{"id":1415,"date":"2003-09-24T07:54:24","date_gmt":"2003-09-24T05:54:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1415"},"modified":"2019-11-10T13:09:00","modified_gmt":"2019-11-10T12:09:00","slug":"wie-ich-schreiben-lernte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/09\/24\/wie-ich-schreiben-lernte\/","title":{"rendered":"Wie ich schreiben lernte"},"content":{"rendered":"<p>Ich schreibe. Nicht f\u00fcr &#8222;Bewusstheit und Selbsterkenntnis&#8220;, nicht um als Autorin unsterblich zu werden, nicht f\u00fcrs Geld verdienen, nicht um mich meiner selbst zu vergewissern, nicht um mein Publikum zu unterhalten oder gar die Welt zu retten &#8211; ich schreibe einfach. Alles das ist vielleicht zeitweise im Kopf, im Gef\u00fchl intendiert, aber in Wahrheit schreibe ich einfach nur. Weil ich es gelernt habe. Nicht als &#8222;Methode&#8220; mit Werten und Kriterien, sondern als &#8222;Geste&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>G.L. Reschke meint, wie viele in unserem in dieser Hinsicht eigensinnigen Land, es sei unm\u00f6glich, schreiben zu lernen. Es sei unsinnig, Schreibkurse zu besuchen. Entweder man macht es, oder man macht es nicht. Recht hat er, einerseits: man muss es schon tun, selber tun und immer wieder tun. Das nimmt einem niemand ab.<\/p>\n<p>Andrerseits: Wie bin ich denn dahin gekommen, zu schreiben, wie ich es heute praktiziere? Wie viele Andere hatte ich von Anfang an einen Draht zum Schreiben, es fiel mir nie schwer, ich konnte lesen und schreiben, bevor ich in die Schule kam und als ich endlich dort war, war das Schreiben der Hauptgrund, mich da wohl zu f\u00fchlen, f\u00e4hig, anerkannt. Besser als in der Kinderbande im Hof, wo die Barbarei und das Recht des St\u00e4rkeren herrschte &#8211; ich war zuf\u00e4llig die Schw\u00e4chste. Will mich jetzt nicht dar\u00fcber verbreiten, was das im Einzelnen bedeutete!<\/p>\n<p>Aber trotz allen Talents: ich lernte nur, vorhandene Schubladen zu bedienen, ein entfremdetes Schreiben, das eine &#8222;Leistung&#8220; darstellt &#8211; der Er\u00f6rterungsaufsatz zum Beispiel, f\u00fcr den ich schon gleich ger\u00fcgt wurde, weil ich der eigenen Meinung zu gro\u00dfen Raum gab. Sp\u00e4ter lernte ich, s\u00e4mtlich geforderten Varianten von Texten perfekt zu erstellen, kein Problem! Doch es gab \u00fcberhaupt keinen Weg, keine Idee, keine Anregung in Richtung eines anderen, eigenen Schreibens. Klar, man wurde mit der Weltliteratur bekannt gemacht, und damit auch in eine Anbetungshaltung versetzt: nur der AUTOR, nur der ANERKANNTE Autor hat das Recht, zu schreiben, etwas selber zu sagen und zu meinen &#8211; oder auch Wissenschaftler: die brauchen allerdings einen gro\u00dfen Fu\u00dfnotenapparat, um ihre Berechtigung nachzuweisen. Und dann ist da noch der Journalismus &#8211; na ja, dazu brauch ich jetzt nichts sagen, das ist in den meisten F\u00e4llen die Entfremdung schlechthin. Journalisten sind die ersten, die man durch Programme ersetzen k\u00f6nnte, wenn die Software gewisse qualitative Spr\u00fcnge machen k\u00f6nnte. Ich hab einige Erfahrungen gemacht und wei\u00df, wie es meistens l\u00e4uft: Das Negative, das Niedere, Sch\u00e4dliche, Widerspr\u00fcchliche, Fragliche und Gef\u00e4hrliche muss berichtet werden, alles andere ist im Grunde uninteressant. Da w\u00fcrd&#8216; ich doch lieber putzen gehen, als meinen Geist ins journalistische Joch zu zw\u00e4ngen!<\/p>\n<h2>L\u00f6sung und Lockerung<\/h2>\n<p>Und dann, irgendwann Mitte drei\u00dfig, die ersten Creative Writing-Kurse. Volkshochschule, alles recht erschwinglich, just for fun mal eben so mitzunehmen: Wow, was f\u00fcr ein Erlebnis! Keine Schubladen mehr, keine Kriterien, keine Anbetung, no Respekt!! Einfach schreiben &#8211; und zwar das, was aus mir kommt, was sich von selber schreibt, wenn der ganze Schmodder an \u00dcberbau, an Wollen, Meinen, Denken und Sollen mal beiseite gelassen wird. Das ist nicht so einfach per Beschluss zu erlernen: ab jetzt schreibe ich &#8222;echt und ehrlich&#8220;. &#8222;Echt&#8220; und &#8222;ehrlich&#8220; sind genau wieder Kategorien wie alle anderen Vorgaben &#8211; wirklich schreiben ist JENSEITS des Wollens und Entscheidens, jenseits des Bewertens und jedweder Moral. (Einschlie\u00dflich der spirituellen Moral der Selbstsuche und Findung, der Ego-Demontage oder was auch immer). Wenn der Schreibfluss im Gang ist, er\u00f6ffnet sich ein ganz neues Feld der Beobachtung: Als w\u00e4r ich mir selber ganz fremd, schreibe ich nieder, was durch meinen Kopf geistert, versuche auch, Gef\u00fchle und Empfindungen mitzubeschreiben &#8211; und merke dabei im Lauf der Zeit, wie substanzlos das &#8222;an sich&#8220; alles ist. Erst wenn ich ausw\u00e4hle, das Geschriebene in Form bringe, zu einem bestimmten Zweck nutze, dann bin ich auf der Ebene der Bewertungen angekommen: Ist das auch &#8222;echt&#8220;? Ist es &#8222;gut&#8220;?<\/p>\n<p>Beim \u00f6ffentlichen Schreiben, wie etwa hier im Diary, ist der &#8222;Selbsterkenntnis-Gewinn&#8220; ganz automatisch gr\u00f6\u00dfer als in einem &#8222;geheimen Tagebuch&#8220;, das muss ich nicht mal extra anstreben. W\u00e4hrend ich das jetzt nieder schreibe, bin ich noch in meiner &#8222;Winword-Umgebung&#8220;, bin mit mir allein, doch wenn ein St\u00fcck Text entstanden ist, wenn der Schreibfluss stockt und die Bewertung einsetzt, lese ich es noch mal durch und frag mich: Will ich das SO ver\u00f6ffentlichen? Zum Beispiel der Teil \u00fcber Journalismus: in der Erstfassung war der noch h\u00e4rter formuliert und auch jetzt hat er noch &#8222;Verletzungspotenzial&#8220;. ABER: ich kenne doch auch gute, engagierte Journalisten, finde es mutig, wie sich viele selbst in Gefahr bringen, um von gef\u00e4hrlichen Orten noch zu berichten. Ohne Journalisten, die so manche Schweinerei aufdecken, h\u00e4tten wir einen ganz anderen Staat &#8211; ist es da angemessen, den gesamten Journalismus mal eben in die Tonne zu treten, weil es grad gut passt? Weil die Gedanken nun mal so auf die leere Seite flossen, der Drive des ganzen Absatzes von einem \u00dcbel zum n\u00e4chsten dr\u00e4ngte, die Ausdrucksweise ganz von selber drastischer wurde??? Beim zweiten Lesen seh&#8216; ich mehr, sehe nicht nur schwarz oder wei\u00df, werde mir der Vielschichtigkeit und Komplexit\u00e4t wieder bewusster &#8211; und je nachdem, was ich dann f\u00fcr ein Gef\u00fchl zum Geschriebenen bekomme, streiche ich es weg, entsch\u00e4rfe es oder lasse es stehen. W\u00fcrde ich ein &#8222;geheimes Tagebuch&#8220; f\u00fchren, h\u00e4tte ich dazu keinen Anlass: jedwede Emotion, jeder spontane Gedanke ginge ein in die gro\u00dfe Materialsammlung &#8222;Tagebuch&#8220;, die sowieso keiner liest, die mich also gar nicht motiviert, von meinen aktuellen Scheuklappen auch wieder abzusehen.<\/p>\n<p>Was ist da nun &#8222;echt und ehrlich&#8220; oder nicht?? F\u00fcr mich geht es darum gar nicht, mich begeistert der Prozess als solcher. Wie sich aus dem Chaos im Kopf ein Text entwickelt und wie er sich dann im Rahmen der inneren Auseinandersetzung mit dem Gesagten noch ver\u00e4ndert: es ist immer wieder ein Abenteuer, jedes Mal. Die einzige Erkenntnis, die ich im &#8222;geheimen Tagebuch&#8220; gewinnen w\u00fcrde, w\u00e4re vergleichsweise d\u00fcnn: ich bin gedanklich zu allem f\u00e4hig, bin widerspr\u00fcchlich und ver\u00e4ndere mich fortlaufend.<\/p>\n<p>Um die beobachtende Haltung gegen\u00fcber der eigenen Gedankenproduktion zu gewinnen, sind die Techniken des Kreativen Schreibens unschlagbar effektiv. Wobei man sie nicht nur kennen, sondern auch anwenden muss, zumindest eine Zeit lang, bis sich die &#8222;Art, zu schreiben&#8220; ge\u00e4ndert hat. Jahrelang schrieb ich Briefe an meinen Yogalehrer &#8211; lange Briefe, etwa in der L\u00e4nge dieser Diary-Artikel. Darin setzte ich mich mit den Yoga-Erlebnissen auseinander, doch schnell wurden es Briefe \u00fcber Gott und die Welt. Es war klar, dass er diese Briefe nicht schriftlich beantworten w\u00fcrde, allenfalls nahm er manchmal einen Gedanken heraus und kommentierte ihn in der n\u00e4chsten Yogastunde, w\u00e4hrend wir Sch\u00fcler entspannt auf dem R\u00fccken lagen und seiner Stimme lauschten, die bereits aus dem langen Atem sprach, den wir erst gewinnen wollten.<\/p>\n<p>Die Briefe hatten zun\u00e4chst eine sehr bem\u00fchte, abgerundete und abgesicherte Form: voller Bez\u00fcge auf Autorit\u00e4ten, auf das, was Andere sagten, auf Moral und Tradition der eigenen Generation, auf Denkinhalte aus spirituellen Lehren und vieles mehr. Auch an meinen Lebensgef\u00e4hrten, der lange Zeit in Italien lebte, schrieb ich solche Briefe &#8211; er sprach dann von dem Schrecken, der ihn angesichts einer solchen &#8222;Gro\u00dfkalibrigkeit&#8220; \u00fcberkam: wie kann man darauf noch &#8222;ganz normal&#8220; antworten?<\/p>\n<p>Es wurde erst anders, als ich das Kreative Schreiben entdeckte und etliche Kurse besuchte. Sehr schnell schrieb ich mich frei von allem, was nur &#8222;zur Absicherung&#8220;, Begr\u00fcndung oder Rechtfertigung in die Texte geriet. Die Entdeckung des Schreibflusses, zum Beispiel im Versuch, &#8222;automatisch&#8220; zu schreiben, war grundst\u00fcrzend. \u00dcbungen wie &#8222;10 Minuten schreiben ohne aufzuh\u00f6ren&#8220; faszinierten mich: was da alles zu Tage kam, was alles &#8222;aus mir&#8220; heraus sprudelte! Und dann nat\u00fcrlich gleich die Frage: bin das ICH? \u00dcblicherweise war ich ja mit meinen Gedanken vollst\u00e4ndig identifiziert, der Prozess des &#8222;Zuerechtbiegens&#8220;, des Sortierens, Ausw\u00e4hlens, Bewertens verlief derart schnell, dass ich gar nicht bemerkte, was f\u00fcr ein ungestaltetes vielf\u00e4ltiges Material sich da von Augenblick zu Augenblick abspult.<\/p>\n<p>Genau wie mich die Yoga-\u00dcbungen physisch und psychisch entspannten, lockerte sich auch mein Umgang mit den Denkinhalten im Zuge der Schreibkurse. Im Yoga beobachtete ich den Atem, die physischen Empfindungen in verschiedenen Haltungen, und stellte fest: das ist eine ganz eigene Ebene, da tut sich etwas, das nicht ich tue. Und es wirkt sich sogar auf andere Ebenen aus: auf Gef\u00fchle und Gedanken, die mich zu Handlungen und Verhalten veranlassen. Meine selbstverst\u00e4ndliche Identifikation mit dem K\u00f6rper zerbr\u00f6ckelte schnell &#8211; genau wie die fraglose Identifikation mit dem &#8222;ich denke&#8220; zerbrach, als ich in den &#8222;Fluss&#8220; des freien Schreibens eintauchte.<\/p>\n<p>Zwanzig Jahre lang suchte ich immer wieder gern meine Schreibgruppe auf &#8211; zu selbst organisierten Schreibnachmittagen oder Abenden. Einmal im Jahr veranstalteten wir ein Schreibwochenende auf dem Land und erlebten in der Natur noch ganz andere Anregungen als in den H\u00e4userschluchten der Stadt. Das &#8222;abenteuerliche Schreiben&#8220; wird niemals langweilig, ganz anders als das Schreiben f\u00fcr Schubladen, das ich 1996 und &#8217;97 wieder praktizierte, als ich meine Internet-Erforschungen f\u00fcr die Printpresse in verdauliche Formen goss. Das Netz war noch ganz jung und kaum im Bewusstsein der Gesellschaft, ich durfte also im Prinzip schreiben, was ich wollte, Hauptsache Internet. Und doch sp\u00fcrte ich den Unterschied deutlich, der mit den unausgesprochenen Vorgaben verbunden war: vorgeschriebene L\u00e4nge, sachliche Dichte, immer mal ein Gag, was zum Schmunzeln, dabei aber bitte nicht zu pers\u00f6nlich! Klar, die Gazetten brauchen das so &#8211; aber als sich die M\u00f6glichkeit ergab, mit Webdesign Geld zu verdienen anstatt durch fremdbestimmte Kanalisierung meines Schreibflusses zog ich das bei weitem vor.<\/p>\n<p>Wer bin ich? Wei\u00df ich das besser, seit ich so schreibe? Ich wei\u00df nur, dass meine fr\u00fcheren Annahmen nicht stimmten, und das ist schon viel wert. Es ist sowieso eine Frage, deren Beantwortung darin liegt, dass man eine andere Haltung zur Frage gewinnt &#8211; nicht etwa eine konkrete Antwort. Ja, eine Antwort w\u00e4re geradezu t\u00f6dlich, denn mit ihr w\u00e4re das Abenteuer des Lebens zu Ende.<\/p>\n<p>Heut schlie\u00df ich mal mit einem sch\u00f6nen Zitat:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Paranoia, der Geist, der neben sich steht, wird zu Metanoia, dem Geist, der bei sich und somit frei von sich ist. Wenn sie sich nicht aneinander klammern, sind die H\u00e4nde frei, zu handeln; wenn sie den Blick von sich selbst l\u00f6sen, sind die Augen frei zu schauen; wenn das Denken sich nicht bem\u00fcht, sich selbst zu verstehen, ist es frei zu denken. In solchem F\u00fchlen, Sehen und Denken braucht das Leben keine Zukunft, um vollst\u00e4ndig zu sein, auch keine Erkl\u00e4rungen, um sich zu rechtfertigen. In diesem Augenblick ist es vollendet.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8211; Allen Watts &#8211;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schreibe. 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