{"id":1417,"date":"2003-10-16T20:10:04","date_gmt":"2003-10-16T19:10:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1417"},"modified":"2014-04-13T07:57:56","modified_gmt":"2014-04-13T06:57:56","slug":"der-neue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/10\/16\/der-neue\/","title":{"rendered":"Der Neue"},"content":{"rendered":"<p>Gestern ist er angekommen. Schwitzend wuchtete der Postbote die beiden Pakete zu mir in den dritten Stock. Ich kritzelte meinen Namen auf das rutschige Display, das er mir hinhielt, und schon war ich allein mit ihm: ein Dell Dimension 8300 Premium Class-PC mit 1024 MB RAM Arbeitsspeicher und zwei 128 Gigabyte-Festplatten. Ein Quantensprung! Mein letzter Rechner, auf dem ich diesen Text noch immer tippe, ist schon \u00fcber vier Jahre alt, begn\u00fcgt sich mit Windows 98 (zu alt f\u00fcr die meisten Viren) und zwei 18-GB-Platten. Er st\u00fcrzt gelegentlich ab, tut aber ansonsten seinen Dienst klaglos. Vor ihm hatte ich mir jeweils alle zweieinhalb Jahre die &#8222;Next Generation&#8220; zugelegt, doch f\u00fcr die Arbeit f\u00fcr und \u00fcbers Netz reicht der Jetzige v\u00f6llig aus, ich sp\u00fcrte keinen &#8222;Upgrade-Bedarf&#8220;: weder spiele ich grafikintensiven Spiele, noch schneide ich Filme, ich gucke keine DVDs, und auch f\u00fcr die Bildbearbeitung tut&#8217;s ein Pentium 3 gut. Bilder f\u00fcrs Web k\u00f6nnen nun mal keine Daten-Monster sein, sonst w\u00fcrden sie nicht durch die Leitung passen.<\/p>\n<p>Trotzdem, die Zeit war reif! Schon lange hatte ich keine Lust mehr, neue Programme auszuprobieren oder Dinge, mit denen ich fr\u00fcher mal spielte, wie z.B. Soundbearbeitung, wieder ins Laufen zu bringen. Never touch a running system! Die Bilder, die meine neue Digicam mit den 5 Mio Pixel macht, kann ich ohne Wartezeiten nicht bearbeiten, zudem steht zu bef\u00fcrchten, dass zeitgem\u00e4\u00dfe Programme Windows 98 bald nicht mehr unterst\u00fctzen. Aber das wichtigste: Computertechnisch zu veralten bedeutet auch, sich vom Mainstream der Anwender abzukoppeln: nicht mehr zu erleben, was sie erleben, und sei es die neueste trickreiche Attacke irgendwelcher b\u00f6sen W\u00fcrmer. Wenn ich ein Uralt-System fahre, kann ich irgendwann meinen Kunden keinen Rat mehr geben, weil ich keinen Schimmer habe, was auf ihrem System abl\u00e4uft. Es gibt viele Gr\u00fcnde f\u00fcr einen zeitgem\u00e4\u00dfen PC, Gr\u00fcnde, die ich allerdings nicht mal abw\u00e4gen musste, denn &#8222;der Neue&#8220; ist ein Geschenk: Lob und Dank dem gro\u00dfz\u00fcgigen Spender, der damit meine Kreativ-Arbeit unterst\u00fctzen will!.<\/p>\n<p>Nun steht er also da, noch immer unausgepackt. Die Gr\u00f6\u00dfe der Aufgabe schreckt mich erstmal: ein unbekanntes Betriebssystem, das schon &#8222;sehr anders&#8220; sein soll, wie eine Kollegin sagte, das Installieren der Programme, ohne die ich nicht arbeiten kann, das Umschaufeln der Daten, das &#8222;Reparieren&#8220; von XP, das erst mal eine Reihe mittlerweile erschienener Sicherheits-Patches von Microsoft braucht, bevor man sich damit ins Netz wagen kann; das Einrichten der Norten Internet Security-Tools &#8211; jede Menge Arbeit! Und allerlei Gefahren: Noch unwissend und unkundig im Umgang, muss ich mit diesem System mitten in den Krieg der Viren-Programmierer gegen die Anti-Viren-Programm-Entwickler treten. Bisher lebte meine alte Gurke ohne Schutzprogramme, B\u00f6ses kam nur \u00fcber Anh\u00e4nge von E-Mails herein, und nicht &#8222;irgendwie&#8220; \u00fcber die Leitung. Da ich kein Microsoft-Mailprogramm benutze, war ich weitgehend gesch\u00fctzt, wenn ich diese Anh\u00e4nge nur einfach ignorierte, bzw. die Mails l\u00f6schte. Ein einziges mal hatte ich versehentlich auf einen Virus geklickt, merkliche Probleme gab das aber erst in dem Moment, als ich ein Virenschutzprogramm installiert hatte und den Feind loswerden wollte. Aufgrund dieser Erfahrung hatte ich es dann wieder deinstalliert: Wenn der Virus den Feind nicht sichtet, schloss ich, hat er keinen Grund, aktiv zu werden. Ich verweigerte mich den Fronten und lebte friedlich und ungest\u00f6rt.<\/p>\n<h2>Gott sieht&#8217;s<\/h2>\n<p>Damit ist es jetzt zu Ende. Mit XP kann man sich ohne hochgefahrene Schutzschilde gar nicht erst ins Netz wagen, sagen mir kundige User, man w\u00e4re sofort &#8222;verwurmt&#8220;. Zu Ende auch die Zeit, in der mich das Betriebssystem FRAGT, ob es ein Problem an Microsoft melden soll &#8211; XP fragt nicht mehr, sondern steht in fortlaufendem Kontakt mit dem Imperium. Mehr noch: es bedeutet die technische Erm\u00f6glichung totaler \u00dcberwachung, denn XP sendet immer wieder eine Identifikationsnummer \u00fcbers Netz, die meinen Computer kenntlich macht. Was immer ich tue, Microsoft wei\u00df, WER es war. Wenn man dazu noch bedenkt, dass Google die Suchvorg\u00e4nge aller Nutzer open end speichert, mit IP-Nummer nat\u00fcrlich, so dass zumindest die Telekom nachvollziehen k\u00f6nnte, was ich wann gesucht habe, kommt man sich schon ziemlich beobachtet vor: von Giganten umstellt, die mich bald besser kennen k\u00f6nnen als ich mich selbst.<\/p>\n<p>Aber ich tue ja nichts, was ich zu verbergen h\u00e4tte! Der Gedanke liegt nahe, tr\u00f6stet mich bisher auch ganz gut \u00fcber die ganze Problematik hinweg, doch ich ahne, dass das nicht ausreicht. Kann nicht morgen schon die Gesellschaft sich so ver\u00e4ndern, dass das, was ich bereits getan habe, in den Bereich des Illegalen oder zumindest Unerw\u00fcnschten f\u00e4llt? Ist nicht schon bald zu erwarten, dass die Daten, die ich vom alten auf den neuen PC mitnehme, mal eben von irgendwem durchgecheckt werden, ob nicht irgendwelche Copyright-Verletzungen vorliegen? Wobei das Copyright ja immer restriktiver wird: bald sind alle Dateien verd\u00e4chtig, die alt genug sind, um noch keine Informationen \u00fcber Nutzungsrechte zu enthalten.<\/p>\n<p>Alles in allem bedeutet der Umstieg auf &#8222;den Neuen&#8220; tats\u00e4chlich in vieler Hinsicht einen Quantensprung, und zwar einen, der nicht nur Freude macht. Ich werde wieder neu lernen m\u00fcssen, wie ich das System b\u00e4ndige und zur Not austrickse, um mir ein Minimum an pers\u00f6nlicher Autonomie zu retten. Vielleicht installiere ich auf einer zweiten Partition Linux, damit ich das Netz noch betreten kann, ohne dass alles, was ich installiert habe, anf\u00e4ngt, &#8222;nach Hause zu telefonieren&#8220;.<\/p>\n<p>Think positiv! Der Neue hat einen Pentium 4 2.80 GHz-Prozessor und 1024 MB Arbeitsspeicher: ich werde riesige Bilddateien bearbeiten k\u00f6nnen, als w\u00e4ren es kleine Webbildchen! Meine gelegentlich entstehenden Bildkompositionen werden dadurch in hoher Aufl\u00f6sung druckbar und verk\u00e4uflich &#8211; bald gibt&#8217;s hier vielleicht die &#8222;Serie Friedrichshain&#8220;, ausgedruckt auf Din-A3-Fotopapier, verpackt und zugesendet in den bekannten Papprollen. K\u00f6nnte ein netter kleiner Nebenerwerb werden und mich motivieren, \u00f6fter in die Welt der Bilder einzusteigen.<\/p>\n<p>Morgen werde ich den Neuen auspacken und die Sache in Angriff nehmen. Da ich mir keine Ausfallzeiten leisten kann, muss der alte PC bleiben, und zwar in voll funktionsf\u00e4higem Zustand. Bisher hab&#8216; ich mich immer von der Vergangenheit getrennt, den Alten verschenkt, auch damit ist es vorbei. Genau wie Microsoft mich \u00fcber XP &#8222;am Halsband h\u00e4lt&#8220; und Google und Telekom meine Netzbewegungen erforschbar machen, so h\u00e4ngt auch die neue Hardware am Service von Dell. Vier Jahre Vor-Ort-Service am n\u00e4chsten Arbeitstag &#8211; h\u00f6rt sich gut an, aber bisher war ich gewohnt, meinen Rechner morgens in den Laden zu bringen und ihn abends repariert wieder abzuholen. Und eine &#8222;Pflicht zur Mitwirkung bei der telefonischen Fehlerdiagnose&#8220; hatte ich auch noch nicht. Das wird jetzt alles aufw\u00e4ndiger, langwieriger, trotz Vor-Ort-Service. Also muss &#8222;der Alte&#8220; bleiben, mein Ger\u00e4tepark w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Er steht jetzt vor der T\u00fcr, immer noch verpackt. Ich genie\u00dfe die letzten Stunden ohne neue Probleme und M\u00f6glichkeiten &#8211; und klopfe auf Holz!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern ist er angekommen. Schwitzend wuchtete der Postbote die beiden Pakete zu mir in den dritten Stock. Ich kritzelte meinen Namen auf das rutschige Display, das er mir hinhielt, und schon war ich allein mit ihm: ein Dell Dimension 8300 Premium Class-PC mit 1024 MB RAM Arbeitsspeicher und zwei 128 Gigabyte-Festplatten. Ein Quantensprung! 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