{"id":1423,"date":"2003-11-20T10:08:12","date_gmt":"2003-11-20T08:08:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1423"},"modified":"2014-10-12T13:04:04","modified_gmt":"2014-10-12T11:04:04","slug":"aus-dem-gleichgewicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/11\/20\/aus-dem-gleichgewicht\/","title":{"rendered":"Aus dem Gleichgewicht"},"content":{"rendered":"<p>Von wegen Zahnarzt! Da hab&#8216; ich mich endlich \u00fcberwunden, die Praxis drei H\u00e4user weiter aufzusuchen, um das &#8222;Schlie\u00dfen der L\u00fccke&#8220; ernsthaft anzugehen, muss aber erfahren, dass ich erst n\u00e4chstes Jahr einen Termin bekommen kann. &#8222;Alles dicht&#8220;, sagt die Zahnarzthelferin in diesem beflissen-abweisenden Ton, und schon ist sie wieder davon geeilt!<\/p>\n<p>Oh ja, auf einmal erinnere ich mich: das sind jetzt all die panischen Last-Minute-Patienten, die, voller Angst vor 10 Euro Zuzahlung im Vierteljahr, noch eben mal die Praxen st\u00fcrmen und sich die Kauleiste runderneuern lassen. Zwar wird in den Medien immer wieder beruhigend gemeldet., dass die &#8222;Reformen&#8220; in Sachen Zahnersatz erst 2005 zuschlagen werden, aber wer h\u00f6rt da schon noch hin und glaubt noch irgend etwas. Was ich im Mund habe, kann nicht mehr teurer werden, denkt das Volk, und ich mit meinem &#8222;ernsthaften Bedarf&#8220; hab&#8216; eben Pech gehabt.<\/p>\n<p>Nicht aufregen. Darin bin ich doch ge\u00fcbt! Wenn ich nicht grad breit grinse, sieht man die L\u00fccke nicht. Und WER sollte sie auch sehen? Alle, die mir physisch nahe kommen, m\u00f6gen mich auch mit L\u00fccke &#8211; ich kann also getrost den Jahreswechsel abwarten. So richtig Lust auf Zahnarzt hab&#8216; ich sowieso nicht. Alles ist gut, wie es ist!<\/p>\n<p>Seit ich einen Fernseher habe, zappe ich des \u00f6fteren quer durch die Programme und bekomme die Welt mit, wie sie das TV zeigt. Dabei f\u00e4llt mir auf, was f\u00fcr einen Stellenwert der medizinisch-industrielle Komplex mittlerweile hat! Unz\u00e4hlige Arzt- und Krankenhaus-Serien werden gezeigt, gr\u00fcnbekittelte, ernst blickende M\u00e4nner mit Mundschutz operieren und transplantieren, das Reanimieren wird so oft vorgef\u00fchrt, dass es schon bald jeder Do-it-Yourselfer auch k\u00f6nnte, h\u00e4tte er die geeigneten Ger\u00e4tschaften. Der Blick auf die Monitore mit der Herzkurve, die pl\u00f6tzlich in eine gerade Linie \u00fcbergeht: Exitus! Bzw. doch nicht, denn dann geht diese Wiederbelebungshektik los: Komm schon, komm schon&#8230; ich zappe weg und lande in einer Sendung \u00fcber Sch\u00f6nheitschirurgie: Falten gl\u00e4tten, Fett absaugen, Brust vergr\u00f6\u00dfern &#8211; eine der wenigen Wachstumsbranchen in Deutschland, deren Umsatz sich in den letzten Jahren verdreifacht hat.<\/p>\n<p>Ein volumin\u00f6ser Mittf\u00fcnfziger liegt auf dem Tisch, ganz entspannt im D\u00e4mmerschlaf, w\u00e4hrend drei Operateure gleichzeitig gro\u00dfe Kan\u00fclen in Bauch Schenkel und Waden stechen, unter der Haut herum stochern und das eiterfarbene Fett teils abschaben, teils wegsaugen. Widerlich! Dann dasselbe Spiel mit einer wundersch\u00f6nen schlanken Frau um die zwanzig, sie strebt nach letzter Perfektion und l\u00e4sst sich die Oberschenkel bearbeiten &#8211; was glaubt sie, zu gewinnen? Eine fr\u00f6hliche Frau in meinem Alter mit ein paar wenigen Mimikfalten verliert eben diese unter der Einspritzung von Eigenfett, dass zuvor am Hintern entnommen wird &#8211; ich finde, sie sieht jetzt NICHT besser aus, im Gegenteil, ihr Gesicht wirkt auf einmal langweilig, nichtssagend. Eine Expertin kommt zu Wort, Stirn und Wangen so glatt wie ein Kinderpo. Doch Hals und H\u00e4nde lassen keinen Zweifel, dass dieser K\u00f6rper weit \u00e4lter ist, als es das Gesicht vermuten l\u00e4sst. Es wirkt wie &#8222;hineingestellt&#8220; in ein Ganzes, das durch den glattgestrafften &#8222;Fremdk\u00f6rper&#8220; regelrecht konterkariert wird. Nicht einmal wenn sie l\u00e4chelt, bilden sich die \u00fcblichen Lachfalten zwischen Nasenfl\u00fcgel und Mundwinkel. Statt dessen so ein komisches Zucken &#8211; irritierend!<\/p>\n<h2>Der Mensch ist ein Ort, wo Krankheit entsteht<\/h2>\n<p>Ich zappe weiter, ein Gesundheitsmagazin belehrt \u00fcber Gallensteine und ihre Entstehung. Jemand sp\u00fclt Geschirr ab und eine Stimme aus dem Off erl\u00e4utert, dass es dazu ein Sp\u00fclmittel mit fettl\u00f6senden Substanzen braucht. Diesen Job hat im K\u00f6rper das Gallensekret &#8211; aha! Dann werden allerlei Gallensteine gezeigt, eingegossen in Epoxydharz. H\u00fcbsch anzusehen. Wer sich allzu fett ern\u00e4hrt, bringt da etwas aus dem Gleichgewicht. Das Sp\u00fclmittel reicht nicht mehr aus, doch es wird vom K\u00f6rper immer mehr &#8222;angefordert&#8220; &#8211; die Galle ger\u00e4t aus dem Lot, Stoffe kristallisieren, Steine entstehen. Die Moderatorin fragt die anwesende Frau Professor-Doktor: &#8222;Warum muss eigentlich immer gleich die ganze Gallenblase entfernt werden? Kann man nicht die Steine heraus operieren und sie belassen?&#8220; Da wir Fernsehzuschauer gerade gelernt haben, dass die Galle kein nutzloser Kropf ist, bin ich gespannt auf die Antwort: &#8222;Nun ja,&#8220; sagt Frau Prof. Dr., &#8222;zun\u00e4chst einmal ist die Gallenblase ja der Ort, wo solche Steine entstehen. Wenn wir sie belassen, k\u00f6nnen sie wieder kommen&#8220;. Ah ja! Mir rieselt es kalt den R\u00fccken herunter: Ist mein K\u00f6rper nicht insgesamt ein &#8222;Ort, an dem Krankheiten entstehen&#8220;? Sollte man da nicht gleich vorbeugend zu radikalen Ma\u00dfnahmen schreiten? Warum beim Rausoperieren von Galle, Geb\u00e4rmutter, Mandeln und anderer Einzelteile stehen bleiben? Vielleicht ist der Mensch etwas, das man besser insgesamt verh\u00fcten sollte?<\/p>\n<p>N\u00e4chstes Jahr werde ich f\u00fcnfzig und schon l\u00e4nger sp\u00fcre ich den sich verst\u00e4rkenden &#8222;Sog&#8220; des medizinisch-industriellen Komplexes. Vielfach wird mir kommuniziert: du bist in einem &#8222;kritischen Alter&#8220;, du musst jetzt endlich mal zum Arzt gehen und dich durchchecken lassen. &#8222;Du gehst doch hoffentlich zur Vorsorge?&#8220;, werde ich \u00f6fter gefragt, und wenn ich verneine, ernte ich irritierte Blicke, Nachfragen, Vorw\u00fcrfe, Mahnungen. Bisher war es meine Strategie, diesen Konformit\u00e4tsdruck einfach zu ignorieren: F\u00fchle ich mich doch, abgesehen von der Erk\u00e4ltung und meinen diversen &#8222;Sitz-Sch\u00e4den&#8220;, v\u00f6llig gesund und denke erst dann daran, einen Arzt aufzusuchen, wenn dem nicht mehr so ist. Wobei, ich erinnere mich gut, mir die letzten Arztbesuche vor etwa zehn Jahren absolut nichts gebracht haben: Sie wollten mich nur auf gut Gl\u00fcck medikamentieren oder &#8222;Schmerzen wegspritzen&#8220;, ohne mir sagen zu k\u00f6nnen, was ich eigentlich f\u00fcr eine St\u00f6rung habe und woher sie kommt. &#8222;Da lebe ich doch lieber mit meinen Symptomen&#8220;, hab ich gesagt. &#8222;Die kann ich beobachten und dann komm ich ja vielleicht noch drauf&#8220;. Erstaunte Blicke &#8211; und tsch\u00fcss!<\/p>\n<p>Im Diary hab&#8216; ich Themen rund um Krankheit und Gesundheit bisher eher vermieden. Jetzt denke ich um: Ignorieren ist auf Dauer keine L\u00f6sung. Mich \u00e4rgert die Art und Weise, wie sich viele entm\u00fcndigen lassen, wie sie vom eigenen K\u00f6rper, dem eigenen Gesp\u00fcr f\u00fcr Befindlichkeiten, f\u00fcr gesunde und kranke Zust\u00e4nde, total entfremdet werden. Und es auch noch f\u00fcr ganz normal halten, sich mit Medikamenten vollzuknallen, nur weil &#8222;Laborwerte&#8220; einen &#8222;Mangel&#8220; oder &#8222;\u00dcberschuss&#8220; von diesem oder jenem St\u00f6ffchen im Blut festgestellt haben. Erh\u00f6hte Cholesterinwerte, zu hoher oder niedriger Blutdruck, Eisenmangel, zuwenig B-Vitamine &#8211; da haben wir doch was! (Damit machen wir unsere Milliardenums\u00e4tze&#8230;)<\/p>\n<p>Dass im Jahre 2003 der Mensch noch immer als ein Chemiebaukasten angesehen wird, wo es nur darum geht, im Reagenzglas die richtige Mischung herzustellen, empfinde ich als ziemlich krass! Man wechselt doch auch nicht die Birne aus, die am Armaturenbrett rot blinkt, sondern schaut unter die Motorhaube, was im System eventuell aus dem Gleichgewicht ist.<\/p>\n<p>Das Gesundheitssystem jedenfalls ist mehr als &#8222;aus dem Gleichgewicht&#8220;! Und noch kein Politiker hat es geschafft, sich gegen die Lobbys auch nur ansatzweise durchzusetzen. Diese, bzw. der gesamte medizinisch-industrielle Komplex, sind aber nur die H\u00e4lfte der Macht: die andere H\u00e4lfte sind wir alle, die wir es in der Hand haben, ob wir uns diesem geistlos-mechanistischem Denken anschlie\u00dfen, das unz\u00e4hlige Opfer fordert und riesige Profite bringt. Gut, dass es zur Zeit knirscht! Wenn die Verantwortung des Einzelnen in Gestalt von drastisch steigenden Zuzahlungen von au\u00dfen erzwungen wird, ist das vielleicht mal Anreiz genug, ein bisschen wacher zu werden &#8211; und mit dem Selber-Denken anzufangen.<\/p>\n<p>(Ich fange mit den B\u00fcchern an, die ich f\u00fcr einen Kunden auf Rauslink dieser Seite zusammengestellt habe. Wow, ist das spannend..!)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von wegen Zahnarzt! 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