{"id":1388,"date":"2014-03-13T11:21:38","date_gmt":"2014-03-13T10:21:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1388"},"modified":"2015-12-12T15:30:12","modified_gmt":"2015-12-12T14:30:12","slug":"feministisches-sprachhandeln-mein-kommentar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/03\/13\/feministisches-sprachhandeln-mein-kommentar\/","title":{"rendered":"Feministisches Sprachhandeln &#8211; mein Kommentar"},"content":{"rendered":"<p>Fefe hat mal wieder einen blogpublizistischen Knaller gelandet, indem er <a href=\"http:\/\/blog.fefe.de\/?ts=addeacc3\">einen Text seziert<\/a>, der im Stil des <a href=\"http:\/\/feministisch-sprachhandeln.org\">&#8222;feministischen Sprachhandelns&#8220;<\/a> gehalten ist. In <a href=\"http:\/\/pastebin.com\/vYsPWMJQ\">diesem Text<\/a> hei\u00dft es zum Beispiel: <\/p>\n<blockquote><p>Was wir* und dixs Studierxs kritisieren, ist zum Beispiel die Re_produktion von problematischen W\u00f6rtern wie zwei Be_griffe die mit &#8222;W&#8220; und &#8222;S&#8220; beginnen, wir* aber nicht re_produzieren wollen, da diese kolonialrassistisch und somit diskriminierend f\u00fcr Schwarze und People of Color und gleichzeitig privilegierend f\u00fcr wei\u00dfe Menschen sind. <\/p><\/blockquote>\n<p>Sternchen und Unterstriche kannte ich ja schon, wobei sich mir der Sinn in geschlechtsneutralen Worten wie &#8222;re_produzieren&#8220; nicht erschlie\u00dft. Aber Dixs? Studierxs?<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Wir* hoffen nun unseren* Stand_Sitz_Liegepunkt noch einmal klar und verst\u00e4ndlich machen zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ganz gewiss erreichen derlei &#8222;kreative&#8220; Sprachverformungen, seien sie auch noch so gut gemeint, eines nicht: die Texte leicht verst\u00e4ndlich zu machen. Ganz im Gegenteil stolpert man (ich m\u00fcsste hier korrekt &#8222;eins&#8220; sagen) fortw\u00e4hrend \u00fcber die seltsamen Unterstriche, ixe und Sternchen. Sie lenken vom Inhalt ab und sto\u00dfen Gr\u00fcbeleien \u00fcber den jeweiligen Sinn an dieser Stelle an. Mehr noch: sie ver\u00e4rgern, denn damit wird mir das Thema &#8222;Gender in der Sprache&#8220; fortw\u00e4hrend &#8222;reingew\u00fcrgt&#8220;, ganz ohne Konsens. <\/p>\n<p>Nun werden jene, die diese Schreibweisen promoten, einwenden, dass die &#8222;Normalsprache&#8220; mit viel gr\u00f6\u00dferer Kraft und ebenfalls ganz ohne expliziten Konsens mir auch allerlei &#8222;reinw\u00fcrgt&#8220;, was durch die anderen Schreibweisen ja gerade bewusst gemacht werden soll. Stimmt! Allerdings ist Sprache zuvorderst ein Mittel zur Kommunikation, das zum jeweiligen Zweck nur funktioniert, solange die verwendeten Begriffe, Wort- und Satzbildungen vom \u00dcblichen nicht allzu weit abweichen. So wurden z.B. die Werke Arno Schmidts nie massenkompatibel, sondern nur f\u00fcr eine kleine elit\u00e4re Fan-Gemeinde goutierbar, die Freude daran hat, seine in der Literaturszene viel gelobte Sprachgestaltung zu entziffern:<\/p>\n<blockquote><p>\naj\u00e1;\u00ab (erwiderte Sie dramatisch) : \u00bbUnsereins erst mittn in ein\u2019n groo\u00dfn Wald f\u00fchr\u2019n \u2013 unter Verschprechungn S\u2014gut mit Ei\u2019m zu mein\u2019n \u2013 &#038; d\u00e4nn : ?!\u00ab; (und tat, wie wenn Sie sich nur ganz allein : ni Dieu ni Maitresse!. (Nach 5 Schratschrittn sah man sich kaum noch) \/ Unterholzijes, von d\u00fcrren Axentn starrend; (der Fu\u00dfbodn dag\u00e9gn mit zartestn Farbdornen besprenkelt) : \u203akurz-weilijer Alter\u2039; das h\u00f6chste Pr\u00e4di-kat, das Unsereins; pff : FREUD schwatzt immer vom \u203azweizei&#8230;.<\/p>\n<p>&#8211; Arno Schmidt, <a href=\"http:\/\/www.arno-schmidt-stiftung.de\/content\/Archiv\/ZettelsTraum\/ZT-Beispielheft.pdf\">Zettels Traum<\/a> &#8211;\n<\/p><\/blockquote>\n<h2>Gendern als Schreibblockade<\/h2>\n<p>Wie man sieht, ist das neo-feministische Gender-Sprech sogar noch vergleichsweise verst\u00e4ndlich. Dennoch f\u00fchle ich mich von beiden Sprachgestaltungen gleicherma\u00dfen abgesto\u00dfen. Und beim Bloggen ergeht es mir immer \u00f6fter wie der Tausendf\u00fc\u00dflerin, die das Laufen verlernt, indem sie bei jedem Schritt \u00fcberlegt, wie er RICHTIG zu setzen sei. Das gutwillige Bem\u00fchen, allzu &#8222;m\u00e4nnlich Konnotiertes&#8220; zumindest zur\u00fcck zu fahren, dabei aber auch die Sprache nicht allzu sehr zu vergewaltigen, erweist sich als echter Stolperstein f\u00fcrs spontane Schreiben. <\/p>\n<p>Mission accomplished, k\u00f6nnte man sagen, Gl\u00fcckwunsch! Aber ich mag es nicht, es st\u00f6rt und nervt mich, denn ich will ja meist etwas ausdr\u00fccken, was die Geschlechterproblematiken nicht mal am Rande streift. Mit Worten und S\u00e4tzen, <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/02\/09\/vom-schreiben-das-innere-selbst-ausdruecken\/\">wie sie &#8222;von selber&#8220; kommen<\/a>, im Fluss des Schreibens entstehen. Diesen Fluss empfinde ich immer \u00f6fter als blockiert, bzw. es ist mit den S\u00e4tzen und Worten fast so, als m\u00fcssten sie zun\u00e4chst durch eine Schleuse, wo sie m\u00fchsam auf ein anderes Niveau gehoben werden. Wobei dieses &#8222;andere Niveau&#8220; <a href=\"http:\/\/feministisch-sprachhandeln.org\/leitfaden\/kapitel7\/\">hoch umstritten<\/a> ist und die Schwelle zur Nerverei sehr leicht \u00fcberschritten wird. <\/p>\n<h2>Diskriminieren im Kampf gegen Diskriminierung<\/h2>\n<p>Fefes sp\u00f6ttischem Zerpfl\u00fccken des massiv gegenderten Textes h\u00e4lt &#8222;Ephemera&#8220; folgende <a href=\"http:\/\/astefanowitsch.tumblr.com\/post\/79367274915\/aussichtslose-kaempfe\">Gedanken \u00fcber aussichtslose K\u00e4mpfe<\/a> entgegen: <\/p>\n<blockquote><p>Manche Menschen k\u00e4mpfen aussichtslos gegen sprachliche Diskriminierung, manche k\u00e4mpfen aussichtslos gegen staatliche \u00dcberwachung.<br \/>\nBeide stecken zu tief im System \u2013 die Diskriminierung in der Sprache, die \u00dcberwachung im Staat \u2013, um sie zu besiegen, ohne das System selbst zu zerst\u00f6ren.<br \/>\nMit dem gleichen Recht kann man sich \u00fcber beides lustig machen (weil: von Au\u00dfen sieht beides so herrlich komisch nach einem Kampf gegen Windm\u00fchlen aus).<br \/>\nUnd mit dem gleichen Recht kann man beides respektieren (weil: von Innen sieht selbst ein aussichtsloser Kampf besser aus als eine Kapitulation vor den Verh\u00e4ltnissen).<\/p><\/blockquote>\n<p>Ok, das ist ein Argument! Ich respektiere ja auch die Intention, niemanden per Sprache diskriminieren, bzw. auf solche Diskriminierungen aufmerksam machen zu wollen. F\u00fcr mich sind die Methoden und Ergebnisse allerdings weit entfernt von &#8222;alltagstauglich&#8220; &#8211; und zudem erreichen sie ihren Zweck nicht vollst\u00e4ndig, sondern erschaffen sogar neue Diskriminierungen.<\/p>\n<p>Man gebe einfach mal den oben genannten Satz (<em>&#8222;Was wir* und dixs Studierxs kritisieren&#8230;.&#8220;<\/em>) in den <a href=\"http:\/\/www.naturalreaders.com\/index.php?gclid=CLGz1oiFj70CFTCWtAodgT0AcQ\">Natural Reader<\/a> ein! (Vorher auf &#8222;Deutsch&#8220; umstellen, evtl. den &#8222;Speed&#8220; reduzieren). Was beim Vorlesen heraus kommt, ist definitiv unertr\u00e4glich! Und das will man also jetzt Blinden und Sehbehinderten zumuten, die sich Texte aus dem Web vorlesen lassen m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Der per Sprache umgesetzte &#8222;Stand_Sitz_Liegepunkt&#8220; gegen Diskriminierung erreicht also zumindest bez\u00fcglich einer Gruppe sein genaues Gegenteil. Angesichts der ehrenwerten Motive geradezu tragisch!<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Siehe dazu:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/feministisch-sprachhandeln.org\/\">Was tun? Sprachhandeln \u2013 aber wie? W_Ortungen statt Tatenlosigkeit.<\/a> Anregungen zum antidiskriminierenden Sprachhandeln, AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin. (<em>Beim Verlinken dieses Kompendiums zeigt sich ein weiteres Problem: Unterstriche im Titel &#8222;verschwinden&#8220;, wenn der Link, wie vielerorts \u00fcblich, mittels Unterstrich formatiert wird<\/em>)<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.studis-online.de\/Studieren\/gendergerecht.php\">Vom gro\u00dfen I \u00fcber gender-gap bis zum *<\/a> &#8211; Die Entstehung von gendergerechten Schreibweisen<\/li>\n<\/ul>\n<p><\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fefe hat mal wieder einen blogpublizistischen Knaller gelandet, indem er einen Text seziert, der im Stil des &#8222;feministischen Sprachhandelns&#8220; gehalten ist. 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