &#8211; \u00fcber Beziehungen"},"content":{"rendered":"<p>Beziehung, Beziehungen, eine Beziehung haben &#8211; ich vermeide diese Worte lange schon. Mag sie nicht, je \u00e4lter ich werde, desto weniger. Allein schon der Wortklang: Be &#8211; ZIEHUNG. In mir zieht sich etwas zusammen, wenn ich es h\u00f6re! Man will an mir ziehen, mich anderswohin haben als ich von mir aus gehen will. Mich abziehen vom Eigenen, wegziehen, einen festen Be-Zug zu mir herstellen, der mich bindet und eingemeindet in die Erwartungen anderer. Mich berechenbar machen, genau gesagt.<\/p>\n<p>Das Streben nach Beziehung bedeutet im Fall des Erfolgs oft die Zerst\u00f6rung dessen, was gesucht wurde: der Andere in seiner Andersheit. Wie faszinierend er doch sein kann: fremd, unabh\u00e4ngig, ungebunden, unberechenbar. Im Fall des Gefallens &#8211; und nur dann streben wir ja nach Beziehung &#8211; ist er Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr alles denkbare und undenkbare Gute, Wahre und Sch\u00f6ne, ist inkarnierte blaue Blume, menschlicher heiliger Gral, potenzieller Erl\u00f6ser aus aller Einsamkeit. Mit ihm (oder ihr) sein, bedeutet Entlastung vom Bei-Mir-Sein und Befreiung aus langweiliger Allt\u00e4glichkeit &#8211; aber nur solange, bis &#8222;die Beziehung steht&#8220; , bis ganz klar ist, in welchem Bezug zueinander man k\u00fcnftig lebt: W\u00fcnschen und Wollen wird ausverhandelt und in Geben und Nehmen gegossen, das Miteinander bekommt eine feste Form, ein Gewand aus Anspr\u00fcchen und Pflichten. Beziehung erreicht &#8211; nun k\u00f6nnen die Beziehungs-Probleme beginnen!<\/p>\n<p>Ich hatte Beziehungen, klar: beginnend mit dem 15. Lebensjahr eine Aufeinanderfolge intensiver, langj\u00e4hriger Zweierbeziehungen. Mit allen Hochs und Tiefs, mit Himmel und H\u00f6lle, mit gro\u00dfer N\u00e4he im Alltag, bis hin zum Zusammenleben und Arbeiten: Je n\u00e4her und dichter die Verstrickung, desto gr\u00f6\u00dfer die Abh\u00e4ngigkeit, desto schrecklicher und folgenreicher die Auseinandersetzungen und Konflikte. Je gr\u00f6\u00dfer die &#8222;Liebe&#8220;, desto intensiver der Hass &#8211; ich schreibe die Liebe in Anf\u00fchrungszeichen, weil sie an dieser Stelle ein Besitzen- und Beherrschen-Wollen einschlie\u00dft. Beziehungskonflikt ist dann, wenn der Andere nicht agiert, wie ich es erwarte &#8211; oder umgekehrt. Und weil ja eine &#8222;feste Beziehung&#8220; besteht, meine ich, ein Recht darauf zu haben, dass er so sei, wie ich ihn mir w\u00fcnsche. Ich liebe ihn also nicht in seiner Freiheit, diene nicht seiner Ganzheit, sondern habe handfeste Interessen, die ich bittsch\u00f6n befriedigt sehen will. Daf\u00fcr bin ich schlie\u00dflich bereit, die eigene Freiheit zu opfern und mich erwartungsgem\u00e4\u00df zu verhalten &#8211; die Gegenleistung soll dann gef\u00e4lligst auch stimmen. Hier passt gut die Rede vom &#8222;Investieren in die Beziehung&#8220;, die meint, sich mal wieder ausgiebig dem Anderen zu widmen: erh\u00f6hte Aufmerksamkeit, Zuwendung, eventuell Neuverhandlungen \u00fcber Teilaspekte des unausgesprochenen &#8222;Beziehungsvertrags&#8220; &#8211; das verbeulte und angeschrammte Beziehungsfahrzeug bekommt eine Runderneuerung, auf dass es noch ein bisschen weiter l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Klar, man braucht Beziehungen. Solange sie rund um einen konkreten Zweck bestehen, wie etwa die Gesch\u00e4ftsbeziehung, die nachbarschaftliche Beziehung oder auch die Familienbeziehung, die es f\u00fcrs Kinder-Aufziehen braucht, solange sind sie nicht wirklich problematisch, ja, n\u00fctzlich und unverzichtbar. Aber kann es wirklich eine &#8222;Liebesbeziehung&#8220; geben? &#8222;Liebe&#8220; verweist auf etwas Absolutes, an sich bedingungsloses &#8211; &#8222;Beziehung&#8220; ist dem klar entgegen gesetzt, ist konkret und begrenzt. Das Drama vieler Familien ist das Absterben der urspr\u00fcnglichen Liebesbeziehung, bzw. das Ende der Illusion in Bezug auf einen konkreten Menschen, in Verbindung mit der Unf\u00e4higkeit, in eine reale, versachlichte Elternbeziehung \u00fcberzuwechseln &#8211; eine, die durchaus Freundschaft, ja, Liebe umfassen kann, aber eben nicht in Gestalt der urspr\u00fcnglich erwarteten in jeder Hinsicht begl\u00fcckenden (und ausschlie\u00dflichen!) Zweisamkeit.<\/p>\n<p>Ohne es mir ganz bewusst gemacht zu haben, war ich Mitte drei\u00dfig fertig mit &#8222;Beziehung&#8220;: alles erlebt, mehrfach und \u00fcberdeutlich das gesamte absurde Theater durchlebt, auf Wolken geschwebt, gefallen, gelitten, gek\u00e4mpft, &#8222;investiert&#8220; &#8211; wieder und wieder. Dass diese M\u00e4nner ohne Ausnahme die Frau &#8222;nach mir&#8220; geheiratet und\/oder mit ihr ein Kind bekommen haben, zeigt mir, was ich verweigert habe: den nat\u00fcrlichen Sinn dieses illusion\u00e4ren &#8222;Beziehungsgeschehens&#8220; f\u00fcr mich zu verwirklichen und eine Familie zu gr\u00fcnden. F\u00fcr diese &#8222;Konkretisierung&#8220; bin ich nicht geschaffen. Ich sage das so &#8222;passivisch&#8220;, weil ich das nur vordergr\u00fcndig selber w\u00e4hlte &#8211; es war mir einfach unm\u00f6glich! Man kann im besten Fall tun (oder lassen), was man will, aber ich kann nicht beschlie\u00dfen, zu wollen, was ich nicht will.<\/p>\n<p>Mein Austritt aus dem Beziehungsleben geschah dann in Gestalt einer neuen Beziehung. Ja, das klingt absurd, ist aber Tatsache. Ich n\u00e4herte mich einem Mann, der, wie ich von ihm wusste, keinesfalls willens oder in Lage war, eine &#8222;Beziehung zu leben&#8220;. Sch\u00e4rfer noch als ich betonte er das Unm\u00f6gliche an diesem Vorhaben. &#8222;Trost kommt nur von Fremden&#8220;, sagte er zum Beispiel &#8211; und ich setzte dennoch alles dran, aus diesem Fremden einen Bekannten zu machen, entfaltete ein letztes Mal meine ganze &#8222;Bindungskraft&#8220;. Wollte mich in festen Bezug zum &#8222;ganz Anderen&#8220; setzen &#8211; ganz sch\u00f6n verr\u00fcckt!<\/p>\n<p>Mit Erfolg? Ja. Zum wirklichen Allein-Sein war ich in diesem Lebensalter bei aller Beziehungskritik noch lange nicht f\u00e4hig &#8211; ich lernte es in der &#8222;Nicht-Beziehung&#8220;, die zwischen uns entstand. Nicht das Erotische, nicht die Tiernatur bildete die Basis dieses Zusammenseins, sondern Bewusstsein. Konkretisiert in der Ablehnung des \u00dcblichen, im Leiden an der Unm\u00f6glichkeit absoluter Liebe im Alltag. Er war nicht &#8222;mein Mann&#8220; &#8211; aber doch war er mir &#8222;alles&#8220;, indem er in bewusster Weise &#8222;Nichts&#8220; war: Nichts Bestimmtes, Berechenbares, niemand, den man &#8222;haben&#8220; k\u00f6nnte &#8211; nicht weil er nicht wollte, sondern weil da nichts war und ist, was zu besitzen w\u00e4re. Das klingt jetzt mystisch und ist es auch! Ich habe es immer gesp\u00fcrt und nie gut genug in Worte fassen k\u00f6nnen. Noch heute ist es falsch und kommt falsch an, wenn ich ihn als meinen &#8222;Ex-Lebensgef\u00e4hrten&#8220; bezeichne, nur weil wir zu Beginn des Jahres auseinander gezogen sind. Dass l\u00e4sst im Zuh\u00f6rer die Meinung entstehen, da w\u00e4re eine Zweierbeziehung gewesen und man h\u00e4tte sich &#8222;getrennt&#8220;. Dem ist nicht so &#8211; WIE es aber ist, kann ich nicht erkl\u00e4ren, konnte es nie.<\/p>\n<p>Auch dieses Miteinander hatte Ber\u00fchrung mit den Niederungen. Das ist unvermeidlich, ganz besonders, wenn man zusammen wohnt, was wir nach ein paar Jahren dann doch taten. Es gab Konflikte, Agressionen, Projektionen &#8211; aber immer einen Bezug zum unaussprechlichen &#8222;Dahinter&#8220;. Wenn er inmitten einer schlimmen Phase das Wort von den &#8222;jugoslawischen Verh\u00e4ltnissen&#8220; pr\u00e4gte, die zwischen uns ausgebrochen waren, wenn ich zum Beispiel mal eine erotische Liebschaft hatte, dann wusste ich: auch er lebt, bei aller aktueller Verstrickung, immer noch haupts\u00e4chlich in diesem &#8222;Dahinter&#8220;. Wo wir einig und eins sind, wo es nichts zu k\u00e4mpfen gibt.<\/p>\n<p>Eine &#8222;Beziehung&#8220; aus dem Geist\/Spirit, nicht aus dem Bauch, dem Kopf, dem Herzen. All diese Ebenen kommen vor, sind aber nicht der Grund, in dem wir wurzeln.<\/p>\n<p>Und jetzt, das merke ich sehr intensiv, seit ich wieder alleine lebe und mir alle Formen m\u00f6glichen Zusammenseins mit Anderen offen stehen, jetzt kann ich nicht mehr anders! Bin nicht mehr &#8222;in Beziehung&#8220; zu meinem jeweiligen Gegen\u00fcber, sondern gestalte jedweden Kontakt aus dieser anderen Ebene heraus &#8211; in jedem Augenblick neu. Das bedeutet: ich bin und bleibe allein, ob ich nun mit Anderen zusammen bin oder nicht. Anders als fr\u00fcher f\u00fchle ich mich in diesem Alleinsein wohl und gl\u00fccklich: mir mangelt nichts, was ich beim Anderen unbedingt suchen und finden m\u00fcsste. Klar hab&#8216; ich Bed\u00fcrfnisse nach Austausch, nach Erotik, nach menschlichem Miteinander, genau wie ich Appetit aufs Essen habe &#8211; und manchmal Lust, mich zu berauschen. Aber all das bindet mich nicht, korrumpiert mich nicht in der Tiefe, die \u00fcblichen &#8222;Bindekr\u00e4fte&#8220; und Druckmittel laufen ins Leere: ich bin nicht &#8222;wer&#8220;, f\u00fchle mich undefiniert und also durch Andere nicht definierbar. Mein Bild vom Selbst entsteht nicht mehr dadurch, dass jemand zu mir sagt: Du bist so oder so, bist die, die mir dies und das gibt und die daf\u00fcr dies und jenes zur\u00fcck gibt. Ich brauche nicht mehr zu verhandeln, sondern lebe einfach.<\/p>\n<p>Gestern war ich dir nah, war anschmiegsam und ganz entz\u00fcckend &#8211; heute bin ich auf einem andern Stern, ziehe meine Kreise in der Ferne. Was morgen ist, k\u00f6nnen wir nicht wissen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beziehung, Beziehungen, eine Beziehung haben &#8211; ich vermeide diese Worte lange schon. Mag sie nicht, je \u00e4lter ich werde, desto weniger. Allein schon der Wortklang: Be &#8211; ZIEHUNG. In mir zieht sich etwas zusammen, wenn ich es h\u00f6re! Man will an mir ziehen, mich anderswohin haben als ich von mir aus gehen will. Mich abziehen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[310,27],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1425"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1425"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1425\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1425"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1425"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1425"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}