{"id":1412,"date":"2002-09-02T20:15:34","date_gmt":"2002-09-02T18:15:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1412"},"modified":"2019-01-21T20:19:01","modified_gmt":"2019-01-21T19:19:01","slug":"routine-und-gewohnheit-mangel-und-fuelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/09\/02\/routine-und-gewohnheit-mangel-und-fuelle\/","title":{"rendered":"Routine und Gewohnheit &#8211; Mangel und F\u00fclle"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Zwei Wochen weg von allem, das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen!&#8220;<\/em> Ich sage es so dahin, als sie mir von ihrem Urlaub auf Gomera erz\u00e4hlt, h\u00f6re mich diesen so selbstverst\u00e4ndlich klingenden Satz sagen und wundere mich. Was ist dieses &#8222;alles&#8220;, von dem ich nicht weg will, das mich h\u00e4lt, fasziniert, mir das Gef\u00fchl gibt, &#8222;am Ball&#8220; zu sein? Zwei ganze Wochen nur Sonne, Meer, Wind, Natur &#8211; w\u00e4r&#8216; das denn nicht wunderbar? Im Geiste bin ich dort, sehe mich barfu\u00df am Strand, sehe mich \u00fcber Felsen klettern, den herben Duft s\u00fcdlicher Gew\u00e4chse atmen, den weiten Blick genie\u00dfen, der ein Gef\u00fchl von Zeitlosigkeit vermittelt: vor einer Million Jahre sah es auch schon nicht anders aus, ewig brechen sich die Wellen, wirbeln Gischt auf, verlaufen und versickern auf dem Sand &#8211; was ist Zeit?<\/p>\n<p><em>&#8222;Ich w\u00fcrde in ein Internet-Caf\u00e9 gehen&#8220;<\/em>, sag ich zu ihr, bin im Geiste am Ende meiner Wanderung angekommen, hab&#8216; im Hotel geduscht, das Salz von der Haut gewaschen, mir frische Sachen angezogen und f\u00fchle Tatendrang. <em>&#8222;Da war ich,&#8220;<\/em> sagt sie, <em>&#8222;zehn Minuten kosten drei Euro. Es ist unglaublich teuer!&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Der Flug, so hat sie mir erz\u00e4hlt, kostet fast nichts. Ich fliege nicht, also bekomme ich die allgemeine Entwicklung der Flugpreise hin zum Taxi-Tarif nur am Rande mit. Was ich nicht benutze, bedeutet mir nichts, selbst wenn es kostenlos ist. Aber wieder wundere ich mich: Die physische Bewegung durch weite R\u00e4ume wird immer billiger, und doch zieht es mich \u00fcberhaupt nicht weg! Das Gef\u00fchl, anderswo sein zu wollen, kenne ich kaum noch, erinnere mich nur dunkel, dass es fr\u00fcher immer wieder mal aufkam &#8211; doch eigentlich nicht als Verlangen nach Erholung, es war pure Unzufriedenheit mit dem, was gerade ist. Langeweile, Sehnsucht nach Abwechslung, nach neuen, ganz anderen Erfahrungen, nach einem Bruch der Routinen und Gewohnheiten, in denen mein Alltag kreiste.<\/p>\n<h2>Lob der Routine<\/h2>\n<p>Auch jetzt kenne ich Routinen, doch anders als fr\u00fcher sch\u00e4tze und pflege ich sie. Jeden Sonntag besuche ich M., meinen Ex-Lebensgef\u00e4hrten. Wir gehen spazieren, er kocht, wir essen und plaudern, setzen uns dann vor die Glotze: Lindenstra\u00dfe, Weltspiegel, Tagesschau, Tatort, Sabine Christiansen &#8211; jeden Sonntag dasselbe, ich kann mich richtig aufregen, wenn irgend ein bl\u00f6des Sportereignis die Gewohnheit durchbricht. Andere Routinen sind nicht so leicht zu haben, ich muss regelrecht um sie k\u00e4mpfen: zum Beispiel die Mittagspause. Immer noch ist die mal um zw\u00f6lf, mal erst um zwei. Manchmal koch&#8216; ich mir was, meistens tun es ein paar Brote, beim Essen lese ich die Tageszeitung, genie\u00dfe das provinzielle Wir-Gef\u00fchl, das aus dem Lokalteil der Berliner Zeitung dr\u00e4ut, genie\u00dfe auch, dass mir nicht mehr das geringste schlechte Gewissen den Appetit verdirbt, versto\u00dfe ich doch regelm\u00e4\u00dfig gegen das spirituell korrekte &#8222;Wenn ich esse, dann esse ich&#8220;. Ha! Wenn ich esse, esse ich nicht nur, sondern lese auch Berliner Zeitung! So what?<\/p>\n<p>Routinen und Gewohnheiten lassen sich erst dann in ihrer wohltuenden Wirkung richtig sch\u00e4tzen, wenn es die eigenen sind. Solange ich noch danach strebte, in all meinem Tun und Denken irgendwelchen Idealen nahe zu kommen, h\u00f6chsten Werten zu gen\u00fcgen, wunderbaren Utopien am eigenen Leib zum Durchbruch zu verhelfen &#8211; solange war mir im Grunde alles m\u00fchsam, sperrig, widerspr\u00fcchlich bis hin zum Stress. So entstandene Routinen sind dann nur einzw\u00e4ngende Schubladen, in die man sich selber gesteckt hat, um die Weltrettung oder die ganz pers\u00f6nliche Gesundung voran zu treiben. Alles andere als nachhaltig, immer prek\u00e4r, immer in Gefahr, pl\u00f6tzlich in irgend einen Exzess zu explodieren, in dem sich das Verdr\u00e4ngte, nicht gelebte zum Ausdruck bringt, dabei alle Gewohnheit und Routine, aber auch Wachheit und Wohlbefinden in den Abgrund rei\u00dfend.<\/p>\n<p>Vorbei. Keine Lust auf Urlaub, keine Neigung zu Exzessen, keine Sehnsucht nach dem ganz Anderen &#8211; was sollte das auch sein? Ich w\u00fcsste nicht, von was ich mich noch befreien sollte, und es gibt auch nichts, was ich unbedingt HABEN muss. Manchmal, in psychophysisch bedingt schlechten Momenten, deren Entstehen ich meist sehr gut herleiten kann, ist da ein Erschrecken vor der Leere: Und jetzt? Was soll ich denn nun machen? Wenn mir nichts fehlt, wonach soll ich streben? Wo bitte ist der Kick? In solchen Augenblicken sind Routinen wunderbar, bieten sie doch die M\u00f6glichkeit, sich von derart nutzlosen Gedanken einfach abzuwenden. Nicht abzulenken, sondern bewusst abzuwenden. Tomaten klein schneiden, Salz, Pfeffer, Oliven\u00f6l, beil\u00e4ufig die Kr\u00fcmel auf dem K\u00fchlschrank und die Reste der \u00fcbergelaufenen Milch auf dem Herd wegputzen &#8211; locker l\u00e4sst sich so ein philosophisch daher kommendes, mentales Tief umschiffen, das vielleicht vom zu sp\u00e4ten Essen am Vorabend r\u00fchrt, oder einfach im allgemeinen Beharrungsverm\u00f6gen der Psyche gr\u00fcndet, die ihrerseits gern alte Gewohnheiten festh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Speziell die Gewohnheit, aus einem vermeintlichen Mangel heraus zu denken, zu f\u00fchlen und zu handeln, ist nicht ganz einfach abzulegen. Selbst dann nicht, wenn klar ist, dass das &#8222;Konzept des Mangels&#8220; ein Konstrukt ist, keine Wirklichkeit. Die spezifische Verengung des Bewusstseins, die auftritt, wenn etwas Erwartetes nicht &#8222;wie erwartet&#8220; geschieht, l\u00e4sst regelm\u00e4\u00dfig vergessen, dass erst die Erwartung das Mangelgef\u00fchl erzeugt, an dem dann gelitten wird. W\u00fcnsche, die einfach &#8222;ein-fallen&#8220;, sind so ungesund wie leerer Zucker und Wei\u00dfmehl, denn sie vernebeln den Geist, der nicht mehr wirklich hinsieht, was geschieht. Ihnen aufzusitzen hei\u00dft, nach einer selbst erdachten Konkretisierung zu streben, Scheuklappen aufzusetzen und das ganz Bestimmte zu suchen, das scheinbar einzig und allein jetzt den Mangel zu beheben vermag &#8211; eine leidbringende Illusion!<\/p>\n<h2>Aber&#8230;<\/h2>\n<p>Himmel noch mal, wenn ich mich jetzt so lese, f\u00e4llt mir auf, dass ich ungef\u00e4hr dieselben Gedanken schon vor zwanzig, drei\u00dfig Jahren in allerlei erbaulichen B\u00fcchern fand. Sie stapelten sich bei mir, ich las immer gleich mehrere auf einmal, schwankend zwischen einem heftigen, aber nicht konkretisierbaren Verlangen nach etwas &#8222;ganz Anderem&#8220;, und dem Trotz und \u00c4rger, den solche Reden in mir hervor riefen. Wollten die mir meine W\u00fcnsche ausreden? Meine unz\u00e4hligen W\u00fcnsche nach N\u00e4he und Z\u00e4rtlichkeit, nach Anerkennung, Bewegungsfreiheit, Resonanz, nach n\u00fctzlichem Tun, nach Frieden, Freude und Sinn? SO zumindest formuliere ich HEUTE diese W\u00fcnsche &#8211; damals waren sie sehr viel konkreter: DIESER Mann, und sonst keiner, Urlaub nur dort, wo Pinien stehen, Wohnen in Gemeinschaft, aber nur mit diesem und jener, sinnvolle Arbeit, aber bitte ohne Anstrengung und &#8222;Druck-Termin&#8220;, Jeans, aber nur von Levis &#8211; und Geld, nicht viel, aber so eine Art Grundeinkommen, zu \u00fcberweisen vom Staat, den ich ansonsten abschaffen wollte.<\/p>\n<p>Es lag nicht in meiner Macht, zu w\u00e4hlen, wie ich auf die Hinweise in den B\u00fcchern reagieren wollte. Zeitweise bem\u00fchte ich mich allen Ernstes, von eigenen W\u00fcnschen Abstand zu nehmen &#8211; zum Gl\u00fcck immer nur kurz, denn dies ist ein Irrweg, der nur Zeit verschwendet. In der Regel folgte ich meinem Verlangen und versuchte, all das zu bekommen, worauf es sich gerade richtete. Letztlich lie\u00df ich mir dabei von niemandem reinreden, nicht wirklich, allenfalls formulierte ich die Begr\u00fcndungen f\u00fcr meine Bed\u00fcrftigkeiten ein bisschen passender, passend zum Gedankengeb\u00e4ude, dem ich gerade huldigte. Kein Buch, keine Autorit\u00e4t und nicht mal ein geliebter Mann konnten mich jemals davon abbringen nach dem zu streben, was mir aktuell als &#8222;das Gl\u00fcck&#8220; erschien, gaukelnd am fernen Horizont wie eine verhei\u00dfungsvolle Fata Morgana.<\/p>\n<p>Und immer wieder hatte ich Erfolg, bekam, was ich mir w\u00fcnschte, erreichte meine Ziele, verwirklichte meine Vorstellungen von einem &#8222;besseren Leben&#8220;. Lebte in Gemeinschaft mit Freunden, bekam die M\u00e4nner, die ich wollte, hatte meine \u00dcberweisung vom Staat, arbeitete selbstbestimmt an der Verbesserung der Welt im Kreuzberg der 80ger-Jahre, bekam jede Menge Anerkennung &#8211; und es ging immer so weiter, in neuen Varianten, auf anderen Ebenen, immer dieses Streben nach etwas&#8230;, ja WAS eigentlich? Jedes Mal, wenn ich ein Ziel erreichte, wenn ein Wunsch sich erf\u00fcllte, f\u00fchlte ich die Leere. Das, was mich in Bewegung versetzt hatte, dieses innere Brennen, wurde durch den Erfolg, das Erringen, die Ziel-Erreichung in keiner Weise beantwortet. Ja, ich sehnte mich schon gleich zur\u00fcck nach einem neuen Streben, das sich auch schnell einstellte: der Verstand findet jederzeit unz\u00e4hlige M\u00e4ngel, die es noch abzustellen gilt.<\/p>\n<p>Aber steter Tropfen h\u00f6hlt den Stein. Irgendwann begreift auch die hartn\u00e4ckigste Psyche, dass sie in einem Laufrad strampelt, und immer nur im Kreis. Es kommt nicht wie eine Erkenntnis, als ein &#8222;Aha-Erlebnis&#8220;, sondern schleicht sich langsam, fast unmerklich ins Leben wie das &#8222;Fading Out&#8220; der Farben bunter Kleider, die durch vieles Waschen langsam ausbleichen.<\/p>\n<p>Nun sitz ich auf der Erde neben dem still stehenden Laufrad. Alles ist gut, alles ist da. Ich sehe die F\u00fclle, die mich umgibt und die neuerdings sogar dazu neigt, mich mit allerlei sch\u00f6nen Dingen zu \u00fcbersch\u00fctten, f\u00fcr die ich nicht erst strampeln muss. Gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig ist es, zu bemerken, dass auf einmal andere Menschen ihre Sehnsucht nach dem &#8222;ganz Anderen&#8220; auf mich richten &#8211; aber verdammt noch mal, ich bin es nicht!!!! Bin allenfalls wie ein Kapitel in dem Buch, das nur der versteht, der es eigentlich nicht mehr lesen braucht. Aber ich lass mich nicht zuhause stapeln.<br \/>\nZeit zum Schreiben<\/p>\n<p>Es ist fast Mittag. Wenn ich einen Diary-Beitrag schreibe, meist ohne vorher zu wissen, \u00fcber was, lasse ich alles Andere warten, rufe keine Mail ab, hoffe, das Telefon m\u00f6ge nicht l\u00e4uten und mich aus dem Schreibfluss rei\u00dfen. Wenn der Fluss an sein Ende kommt, egal ob das Thema &#8222;abgehandelt&#8220; ist oder nicht, stelle ich das Geschriebene ins Netz, korrigiere noch mal Fehler, f\u00fcge Zwischen\u00fcberschriften ein und wende mich dann den 10.000 Dingen zu, die auf mich warten. Es ist spannend, E-Mail nicht gleich morgens um acht abzurufen, sondern erst um elf! Da k\u00f6nnen dann so richtige H\u00e4mmer dabei sein, die &#8222;immediately Action&#8220; verlangen, wom\u00f6glich gleich mehrere auf einmal. Die arbeite ich dann in ausgesprochen guter Stimmung ab, f\u00fchl mich nicht gehetzt, empfinde weder Stress noch ein schlechtes Gewissen &#8211; und letztlich geht alles viel schneller und effektiver ab, als wenn ich schon in der Fr\u00fche angefangen h\u00e4tte. So ist mir das Schreiben fast wie ein Gang ins Fitness-Center, nur auf einer anderen Ebene: Zeit wird nicht verloren, sondern gewonnen. Und noch manches mehr.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Zwei Wochen weg von allem, das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen!&#8220; Ich sage es so dahin, als sie mir von ihrem Urlaub auf Gomera erz\u00e4hlt, h\u00f6re mich diesen so selbstverst\u00e4ndlich klingenden Satz sagen und wundere mich. 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