{"id":1418,"date":"2003-10-24T07:58:15","date_gmt":"2003-10-24T06:58:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1418"},"modified":"2014-04-13T07:59:02","modified_gmt":"2014-04-13T06:59:02","slug":"hinter-dem-monitor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/10\/24\/hinter-dem-monitor\/","title":{"rendered":"Hinter dem Monitor&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Noch immer schalte ich morgens den falschen Computer ein: b\u00fccken, unter dem Schreibtisch den Startknopf dr\u00fccken, dem R\u00f6deln der Festplatten lauschen &#8211; die Gesten sind eingefleischt wie das Z\u00e4hneputzen, ja, MEHR als das Z\u00e4hneputzen. Erst wenn der Bildschirm schwarz bleibt, bemerke ich meinen Irrtum, w\u00fcrge den Alt-PC auf halbem Lade-Weg wieder ab und schalte den Neuen ein, der neben dem Monotor steht. Weit sichtbarer zwar, auff\u00e4llig schwarz &#8211; aber physisch ungewohnt.<\/p>\n<p>Neuerdings ist alles schwarz, die Tastatur, die Lautsprecher, der Drucker, die Maus, der PC sowieso, daf\u00fcr ist die k\u00fcrzlich angeschaffte Glotze wei\u00df! Ein uralter Text fehlt mir ein, \u00fcber die &#8222;schwarze und die wei\u00dfe Glotze&#8220;, den m\u00fcsste ich jetzt umschreiben. Ob der Farbwechsel etwas zu bedeuten hat? Pr\u00e4sentiert sich die Ger\u00e4tschaft dadurch gewichtiger, auff\u00e4lliger, ernsthafter? An sich liebe ich Schwarz, zumindest bei Klamotten und Kameras. Warum macht es mich also misstrauisch, dass mir das &#8222;Hauptger\u00e4t&#8220; nun auch farblich entgegen kommt?<\/p>\n<p>Der Neue geh\u00f6rt mir weniger als der Alte, das kommt hinzu. Ich muss ihn mir erobern, seine Vorschl\u00e4ge ignorieren, seine Neigung, alles gro\u00df und bunt und in Symbolen darzustellen, in die alte &#8222;Sicht der Dinge&#8220; zur\u00fcck zwingen. Wieviel Lizenzvertr\u00e4ge ich schon abgenickt habe, seit ich ihn das erste Mal einschaltete, wei\u00df ich schon gar nicht mehr. Im Handbuch steht zum Thema &#8222;Internet-Verbindung&#8220; ein Kapitel \u00fcber T-Online und eines \u00fcber AOL, die CDs lagen bei. Nichts \u00fcber &#8222;Netzwerkverbindung&#8220;, der selbstbestimmte Zugang zum Netz wird kommunikativ nicht unterst\u00fctzt. Wie es wohl einem unkundigen Einsteiger mit alledem ergeht? Vielleicht bemerkt er gar nicht mehr, dass noch ein anderes Netz existiert, dass es mehr zu sehen und zu erleben gibt, als die Portale der Konzerne zur Ansicht bringen?<\/p>\n<p>Genug davon! Drau\u00dfen scheint die Sonne auf das gelbe Laub der B\u00e4ume, jeder Windsto\u00df nimmt jetzt viele Bl\u00e4tter mit, wieder mal hab ich den Herbst irgendwie verpasst. Ein paar wenige Spazierg\u00e4nge durch den bunten Pl\u00e4nterwald mussten dieses Jahr gen\u00fcgen. Macht nichts, ich sp\u00fcre die Bereitschaft, vom &#8222;Au\u00dfen&#8220; abzusehen, mich in die Welt hinter dem Bildschirm zu versenken, wo es keine Jahreszeiten gibt.<\/p>\n<p>Anfang des Jahres hatte ich beschlossen, mein &#8222;Dasein vor dem Monitor&#8220; zu ver\u00e4ndern: Das, was ich neben Webdesign am liebsten tue &#8211; kommunizieren, schreiben, mit Form und Inhalt, N\u00e4he und Distanz spielen, intensive Gespr\u00e4che f\u00fchren &#8211; in eine Form zu bringen, die zu meinem Lebensunterhalt beitr\u00e4gt. Jetzt ist es Oktober, die beiden ersten Schreibkurse sind gestartet, und alles l\u00e4uft sogar noch besser, als ich es mir vorgestellt hatte. Zwar ist der Arbeitseinsatz ungewohnt, die starke Bindung neu, die mich nun fester denn je &#8222;am Draht&#8220; h\u00e4lt, doch ich f\u00fchle mich gl\u00fccklich, sp\u00fcre: Das ist es!<\/p>\n<p>Dass das kommunikative Geschehen nicht mehr beliebig, nach Bockprinzip und Laune abl\u00e4uft, ist ein Gewinn, den ich lange schon h\u00e4tte realisieren k\u00f6nnen. Mit Menschen zu interagieren, die f\u00fcr sich etwas wollen, die bereit sind, auch etwas zu einzubringen und &#8222;am Ball&#8220; zu bleiben, geht weit \u00fcber das hinaus, was ich aus spontan entstehenden Einzelkontakten und aus der Gruppenkommunikation in Mailinglisten kenne. Die viel beklagte &#8222;Beliebigkeit&#8220; der Kommunikation im Netz zeigt sich als das, was sie immer schon war: Mangelnde Bereitschaft, sich einzulassen, Angst, sich zu zeigen und zu \u00f6ffnen, Unwilligkeit, die H\u00fcrden des Technischen gelassen zu sehen und zu lernen, Sorge um den eigenen Status in einer Umgebung, in der die Zeichen und Symbole sozialer Besitzst\u00e4nde zun\u00e4chst nichts gelten &#8211; es gibt ja so viele Gr\u00fcnde, dem Netz und seinen M\u00f6glichkeiten reserviert gegen\u00fcber zu stehen!<\/p>\n<p>Ein wenig f\u00fchle ich mich in die ersten Netzjahre zur\u00fcck versetzt, als es f\u00fcr die, die sich in den Weiten des Webs trafen, noch selbstverst\u00e4ndlich war, dem Anderen mit offenem Visier zu begegnen, die &#8222;R\u00e4ume&#8220;, in denen man sich bewegte, selbst zu gestalten und sich auf gleicher Augenh\u00f6he auszutauschen. Das geht heute offenbar nur noch in &#8222;gesch\u00fctzten R\u00e4umen&#8220; &#8211; aber anstatt ohne Ende dar\u00fcber zu klagen, kann ich ja solche erschaffen und in ihnen etwas veranstalten! Dass die Veranstaltung jetzt Eintritt kostet und die Teilnehmerzahl begrenzt ist, erlebe ich nicht als bedauerliche (wenn auch pers\u00f6nlich n\u00fctzliche) Kommerzialisierung, sondern als notwendige Bedingung. Im freien &#8222;Raum&#8220; der Netze, ohne feste Vor- und Aufgaben, ohne Verbindlichkeit, jedoch mit immer neuen, zuf\u00e4llig sich einfindenden Surfern, kann es einfach nicht funktionieren. Alles bleibt zwangsl\u00e4ufig an der Oberfl\u00e4che &#8211; und deren noch so aufw\u00e4ndige, designerisch und technisch zu H\u00f6hen entwickelte Gestaltung kann daran nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Jetzt ist es schon falls halb elf &#8211; die Arbeit ruft. Arbeit? Auch dieser Begriff wird mir immer schillernder, vieldeutiger, fraglicher, genau wie andere Basisworte, \u00fcber die ich immer wieder stolpere, weil ihre Bedeutung nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich ist. &#8222;Pers\u00f6nlich kennen&#8220; zum Beispiel &#8211; f\u00fcr die einen bedeutet das ausschlie\u00dflich, sich &#8222;von Angesicht&#8220; getroffen zu haben. Andere sehen erst dann Grund, sich auch mal physisch nahe zu kommen, wenn sie sich bereits kennen gelernt HABEN: per E-Mail-Dialog, durch Besuche auf pers\u00f6nlichen Webseiten, durch gemeinsames Erleben in den \u00f6ffentlichen Orten der Netze. &#8222;Face to face&#8220; ist dann nur ein zus\u00e4tzlicher Aspekt, unverzichtbar f\u00fcr den Gesamteindruck, gelegentlich sehr angenehm &#8211; muss aber nicht zur Gewohnheit werden. Sich regelm\u00e4\u00dfig im physischen Raum zu treffen, ist keine Garantie f\u00fcr &#8222;Beziehung&#8220; im Unterschied zu Beliebigkeit, wie noch immer viele glauben. Die Rede vom &#8222;Real Life&#8220; als Bezeichnung f\u00fcr Offline-Ereignisse ist einfach ein bisschen l\u00e4cherlich, wenn auch derzeit als Hilfsbegriff mangels Alternativen noch in Gebrauch.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch immer schalte ich morgens den falschen Computer ein: b\u00fccken, unter dem Schreibtisch den Startknopf dr\u00fccken, dem R\u00f6deln der Festplatten lauschen &#8211; die Gesten sind eingefleischt wie das Z\u00e4hneputzen, ja, MEHR als das Z\u00e4hneputzen. 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