{"id":1411,"date":"2003-08-29T07:45:23","date_gmt":"2003-08-29T06:45:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1411"},"modified":"2014-04-13T07:46:37","modified_gmt":"2014-04-13T06:46:37","slug":"gefuehle-gedanken-und-glueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/08\/29\/gefuehle-gedanken-und-glueck\/","title":{"rendered":"Gef\u00fchle, Gedanken &#8211; und GL\u00dcCK"},"content":{"rendered":"<p>Haben Gef\u00fchle einen Grund? \u00dcblicherweise glauben wir das, sind so fest davon \u00fcberzeugt, dass die Frage niemals aufkommt und wir immer nur in der Betrachtung m\u00f6glicher Gr\u00fcnde kreisen: Ich \u00e4rgere mich &#8211; woran liegt das? Wer ist schuld? Ist es der Andere, der mich da gerade nervt, oder bin ich es selbst in meiner ganzen Daseinsgefr\u00e4\u00dfigkeit ? Ist mein Gef\u00fchl berechtigt oder anma\u00dfend? Was sagt es \u00fcber mich aus, dass ich in dieser oder jener Situation ausgerechnet dieses Gef\u00fchl habe?<\/p>\n<p>Welchen Sinn haben solche \u00dcberlegungen? Ich kenne zwei gro\u00dfe Gr\u00fcnde, sich in derlei Spekulationen zu vertiefen, um das Gef\u00fchl denkend zu be-greifen: die Suche nach Macht und die Suche nach Wahrheit. Im Dienste der Macht will ich den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang verstehen, um bei n\u00e4chster Gelegenheit etwas &#8222;anders zu machen&#8220;, die Dinge anders zu betrachten, mich anders zu verhalten, um etwa ein &#8222;\u00fcbles Gef\u00fchl&#8220; gar nicht mehr aufkommen zu lassen. Im Dienste der Wahrheit geht es einzig darum, &#8222;zu sehen, was ist&#8220;, ohne R\u00fccksicht auf die eigene Person. Die Macht, das eigene Leben in den Griff zu bekommen, und die Wahrheit &#8222;jenseits des Ich&#8220; werden als oberste Werte dabei nicht weiter hinterfragt. Sie sind Dreh- und Angelpunkte, um die alles andere kreist.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zur Frage: haben Gef\u00fchle Gr\u00fcnde? Und wenn, k\u00f6nnen wir sie erkennen, in Worten dingfest machen, sie erkl\u00e4ren? Wenn ich einen Nagel in die Wand schlagen will, nehm&#8216; ich mir den Hammer, also ein Werkzeug, das die Aufgabe, um die es geht, auch zustande bringen kann. Ist das Denken ein solches Werkzeug, um damit Gef\u00fchle zu erkl\u00e4ren? K\u00f6nnen Gef\u00fchle \u00fcberhaupt &#8222;erkl\u00e4rt&#8220; werden &#8211; und bringt diese Erkl\u00e4rung das Gesuchte: Macht oder Wahrheit?<\/p>\n<h2>Finden oder erfinden?<\/h2>\n<p>Jemand rempelt mich auf der Stra\u00dfe an: augenblicklich kocht ein Schwall aus Wut und \u00c4rger hoch. Ich k\u00f6nnte, w\u00e4re ich nicht zivilisatorisch gehemmt, sofort zuschlagen. Klare Sache, oder? Doch ein andermal schaue ich nur kurz auf, bemerke, dass mich da jemand in seiner weltvergessenen Besch\u00e4ftigtheit zuf\u00e4llig touchiert hat, und gehe weiter meinen Gedanken und Beobachtungen nach. G\u00e4nzlich unber\u00fchrt. Doch damit nicht genug: An einem anderen Tag, als mich wieder einmal jemand fast umrennt, sehe ich mir den Anderen an, gewahre seine Eile, seine Gehetztheit, sein Ausgeliefert-Sein an Dinge, die nicht aus ihm selber kommen &#8211; und f\u00fchle mit, empfinde Liebe, W\u00e4rme und Traurigkeit, weil ich ihm nicht helfen kann.<\/p>\n<p>In jedem einzelnen der beschriebenen F\u00e4lle lassen sich Gr\u00fcnde f\u00fcr die jeweilige Gef\u00fchlsreaktion (er-)finden, sogar mehr als genug. Es ist eine Eigenschaft des menschlichen Geistes, in allem \u00fcber kurz oder lang Ordnungen und Gesetze zu erkennen, selbst im gr\u00f6\u00dften Chaos. Ob aber die gefundenen Erkl\u00e4rungen &#8222;stimmen&#8220;, daf\u00fcr gibt es KEINE Beweism\u00f6glichkeit &#8211; Gef\u00fchle sind etwas v\u00f6llig anderes als Gedanken, sie lassen sich nicht auf Gedanken zur\u00fcck f\u00fchren. (Das ist so absurd wie gewisse Bildinterpretationen: Was will uns der K\u00fcnstler damit sagen? H\u00e4tte er etwas SAGEN wollen, h\u00e4tte er geschrieben, nicht gemalt.)<\/p>\n<h2>Vernetzte Impulse<\/h2>\n<p>Haben Gef\u00fchle also KEINE Gr\u00fcnde? Stehen sie v\u00f6llig isoliert in der Welt wie Meteore aus unbekanntem Gestein von fernen Galaxien? Das nicht. Nat\u00fcrlich haben Gef\u00fchle Ursachen, und zwar jede Menge! Diese Ursachen reichen vom M\u00fcckenstich, der mich gerade bel\u00e4stigt, \u00fcber Charaktereigenschaften, die mir eigen sind, bis hin zu allgemeinen, nur abstrakt formulierbaren Gegebenheiten der Welt, in der ich lebe, vom Klima bis zum Kapitalismus.<\/p>\n<p>Ein Gef\u00fchl, wenn ich es schon in Worte fassen soll, ist f\u00fcr mich vergleichbar dem, was man sieht, wenn in einem bildgebenden Verfahren ein &#8222;aktiviertes Hirnareal&#8220; sichtbar gemacht wird. Vernetzte Impulse, ein Energieschub bringt allerlei Dr\u00e4hte zum Gl\u00fchen, und zwar quer durch verschiedene Seinsdimensionen. Der Impuls breitet sich aus, verzweigt sich vielfach, gibt Anst\u00f6\u00dfe und erzeugt Reaktionen &#8211; dann beruhigt sich alles wieder und schon gleich geht es anderswo los.<\/p>\n<p>Die &#8222;Dr\u00e4hte&#8220;, ihre Kontakte und Verzweigungen, also die Kommunikationswege in diesem Bild, sind immer sowohl Grund als auch Wirkung &#8211; und alles ist organisch gewachsen, nicht etwa nach einem Plan vorab entworfen oder entstanden, der uns Orientierung erm\u00f6glichen w\u00fcrde, k\u00f6nnten wir ihn nur endlich erkennen. Dennoch kann ich einzelne &#8222;Dr\u00e4hte&#8220; und Kontakte ansehen, und sehe immer &#8222;einen Grund&#8220;, bzw. &#8222;eine Wirkung&#8220;. Diese zu verabsolutieren w\u00e4re allerdings v\u00f6lliger Unsinn. Sie g\u00e4nzlich zu negieren ebenso.<\/p>\n<p>In dem, was ich gerade betrachte, gibt es selbstredend keine scharfe Kante zwischen INNEN und AUSSEN, zwischen &#8222;ich&#8220; und &#8222;Welt&#8220; &#8211; das macht die Sache f\u00fcr den Zugriff des Verstandes noch einmal un-begreiflicher. Denn dieser braucht die scharfe Scheidung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten, sonst gibt er den L\u00f6ffel ab und zeigt den Blue Screen, ganz wie Windows nach dem Absturz.<\/p>\n<h2>..ein bisschen erkennen, ein bisschen leben..<\/h2>\n<p>Was folgt aus alledem? Wie steht es mit der &#8222;Macht&#8220; und mit der &#8222;Wahrheit&#8220;? Komme ich diesen Zielen n\u00e4her, indem ich \u00fcber m\u00f6gliche Ursachen von Gef\u00fchlen gr\u00fcble und versuche, ein m\u00f6glichst gro\u00dfes St\u00fcck der jeweiligen Zusammenh\u00e4nge in den Blick zu bekommen? (Wohl wissend, das ich das Ganze nicht erkennen kann, denn &#8222;ich&#8220; geh\u00f6re ja dazu, bin auf unabgrenzbare Weise \u00fcberall hinein verwoben.)<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte denken: Absolut gesehen bringt es nichts, aber &#8222;ein St\u00fcck weit&#8220; kann man sich doch ann\u00e4hern: Je mehr ich \u00fcberblicke und interpretieren kann, desto besser kann ich navigieren, kann mir meine Welt zu eigen machen. Und je mehr ich sehe, desto n\u00e4her bin ich der &#8222;Wahrheit&#8220;, wenn ich dort auch (denkend&#8230;) niemals ankomme.<\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr so hab&#8216; ich jahrelang gelebt und gedacht. Glaubte, das sei alles, was zu erreichen, zu erkennen, zu erleben sei. Jetzt aber bemerke ich eine grundst\u00fcrzende Ver\u00e4nderung &#8211; und zwar eine, die sich \u00fcber das Erleben von GL\u00dcCK ins Bewusstsein dr\u00e4ngt, nicht \u00fcber Leiden, wie alles bisherige. Ein Gl\u00fcck, das ich fortlaufend in mir sp\u00fcre, ohne dass es einen definierbaren Grund h\u00e4tte &#8211; insofern ist das, was ich hier hinschreibe, nat\u00fcrlich auch nur wieder eine denkende Spekulation.<\/p>\n<h2>Macht und Wahrheit<\/h2>\n<p>Ich gr\u00fcble nicht mehr \u00fcber Gr\u00fcnde, sondern ich generiere Gl\u00fcck. Wenn es un\u00fcbersichtlich viele Zusammenh\u00e4nge zwischen allem und jedem gibt, wenn es eine Eigenschaft meines Denkens ist, Ordnungen im Chaos zu sehen, dann kann ich diese ebenso gut selbst ausw\u00e4hlen und setzen. Kann selbst den Dingen DIE Bedeutung zuordnen, die aus meiner Gesamtsicht, aus meinem gesamten Erleben jetzt das Gl\u00fcck vermehrt und nicht das Leid. Nicht nur &#8222;mein Gl\u00fcck&#8220; oder &#8222;dein Gl\u00fcck&#8220; &#8211; aber auch!<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt&#8220; ist das Stichwort: Die ZEIT verunm\u00f6glicht es grunds\u00e4tzlich, mittels spekulierendem Denken zu wirklicher Macht, zur ganzen Wahrheit, oder gar zum Gl\u00fcck zu kommen. Im oben beschriebenen Beispiel aus dem Alltag wird ja klar: Alle drei M\u00f6glichkeiten der Gef\u00fchlsresonanz kann ich erleben, mal bin ich SO, dann wieder ganz anders. Was also k\u00f6nnte ich aus einer einzelnen Reaktion Sinnvolles folgern? Alle drei Varianten legen eine andere Antwort nahe auf die Frage &#8222;Was kann ich tun?&#8220; und\/oder auf die Frage &#8222;wer bin ich?&#8220;. Wenn ich eine dieser Antworten ergreife, ihr Wahrheit und Bedeutung zugestehe, mich also damit identifiziere, dann zahle ich auch den entsprechenden Preis! Ich schr\u00e4nke mich selber ein, indem ich begrenzte Vorstellungen von mir hege, die wiederum Folgen f\u00fcr mein Verhalten und meine Selbstwertsch\u00e4tzung haben.<\/p>\n<p>Mit Staunen bemerke ich, was ich alles schon \u00fcber mich glaubte! Da wirken Gedanken fort, deren Ursachen und Kontexte, in denen sie einmal entstanden sind, seit zwanzig, drei\u00dfig Jahren keinerlei Bedeutung mehr haben. Ja, die ich manchmal sogar g\u00e4nzlich vergessen habe &#8211; aber DAMALS hatte ich eine zum aktuellen Geschehen passende Antwort auf die Frage &#8222;Wer\/wie bin ich?&#8220; gegeben &#8211; und das Verhalten, das Denken und F\u00fchlen, das sich daraus (logisch-folgerichtig) entwickelte, h\u00e4ngt mir noch heute um die Seele wie der sprichw\u00f6rtliche &#8222;Muff von 1000 Jahren&#8220;!<\/p>\n<p>Dies alles r\u00fcck-abzuwickeln ist m\u00fc\u00dfig, bringt vielleicht allerlei interessante Einsichten, aber keine Ver\u00e4nderung. Was die Frage nach der Macht angeht, f\u00fchrt das Analysieren, Folgern und Planen zu einem &#8222;Leben vom gr\u00fcnen Tisch&#8220; des Verstandes aus. Ich lebe dann nicht mehr aus dem Jetzt, sondern im Blick auf meinen Plan von der Zukunft, von einem besseren Verhalten und daraus sich vielleicht einmal ergebenden besseren Leben. So richtig &#8222;Leben&#8220; ist das aber nicht, nur ein grauer, krampfiger Versuch, sich mangels Alternative irgendwie durchzuwursteln.<\/p>\n<p>Was die Wahrheitsfindung angeht, f\u00fchrt die forcierte Selbstbespiegelung zwangsl\u00e4ufig irgendwann in die desolate Situation des Tausendf\u00fc\u00dflers, der sich zu fragen beginnt, wie er das Laufen eigentlich bewerkstelligt. Die Bauchlandung ist programmiert: da liegt er nun auf dem Boden, kann nicht mehr gehen, nicht mehr leben, nicht mehr bl\u00fchen und das Gl\u00fcck des Daseins f\u00fchlen, glaubt sich aber auf dem Grund aller Dinge angekommen: seine &#8222;Wahrheit&#8220; hat ihn kalt erwischt!<br \/>\nGl\u00fcck!<\/p>\n<p>Der Knoten des &#8222;ergr\u00fcnden-wollenden Denkens&#8220; ist nicht &#8222;in der Zeit&#8220; zu entwirren, sondern nur im Augenblick zu durchschlagen. Ich bin NICHT Ergebnis und Opfer meiner Vergangenheit oder irgendwelcher &#8222;Verh\u00e4ltnisse&#8220; &#8211; ich bin Opfer meines Denkens dar\u00fcber, was das alles &#8222;zu bedeuten hat&#8220; und was daraus folgt.<\/p>\n<p>Das zu erkennen &#8211; und sich immer wieder daran zu erinnern, wenn eigene oder fremde Deutungen &#8222;zuschlagen &#8211; macht nicht nur frei von jeder Menge leidvoller Altlasten, sondern er\u00f6ffnet auch die bis dahin ungekannte, weil nicht &#8222;f\u00fcr m\u00f6glich gehaltene&#8220; M\u00f6glichkeit, SELBST zu deuten, selbst Bedeutung (und damit Wirk-lichkeit) zu erschaffen und als ureigenen Beitrag in die Welt zu entlassen. Nicht mehr stets nur am &#8222;Bestehenden&#8220; leiden, die Welt und mich selbst in Grund und Boden kritisieren, rechthaberisch im Elend kreisen &#8211; sondern etwas erschaffen: aus Liebe, Freude und Lust.<\/p>\n<p>In diesem Diary und anderswo sprach ich oft davon, dass ich nicht viel gr\u00fcble, sondern meistens &#8222;den Impulsen folge&#8220;. Jetzt erlebe ich, dass ich nicht nur Impulsen folgen, sondern sie auch GEBEN kann &#8211; sie setzen, aus mir selbst erschaffen.<br \/>\nEinmal angefangen, werd&#8216; ich gewiss nicht wieder damit aufh\u00f6ren. Es bringt riesengro\u00dfe Freude, ist immer neu und abenteuerlich &#8211; ja, es macht einfach gl\u00fccklich!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben Gef\u00fchle einen Grund? \u00dcblicherweise glauben wir das, sind so fest davon \u00fcberzeugt, dass die Frage niemals aufkommt und wir immer nur in der Betrachtung m\u00f6glicher Gr\u00fcnde kreisen: Ich \u00e4rgere mich &#8211; woran liegt das? Wer ist schuld? 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