{"id":1379,"date":"2014-03-04T12:27:32","date_gmt":"2014-03-04T11:27:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1379"},"modified":"2014-03-04T13:34:13","modified_gmt":"2014-03-04T12:34:13","slug":"online-engagement-unverzichtbar-aber-auch-ein-reissender-mahlstrom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/03\/04\/online-engagement-unverzichtbar-aber-auch-ein-reissender-mahlstrom\/","title":{"rendered":"Online-Engagement: unverzichtbar, aber auch ein reissender Mahlstrom"},"content":{"rendered":"<p>Heut&#8216; bin ich aufgewacht und bemerkte verwundert, dass die ersten Gedanken des Tages w\u00fctend-frustrierten \u00dcberlegungen zur GEMA galten.  Ich erinnerte mich, dass ich mal den pl\u00f6tzlich allgegenw\u00e4rtigen <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=L9ZAWy_6Has\">&#8222;Gangnam-Style&#8220;<\/a> h\u00f6ren wollte, jedoch am bekannten Spruch <em>&#8222;dieses Video ist in deinem Land nicht verf\u00fcgbar, weil die GEMA die Rechte nicht einger\u00e4umt hat&#8220;<\/em> scheiterte. Und das, obwohl der Song grade mal zwei Tage alt war und der S\u00e4nger aus S\u00fcdkorea von einer GEMA hochwahrscheinlich noch nie geh\u00f6rt hatte. Verdammt, wie kommt eine deutsche Institution dazu, sich f\u00fcr s\u00e4mtliche Musik weltweit zust\u00e4ndig zu f\u00fchlen? Wie bescheuert muss ein Gesetzgeber sein, der sowas erm\u00f6glicht?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAber hey, warum rege ICH mich JETZT &#8211; Jahre sp\u00e4ter! &#8211; dar\u00fcber auf? Weder bin ich Musikerin, noch h\u00f6re ich viel Musik! In den letzten Tagen hatte ich nicht den geringsten Kontakt zu diesem Thema. Den gestrigen Abend verbrachte ich in einer Planungsrunde f\u00fcr mein <a href=\"http:\/\/www.betterplace.org\/de\/projects\/16145-formulare-verstehbar-machen-ein-ubersetzungsprojekt\">Formularprojekt<\/a>, wonach wir noch in der Kneipe sa\u00dfen und \u00fcber die Unterbringung der Gefl\u00fcchteten,  problematische Vorgaben der Beh\u00f6rden und feindselige Proteste aus der Bev\u00f6lkerung redeten &#8211; nix GEMA, bei weitem nicht!<\/p>\n<h2>Online Welt verbessern &#8211; mehr als ein Fulltime-Job!<\/h2>\n<p>Warum ich das erz\u00e4hle? Weil ich aufgrund des lesenswerten Artikels <a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/deus\/2014\/03\/03\/im-hamsterrad-online-aktivismus-brennt-aus-und-bewegt-wenig-1958\/\">&#8222;Im Hamsterrad \u2013 Online-Aktivismus brennt aus und bewegt wenig&#8220;<\/a> von Teresa B\u00fccker auf einmal deutlicher sehe, was mich so aufreibt: Das Internet macht es m\u00f6glich, gegen jeden erdenklichen Missstand irgendwie anzugehen. Petitionen haufenweise, streitbare Meinungs\u00e4u\u00dferungen, &#8222;Aufkl\u00e4rungsarbeit&#8220;, Mails an Politiker und Institutionen, Beschwerden bei Firmen, Ver\u00f6ffentlichung von deren Reaktionen, pers\u00f6nliches Filtern und weiter melden, twittern,  sharen, liken f\u00fcr WICHTIG erachteter Infos, immer in der Hoffnung, das eine oder andere werde &#8222;eine Welle machen&#8220;, vom Mainstream aufgenommen &#8211; und letztlich irgendwie voran gebracht in Richtung der an so unendlich vielen Ecken n\u00f6tigen Weltverbesserung. <\/p>\n<p>Manchmal gelingt das sogar, ganz so pessimistisch wie Teresa sehe ich das alles nicht. Aber: die M\u00d6GLICHKEIT, an schier allem, was bewegt, Anteil zu nehmen und sich zu engagieren, gebiert auch das Gef\u00fchl, das zu sollen und zu m\u00fcssen. Jedenfalls dann, wenn man es ernst meint mit der Kritik, der Wut, der Betroffenheit &#8211; zum Beispiel, wenn die EU eine Saatgutverordnung vorbereitet, die im Wesentlichen den Interessen von Konzernen wie Monsanto dient. Als Gartenfreundin hat mich das schwer emp\u00f6rt, ich hab&#8216; dr\u00fcber gebloggt, Petitionen gezeichnet, jede Meldung weiter gegeben, einen Europa-Abgeordneten kontaktet, dessen Info-Mail ich seitdem bekomme&#8230;. Und ja, die Verordnung ist (vorerst) nicht durchgekommen, aber es gibt ja noch so viele andere Themen, die mindestens ebenso viel Engagement erfordern. Wo mache ich mit? Wo bleib&#8216; ich drau\u00dfen? Wo fang&#8216; ich an und wo h\u00f6re ich auf? Keine Ahnung, ich wusele mich so durch im Rahmen dessen, was ich halt&#8216; schaffe &#8211; immer mit dem Gef\u00fchl, dass ich zuwenig mache angesichts der vielen M\u00f6glichkeiten, die das Netz doch bietet!<\/p>\n<p>Gef\u00fchle der Ohnmacht und Unzul\u00e4nglichkeit ergeben sich so zwangsl\u00e4ufig. Wenn man nicht aufpasst, schleicht sich auch \u00c4rger \u00fcber jene ein, die das Netz nur zum Einkaufen nutzen und ansonsten nette Bildchen und allerlei Witziges austauschen: verdammt, merken sie denn nicht, was um sie herum passiert? Leicht wird man so zum Misanthropen, was letztlich die Wurzeln jeglichen Engagements unbemerkt verfaulen l\u00e4sst. <\/p>\n<h2>Kleine R\u00fcckschau<\/h2>\n<p>In den Anf\u00e4ngen war das Web ein Spielplatz f\u00fcr K\u00fcnstler, Dichter, Philosophen, meist <a href=\"http:\/\/claudia-klinger.de\/archiv\/MissingLinkAusstell\/\">freundlich \u00fcber Gott und die Welt Debattierende<\/a>. Dann kam &#8222;der Mainstream&#8220; mit allem, was dazu geh\u00f6rt: Einkaufen, Geld verdienen, Werbung \u00fcberall, klassiche Medien, s\u00e4mtliche Institutionen. Die Wirtschaft etablierte sich im Netz und dominierte es alsbald, so dass Neulinge gar nicht mehr ohne weiteres  merkten, dass man auch noch anderes tun kann als konsumieren und sich informieren. Die Mitte der Nullerjahre boomenden Blogs machten es zwar erneut m\u00f6glich, sich auch ohne Kenntnisse des kompliziert gewordenen Codes im Web zu \u00e4u\u00dfern, dort selbst\u00e4ndig eine kleine Community aufzubauen und \u00e4hnlich Gesinnte um sich zu versammeln. &#8222;Die Massen&#8220; str\u00f6mten aber letzlich lieber in die aufsteigenden &#8222;sozialen Medien&#8220;, wo alles so einfach und bunt und bequem ist, aber auch ziemlich irrelevant, abgesehen vom Unterhaltungsfaktor. Heute kann man auf Facebook nicht einmal mehr selbst bestimmen, wessen Meldungen man zu Gesicht bekommt! Totale Enteignung und \u00dcberwachung gilt als &#8222;normal&#8220; und keinen st\u00f6rts, jedenfalls nicht so sehr, dass sich etwas \u00e4ndern w\u00fcrde. <\/p>\n<h2>These: Wir lernen noch<\/h2>\n<p>Dennoch gibt es immer mehr Menschen, die &#8222;mit dem Netz leben&#8220; und es auch im Sinne ihrer politisch-gesellschaftlichen Interessen nutzen. Wer nur frustriert auf all das schaut, was nicht klappt, nicht die kritische Masse erreicht, bzw. nach einer kurzen Emp\u00f6rungswelle wieder versandet (oder als neues Parteiprojekt wieder zerf\u00e4llt), verf\u00e4llt einer verzerrten Sicht der Wirklichkeit. Vergleichen m\u00fcsste man n\u00e4mlich immer mit den Chancen und M\u00f6glichkeiten, die uns VOR den Zeiten des Netzes zur Verf\u00fcgung standen: Leserbriefe schreiben, m\u00fchsames Flugbl\u00e4tter produzieren und verteilen, endlose Meetings im physischen Raum, um \u00fcberhaupt eine Aktiven-Gruppe zu versammeln, die sich dann mal EINEM THEMA widmet &#8211; nein, dahin will wohl kaum jemand zur\u00fcck!<\/p>\n<p>Was gebraucht wird, um das zersplitterte und bei vielen sehr punktuelle, fluktuierende Engagement in effektiver Weise zu b\u00fcndeln, sind einerseits neue Institutionen, die Geld einsammeln, &#8222;hauptamtlich Aktive&#8220; bezahlen (!) und f\u00fcr die jeweils tragende &#8222;Crowd&#8220; Transparenz und Teilhabe erm\u00f6glichen.<br \/>\nAndrerseits m\u00fcssen wir als Individuen lernen, nicht im Mahlstrom der M\u00f6glichkeiten zu versacken, sondern uns zu konzentrieren auf eine \u00fcberschaubare Anzahl &#8222;Herzensthemen&#8220;. <\/p>\n<p>Das gelingt nicht von heute auf morgen,  ich selbst oszilliere auch immer wieder zwischen Phasen gro\u00dfer Effektivit\u00e4t und v\u00f6lliger Verwuselung (letztere dann mit Tr\u00e4umen \u00fcber Themen von irgendwann &#8211; siehe GEMA!) Aber immerhin: manches gelingt und f\u00fchrt zu Ergebnissen, die ohne das Netz nie und nimmer denkbar gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ein Misserfolg ist im \u00dcbrigen immer auch ein Lernerfolg.  Das gilt sogar f\u00fcr die Piratenpartei, die sich zwar derzeit selbst zerlegt, aber unz\u00e4hligen jungen Menschen ein hoch wirksamens Experimentierfeld in Sachen &#8222;Politik machen&#8220; bot.<br \/>\nEgal wie das alles ausgeht, umsonst war es nicht!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heut&#8216; bin ich aufgewacht und bemerkte verwundert, dass die ersten Gedanken des Tages w\u00fctend-frustrierten \u00dcberlegungen zur GEMA galten. Ich erinnerte mich, dass ich mal den pl\u00f6tzlich allgegenw\u00e4rtigen &#8222;Gangnam-Style&#8220; h\u00f6ren wollte, jedoch am bekannten Spruch &#8222;dieses Video ist in deinem Land nicht verf\u00fcgbar, weil die GEMA die Rechte nicht einger\u00e4umt hat&#8220; scheiterte. 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