{"id":1410,"date":"2003-08-13T09:38:26","date_gmt":"2003-08-13T08:38:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1410"},"modified":"2014-04-13T07:38:52","modified_gmt":"2014-04-13T06:38:52","slug":"neue-ordnung-neuer-plan-neue-arbeit-ueber-die-wertschaetzung-des-eigenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/08\/13\/neue-ordnung-neuer-plan-neue-arbeit-ueber-die-wertschaetzung-des-eigenen\/","title":{"rendered":"Neue Ordnung, neuer Plan, neue Arbeit: \u00dcber die Wertsch\u00e4tzung des Eigenen"},"content":{"rendered":"<p>Um neun oder zehn Uhr morgens an dem zu arbeiten, was mir pers\u00f6nlich am wichtigsten ist, kostet erst mal \u00dcberwindung. Bisher stellte ich das eher nach hinten, denn in der kollektiven Hauptarbeitszeit &#8211; so zumindest meine Begr\u00fcndung vor mir selbst &#8211; musste ich &#8222;am Ball&#8220; sein, schnellstm\u00f6glich reagieren, immer alles sofort erledigen, was per Email den dringlichsten Eindruck machte. Da ich etwa st\u00fcndlich Mail lese, zersplitterte das meinen Tag, zerschlug mir alle Konzentration und gab mir das Gef\u00fchl, jede Menge zu arbeiten, aber doch zu nichts zu kommen.<\/p>\n<p>In den seltensten F\u00e4llen handelt es sich dabei um wirklich &#8222;Dringliches&#8220;, etwa Feuerwehreins\u00e4tze f\u00fcr Kunden, auf deren Website schnell etwas getan werden muss, weil die Rechtslage sich ge\u00e4ndert hat und eine Abmahnung droht. Meistens sind es die &#8222;vielen Kleinigkeiten&#8220;, denen ich durch mein st\u00e4ndiges Reagieren ohne Not meinen Arbeitsfrieden opferte: jemand schafft es nicht, die Mailingliste X mit der Adresse XY zu abonnieren, ich soll mal nachsehen, warum das so ist. Ein anderer will, dass ich seinen Beitrag in einem meiner Netzliteraturprojekte der ersten Jahre anonymisiere: Kollegen finden den Text \u00fcber Google und interpretieren ihn falsch, weil der Kontext fehlt. Oder: Irgendwo ist ein Link kaputt, denn ich richten muss. Jemand hat auf einem Webboard Werbung gepostet, die zu l\u00f6schen ist. Ein Kunde w\u00fcnscht \u00c4nderung seiner Veranstaltungsdaten, da eine Veranstaltung mangels Masse nicht zustande kommt &#8211; ich k\u00f6nnte die Liste lange fortsetzen. Es ist immer etwas zu tun, jedes Mal, wenn die Email herein tr\u00f6pfelt, sind darunter auch Anforderungen, Bitten und Befehle &#8211; und ich springe immer gleich, bisher jedenfalls.<\/p>\n<p>Um dazwischen noch ein Gef\u00fchl von Selbstbestimmung zu haben, bl\u00e4tterte ich immer mal wieder trotzig durch meine 22 Mailinglisten, insbesondere die drei, vier, wo ich gerne mal was sage. Doch das ist keinesfalls Entspannung, R\u00fcckkehr zum Eigenen, sondern hat ebenfalls ein hohes Zerstreuungspotenzial: mal eben in der &#8222;ab 40&#8220; \u00fcber Yoga oder &#8222;Partner-Terror&#8220; schreiben, mit den Ken-Wilber-Freunden diskutieren, inwiefern Reiche durch ein Nadel\u00f6r kommen oder nicht, in &#8222;NetLife&#8220; die neuesten Tricks der Spammer beklagen, und alle paar Monate in der Netzliteraturliste mitlesen, wie jemand die Frage stellt, ob selbige &#8222;am Ende&#8220; ist &#8211; tja, wann will ich da eigentlich arbeiten?<\/p>\n<p>Damit ist jetzt Schluss! Ich habe aufgeh\u00f6rt, alle Stunde E-Mail zu bearbeiten, sondern setze daf\u00fcr Zeiten. Mehr noch: ich wage es, inmitten der sch\u00e4rfsten Arbeitszeit mein eigenes wichtigstes Projekt zu entwickeln: Schreibimpulse.de kann nicht zustande kommen, wenn ich nicht andere Saiten aufziehe, wenn ich die Arbeit an den Schreibkursen und alles, was drumrum ist, nicht als &#8222;Hauptarbeit&#8220; begreife. OBWOHL bzw. gerade weil es nicht etwas ist, das Andere von mir fordern, sondern etwas, das ich selber anbiete.<br \/>\n&#8222;Das Eigene zuletzt&#8220; war strukturierender Teil meiner unbewussten &#8222;Ordnung&#8220;. Ich wundere mich jetzt selbst dar\u00fcber, wei\u00df nicht einmal, woher diese &#8222;Anweisung&#8220; eigentlich gekommen ist &#8211; aber letztlich ist das nicht wichtig, wichtig ist, es zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das EIGENE: ein weites Feld! Wer ihm immer den letzten Platz gibt, kann es kaum mehr richtig erkennen, geschweige denn ordnen und entwickeln. Mit einem einmaligen Entschluss, das aktuell Wichtigste an prominenter Stelle zu bearbeiten, ist es lange nicht getan. Das ist nur ein Einstieg, der den Blick auf eine weite Landschaft frei gibt, die &#8211; das stelle ich mit gelindem Schrecken fest &#8211; einen recht verwahrlosten Eindruck macht. Wie ein Garten, der niemals als Ganzes gesehen, bepflanzt und gepflegt wurde, sondern immer nur mal an dieser oder jener Stelle kurz gegossen, mal eine sch\u00f6ne neue Staude gesetzt und dann sich selbst \u00fcberlassen, selten ged\u00fcngt, immer den wechselnden Wettern der &#8222;Spontaneit\u00e4t&#8220; \u00fcberlassen &#8211; da kann ja nichts raus kommen! Weder wirklich gute Ergebnisse, noch innere Befriedigung, oder dauerhafte Freude am Geschaffenen. Auch kein finanzieller Erfolg, der der Rede wert w\u00e4re.<\/p>\n<p>Mitschwimmen, den eigenen Impulsen folgen, reagieren auf das, was kommt &#8211; lange Zeit war das meine Art, zu leben und zu arbeiten. Es hat auch lange funktioniert, mich immerhin halbwegs versorgt, doch letztlich ist es eine begrenzte, unfreie Weise, das Leben zu verbringen. Das ist mir am Projekt Schreibimpulse so richtig klar geworden: wer Impulse geben will, darf nicht selber allzu impulsiv agieren, sondern ist gefordert, sich einer selbst zu schaffenden Form zu verpflichten, dem &#8222;Eigenen&#8220; dauerhafte Gestalt zu geben. Das schr\u00e4nkt Freiheit nicht ein, sondern erweitert den Raum der M\u00f6glichkeiten, der relativ klein bleibt, wenn immer nur kurze Spr\u00fcnge gemacht werden.<br \/>\nEin erhellender Traum<\/p>\n<p>Ein Anfang, immerhin. Dass es noch viel zu tun gibt, um mir die Landschaft des &#8222;Eignen&#8220; wirklich zu erobern, sagte mir heute ein seltsamer Traum. Ich lebte in einer gro\u00dfen Wohnung in einem Haus mit mehreren Wohngemeinschaften. Meine Wohnung hatte Verbindungen zu den anderen Wohnungen, alle Bewohner gingen \u00fcberall hin. Die T\u00fcr zur Terasse in meinem Wohnzimmer stand den ganzen Sommer \u00fcber offen. Es wunderte mich noch nicht sehr, dass auf einmal zwei, drei unbekannte verlotterte Gestalten in diesem Zimmer herum sa\u00dfen. Doch immer, wenn ich das Zimmer mal wieder aufsuchte, waren es mehr geworden. Gleichzeitig verschwanden Gegenst\u00e4nde, die B\u00fccherwand schrumpfte, Schr\u00e4nke leerten sich &#8211; und erst, als ich um meine neue Kamera f\u00fcrchtete, von der ich nicht mehr genau wusste, wohin ich sie gepackt hatte, realisierte ich die Lage: mein Wohnzimmer mit der offenen T\u00fcr nach drau\u00dfen war ein Treffpunkt f\u00fcr Obdachlose geworden, die da ihre Zeit herum brachten, sich Kaffee kochten und zechten, und immer mal was mitgehen lie\u00dfen, was einen werthaltigen Eindruck machte. Ich hatte nichts gegen diese Obdachlosen, aber ich wollte sie pl\u00f6tzlich nicht mehr in meinem Zimmer haben, schlie\u00dflich hatte ich sie nicht eingeladen. Ich beschloss, sie alle raus zu werfen, die T\u00fcr zu schlie\u00dfen und das Zimmer zu renovieren, es wieder zu meinem EIGENEN zu machen &#8211; zum ersten Mal wirklich.<\/p>\n<p>Ein interessanter Traum, dessen seltsames Gef\u00fchlskonglomerat mir noch jetzt nachh\u00e4ngt. Der aufkommende Unmut und \u00c4rger \u00fcber das, was da geschah. Das Gef\u00fchl, ausgenutzt zu werden, Verwunderung und Scham, dass ich es so weit hatte kommen lassen, ein leichtes Schuldbewusstsein, den Leuten nun ihren Treffpunkt zu nehmen &#8211; und ein trotziges &#8222;Na und! Das ist MEIN Zimmer!&#8220;, das f\u00fcr mich neu ist.<\/p>\n<p>Ja, ich werde mich jetzt um jedes einzelne Zimmer k\u00fcmmern! Ich sehe diese Zimmer als Bereiche selbst gew\u00e4hlter T\u00e4tigkeiten und Freuden: die Schreibkurse, das Digital Diary, meine Webdesign-Arbeit f\u00fcr Andere, Fotografieren und Bildbearbeiten, meine Wohnung, Freundinnen und Freunde, mein K\u00f6rper. Und soziale Aktivit\u00e4ten, wie derzeit der Aufbau der Coachingrunde-Berlin.de. Alle diese Bereiche bed\u00fcrfen sorgf\u00e4ltiger Pflege und intensiver Zuwendung &#8211; die ein Leichtes ist, wenn ich f\u00fcr all das dieselbe Wertsch\u00e4tzung empfinde, wie sie mir von Anderen entgegen gebracht wird.<br \/>\nWow &#8211; ein Unterst\u00fctzer!<\/p>\n<p>Ein alter Stammleser dieses Diary hat mir von sich aus k\u00fcrzlich eine regelm\u00e4\u00dfige Spende von 100 Euro pro Monat zugewendet. Er will &#8222;das Projekt unterst\u00fctzen&#8220;, mir gerade jetzt, wo ich Neues aufbaue und viel zu tun habe, das Gef\u00fchl geben, dass mein freies Schreiben im Diary einen hohen WERT hat, nicht nur f\u00fcr mich. Ich war zun\u00e4chst irritiert, erinnerte mich dann aber daran, dass ich &#8222;das Eigene&#8220; nicht mehr hinten runter fallen lassen will, sondern wertsch\u00e4tzen und entwickeln. Warum bin ich zum Beispiel nicht dem Rat eines anderen Freundes gefolgt, meine &#8222;gesammelten Werke&#8220;, zumindest das gesamte Digital Diary, auf CD anzubieten? Warum habe ich zwar eine &#8222;Leseliste&#8220;, aber keinen B\u00fccher-Shop mit meinen Lieblingsb\u00fcchern, \u00fcber den wenigstens ein paar Amazon-Euro rein k\u00e4men? Warum hab&#8216; ich keine &#8222;Unterst\u00fctzer-Seite&#8220; mit Bitten um Verlinkung, netten Buttons und mit meiner Kontonummer, falls noch mehr gro\u00dfz\u00fcgige Spender auf die Idee kommen, die nonkommerzielle Seite meines Lebens &#038; Arbeitens zu unterst\u00fctzen?<\/p>\n<p>Ich war es mir nicht wert. Das sehe ich erst jetzt, wo es sich \u00e4ndert. Und ich bin froh, dass es sich \u00e4ndert: schon jetzt f\u00fchlt sich mein Arbeitsalltag weit besser an, wenn auch noch recht viel zu tun und neu zu schaffen ist. Demn\u00e4chst auch im Digital Diary!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um neun oder zehn Uhr morgens an dem zu arbeiten, was mir pers\u00f6nlich am wichtigsten ist, kostet erst mal \u00dcberwindung. Bisher stellte ich das eher nach hinten, denn in der kollektiven Hauptarbeitszeit &#8211; so zumindest meine Begr\u00fcndung vor mir selbst &#8211; musste ich &#8222;am Ball&#8220; sein, schnellstm\u00f6glich reagieren, immer alles sofort erledigen, was per Email [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1410"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1410"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1410\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1410"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1410"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1410"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}