{"id":1416,"date":"2003-10-02T10:56:00","date_gmt":"2003-10-02T08:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1416"},"modified":"2014-10-12T13:00:01","modified_gmt":"2014-10-12T11:00:01","slug":"das-problem-mit-dem-glueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/10\/02\/das-problem-mit-dem-glueck\/","title":{"rendered":"Das Problem mit dem Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Endlich wieder ein leerer K\u00fchlschrank! Naja, nicht ganz, aber \u00fcbersichtlich: Aprikosen- und &#8222;Waldbeeren&#8220;-Marmelade, Butter, drei Eier, im Gem\u00fcsefach f\u00fcnf Zwiebeln, in der T\u00fcr Gew\u00fcrzgurken, zweimal Artischockenherzen in \u00d6\u00d6l und ein Rest H-Milch, fettarm, der noch f\u00fcr einmal Kaffee reicht. Die Leere gef\u00e4llt mir so gut, dass ich sogar Lust zum Putzen versp\u00fcre, aber ich bez\u00e4hme mich. Man muss ja nicht allen L\u00fcsten immer gleich folgen.<\/p>\n<p>Gl\u00fcck. Immer \u00f6fter f\u00e4llt mir auf, wie in v\u00f6llig banalen Situationen, die nichts derartiges erwarten lassen, Gl\u00fccksgef\u00fchle auftreten. Grundlos. Oder, wenn ich schon darauf bestehe, einen Ursache-Wirkungszusammenhang zwischen gleichzeitig existierenden Erscheinungen herzustellen: aus den seltsamsten Gr\u00fcnden! Ein fast leerer, leicht verdreckter K\u00fchlschrank macht mich gl\u00fccklich, voll ekelt er mich an.<\/p>\n<p>* * *<\/p>\n<p>Gl\u00fcck. Es \u00fcberf\u00e4llt mich aus heiterem Himmel und ich komme schlecht damit zurecht. Da trete ich zum Beispiel in mein Arbeitszimmer, gehe bis in die Zimmermitte, wo mir auff\u00e4llt, dass ich ja jetzt nicht &#8211; wie immer &#8211; nach rechts gehen werde, Richtung Cockpit. Hab mich ja grad erst erfolgreich losgerissen, ohne Bedauern, aber auch ohne Freude (Real Life ist schon auch ein bisschen gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig!). Ich stehe also in der Zimmermitte und schaue mich um. Von hier aus kann ich die ganze Wohnung einsehen, durch die Fl\u00fcgelt\u00fcr vor mir \u00fcbersehe ich das Wohn-Schlafzimmer, durch die andere blicke ich \u00fcber den kaum mehr als einen Quadratmeter gro\u00dfen Flur in Bad und K\u00fcche &#8211; na ja, in der K\u00fcche seh ich nicht weit, aber immerhin. Und wenn ich mich umdrehe, schaue ich durch die Balkont\u00fcren auf das immer noch gr\u00fcne obere Drittel einiger B\u00e4ume auf dem Rudolfplatz. Dar\u00fcber Himmel.<\/p>\n<p>Nichts Besonderes also. Und pl\u00f6tzlich: Gl\u00fcck! Eine Welle aus W\u00e4rme, Licht und Leichtigkeit, die Erdenschwere scheint weniger zu werden. Daf\u00fcr erh\u00f6ht das Herz seine Temperatur (Liebe brennt, im Moment ist es ein warmes, angenehmes Gl\u00fchen), w\u00e4hrend ich &#8211; weder schwebend noch nicht schwebend &#8211; ein wenig umher gehe. Im Gehen ist die Leichtigkeit noch weit pr\u00e4senter, jede Zelle freut sich, nicht so schwer zu sein. Ich registriere, dass ich erstaunlich enspannt bin, obwohl doch ein typischer Sitztag ohne gesunde Pausen hinter mir liegt.<br \/>\nPrompt wundert sich etwas, ein Fragen will anheben &#8211; aber ich kann mich noch mal bez\u00e4hmen und schaue in die verschiedenen R\u00e4ume, ohne etwas Bestimmtes ins Auge zu fassen. Freue mich einfach \u00fcber die Ein- und \u00dcberblicke, die Helligkeit \u00fcberall.<\/p>\n<p>Mein K\u00f6rpergef\u00fchl n\u00e4hert sich dem Optimum und ich registriere nun auch die innere Ruhe. Keine Angst. Kein Sehnen. Wie wunderbar! Der Atem vertieft sich, wodurch das Empfinden auf allen Ebenen intensiver wird. Noch mehr W\u00e4rme, Licht und Leichtigkeit, noch mehr Gef\u00fchl im Herzen &#8211; ich gehe wieder in die K\u00fcche und wasche mir die H\u00e4nde mit kaltem Wasser, gehe sogar aufs Klo, aber es \u00e4ndert sich nichts. Stabiles Gl\u00fcck, kaum aushaltbar!<\/p>\n<p>Es steigert sich, indem ich es bemerke. Doch gleichzeitig setzt sich das Fragen durch: Wieso f\u00fchl ich mich jetzt so? Gibt es einen Grund? Was soll ich jetzt damit machen? Wohin mit dem Gl\u00fcck? Ist es teilbar, mitteilbar, \u00fcbertragbar? Es gel\u00fcstet mich nach einem Akt der Liebe, ein Verlangen, mich zu verstr\u00f6men setzt ein. Geliebte Menschen kommen mir in den Sinn, doch mein Geist lehnt sie als potenzielle Adressaten f\u00fcr den Moment ab. Sie sind zu wenig bed\u00fcrftig, ich will doch nicht Eulen nach Athen tragen! Also weiter. Wie ein Suchscheinwerfer leuchtet mein Denken die Ebenen des Seins aus, um eine Anwendung, eine Augabe, einen Auftrag zu erkennen. Das ist der Moment der Projektideen, mehrere gleichzeitig strengen sich jetzt redlich an, den Augenblick des Gl\u00fccks f\u00fcr ihre Wiedervorlage zu nutzen. Wenn ich mich zu einer von ihnen bekenne, f\u00e4llt mir jetzt ein, werde ich gleich nach rechts Richtung Schreibtisch gehen und mich wieder auf den Stuhl vor den Monitor setzen. Meine &#8222;Grundeinstellung&#8220;, Klinger default. Bei aller Liebe, dazu hab&#8216; ich grad keine Lust!<\/p>\n<p>Was also tun? Ich gehe weiter umher, ziehe auch mal gr\u00f6\u00dfere Kreise durch alle R\u00e4ume &#8211; soll ich vielleicht raus gehen, einen Spaziergang machen? Ich trete auf den Balkon und sehe hinunter auf die Stra\u00dfe. Es d\u00e4mmert, der Abend ist k\u00fchl und feucht, der Himmel wolkenverhangen. Nichts zieht mich dorthin. Aber wie wunderbar, dass ich von hier aus so weit sehen kann! Der unverstellte Blick in alle Richtungen war ein wichtiger Grund, diese Wohnung zu nehmen. Mein momentanes Befinden kann daher allerdings nicht r\u00fchren. Schlie\u00dflich hab ich diesen Ausblick immer, nicht aber dieses Gl\u00fccksgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Habe ich es denn? Nein, es hat mich. Ich kann mich nur wundern und dumme Fragen stellen, nach Ursachen forschen und m\u00f6gliche Wirkungen abw\u00e4gen &#8211; ich? Warum sage ich zu den Gedanken, die unabweislich von selber kommen, &#8222;ich&#8220;, wogegen das Gef\u00fchl und die Empfindungen als ein &#8222;Zustand&#8220; betrachtet werden?<\/p>\n<p>Tu ich ja nicht! In dem Moment, in dem es gelingt, diese Gedanken loszulassen, BIN ich es. Bin dieses innere Brennen, diese W\u00e4rme, Helligkeit und Leichtigkeit. Bemerke es, es intensiviert sich, der Atem vertieft sich, ich gehe weiter umher. Unruhiger jetzt. Will teilen, mich verstr\u00f6men, vielleicht hinaus gehen, irgendwohin, wo Menschen sind. Doch gleichzeitig will ich auch nicht. Es gibt ja nichts zu sagen. Ich wei\u00df keinen &#8222;Weg&#8220; zu diesem Gl\u00fcck, es hat mich \u00fcberfallen. Aber sie w\u00fcrden versuchen, mich in ihre aktuellen Klagen einzubeziehen und w\u00e4ren sauer, wenn das nicht gelingt. Mit Liebe kann die Welt nicht viel anfangen.<\/p>\n<p>Soll ich etwas schreiben? Nein!!! ICH WILL NICHT vor dem PC sitzen, jetzt nicht. Ich gehe weiter umher. Scanne meinen K\u00f6rper und sp\u00fcre nach, was eigentlich mit meinen drei chronischen Zipperlein los ist, aber oh Wunder, nichts nervt! Nicht, dass ich pl\u00f6tzlich gesundet w\u00e4re, aber irgendwie ist alles gut, wie es ist. Die Entspannung und W\u00e4rme \u00fcberstrahlen bei weitem die kleinen Reste gewohnter Missempfindungen, ich muss richtig nach ihnen suchen &#8211; bin ich eigentlich verr\u00fcckt? Warum SUCHE ich das Unangenehme, warum stelle ich das Gl\u00fcck laufend in Frage?<\/p>\n<p>Mein Denken beginnt, mir auf den Keks zugehen. Soll ich es \u00fcberschreiben? Etwas lesen? Eine Zeitung &#8211; oder vielleicht eine Mailingliste? Daf\u00fcr m\u00fcsste ich an den PC, das f\u00e4llt also aus. Doch auch nach Gedrucktem gel\u00fcstet es mich nicht, wie ich merke. Ich will jetzt nichts wissen, meine Stimmung braucht nicht weiter gehoben zu werden, ich brauche keine Infos und muss nicht erbaut werden. Auf Geschichten aus fremden Leben, echten oder erdachten, hab ich erst Recht keine Lust &#8211; allenfalls k\u00f6nnte ich jetzt so was wie &#8222;die Mei\u00dfelschrift vom Glauben an den Geist&#8220; lesen, aber auch sie interessiert mich im Moment nicht. Ich brauche keinen mentalen Input, will eigentlich nur, dass die bereits vorhandenen Gedanken mit ihrem langweiligen Fragen und Rechnen, ihrem Suchen nach Gefahr und Widrigkeiten, nach Aufgaben und Gr\u00fcnden endlich aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ich will nicht denken, sondern leben. Aber was hei\u00dft das &#8211; jetzt zum Beispiel?<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>All das kann ich nicht lange ertragen. Das Befinden neigt dazu, in Ekstase und Euphorie \u00fcberzugehen, bei steigender Unruhe. Ich tue dann in der Regel etwas Drastisches, um die Situation zu ver\u00e4ndern, koche mir was und esse zuviel, oder lege mich in die hei\u00dfe Badewanne. Oder ich gehe wirklich raus, vielleicht einkaufen, vielleicht einen Besuch machen, Leute treffen (wom\u00f6glich das Gl\u00fcck in ein paar Glas Wein ertr\u00e4nken&#8230;) &#8211; was immer ich tue, es ist eine Art Scheitern, ein unangemessener Umgang mit etwas, mit dem ich nicht zurecht komme, obwohl es doch das Allerwundervollste ist.<br \/>\nGl\u00fcck eben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich wieder ein leerer K\u00fchlschrank! Naja, nicht ganz, aber \u00fcbersichtlich: Aprikosen- und &#8222;Waldbeeren&#8220;-Marmelade, Butter, drei Eier, im Gem\u00fcsefach f\u00fcnf Zwiebeln, in der T\u00fcr Gew\u00fcrzgurken, zweimal Artischockenherzen in \u00d6\u00d6l und ein Rest H-Milch, fettarm, der noch f\u00fcr einmal Kaffee reicht. Die Leere gef\u00e4llt mir so gut, dass ich sogar Lust zum Putzen versp\u00fcre, aber ich bez\u00e4hme [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[353],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1416"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1416"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1416\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1416"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1416"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1416"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}