{"id":1414,"date":"2003-09-17T11:53:18","date_gmt":"2003-09-17T10:53:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1414"},"modified":"2014-04-13T07:54:00","modified_gmt":"2014-04-13T06:54:00","slug":"frei-vom-anderen-frei-vom-damals","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/09\/17\/frei-vom-anderen-frei-vom-damals\/","title":{"rendered":"Frei vom Anderen, frei vom &#8222;Damals&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Seit ich alleine wohne, ver\u00e4ndert sich mein Leben in staunenswerter Geschwindigkeit. Die Einheit zwischen Leben, Arbeiten, Geld verdienen und \u00fcber all das schreiben, die \u00fcber lange Zeit Bestand hatte, gibt es nicht mehr: ich hab sie einfach auseinander fallen lassen, mich sogar begeistert an der Demontage beteiligt. Nun liegen alle Teile unverbunden herum, neue sind hinzu gekommen und ich bin gespannt, welche neue Gestalt das alles noch annehmen wird.<\/p>\n<p>Gespannt? Ja, schon, aber es ist nicht mehr so, dass ich einfach nur zusehe, was &#8222;sich ergibt&#8220;. Im Fr\u00fchjahr hab ich beschlossen, in Zukunft mit dem, was mir am meisten Freude macht, auch Geld zu verdienen. Ich will nicht mehr (bzw. immer weniger) Brotarbeit leisten, um freie Zeit f\u00fcr &#8222;das Eigentliche&#8220; zu haben, wobei das &#8222;Eigentliche&#8220; recht formlos und spontan bleibt und selten zu dem Niveau heran reift wie meine bezahlten Dienstleistungen.<\/p>\n<p>&#8222;Im Auftrag&#8220; zu arbeiten, so richtig mit Termin und konkretem Ziel, bedeutet innere Sammlung, Konzentration, Mobilisierung aller F\u00e4higkeiten und nat\u00fcrlich Anstrengung. Dieser Anstrengung entspricht am Ende die Freude \u00fcber das Werk und das verdiente Geld. Warum sollte diese &#8222;High Performance&#8220; immer nur im Dienste Anderer stehen, deren Aktivit\u00e4ten unterst\u00fctzen, fremden Werken und Unternehmungen dienen? Womit ich nicht sagen will, dass ich keine Lust zum Dienen h\u00e4tte, im Gegenteil: gerade das f\u00fchlt sich am stimmigsten und gl\u00fcckbringendsten an, wenn man das &#8222;Ureigene&#8220; als Beitrag in die Welt setzt und es tats\u00e4chlich Menschen gibt, die etwas davon haben und denen es etwas wert ist.<\/p>\n<p>Gedacht hab&#8216; ich das lange schon, aber nichts gemacht. Dazu brauchte es tats\u00e4chlich das alleine Wohnen: es bewirkt eine radikalere Art, auch innerlich mit sich alleine zu sein. Nicht mehr &#8222;der Andere&#8220; steht stets bereit, zu sagen, was gut und richtig, was angesagt und \u00fcberfl\u00fcssig ist, sondern ich muss es selber tun. Das ist keine nachtr\u00e4gliche Kritik an meinem Ex-Lebensgef\u00e4hrten, denn JEDER Andere sagt bereitwillig diese Dinge. Jeder Mensch gibt das je Eigene nach au\u00dfen und vertritt es als das Richtige. Und es ist ja so leicht, da zuzuh\u00f6ren, die eigenen Impulse nicht ganz ernst zu nehmen! Der konkrete Andere ist &#8222;die Welt&#8220;, er begegnet mir als Realit\u00e4t, als Tatsache, wogegen ich mir selber immer als &#8222;unfertig&#8220; vorkomme, st\u00e4ndig im Fluss. Ich kann jederzeit umdenken, stelle mich selber st\u00e4ndig in Frage, springe von Idee zu Idee, von Verlangen zu Verlangen, von Meinung zu Meinung, wogegen der Andere einfach so sagt, was Sache ist. Er mag innerlich ebenso unsicher sein wie ich, allein der existenzielle Unterschied zwischen &#8222;Ich&#8220; und &#8222;Du&#8220; bedingt dieses Erleben.<\/p>\n<p>Nun sind alle &#8222;Anderen&#8220; gleich weit von mir entfernt, zumindest empfinde ich das im Alltag so. Ich kann mich sammeln, bleibe automatisch l\u00e4nger bei meinen jeweiligen Ideen und Vorhaben und erlebe, wie es ist, alle Entscheidungen alleine zu treffen und zu verantworten. Dabei ist mir erst richtig bewusst geworden, wie sehr ich das im bisherigen Leben vermieden habe! Zwar war ich immer schon recht aktiv und unternehmungslustig, aber ich brauchte Andere, die gemeinsam das Entscheiden besorgten. In einer Gruppe habe ich kein Problem, meine &#8222;Sicht der Dinge&#8220; durchzusetzen, bzw. dies zumindest zu versuchen. Wenn es gelingt, wenn das, was urspr\u00fcnglich allein meine Idee war, sich als Gruppenbeschluss durchsetzt, gibt&#8217;s auch kein &#8222;Problem&#8220; mehr: sie haben es gepr\u00fcft und f\u00fcr gut befunden, jetzt muss ich es nicht mehr alleine verantworten, mir m\u00f6gliche negative Folgen und schlechte Ergebnisse nicht alleine ans Bein binden.<\/p>\n<p>Die Gruppen hatte ich lange schon hinter mir gelassen, doch zumindest brauchte ich EIN Gegen\u00fcber! Einen Auftraggeber, der wei\u00df, was er will. Einen Co-Worker pro Projekt, der mit mir entscheidet, was wir jetzt machen. Und im Privatleben EINEN Gef\u00e4hrten, sicherheitshalber einen, der &#8222;im Prinzip nichts will&#8220;, denn schlie\u00dflich wollte ich frei sein, mich nicht gro\u00df anpassen m\u00fcssen, gar einem fremden Willen unterwerfen. Eine Illusion, wie ich im Nachhinein sehe, denn ich habe mich ans &#8222;Nichts -Wollen&#8220; angepasst.<\/p>\n<p>All das hab&#8216; ich gew\u00e4hlt, weil ich es brauchte, weil ich es so wollte, ohne mir ganz klar zu sein, aus welchen Antrieben oder Verweigerungen heraus es geschah.<\/p>\n<p>Und jetzt bin ich also allein! Folge meinen Impulsen, treffe Entscheidungen, mache wieder Pl\u00e4ne, setze um, was ich f\u00fcr gut und erfolgsversprechend halte und tats\u00e4chlich: es geht! Es macht sogar ungeheuer Spa\u00df, wenn ich mich auch immer wieder frage: Ist das jetzt richtig? Darf ich das? Sollte ich das? Kann ich das?<\/p>\n<p>Ich kann, darf und sollte auf jeden Fall weit mehr, als ich bisher glaubte. Da m\u00f6gen R\u00fcckschl\u00e4ge kommen, Misserfolge und mancher \u00c4rger: im eigenen Leben sitze ich nicht nur in der ersten Reihe, ich gestalte auch das St\u00fcck selber, das gespielt wird. Eigentlich eine verdammt banale Erkenntnis, aber wie langwierig, sie auch wirklich zu leben!<\/p>\n<h2>Die Last der Vergangenheit abwerfen<\/h2>\n<p>Ebenso schwierig wie die Befreiung vom &#8222;sch\u00fctzenden Anderen&#8220; ist die Losl\u00f6sung vom eigenen &#8222;Meinen&#8220;. Ich bemerke einen ungeheuren Wust von Meinungen \u00fcber mich selbst, die ich in etlichen Jahrzehnten angesammelt habe. Die sind zustande gekommen aus Situationen heraus, aus leid- oder freudvollen Erfahrungen, in denen ich mich so oder anders verhielt und daraus dann meine Schl\u00fcsse zog, ein Selbstbild aufbaute. Ich will jetzt nicht mit Beispielen langweilen, nehme nur eine typische Schiene, die viele kennen und selber erleben: der Blick in die Kindheit. Immer wieder h\u00f6re ich Menschen sagen &#8222;Ich bin so, weil&#8230;&#8220;, und dann folgt irgend eine Traumatisierung oder andere, weniger drastische Formungserlebnisse, die als Erkl\u00e4rung f\u00fcr das &#8222;Jetzt&#8220; dienen soll, bzw. als Rechtfertigung f\u00fcr eine Einschr\u00e4nkung im Heute.<\/p>\n<p>Nichts dagegen, das alles anzuschauen! Es ist erhellend, die Traumatisierungen, Indoktrinierungen und Konditionierungen zu erkennen, seien sie aus der Kindheit, der Jugend oder der heutigen Gesellschaft. Aber muss das hei\u00dfen, daran kleben zu bleiben? Bin ich denn ein Stein, von Bildhauern geformt, mit denen sich nicht diskutieren lie\u00df, und heute &#8222;fertig&#8220;, unver\u00e4nderbar, leider SO und nicht anders geworden? War ich denn nicht auch schon &#8222;damals&#8220; durch mein Denken und Meinen an der Art beteiligt, WIE ich die Realit\u00e4t erlebte? In welcher WEISE zwingt mich Vergangenheit JETZT? Inwiefern ist sie heute &#8222;real&#8220;, wirk-lich, wirksam?<\/p>\n<p>Sie ist &#8222;da&#8220; als mein Gedanke, als Erinnerung, die sich sogar fortlaufend ver\u00e4ndert, je \u00e4lter ich werde, denn meine Einsicht und meine Bewertungen \u00e4ndern sich. Und sie wirkt fort im K\u00f6rper: bestimmte Erlebens- und Verhaltensweisen bedingen bestimmte Muskelverspannungen und K\u00f6rperhaltungen, die dazu neigen &#8222;chronisch&#8220; zu werden. Der eine geht dann geb\u00fcckt durchs Leben, der andere l\u00e4uft besenstilartig gerade umher und kann das Becken kaum mehr bewegen. Irgendwann entwickeln sich dann die dem entsprechenden &#8222;Krankheiten&#8220;.<\/p>\n<p>M\u00fcssen wir wirklich immer weiter &#8222;an der Vergangenheit kranken&#8220;??? Zw\u00f6lf Jahre Yoga haben mir gezeigt, dass die psychophysische Ebene wieder in ihr nat\u00fcrliches, spontanes Zusammenwirken zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann (die heftigsten Ver\u00e4nderungen und Lockerungen sp\u00fcrte ich bereits nach einem halben Jahr!). Aber das alleine reicht nicht, auch im Geist muss ich bereit sein, meine Vorstellungen loszulassen. Endlich damit aufh\u00f6ren, mir immer wieder vorzusagen: Ich bin SO, weil..<\/p>\n<p>Wie? Einfach so. Wenn der Gedanke kommt, glatt ignorieren! Ich staune selbst, wie erfolgreich das ist, aber eigentlich wundert es nicht: So ein Gedanke erh\u00e4lt und m\u00e4stet sich durch meine Aufmerksamkeit, meine innere Resonanz, mein stetes &#8222;darauf Eingehen&#8220;. Wenn das ausbleibt, kommt er immer seltener und dann gar nicht mehr. Daf\u00fcr braucht man keinen Therapeuten und spart jede Menge Geld. Das Einzige, was n\u00f6tig ist, ist die Entscheidung, es f\u00fcr wahr zu halten, dass das SO funktioniert. Mir pers\u00f6nlich hat schon gereicht, es f\u00fcr m\u00f6glich zu halten &#8211; den Rest besorgt die Erfahrung des Erfolgs.<\/p>\n<p>Der Gedanke allerdings, dass ich jetzt (es ist schon halb elf!) dringlich &#8222;was Richtiges arbeiten&#8220; muss, l\u00e4sst sich nicht wegschicken. Das wird sich erst \u00e4ndern, wenn auch das Digital Diary einen gr\u00f6\u00dferen Anteil an meinem Einkommen generiert &#8211; aber keine Sorge, das Lesen wird hier immer kostenlos bleiben!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit ich alleine wohne, ver\u00e4ndert sich mein Leben in staunenswerter Geschwindigkeit. Die Einheit zwischen Leben, Arbeiten, Geld verdienen und \u00fcber all das schreiben, die \u00fcber lange Zeit Bestand hatte, gibt es nicht mehr: ich hab sie einfach auseinander fallen lassen, mich sogar begeistert an der Demontage beteiligt. 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