{"id":1413,"date":"2003-09-12T20:49:45","date_gmt":"2003-09-12T19:49:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1413"},"modified":"2014-04-13T07:51:24","modified_gmt":"2014-04-13T06:51:24","slug":"bondage-die-kunst-des-erotischen-fesselns-ein-workshop","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/09\/12\/bondage-die-kunst-des-erotischen-fesselns-ein-workshop\/","title":{"rendered":"Bondage, die Kunst des erotischen Fesselns &#8211; ein Workshop"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich bei\u00dfe nicht&#8220;, sagt der alte Mann mit den schneewei\u00dfen Haaren, und r\u00fcckt seinen wuchtigen Leib ein wenig mehr in die rechte Ecke des Zweisitzersofas, um mir Platz zu machen. &#8222;Ich auch nicht&#8220;, sag ich, setze mich neben ihn und schaue in die Runde. Ein Paar um die 40 nestelt kundig an diversen orangenen, wei\u00dfen und gr\u00fcnen Seilb\u00fcndeln, die beiden dr\u00f6seln die Stricke sorgf\u00e4ltig auf, messen die L\u00e4ngen mit den Armen, und wickeln sie wieder ordentlich zusammen. Wir sind jetzt zu acht, drei M\u00e4nner, f\u00fcnf Frauen, die Ladeninhaberin mitgez\u00e4hlt, St\u00fchle und Sofa stehen im Kreis. Es ist hell und gem\u00fctlich im RauslinkLa Luna, dem &#8222;Frauenerotiklanden, in dem auch M\u00e4nner willkommen sind&#8220;. Warme Farben dominieren, an den W\u00e4nden stehen Regale mit B\u00fcchern und jeder Menge erotischer Objekte, im Hintergrund ein Kleiderst\u00e4nder mit Dessous. Ein prominent platziertes riesiges Ganzschalenkorsett f\u00e4llt mir auf, die Walk\u00fcren-Ausma\u00dfe signalisieren: auch dicke Frauen sind sexy!<\/p>\n<p>Da der Laden ebenerdig liegt und von au\u00dfen eingesehen werden kann, verh\u00e4ngt unsere Gastgeberin Fenster und T\u00fcren. Dann k\u00f6nnte es eigentlich losgehen mit &#8222;Bondage, der Kunst des erotischen Fesselns&#8220;, doch zun\u00e4chst wird \u00fcber die Lautst\u00e4rke der Musik diskutiert. Sph\u00e4rische Kl\u00e4nge aus dem Hintergrund, fast jeder m\u00f6chte sie noch ein bisschen leiser haben &#8211; sehr sympathisch, ich mag nicht gegen Musik anreden m\u00fcssen, und vermutlich wird hier mehr geredet als &#8222;ge\u00fcbt&#8220;. So zumindest l\u00e4sst es der Artikel im Stadtmagazin erwarten, der mich hergelockt hat.<\/p>\n<p>Helena Esprie, die 52-J\u00e4hrige Kursleiterin, ist leider verhindert, erfahren wir jetzt. An ihrer Stelle werden uns Maya und Ingo (das kundige Paar) in die Kunst einf\u00fchren, FAST richtige Profis, die seit Jahren miteinander Seilspiele praktizieren und zweimal im Monat in einschl\u00e4gigen Clubs Performances geben. Maya beginnt mit einer einf\u00fchrenden Rede, erz\u00e4hlt von sich, von ihren Erfahrungen mit vielerlei Spielarten erotischen Tuns, die nicht so ganz dem Mainstream entsprechen. Es geht ihr darum, die Zuh\u00f6renden zu lockern, m\u00f6gliche Unsicherheiten zu bes\u00e4nftigen, doch so, wie hier alle neugierig und interessiert zusehen, ist Sch\u00fcchternheit eher nicht das Problem. Allenfalls die \u00fcbliche, z\u00f6gerliche Konsumhaltung: man erwartet einen professionellen &#8222;Input&#8220; und dann klare Anweisungen, welche Art der Beteiligung gew\u00fcnscht wird. Maya &#8222;lockert&#8220; indes weiter, verliest uns eine minutenlange erotische Fantasie, eine Geschichte, die einzig davon handelt, was einer alles denkt, der seine Freundin erstmalig erfolgreich gefesselt hat und nun zu Taten schreiten will. Er denkt viel, sehr viel, und ich denk bei mir: das ist ein Fehler!<\/p>\n<p>Wann werden wir endlich selber reden, miteinander ins Gespr\u00e4ch kommen? Es wirkt fast ein wenig absurd, alle sehen so aus, als w\u00fcrden sie gerne reden, aber niemand mag anfangen. Auch ich nicht, hab&#8216; ich doch gelernt, meine L\u00f6wennatur nicht mehr immer und \u00fcberall in den Vordergrund zu dr\u00e4ngen und das Wort zu ergreifen, wenn die anderen sich nicht trauen. Maya &#8222;droht&#8220; schlie\u00dflich mit einem Assoziationsspiel, was gottlob von einer der Frauen abgelehnt wird: &#8222;Ich bin besser im Erz\u00e4hlen, als in Assoziationsspielen&#8220;, sagt sie, und alle atmen erleichtert auf. Elke (ich nenne sie mal so) berichtet, dass sie auf Anregung ihres Freundes einige passive Erfahrungen gemacht hat und dabei feststellte, dass sie lieber selber aktiv sein m\u00f6chte, selber fesseln! Daf\u00fcr sucht sie nun Tipps und Tricks. Auch Andrea und Birgit wollen ihren Horizont erweitern, Andrea ist stark, kr\u00e4ftig, m\u00e4chtig und immer aktiv, es reizt sie, die Macht abzugeben und einfach mal &#8222;machen zu lassen&#8220;. Birgit ist mit einer Hure befreundet, von der sie sich seit zwei Jahren Geschichten erz\u00e4hlen l\u00e4sst, spannende Geschichten aus deren Berufsleben, doch jetzt will Birgit mal &#8222;selber was erleben&#8220;.<\/p>\n<p>Andy, der junge Mann auf dem Stuhl rechts neben mir, hat seit vier Wochen eine neue Freundin, die ganz nebenbei erw\u00e4hnt hat, dass sie &#8222;so was&#8220; mag &#8211; und da sitzt er nun und will sich informieren, ganz auf die Schnelle, denn morgen schon wird sie wieder kommen. Auch Hermann, mein Sofa-Nachbar, h\u00e4lt nun seine Vorstellungsrede: &#8222;Wenn Fantasien da sind&#8220;, sagt er, &#8222;dann neigt man schon dazu, ihnen in der Beziehung auch mal Gestalt zu geben!&#8220;. Alle nicken. Und alle sind erstaunt, als er weiter erz\u00e4hlt, er habe ein einziges Mal, so ungef\u00e4hr vor drei\u00dfig Jahren (!), seiner Frau ganz locker die H\u00e4nde gefesselt. Das habe, f\u00fcr beide v\u00f6llig unerwartet, eine Panik-Attacke zur Folge gehabt, weswegen es dann nie wieder zu derlei Experimenten gekommen sei. Und nun h\u00e4tte er gerade zuf\u00e4llig vor diesem Laden gestanden, h\u00e4tte die Workshop-Ank\u00fcndigung gelesen, und da sei er nun!<\/p>\n<p>Ich bewundere innerlich seinen Mut, mit 70+ hier so locker in der Runde zu sitzen. Auch in mir ist offensichtlich die diskriminierende Vorstellung lebendig, im vorger\u00fcckten Alter k\u00e4me allenfalls noch das Gartenzwerge-Aufstellen in der Kleingartenkolonie als passendes Hobby in Betracht. Sch\u00f6n, dass es nicht so ist! Nach ihm bin ich selber dran, erz\u00e4hle von den immer schon vorhanden gewesenen Fantasien, von den Spielen in der Kinderzeit, die mich auf mir unbekannte Weise erregt hatten; erz\u00e4hle, dass es nicht m\u00f6glich war, solche politisch unkorrekten Fantasien in den Beziehungen meiner ersten Lebensh\u00e4lfte zu realisieren, da diese Beziehungen immer auch Machtk\u00e4mpfe waren &#8211; unm\u00f6glich, mich da in eine physisch machtlose Situation einzulassen, Fantasien hin oder her. Und ich erz\u00e4hle von meinem fernen Freund in B., der mich dazu inspiriert hat, mich f\u00fcr die Seilk\u00fcnste zu interessieren &#8211; im Januar wird er mich besuchen. Bis dahin will ich nicht mehr ahnungslos sein.<\/p>\n<h2>Ein Hauch von Utopie&#8230;<\/h2>\n<p>Ach, es ist wunderbar, in dieser gem\u00fctlichen Runde zu sitzen und \u00fcber erotische Tr\u00e4ume und Aktivit\u00e4ten zu reden wie \u00fcber Kochrezepte und Yoga-\u00dcbungen! Warme, friedlich-fr\u00f6hliche Gef\u00fchle sind im Raum, alle stehen zu sich und dem, was sie hierher gef\u00fchrt hat, jede und jeder ist auf je eigene Weise unterwegs zu neuen Ufern, will MEHR als das erotische Standardprogramm, ist bereit, Risiken einzugehen und sogar bereit, sich mit anderen, wildfremden Menschen dar\u00fcber auszutauschen. Was f\u00fcr ein Unterschied zur &#8222;normalen Gesellschaft&#8220;, wo niemand je \u00fcber das eigene praktische Liebesleben spricht, aber die Speise-Eis-Werbung in drastisch aufgeilender Bildersprache daher kommt. Wo man t\u00e4glich mit unz\u00e4hligen medial vermittelten erotischen Reizen konfrontiert wird, immer mit der Aufforderung verbunden, irgend etwas zu kaufen, was nichts, aber auch gar nichts mit Sex zu tun hat. Was w\u00fcrde aus dieser Kommerzwelt werden, wenn sich die Menschen einfach n\u00e4hmen, was sie suchen? Ohne Umwege \u00fcber nutzlose Produkte, einfach so, sich einander zuwendend???<\/p>\n<p>Maya reicht jetzt Materialien herum &#8211; T\u00fccher, Seile, gepolsterte und ungepolsterte Leder-Manschetten &#8211; und erz\u00e4hlt, was man alles damit anstellen k\u00f6nne. Sabine, die Ladeninhaberin, die &#8222;eher vom Tantra her kommt&#8220; und erotische Massage-Wochenenden anbietet, verweist auf Federn, Handschuhe, Fell und Eisw\u00fcrfel f\u00fcr neue Erfahrungen auf gelangweilter Haut. Dann beginnt endlich der praktische Teil: Ingo fesselt Maya! Sie ist klein und sehr schlank, tr\u00e4gt enge schwarze Jeans und einen entsprechenden Body &#8211; das orangene Seil, mit dem er sie kunstvoll verschn\u00fcrt, sieht auf dem dunklen Stoff spitze aus. Die beiden erw\u00e4hnen, dass in ihren Performances diese Seile schon mal im Schwarzlicht leuchten &#8211; hm, ich bekomme Lust, mir das mal anzugucken! Ob ich mich hintrauen werde? Es ist in Kreuzberg, meiner alten Heimat &#8211; na, mal sehen&#8230;<\/p>\n<p>Danach sind wir dran. Wer mag, darf jetzt experimentieren, sich auf einen Stuhl fesseln lassen oder einfach Knoten \u00fcben &#8211; ich frag mich einen Moment, ob ich Hermann ermuntern soll, mir die H\u00e4nde zu fesseln. Wer drei\u00dfig Jahre davon tr\u00e4umt, sollte vielleicht hier zum Zuge kommen &#8211; aber da steht schon Ingo vor mir. Er sieht aus wie ein Musketier, was Haare und Bart angeht, eine fast romantische Gestalt. Nichts dagegen, mich von ihm fesseln zu lassen! Ich sch\u00e4le mich aus meinem Rock, unter dem ich eine dunkle, blickdichte Strumpfhose trage &#8211; detailliert erkl\u00e4rt er mir, was er macht: eine sehr einfach umzusetzende Seilf\u00fchrung mit diversen Knoten, einmal l\u00e4ngs um mich herum, dann werden die Seilenden von hinten nach vorne und wieder zur\u00fcck gef\u00fchrt. Am Ende sieht das auch an mir richtig toll aus &#8211; ich sp\u00fcre die dicken Schn\u00fcre, doch meine Bewegungsfreiheit ist nur minimal eingeschr\u00e4nkt. Das Seil ist zu kurz f\u00fcr Weiterungen, es m\u00fcsste ein zweites her &#8211; aber na ja, wir sind hier ja nur, um erste Anregungen zu bekommen.<\/p>\n<p>Alle \u00fcben jetzt irgend etwas, Ingo vertieft sich in Anleitungen f\u00fcr einfache und kompliziertere Knoten &#8211; es hat jetzt was von einem Segel-Workshop. Maya steht in einer anderen Ecke und erz\u00e4hlt der Gastgeberin und Hermann, was es in Berlin f\u00fcr Clubs gibt und was dort im Einzelnen geboten wird, bzw. erlebt werden kann. Neuerdings hat sogar ein Restaurant er\u00f6ffnet, in das man &#8222;im Outfit&#8220; gehen kann. Nun ja, essen gehen ist nicht das, was ich in diesem Kontext suche!<\/p>\n<p>Andy, der ja gleich morgen in die Praxis einsteigen will, fragt noch in die sich aufl\u00f6sende Runde, was mann eigentlich tun solle, wenn das Kunstwerk vollendet sei. Wer es geh\u00f6rt hat, muss l\u00e4cheln: ist es nicht witzig, dass diesem gut aussehenden Twentysomething dazu nichts einf\u00e4llt?<\/p>\n<p>Versehen mit allerlei Infomaterial und Adressen strebe ich schlie\u00dflich beschwingt in Richtung U-Bahn, fest entschlossen, Ingo und Maya wieder zu sehen, dann aber &#8222;voll in Action&#8220;. Es gibt sie also wirklich, ganz real und nicht nur im Internet: eine freiz\u00fcgige erotische Kultur, allein der Lust verpflichtet, voller Respekt und Achtung vor dem Anderen. Ich bin entz\u00fcckt &#8211; und gewiss werde ich weiter forschen. Das Knoten-kn\u00fcpfen \u00fcbe ich aber besser erst mal allein daheim mit einem Buch.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich bei\u00dfe nicht&#8220;, sagt der alte Mann mit den schneewei\u00dfen Haaren, und r\u00fcckt seinen wuchtigen Leib ein wenig mehr in die rechte Ecke des Zweisitzersofas, um mir Platz zu machen. &#8222;Ich auch nicht&#8220;, sag ich, setze mich neben ihn und schaue in die Runde. 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