{"id":1422,"date":"2003-11-14T08:05:55","date_gmt":"2003-11-14T07:05:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1422"},"modified":"2014-04-13T08:07:42","modified_gmt":"2014-04-13T07:07:42","slug":"november-zeit-zum-krank-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/11\/14\/november-zeit-zum-krank-sein\/","title":{"rendered":"November: Zeit zum krank sein"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Ich deliriere. Fieber 40 plus. Eine hei\u00dfe Sache ;-)&#8220; <\/em> Die SMS des fernen Geliebten erreicht mich just in dem Augenblick, als ich den Zahn, der mir gerade aus der Br\u00fccke links oben gebrochen ist, wehm\u00fctig betrachte. Eine Schweinerei! Zwei Jahre war das Teil erst alt, wogegen die Aufbauten, die ich seit \u00fcber 25 Jahren zum Kauen benutze, erst in letzter Zeit ihre Erneuerungsbed\u00fcrftigkeit sp\u00fcren lassen. Das war noch Wertarbeit, nachhaltig, nicht mit Blick auf baldiges &#8222;Update&#8220; ins Werk gesetzt!<\/p>\n<p><em>&#8222;Und mir ist gerade ein Zahn heraus gebrochen&#8220;<\/em> simse ich zur\u00fcck. Es wird ihn erheitern, denk ich mir. Denke dann daran, dass ich jetzt also wirklich zum Zahnarzt muss, was f\u00fcr ein Aufwand! Ganz zu Schweigen von den Kosten. Ob ich nach Polen fahren soll? Noch gr\u00f6\u00dferer Aufwand, kommt nicht in Frage! Wo ich doch noch immer nicht gesund bin, grade mal auf dem Weg dahin. Erk\u00e4ltung, Bronchitis &#8211; mein Fitness-Center hat die Sauna wegen Bauarbeiten still gelegt. Seither geh ich nicht mehr hin und handle mir prompt die erste richtige Krankheit seit vielen Jahren ein. Kein Wunder.<\/p>\n<p>Ich telefoniere mit meiner Mutter, die vor zwei Tagen operiert wurde. Wenn der Krebs noch nicht gestreut hat, kann sie noch zehn Jahre leben, hei\u00dft es. &#8222;Mir geht&#8217;s gut&#8220;, sagt sie, und dass ihr das keiner glaubt. Auch ich sage, dass ich es nicht glaube &#8211; und merke, dass ich dabei bin, mich von der Wahrheit des Herzens zu entfernen. Ich will ihr Gelegenheit geben, ihr Leiden auszudr\u00fccken, wenn sie das m\u00f6chte &#8211; aber ich wei\u00df, sie will das nicht und wird es auch nie wollen. Und ehrlich gesagt, ich finde das gut so. Ich bin genau wie sie.<br \/>\nIch?<\/p>\n<p>Am Anfang war das Wort, und Gott war das Wort, und das Wort war bei Gott. Das gewaltige Mantra aus der Bibel tritt mir ins Bewusstsein. Es verweist auf die Tatsache, dass wir die Dinge sch\u00f6pferisch zu Realit\u00e4ten formen, indem wir sie benennen. Sie dadurch vom gro\u00dfen Ganzen abtrennen und zum &#8222;Objekt&#8220; machen. Bewusstsein entsteht, wenn uns ein Gegenstand entgegen steht: ein Hindernis, ein Leiden, eine Krankheit, eine Gefahr. Damit etwas in diesem Sinne &#8222;entgegen stehen&#8220; kann, muss ich zuvor beschlie\u00dfen, wo ich MICH verorte. Was bin ICH? Antworte ich &#8222;dieser K\u00f6rper!&#8220;, dann werde ich mit diesem K\u00f6rper leiden, verzweifeln und untergehen. Und daraus ein Riesendrama machen, f\u00fcr mich und f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>Das habe ich nicht vor. Ich werde den Teufel tun und mich so (oder anders) definieren, mich mit irgend etwas identifizieren. Ich bin nicht der K\u00f6rper, sondern finde ihn vor. Ich erlebe ihn und kann ihn betrachten. Die Tatsache, dass ich z.B. den Arm heben kann, also aus dem Willen eine physische Wirkung verursachen, bedeutet nicht zwangsl\u00e4ufig, dass dieser ganze Mechanismus &#8222;Gedanke-Wille-Aktion-Wirkung&#8220; ICH bin. Denn ich kann ihn ja beobachten.<\/p>\n<p>WER beobachtet? Habe &#8222;ich&#8220; einen Zahn verloren? Das erinnert mich an die jedem gel\u00e4ufige Szene, wenn man mit einem Auto-Besitzer losgeht, um irgendwohin zu fahren. &#8222;Ich stehe da dr\u00fcben&#8220;, sagt er. Das ist genau dasselbe: Er hat seine Ich-Definition so ausgedehnt, dass sie das Auto mit umfasst.<\/p>\n<p>Kann man machen, warum nicht? Aber den Preis muss man immer bezahlen. Jede Selbst-Identifikation bringt Nutzen und Aktionsspielr\u00e4ume, aber auch Kosten: Leiden an Verlust und Verg\u00e4nglichkeit.<\/p>\n<p>Damit man mich nicht missversteht: Ich GLAUBE nichts! Weder an wandernde Seelen noch an einen Geist ohne Materie, und auch nicht an das Leben als Lehr-Anstalt, in dem wir Lern-Erfahrungen machen, um uns zu &#8222;entwickeln&#8220; und eines Tages ins Nirvana oder Paradies einzugehen. Ebenso wenig glaube ich das Gegenteil, bin keine Anh\u00e4ngerin des wissenschaftlichen Weltbilds mit all seinen Stoffen und Prozessen, schwarzen L\u00f6chern, wechselnden Modellen vom Kosmos und seiner gro\u00dfen geistigen Leere. Auch Atheismus ist ein Glaube.<\/p>\n<p>Fortschritt bedeutet f\u00fcr mich, nicht mehr zu glauben, das Nicht-Wissen auszuhalten und es dabei zu belassen. Wenn man den Verstand mal daran gew\u00f6hnt hat, dass er nicht f\u00fcr alles und jedes zust\u00e4ndig ist, wird das Leben sehr viel angenehmer.<br \/>\nEinfach da sein<\/p>\n<p>Nun bin ich ja wirklich schwer abgehoben! Eigentlich wollte ich \u00fcber das Krank-Sein schreiben, denn zur Zeit sind so viele um mich herum krank, genau wie ich. Der Programmierer von schreibimpulse.de k\u00e4mpft seit Wochen mit einer schweren Erk\u00e4ltung, ein Kursteilnehmer kann nicht mehr in den Monitor sehen, ohne dass sich die Augen entz\u00fcnden. Mein Ex-Lebensgef\u00e4hrte ist gerade erst dabei, wieder fit zu werden &#8211; ich sag mir einfach: es ist November! Zeit zum krank sein. Alle Natur stirbt und auch wir kr\u00e4nkeln halt so mit, denn wir sind Teil davon. Nichts besonderes.<\/p>\n<p>Mehr und mehr f\u00e4llt mir auf, was f\u00fcr ein Krieg an all diesen Fronten gef\u00fchrt wird, um das Unvermeidliche mit allen Mitteln zu bek\u00e4mpfen. Sowohl die herrschende Medizin als auch die alternativen Lehren und Systeme sind sich in einem einig: Wir m\u00fcssen gesund werden, m\u00f6glichst lange gesund bleiben, und wenn das nicht mehr geht, dann ist zumindest das Ende so lange wie m\u00f6glich hinaus zu schieben. Warum hat man meine 96-j\u00e4hrige Gro\u00dftante noch mit Reanimationsversuchen bel\u00e4stigt? Sie ist gestorben, als ihr klar wurde, dass sie aus dem Krankenhaus nicht mehr zur\u00fcck in ihre Wohnung, sondern in ein Pflegeheim kommen wird. Ist daran irgend etwas falsch? H\u00e4tte man sie lieber noch ein paar Jahre neben die anderen final Siechenden gelegt und mit dem Dekubitus gek\u00e4mpft?<\/p>\n<p>Oder bleiben wir beim ganz normalen Alltag: Warum sollen wir denn fortlaufend funktionieren? Das tun nicht mal die Computer, denen wir die Organisation unserer Welt mehr und mehr \u00fcberlassen. Den Stress, immer fit, sch\u00f6n und gesund zu sein, brocken wir uns selber ein &#8211; warum eigentlich?<\/p>\n<p>Ich habe meine Krankheit genossen. Endlich mal sagen k\u00f6nnen: Ich kann nicht! Ich pack das jetzt nicht, bin wie in Trance, kann mich nicht konzentrieren, muss mich hinlegen, kann zumindest nicht so ranklotzen wie sonst &#8211; wunderbar! Wenn das mal alle mitbekommen haben und die Welt trotzdem nicht einf\u00e4llt, erlebt man eine ganz neue Art von Entspannung und Gelassenheit. Die Lizenz zum nutzlosen und irrationalen Einfach-nur-da-sein. Auf einmal ist Zeit und Mu\u00dfe da, um &#8222;in sich zu gehen&#8220;, bzw. zu erforschen, was diese Worte wohl bedeuten. Das Bewusstsein weitet sich: die Welt des allt\u00e4glichen Funktionierens mit seinen Zielen und Zwecken ist pl\u00f6tzlich nur ein kleiner, unwichtig gewordener Aspekt des Ganzen. Neue R\u00e4ume des Erlebens tun sich auf, alle Dinge und T\u00e4tigkeiten zeigen sich in einem andern Licht &#8211; wer jetzt mental daran kleben bleibt, sofort gesunden zu sollen oder trotz Krankheit weiter zu funktionieren, vers\u00e4umt etwas!<\/p>\n<p>Nun ja, mag man denken, so eine kleine Erk\u00e4ltung, was ist das schon? Bekomm du mal deine &#8222;t\u00f6dliche Diagnose&#8220;, dann sehen wir weiter! Ja, darauf bin ich auch gespannt. Aber nicht so sehr, dass ich st\u00e4ndig zum Arzt gehe, ohne krank zu sein, nur so als eine Art T\u00dcV. Der Scheckheft-gepflegte Mensch, immer in Erwartung der b\u00f6sartig ver\u00e4nderten Zelle, der sich schlie\u00dfenden Herz-Ader &#8211; das ist ein Trend, der ohne mich auskommen (und Kasse machen) muss. Meine Krankheit geh\u00f6rt mir, auch die letzte.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich deliriere. Fieber 40 plus. 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