{"id":1406,"date":"2014-04-06T14:04:40","date_gmt":"2014-04-06T12:04:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1406"},"modified":"2025-08-08T00:19:00","modified_gmt":"2025-08-07T22:19:00","slug":"die-natur-und-ich-kleine-autobiografische-geschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/04\/06\/die-natur-und-ich-kleine-autobiografische-geschichten\/","title":{"rendered":"Die Natur und ich &#8211; kleine autobiografische Geschichten"},"content":{"rendered":"<h2>Das Geb\u00fcsch (unter 5)<\/h2>\n<p>Auf dem Weg in den Kindergarten gab es ein Geb\u00fcsch, auf das ich mich jedes Mal freute, wenn ich an Mutters oder Gro\u00dfvaters Hand dorthin gef\u00fchrt wurde. Es war gro\u00df genug, mich darin zu &#8222;verstecken&#8220; &#8211; ein wilder Verhau aus Hollunder, Brombeeren und anderen Gew\u00e4chsen, die ich noch nicht mit Namen kannte. Gerne lief ich ein wenig voraus, um die kurzen Momente im Geb\u00fcsch zu genie\u00dfen bis meine Begleitung aufgeholt hatte und mich wieder an die Hand nahm. Das Geb\u00fcsch war die erste &#8222;Natur&#8220;, die ich als Stadtkind zu Gesicht bekam. Eines Tages war es weg &#8211; und ich unendlich traurig.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h2>Das G\u00e4rtchen (6-11)<\/h2>\n<p>Umgezogen vom ordentlichen Schwabenl\u00e4ndle nach Hessen gab es ab 1959\/60 pl\u00f6tzlich einen gro\u00dfen Hinterhof mit Wiese und Weidenbaum mitten drauf. Auf schmalen Beeten am Innenrand des 50ger-Jahre-H\u00e4userblocks wuchsen Stauden und kleine B\u00fcsche. Auch der Sandkasten war von Geb\u00fcsch umgeben, in dem man sich den Blicken der M\u00fctter entziehen konnte, die gelegentlich aus den Fenstern schauten. Aus Steinen und einem Brett bastelte ich mir ein B\u00e4nkchen in diesem &#8222;gro\u00dfen Versteck&#8220;. Dort sa\u00df ich dann, lauschte den V\u00f6geln und war f\u00fcr Momente gl\u00fccklich in diesem kleinen, gef\u00fchlt &#8222;eigenem&#8220; Refugium. In einer verborgenen Ecke hinter den B\u00fcschen bearbeitete ich den Boden und begann zu g\u00e4rtnern. Ich verpflanzte G\u00e4nsebl\u00fcmchen von der Wiese in mein G\u00e4rtchen und steckte Erbsen in den Boden, die sich z\u00fcgig entwickelten. Drei Erbsenschoten, die erste eigene Ernte &#8211; welch ein Wunder, welch ein Gl\u00fcck! Irgendwann zerst\u00f6rte jemand aus der Kinderbande das G\u00e4rtchen. Trauer und Hass verbrannten mich fast.<\/p>\n<h2>Der &#8222;richtige Ort&#8220; (7 &#8211; 14)<\/h2>\n<p>Sonntags dann Familienausfl\u00fcge. Stundenlange Fahrten durch den Taunus oder das Rheintal auf der Suche nach dem &#8222;richtigen Ort&#8220;: Eine leicht zug\u00e4ngliche Wiese, am besten mit Bach, dazu ein Weg am Wald entlang, ein guter Parkplatz &#8211; und bitte keine anderen Ausfl\u00fcgler! Oft dauerte es gut zwei Stunden, bevor wir endlich eine Stelle fanden, die alle Kriterien erf\u00fcllte. Bis dahin war mir meist schon richtig \u00fcbel, denn beide Eltern rauchten im Auto, eine ganz besondere Qual. Am Ort der famili\u00e4ren Sehns\u00fcchte endlich angekommen, wurde gro\u00df ausgepackt: Decken, Picknick, ein aufblasbares rundes Planschbecken f\u00fcr meine kleinen Schwestern &#8211; gerne h\u00e4tte ich mich in die B\u00fcsche geschlagen und den Wald erkundet, aber das war nicht erlaubt. Irgendwann spazierte man gemeinsam gemessenen Schrittes eine halbe Stunde den Waldweg entlang und zur\u00fcck. Mit 14 hielt ich mit meiner Meinung \u00fcber diese Zwangsveranstaltungen nicht mehr hinterm Berg und sagte Sachen wie <em>&#8222;Ihhhh! Es stinkt nach Wald&#8230;.&#8220;<\/em>. Obwohl es wirklich nicht der Wald war, der mich so nervte.<\/p>\n<h2>Bella Italia (9 &#8211; 17)<\/h2>\n<p>Sommers ging es dann f\u00fcr mehrere Wochen nach Italien: mit dem VW-Bus und zwei Zelten, sp\u00e4ter mit Wohnwagen auf einem Campingplatz unter Pinien am tyrrhenischen Meer. Wow, was f\u00fcr ein Leben! Mit der Taschenlampe beobachtete ich nachts die Zikaden beim Ausschl\u00fcpfen, sah die erste Schlange meines Lebens, fing Eidechsen und schnorchelte im Meer. Ich grub nach Muscheln, sammelte glatt geschliffene Holzst\u00fccke im schwarzen Sand und wanderte eine Flussm\u00fcndung hinauf &#8211; gerne allein inmitten dieser noch nicht vom Tourismus umgeformten, weitgehend unber\u00fchrten Natur. Mit den Jahren lie\u00df meine Freude daran jedoch nach, das andere Geschlecht war ja so viel spannender! Mein &#8222;richtiger Ort&#8220; wurde die Strandbar, nat\u00fcrlich eine andere als die, in der mein Vater seine Tage verbrachte.<\/p>\n<h2>Kiezleben und Friedh\u00f6fe (26 &#8211; 35)<\/h2>\n<p>Mit 26 der gro\u00dfe Umbruch: Ich zog nach Berlin, entdeckte dort &#8222;das Kiez&#8220; und f\u00fchlte kaum je das Bed\u00fcrfnis, mein Kreuzberger Viertel zu verlassen. Eine nie zuvor gekannte \u00fcbersichtliche D\u00f6rflichkeit begeisterte mich. Endlich f\u00fchlte ich mich wirklich zuhause, kannte bald jede Ecke, jedes Haus, jeden Laden, jede Kneipe. Ich besetzte H\u00e4user, verbrachte die Tage im Mieterladen, machte Sanierungspolitik und sah als Tag- und Nacht-Aktive &#8222;Natur&#8220; nurmehr auf den drei Friedh\u00f6fen an der Bergmannstra\u00dfe, durch die ich mit einem Liebsten wandelte, der ein Spazierg\u00e4nger war. Umso wichtiger wurde jegliches GR\u00dcN im politischen Raum: wir rissen den Gehsteig auf und pflanzten B\u00e4ume, erk\u00e4mpften ein &#8222;Hofbegr\u00fcnungsprogramm&#8220; und stritten um jedes &#8222;Spontangr\u00fcn&#8220;, das irgendwo einer Bauma\u00dfnahme zum Opfer fallen sollte. Die alternative Szene propagierte die Vollwertk\u00fcche, M\u00fcsli wurde DAS WG-Fr\u00fchst\u00fcck und &#8222;Plastikklamotten&#8220; waren ein NoGo. W\u00e4hrenddessen vertrockneten unsere Zimmerpflanzen, doch NATUR galt uns als das Summum Bonum, Hort des Guten, Wahren und Sch\u00f6nen, Ziel einer Sehnsucht, die weit mehr Attit\u00fcde denn reales Verlangen war. Nach &#8222;drau\u00dfen&#8220; schafften wir es n\u00e4mlich fast nie&#8230;<\/p>\n<h2 id=\"idylle\">Br\u00fcchige Idylle (33 &#8211; 40)<\/h2>\n<p>Heute w\u00fcrde man den Zustand, in den ich mich am Ende dieser \u00fcberaktiven Jahre befand, als veritablen BurnOut bezeichnen. Zum Gl\u00fcck hatte mein &#8222;Spazierg\u00e4nger&#8220; sich mit seinem fr\u00fchen Erbe ein altes Geh\u00f6ft in der Toskana gekauft. Ich kam gerade rechtzeitig, um den Verkauf zu verhindern, den er aus pers\u00f6nlicher Entt\u00e4uschung in Sachen &#8222;naturnah leben&#8220; bereits plante. Mir erschien dieses Refugium in der Ferne, inmitten sanfter H\u00fcgel und mediterraner Natur als wahres Paradies! Warum nicht ganz dorthin ziehen, alles hinter mir lassen, es mal mit ein bisschen Selbstversorgung versuchen? Endlich konnte ich g\u00e4rtnern, wilde Katzen leisteten uns Gesellschaft, ein sardischer Schafhirte machte im Erdgeschoss K\u00e4se, die Luft duftete nach w\u00fcrzigen Kr\u00e4utern &#8211; ich war hin und weg!<\/p>\n<p>Ca. drei Jahre lang verbrachte ich in kurzen Abst\u00e4nden jeweils mehrere Monate dort, auch im milden Winter. Es dauerte nicht lange, bis die Idylle br\u00f6ckelte. Niemand dort &#8222;versorgte sich selbst&#8220;, allenfalls mit Gem\u00fcse. Die ans\u00e4ssigen Auslandsdeutschen hielten nicht nur H\u00fchner, Schafe und Ziegen, sondern vor allem Touristen. Ihnen zuliebe wurden die B\u00e4der und Duschen ausgebaut, der Nachbar bohrte einen neuen Brunnen, wodurch unsere romantische, von einem Mini-W\u00e4ldchen umwachsene Quelle austrocknete. Nachts wachte ich auf und sah einen Skorpion an der Wand, zehn Zentimeter neben meinem Kopf. Abends kamen verirrte Hornissen aus dem offenen Kamin, die im Schornstein ein Nest gebaut hatten und erlegten sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter an der offenen Gaslampe, die von der Decke hing. F\u00fcr mich ein Horror-Erlebnis, das ich oft genug von drau\u00dfen mit ansah, w\u00e4hrend mein Liebster versuchte, mit einem Besen das riesige Insekt zu vertreiben.<\/p>\n<p>Der Schafhirte hatte auch so seine Probleme, blieb manchmal Tage lang weg und lie\u00df seine vielen K\u00e4se komplett verschimmeln. Auch die Schafe wurden zu meinem Erstaunen immer wieder krank, obwohl sie doch &#8222;in der freien Natur&#8220; lebten, f\u00fcr mich ahnungslose St\u00e4dterin der Ort der Gesundheit schlechthin. Die Ziegen des Nachbarn wilderten in unserem Garten, der dachte jedoch nicht im Traum daran, Z\u00e4une aufzustellen, wozu er als Tierhalter verpflichtet gewesen w\u00e4re. Die Freundlichkeit all der ans\u00e4ssigen Immigranten entpuppte sich als oberfl\u00e4chliche Fassade f\u00fcr die Besucher. Hinten herum waren sich viele spinnefeind, obgleich man sich bei Festen traf und nett \u00fcbers W\u00e4nde kalken und \u00e4hnlich spannende Themen plauderte. Echte Probleme, die sie alle hatten, waren tabu. Und so traf es mich wie ein Schock: ein deutsches Paar mit gro\u00dfem Anwesen hatte uns am Nachmittag noch alle Sch\u00f6nheiten ihres Landlebens vorgef\u00fchrt, als wir tags drauf erfuhren, dass sich die Frau des Hauses in der Nacht mit einem Bolzenschussger\u00e4t umgebracht hatte.<\/p>\n<p>Nicht nur die Menschen, auch die Natur abseits menschlicher Bez\u00fcge ent-t\u00e4uschte mich. Im realen Kontakt beobachtete ich Ph\u00e4nomene, die meine naive Bewunderung drastisch konterkarierten. Zum Beispiel wurde mir erst jetzt klar, was &#8222;instinktgesteuert&#8220; bedeutet. Nur etwa einen Meter verschob ich mal einen Zaunpfahl nach rechts, an dessen oberen Ende ein Wespennest hing. Prompt schwirrten die Wespen &#8222;am alten Ort&#8220; in der Luft durcheinander. Es war ihnen unm\u00f6glich, das nur wenig entfernte Nest wieder zu finden. F\u00fcr mich wurde das zur Metapher f\u00fcr automatenhaftes Verhalten, f\u00fcrs Kreisen in eingefleischten Gewohnheiten, die l\u00e4ngst \u00fcberlebt und ohne jeden Sinn sind.<\/p>\n<p>Richtig &#8222;gebrochen&#8220; wurde meine naive Liebe zur Natur jedoch erst, als ich einer <a href=\"http:\/\/www.hortipendium.de\/Schlupfwespen\">Schlupfwespe<\/a> zuschaute. Diese &#8222;parasitoiden&#8220; Hautfl\u00fcgler fangen kleine Grash\u00fcpfer, injizieren bet\u00e4ubendes Gift und legen ihre Eier in den Opfern ab. Irgendwann schl\u00fcpfen die Larven und fressen die Heuschrecken bei lebendigem Leib von innen auf. \u00cdch h\u00e4tte kotzen k\u00f6nnen vor Abscheu!<\/p>\n<p>Heftige Wut auf diese &#8222;nat\u00fcrliche&#8220; Grausamkeit des Fressens &amp; Gefressen-Werdens erfasste mich. Ich zeigte der G\u00f6ttin Natur den Stinkefinger, genau wie einst dem alten Christengott meiner Kindheit, der mir niemals, auch nicht im gr\u00f6\u00dften Elend, auf meine Hilfe-Ersuchen geantwortet hatte.<\/p>\n<h2>Heimelige Festplatten und unendliche Weiten (40 &#8211; 44)<\/h2>\n<p>Am Ende war ich einverstanden mit dem Hausverkauf, kehrte nach Berlin zur\u00fcck und entdeckte den Computer. Ich lernte Programmieren und erschloss mir eine neue, durchweg k\u00fcnstliche Welt aus gehorsamen Algorithmen und Programmen, die nicht mit b\u00f6sen \u00dcberraschungen aufwarten. Im k\u00fchlen Licht des Monitors vermisste ich die Sonne lange nicht mehr &#8211; und mit dem Internet der fr\u00fchen Jahre taten sich mir T\u00fcren in eine neue Welt auf, die soviel friedlicher und freundlicher schien als alles, was ich als &#8222;naturnahes Leben&#8220; hinter mir gelassen hatte. Als ich 1996 meine erste Webseite baute, war ich grade 42 (!) &#8211; und wieder einmal f\u00fchlte ich mich &#8222;angekommen&#8220;.<\/p>\n<p>&#8211; wird (gelegentlich) fortgesetzt &#8211;<\/p>\n<p>Done! Hier gehts zu <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/04\/09\/die-natur-und-ich-teil-2\/\">Teil 2.<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Geb\u00fcsch (unter 5) Auf dem Weg in den Kindergarten gab es ein Geb\u00fcsch, auf das ich mich jedes Mal freute, wenn ich an Mutters oder Gro\u00dfvaters Hand dorthin gef\u00fchrt wurde. 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