{"id":1408,"date":"2014-04-09T09:59:20","date_gmt":"2014-04-09T07:59:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1408"},"modified":"2019-11-10T13:04:49","modified_gmt":"2019-11-10T12:04:49","slug":"die-natur-und-ich-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/04\/09\/die-natur-und-ich-teil-2\/","title":{"rendered":"Die Natur und ich &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><em>Kleine autobiografische Geschichten &#8211; lies zuerst <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/04\/06\/die-natur-und-ich-kleine-autobiografische-geschichten\/\">Teil 1<\/a>.<\/em><\/p>\n<h2>Raus aufs Land, der n\u00e4chste Anlauf (45)<\/h2>\n<p>Kann man &#8222;im Internet leben?&#8220; Lange reichte mir das. Die Stadt da drau\u00dfen, das &#8222;Kiez&#8220;, in dem ich einst so aktiv gewesen war, nahm ich kaum mehr wahr. Fast wunderte es mich, dass mich erneut die Sehnsucht packte: nach Gr\u00fcn, nach Erde, nach dem GANZ ANDEREN. Und pl\u00f6tzlich schien es auch m\u00f6glich: Als Webworkerin konnte ich doch eigentlich von \u00fcberall aus arbeiten! Ich schaute in die Inserate und siehe da: bei Belzig suchte eine Frau Mieter f\u00fcr ihr in Renovierung befindliches Haus in einem 100-Seelen-Dorf. Ein riesiger Garten, nach hinten hinaus nichts als Landschaft, eine bezahlbare Wohnung &#8211; ein Traum! Zwar wollte mein Liebster nicht mitziehen, aber was sind schon 100 Kilometer? Ich unterschrieb den Mietvertrag, feierte meine Zukunft auf dem Land, und dann begann das Warten. Im Haus musste erst noch eine Heizung eingebaut werden. Die Monate verstrichen, immer wieder wurde ich vertr\u00f6stet. Der Winter verabschiedete sich, im Fr\u00fchling zeigte sich die Stadt wieder freundlicher. Der Umzug kam mir mehr und mehr vor wie eine verr\u00fcckte Idee, ein M\u00e4rchen, etwas seltsam Irreales, trotz Mietvertrag. Irgendwann wurde mir das Leben zwischen Baum und Borke zu bl\u00f6d. Ich sagte ab und begrub meinen Traum vom Landleben &#8211; f\u00fcr immer, wie ich glaubte.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong>Mecklenburg, die Gottesgabe (45 &#8211; 46)<\/strong><\/p>\n<p>Der Glaube hielt genau einen Nachmittag. Abends besuchte ich mit dem Liebsten eine Familie, die gerade &#8222;auf dem Sprung&#8220; nach drau\u00dfen war. Sie hatten mit Krediten <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/webwork\/gottesgabe\/bilder.htm\">ein &#8222;Schloss&#8220;<\/a> in Mecklenburg gekauft und dort Mietwohnungen geschaffen. <em>&#8222;Es sind noch zwei Wohnungen frei, wollt Ihr nicht mit?&#8220;<\/em>  Das kleine Dorf in der N\u00e4he von Schwerin hie\u00df auch noch &#8222;Gottesgabe&#8220;! War das nicht F\u00fcgung, ein punktgenaues Geschenk? Wir mieteten eine riesige Maisonette-Wohnung und verlie\u00dfen Berlin. Er wohnte im Erdgeschoss, ich im ersten Stock, jeder mit eigenem Bad, Parkettb\u00f6den &#8211; noch nie hatte ich so &#8222;edel&#8220; gewohnt! Drau\u00dfen die gro\u00dfe Schlosswiese, umgeben von einem W\u00e4ldchen. Ein H\u00fchnerstall, ein gro\u00dfer, unbearbeiteter Garten. <em>&#8222;Ihr k\u00f6nnt hier alles machen!&#8220;<\/em>, sagten unsere Freunde.  Und wieder einmal w\u00e4hnte ich mich im Paradies, pflanzte Salat und Tomaten, k\u00fcmmerte mich mit dem Liebsten um die <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/huhn\/huhn.htm\">H\u00fchner<\/a> und genoss den Blick in die unendlichen Weiten Mecklenburgs: Felder bis zum Horizont, die Stra\u00dfe zum n\u00e4chsten Dorf eine bl\u00fchende Alle- wie wunderbar.<\/p>\n<h2>Land kann auch stinken (46 &#8211; 47)<\/h2>\n<p>Es ist dem Menschen nicht gegeben, dauerhaft im Paradies zu weilen. Unsere Freunde durften nat\u00fcrlich auch &#8222;alles machen&#8220; und probierten vieles aus: z.B. Ponys auf der Schlosswiese. Die Maulw\u00fcrfe fanden das be\u00e4ngstigend und kamen massenweise im Garten hoch. Die Schnecken vom angrenzenden Sumpf, den wir zuvor nicht wahrgenommen hatten, fra\u00dfen alles, was trotzdem noch wuchs. Der frei laufende &#8222;Schlosshund&#8220; erlegte immer mal wieder ein Huhn, weil man das mit den Z\u00e4unen und &#8222;Tor zu&#8220; nicht so ganz ernst nahm. Eines Nachts fiel ich w\u00e4hrend eines Fests in ein tiefes, nicht abgesichertes Loch, das mal irgendwann als &#8222;Erdhaus&#8220; f\u00fcr die Kinder gedacht war. Wackelungsgrad 1 f\u00fcr meine Vorderz\u00e4hne! Riesige Landmaschinen verstreuten G\u00fclle auf den Feldern, tagelang konnte man dem Gestank nicht entkommen. Und was die Nachbarschaft anging, bemerkten wir bald, dass wir nicht erw\u00fcnscht waren: das alte Herrenhaus war fr\u00fcher das Dorfzentrum gewesen, das Mehrzweckhaus der LPG, die Kantine. Jetzt war all das vom &#8222;Investor aus dem Westen&#8220; \u00fcbernommen, dem man gerne Steine in den Weg legte, egal was er vorhatte.<\/p>\n<p>Auch die Eint\u00f6nigkeit dieses &#8222;Landlebens&#8220; wurde immer sp\u00fcrbarer. Die Fahrten zum n\u00e4chsten Supermarkt gerieten zum Highlight des Tages, die langen ereignislosen Abende vers\u00fc\u00dften wir uns zunehmend mit Wein. Die Leute vom &#8222;Getr\u00e4nkest\u00fctzpunkt&#8220; waren nicht im Stande, einen &#8222;trockenen Roten&#8220; heran zu schaffen, bzw. lie\u00dfen uns sp\u00fcren, was f\u00fcr ein abseitiges Verlangen das war. Ich besuchte eine Schweriner Sauna und wunderte mich, wie gut es mir tat, einfach so unter fremden Nackten zu sein, die zusammen schwitzten und keine Animosit\u00e4ten pflegten. <\/p>\n<p>Beim ersten Berlin-Besuch w\u00e4hrend der euphorischen Phase hatte ich noch Kopfweh vom Gestank der Stadt bekommen. Ein Jahr sp\u00e4ter ging ich dort wie auf Wolken, inspiriert von all den Eindr\u00fccken, die schon ein einfacher Gang durch eine belebte Stra\u00dfe vermittelte. Ich merkte: schon allein die M\u00f6glichkeiten der Stadt wirken aufs Befinden, auch wenn man sie gar nicht wahrnimmt. In Gottesgabe gab es keine M\u00f6glichkeiten mehr, nur die Schwere des Faktischen: stinkende Felder, abweisende Nachbarn, unendliche Langeweile. Ich nahm <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/erde\/index.htm\">Abschied von Mecklenburg<\/a>. 2001 zogen wir zur\u00fcck, rein in den wilden Osten <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/15_05_01.htm\">nach Friedrichshain<\/a>.<br \/>\n<em><br \/>\n&#8211; wird (gelegentlich) fortgesetzt &#8211;<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleine autobiografische Geschichten &#8211; lies zuerst Teil 1. Raus aufs Land, der n\u00e4chste Anlauf (45) Kann man &#8222;im Internet leben?&#8220; Lange reichte mir das. Die Stadt da drau\u00dfen, das &#8222;Kiez&#8220;, in dem ich einst so aktiv gewesen war, nahm ich kaum mehr wahr. 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