{"id":1360,"date":"2003-06-30T14:33:12","date_gmt":"2003-06-30T12:33:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1360"},"modified":"2015-12-12T15:17:07","modified_gmt":"2015-12-12T14:17:07","slug":"von-sich-schreiben-webdiarys-und-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/06\/30\/von-sich-schreiben-webdiarys-und-mehr\/","title":{"rendered":"Von sich schreiben &#8211; Reflexionen in der ersten Person"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Kann man irgendwo lesen, was du zum Thema \u00bbVon sich schreiben\u00ab gesagt hast?&#8220;, fragt mich eine Leserin per E-Mail.  Ich f\u00fchl&#8216; mich einerseits geehrt, andrerseits kalt erwischt: genau dar\u00fcber will ich seit Monaten schreiben! Drei angefangene Artikel h\u00e4ngen unvollendet im Ordner &#8222;eigene Dateien&#8220;,  es gibt Stichwortsammlungen auf Papier und Mindmaps mit h\u00fcbschen Wolken und wilden Assoziationen &#8211; sogar bis zu einer Gliederung hab ich&#8217;s mal gebracht und dann doch wieder aufgegeben. Kein Artikel &#8211; was ist daran nur so schwer??<\/p>\n<p>Frag einen Tausendf\u00fc\u00dfler, wie er es schafft, beim Laufen die vielen Beine zu koordinieren &#8211; er wird ins Gr\u00fcbeln verfallen, erschreckt bemerken, dass er es selber nicht wei\u00df, und nicht mehr von der Stelle kommen &#8211; ist es vielleicht diese Angst?  Eigentlich nicht.  Wer Jahr um Jahr ein Web-Diary f\u00fchrt, in Mailinglisten und auf Webboards in derselben Manier das je Eigene der Welt verk\u00fcndet, muss nicht wirklich f\u00fcrchten, auf einmal keinen Text mehr zustande zu bringen.  Alle meine Texte entstehen ja wie von selbst: nicht das Schreiben ist ein Problem, eher die Unm\u00f6glichkeit, es dem planenden Denken zu  unterwerfen &#8211; und auch das ist nicht wirklich ein &#8222;Problem&#8220;, denn \u00fcblicherweise ist mein Schreiben spontan, ohne Ziel und Zweck. Wenn ich beginne, wei\u00df ich nicht, wo ich im Lauf des Textes ankommen werde. <\/p>\n<p>Gerade das macht einen wichtigen Reiz aus: Ich will nichts verk\u00fcnden, es gibt keine vorab feststehende Botschaft, sondern ich setze mich schreibend dem Thema aus, lasse es wirken, beleuchte es von verschiedenen Seiten &#8211; und tippe alles in die Tasten, was dazu an Gedanken, Gef\u00fchlen und Erlebnissen ins Bewusstsein tritt. Wenn gerade nichts kommt, bearbeite ich den letzten Absatz, stelle Worte und S\u00e4tze um, so dass sie &#8222;den richtigen Sound&#8220; entfalten. Das ist ein Wechsel vom rein beobachtenden Geist (&#8222;Was ist?&#8220;) ins \u00e4sthetische Empfinden (&#8222;H\u00f6rt es sich gut an?&#8220;), der dem &#8222;Selbst-Beobachten&#8220; eine Pause g\u00f6nnt, was dem Fortgang des Textes \u00e4u\u00dferst dienlich ist. Es ist dasselbe Oszillieren zwischen Inhalt und Form, wie sie etwa beim Clustering bzw. Mindmapping auf Papier zur Ideenfindung angeraten wird: Ein Wort, ein Satz, eine Assoziation wird nieder geschrieben, und bis die n\u00e4chste kommt, malt man Wolken um die Worte, verbindet sie mit Strichen, kritzelt so ein bisschen vor sich hin &#8211; und schon fallen neue Ideen ein &#8211; anstrengungslos. <\/p>\n<h2>Aus den Schubladen aussteigen<\/h2>\n<p>In den Schulen wird das &#8222;intuitive&#8220; Schreiben nicht gelehrt. Dass es mir zun\u00e4chst nicht gelungen war, das Thema &#8222;Von sich schreiben&#8220; wirklich anzugehen, verdanke ich einem R\u00fcckfall in genau jene Schreibtradition, die dort mit aller Kraft einge\u00fcbt wird: das  vermeintlich objektive Schreiben, z.B. in Gestalt der &#8222;Er\u00f6rterung&#8220;, zwingt dazu, zun\u00e4chst einen \u00dcberblick \u00fcber den Stoff zu geben, Fragestellungen zu entwickeln, Argumente zu sammeln und in eine Reihenfolge zu bringen, m\u00f6glichst viele Sichtweisen zu diskutieren, um ganz am Ende &#8211; vielleicht &#8211; noch zwei drei S\u00e4tze &#8222;eigene Meinung&#8220; drunter zu setzen. Das ist Schreiben, wie es im Berufsleben meist gebraucht wird: Konzepte, Berichte, wissenschaftliche Arbeiten, journalistische Artikel &#8211; ein Schreiben aus dem &#8222;Willen zur Macht&#8220;: ein Thema, ein St\u00fcck Welt soll in den Griff genommen werden, es geht um \u00dcbersicht, Orientierung, Meinungsbildung, um handlungsleitende Verlautbarungen. <\/p>\n<p>Genau so hatte ich nun versucht, \u00fcber das &#8222;pers\u00f6nliche Schreiben&#8220; in Webtageb\u00fcchern, Blogs, in Foren und Mailinglisten einen m\u00f6glichst umfassenden Artikel zu erstellen: Stoffsammlung, \u00dcberblick, Beispielsammlung, Kriterien zu deren Bewertung &#8211; und meine &#8222;innere Schreiberin&#8220; trat prompt in den Streik. Schreibend kann ich offensichtlich nicht zwei Herren dienen: einen &#8222;pressem\u00e4\u00dfig korrekten&#8220;, m\u00f6glichst objektiv klingenden Rumdumschlag in die Welt setzen UND dabei den Geist und die Herangehensweisen meines &#8222;Schreibens in der ersten Person&#8220; vermitteln. Gerade bei diesem Thema ist mir das schier unm\u00f6glich, aber  &#8211; und das sei allen Interessenten als Warnung ans Herz gelegt! &#8211; auch bei allen anderen Themen verliert sich die Lust an der &#8222;objektiven Schreibe&#8220;. Es f\u00fchlt sich m\u00fchsam an, die pers\u00f6nliche Sicht wieder beiseite zu lassen bzw. sie zu verstecken, wenn man einmal in die Praxis des freien Schreibens richtig eingestiegen ist. Das Bedienen von Schubladen, das sich Hinein-Zw\u00e4ngen in allseits erwartete Formen (&#8222;Formate&#8220;), wie es z.B. das Schreiben f\u00fcr Zeitungen und die meisten Magazine erfordert, ist mir schon nach etwa zwei Jahren eigendynamischen Schreibens im Netz derart l\u00e4stig geworden, dass ich es 1998 mit Freude aufgab. (Die \u00fcblichen Honorare waren, als Schmerzensgeld betrachtet, auch kaum geeignet, mich bei der Stange zu halten.).<\/p>\n<h2>Die pers\u00f6nliche Sicht<\/h2>\n<p>Von meinem Fenster aus sehe ich auf einen Spielplatz, Kinder fahren zu zweit auf  kleinen Fahrr\u00e4dern rund um den riesigen Sandkasten. Gelegentlich h\u00f6re ich  das entfernte Ger\u00e4usch der S-Bahn, doch au\u00dfer im Winter bekomme ich die Z\u00fcge nicht zu Gesicht: gro\u00dfe Linden und Ahornb\u00e4ume lassen die Augen im Gr\u00fcn ausruhen, genau das Richtige f\u00fcr eine wie mich, die fast den ganzen Tag auf einen Monitor starrt. Wenn der Schreibfluss mal stockt, ist es immer gut, sich vom Thema zu l\u00f6sen und umzusehen, die physische Umgebung zu betrachten, das Zimmer, den Schreibtisch, die eigene k\u00f6rperliche Befindlichkeit. Wenn ich verkrampft sitze, Schultern und Hals verspanne, wird kaum je ein lockerer Text in die Tasten flie\u00dfen. Ich stehe auch mal auf und gehe herum, trete auf den Balkon oder in die K\u00fcche &#8211; Schreibpausen sind auch zum beil\u00e4ufigen Aufr\u00e4umen und Herumputzen gut geeignet, ich mach dann ja nicht einfach Hausarbeit, sondern &#8222;diene dem Fortgang des Textes&#8220;! <\/p>\n<p>Schreib ich denn nun wirklich &#8222;von mir&#8220;, wie es die interessierte Leserin mit dem Subject &#8222;Von sich schreiben&#8220; voraus setzt? Viele Diary-Schreiber und Blogger tun erst mal genau das: Sie teilen der Welt mit, was in ihrem Alltag passiert, berichten von der Arbeit, den Erlebnissen in der Freizeit &#8211; und bekommen dann \u00fcblicherweise Probleme, wenn &#8222;brisante&#8220; Themen ber\u00fchrt werden: Konflikte mit Nahestehenden, \u00fcble Gef\u00fchle, unerf\u00fcllte W\u00fcnsche, eigene Schw\u00e4chen. Die meisten lassen dergleichen einfach aus, ihre Diarys sind entsprechend langweilig, insbesondere, wenn ihr Leben von den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden her keine lesenswerten Besonderheiten bietet. Andere setzen sich wild entschlossen \u00fcber jedwede Hemmungen hinweg und empfinden sich selbst als sehr mutig. Sie nutzen ihr Schreiben entweder als Waffe im t\u00e4glichen Kampf (wenn etwa die Kontrahenten mitlesen), oder auch als Kanal, um Zuspruch, Ermunterung und Beistand vom Publikum zu bekommen, das ganz wie bei einer &#8222;Daily Soap&#8220; in voyeuristischen Freuden schwelgt und gerne Tips gibt, wie in diesem oder jenem Konflikt nun weiter zu verfahren sei. <\/p>\n<p>Andere vermeiden diese &#8222;Niederungen&#8220; von vorn herein, indem sie die &#8222;Formate&#8220; der \u00fcblichen Presse nachempfinden. Sie schreiben zu allgemeinen Themen, jedoch mit deutlicher Pr\u00e4ferenz der eigenen Meinung: Brandreden zu diesem und jenem, wie sie auch mal im Lokalblatt unter &#8222;Meinung&#8220; oder &#8222;Leserbrief&#8220; stehen k\u00f6nnten. Sind es schreiberisch begabte Autoren, liest sich das ganz nett, allerdings fragt man sich, warum es als Web-Diary daher kommt: als Leserin ist mir die Meinung eines Unbekannten nur eine Meinung mehr auf dem gro\u00dfen Haufen der t\u00e4glichen Meinungs\u00e4u\u00dferungen, die aus allen Kan\u00e4len sprudeln, wenn man in die traditionellen Medien bzw. die ihnen zugeh\u00f6rigen Websites schaut. Auf pers\u00f6nlichen Seiten will ich nicht &#8222;noch eine Meinung&#8220;, sondern etwas \u00fcber den Menschen selbst erfahren: Warum denkt er so? Wie erlebt er das, worum es hier geht? Was f\u00fchlt er, dass er zu dieser oder jener Meinung neigt?<\/p>\n<p>Ich schreibe also nicht &#8222;\u00fcber mich&#8220;, aber auch nicht einfach nur &#8222;\u00fcber die Welt&#8220;. Eher ist es ein Schreiben &#8222;aus mir heraus&#8220;, ein &#8222;Ver-\u00e4u\u00dfern&#8220; dessen, was ich gerade (jetzt!) bin in Bezug auf das Thema, \u00fcber das ich schreibe. Neulich stie\u00df ich auf den Begriff &#8222;selbstreflexives Schreiben&#8220;, der es ganz gut trifft. Das &#8222;Selbst&#8220;, das hier reflektiert wird, ist die Gesamtheit aller Empfindungen und Gef\u00fchle, das physische und psychische Erleben,  dazu die Gedankenwelt mit ihren Bewertungen, Pl\u00e4nen, Zielen, \u00c4ngsten, W\u00fcnschen und Meinungen, bis hin zu Intuitionen und Meta-Ebenen, die nur schwer in Worte zu fassen sind.<\/p>\n<h2>Die richtige Haltung<\/h2>\n<p>Diesem &#8222;Selbst&#8220; gegen\u00fcber nehme ich schreibend dieselbe Haltung ein, wie ich sie auch gegen\u00fcber &#8222;der Welt&#8220; pflege, wenn ich nicht gerade ein bestimmtes Ziel erreichen will: einfach nur Hinsehen und registrieren, was ist. Jegliches Beurteilen, jedes Sortieren in &#8222;angesagt&#8220; oder &#8222;unm\u00f6glich!&#8220; verstellt die Sicht, verzerrt und verf\u00e4lscht die Wahrnehmung. Ich darf nicht mit der Vorstellung &#8222;So bin ich&#8220; in dieses Beobachten gehen, sondern muss v\u00f6llig offen sein gegen\u00fcber allem, was sich da zeigen mag.<\/p>\n<p>Als ich damit anfing, gab es noch jede Menge innerer Verbote, die Liste der &#8222;unbeschreibbaren&#8220; Themen war lang. Reine Meinungsartikel &#8222;\u00fcber die Welt&#8220; oder Schmunzelstoff aus dem Alltag waren die Regel, aber langsam wuchs mir gr\u00f6\u00dfere Freiheit zu. Ich lernte, den inneren Zensor immer \u00f6fter auszutricksen,  der mir zwar die Wahrnehmung nicht mehr verstellte, aber doch seine &#8222;Do&#8217;s und Dont&#8217;s&#8220; vor dem Niederschreiben, erst recht vor dem Ver\u00f6ffentlichen errichtete. Immer mehr Themen wurden m\u00f6glich: Schw\u00e4chen, verworrene psychische Zust\u00e4nde, Krankheiten, Not-PC-Meinungen, finstere Aspekte der eigenen Vergangenheit, Vater, Mutter, das Geschlechterverh\u00e4ltnis, allerlei S\u00fcchte und Unf\u00e4higkeiten &#8211; all das ist durchaus schreibbar, sobald ich mich in der richtigen &#8222;Haltung&#8220; einrichte: Ich schreibe, wie die Dinge gerade f\u00fcr mich aussehen, wie ich erlebe, f\u00fchle, dar\u00fcber denke, bin aber mit alledem, was ich da berichte, nicht voll identifiziert. Befinde mich also schreibend nicht &#8222;im Kampf&#8220;, sondern &#8222;in Touch&#8220; &#8211; in Ber\u00fchrung mit mir selbst, was eine derma\u00dfen angenehme, herzerw\u00e4rmende Erfahrung ist, dass schon dadurch die Motivation immer mehr steigt, dem Zensor Paroli zu bieten. <\/p>\n<h2>Den inneren Zensor austricksen<\/h2>\n<p>Ein paar \u00dcberlegungen sind daf\u00fcr hilfreich, die ich anstelle, wenn die &#8222;Bedenken&#8220; \u00fcberhand nehmen wollen: <\/p>\n<ul>\n<li>Ich schreibe aus dem JETZT: was ich heute zu einem Thema sage, muss nicht f\u00fcr alle Zukunft und angesichts der gesamten Vergangenheit das letzte Wort sein.<\/li>\n<li>Ich schreibe F\u00dcR MICH. Es ist sch\u00f6n, wenn das jemand lesen will, aber ich schreibe niemandem nach dem Munde und bediene keine Zielgruppen. <\/li>\n<li>Perfekt sein langweilt:  Auch meine Leserinnen und Leser sind keine Superfrauen und M\u00e4nner. Sie kennen die Niederungen des Lebens und finden es vermutlich ganz spannend, wenn ich mal ein &#8222;brisanteres&#8220; Thema anfasse, mit dem ich so meine Probleme habe oder hatte.<\/li>\n<li>Anders sein ist interessant und erlaubt &#8211; aber keine Pflicht! Manchmal ist es sogar mutiger, sich als zum (vermuteten) Mainstream geh\u00f6rig zu outen, anstatt das &#8222;besondere Indiv\u00edduum&#8220; zu zelebrieren. Manchmal bin ich die Stimme der &#8222;schweigenden Mehrheit&#8220; &#8211; na und?<\/li>\n<li>Ich bin potenziell ALLES, nicht immer nur bei &#8222;den Guten&#8220;. Und nicht nur ich bin so, sondern alle, ob sie es wissen (wollen), oder nicht.<\/li>\n<li>Ich &#8211; mein Empfinden, F\u00fchlen, Denken &#8211; geh\u00f6re nur mir selbst. Niemand hat das Recht, mir zu verbieten, von mir zu schreiben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn diese Einw\u00e4nde die Bedenken nicht auszuschalten verm\u00f6gen, dann schreibe ich eben nicht. Sich selbst unter Druck setzen, ist kontraproduktiv, denn dann &#8222;trauen&#8220; sich die wahren Empfindungen und Gedanken schon gleich gar nicht mehr ans Licht des Bewusstseins. Ich lasse alles kommen, was dann wirklich &#8222;raus geht&#8220;, kann ich immer noch ganz frei entscheiden. Und vielleicht ist das Thema ja an einem anderen Tag, in einer anderen Situation auf einmal  &#8222;schreibbar&#8220;.  Wichtige Dinge kommen sowieso immer wieder.\n<\/p>\n<h2>Wahrheit und Wahrhaftigkeit<\/h2>\n<p>Wer bis hierher mitgelesen hat, wird verstehen, dass diese Art des &#8222;freien Schreibens&#8220; nur funktioniert, wenn ich nichts verf\u00e4lsche: Keine bewussten Verbiegungen und Sch\u00f6nungen, schon gar keine richtigen L\u00fcgen! Schlie\u00dflich ist das Ganze eine Praxis der Selbsterforschung und Erfahrung. W\u00fcrde ich die Ergebnisse wissentlich falsch darstellen, entfiele die ganze Motivation, das Abenteuerliche, das Spannende. Wahrhaftigkeit ist f\u00fcrs selbstreflexive Schreiben also nicht moralische Bringschuld, sondern konstituierende Basis. <\/p>\n<p>Allerdings ist die &#8222;Wahrheit&#8220; immer eine punktuelle, relative, aus dem Augenblick und dem jeweiligen Standpunkt erlebte und geschriebene Wahrheit. Ich bin kein statisches Wesen, ver\u00e4ndere mich st\u00e4ndig, und ich habe auch nicht immer den gesamten \u00dcberblick. Es gibt in meinem Webdiary Artikel, da schreibe ich sogar wissend aus einer aktuellen Verblendung heraus (zum Beispiel \u00fcber die Freude, wieder zu rauchen) . Aber diese Verblendung ist dann halt Tatsache, da m\u00f6gen sich die Leser am\u00fcsieren, f\u00fcr mich ist es ok, auch dann zu schreiben: zwar  &#8222;wahrhaftig&#8220;, aber mit Blindheit geschlagen. <\/p>\n<h2>\u00dcber Andere schreiben?<\/h2>\n<p>Zuletzt will ich noch einen Punkt behandeln, der speziell Diary-Schreibenden auf dem Herzen liegt: Mein Leben geh\u00f6rt mir, aber in diesem Leben kommen Andere vor: Beziehungspartner, Freunde, Auftraggeber und Mitarbeiter, Verwandte und Bekannte &#8211; kann ich auch \u00fcber sie schreiben? Ist nicht jedes Schreiben &#8222;\u00fcber mich&#8220; auch ein Schreiben &#8222;\u00fcber sie&#8220;, sobald diese Anderen zu meinem Erleben beitragen?\n<\/p>\n<p>Ja, ein hei\u00dfes Thema, und ich kann nur meine ganz pers\u00f6nlichen Antworten bieten: &#8222;\u00dcber sie&#8220; schreibe ich grunds\u00e4tzlich nicht. Das ergibt sich schon daraus, dass die ganze Form nicht pseudo-objektiv angelegt ist. Im reinen Erz\u00e4hlen des Alltags k\u00f6nnen Andere schon mal vorkommen, doch w\u00fcrde ich nie auf die Idee verfallen, etwa schreiben zu wollen &#8222;was mein liebster Freund f\u00fcr einer ist&#8220;.  Das kann ich letztlich nicht wissen, ich erlebe ja immer nur die eigene Wahrnehmung, die eigenen Urteile &#8211; und da ist unerforschlich viel Eigenanteil darin,  Objektivit\u00e4t ist nicht m\u00f6glich. <\/p>\n<p>Aber auch das eigene Erleben zu schildern, ist problematisch. Ich gebe zu, dass ich schon mal interessiert mitlese, wenn jemand sich \u00fcber das langweilig gewordene Liebesleben mit seiner Frau ausl\u00e4sst &#8211; aber gleichzeitig l\u00e4uft mir ein Schauer \u00fcber den R\u00fccken! Ich empfinde das als eine Art Verrat, eine Illoyalit\u00e4t gegen\u00fcber der Intimit\u00e4t der Beziehung, die auch dadurch nicht &#8222;geheilt&#8220; wird, dass so mancher das dann seiner Frau auch noch zu lesen gibt &#8211; so ganz offen und ehrlich&#8230;! Manchmal f\u00fchlen sich die Autoren in der Anonymit\u00e4t relativ sicher: insbesondere in den ersten Jahren des Netzes war es eher unwahrscheinlich, dass das eigene Umfeld mitliest, was man im Web so verbreitet. Das hat sich mittlerweile drastisch ge\u00e4ndert und gelegentlich konnte ich mitbekommen, wie hart es f\u00fcr die Autoren manchmal war, wenn der &#8222;Clash of Cultures&#8220; pl\u00f6tzlich DOCH statt fand. <\/p>\n<p>Es macht dabei sicher einen Unterschied, ob der Schreibende etwas berichtet, was er auch dem &#8222;Gemeinten&#8220; in aller Offenheit ins Gesicht sagt, oder ob es etwas ist, das dem Betroffenen ganz neu ist. Zuhause den Mund nicht aufkriegen, aber im Web jammern, klagen, schimpfen, fordern, das ist so ziemlich die unterste Stufe m\u00f6glichen Verhaltens, wenn man es moralisch betrachtet &#8211; und das tue ich hier, es geht ja um &#8222;die gute Sitte&#8220; im pers\u00f6nlichen Schreiben.\n<\/p>\n<p>Doch auch wenn &#8222;nur&#8220; geschrieben wird, was auch dem Betroffenen bekannt ist, ist es doch ein \u00dcbergriff auf dessen Leben: Er oder sie muss gew\u00e4rtigen, dass nun irgend jemand aus dem Bekannten- oder Kollegenkreis haarklein dar\u00fcber Bescheid wei\u00df, was zu Hause gerade los ist &#8211; kein sch\u00f6ner Zustand. Es gibt vielleicht Menschen, die ganz frei mit so etwas umgehen k\u00f6nnen, aber der Normalfall ist es gewiss nicht. Eher bedeutet es eine Art mediale Vergewaltigung, das Intimleben eines anderen \u00f6ffentlich zu machen. Deshalb sind dem ja auch in der Welt traditioneller Medien rechtliche Grenzen gesetzt.<\/p>\n<p>Was also tun, wenn mich etwas heftig bewegt, ich aber wirklich nicht berichten kann, was los ist, ohne eine ganz bestimmte Person &#8222;\u00f6ffentlich zu besprechen&#8220;? Das Thema wird erfahrungsgem\u00e4\u00df jedes Mal in den Vordergrund dr\u00e4ngen, wenn ich mich zum Schreiben hin setze. Ich kann beobachten, wie es &#8222;sich schreiben will&#8220;, betrachte mir das ein bisschen und lehne dankend ab. Es wird wieder kommen, doch  nicht mehr in derselben Form. Die innere Schreiberin \u00e4ndert ihre Methoden, man muss nur abwarten! Meist verstreicht dabei ein wenig Zeit und die ganze Konfliktlage entspannt sich:  nicht nur im Schreiben-Wollen, sondern auch in der Realit\u00e4t.  Nun finden sich auf einmal Formen, dar\u00fcber zu schreiben, ohne die konkrete Person erw\u00e4hnen zu m\u00fcssen. Es sind abstrahiertere, verallgemeinerte Darstellungsweisen, die aber trotzdem nicht langweilig sein m\u00fcssen, wenn man dicht an den eigenen Gef\u00fchlen bleibt. Bez\u00fcge zur Vergangenheit sind auch eine m\u00f6gliche Form. Wenn ich &#8211; ohne Namen und Einzelheiten &#8211; \u00fcber eine Beziehung, die zehn oder zwanzig Jahre her ist, schreibe, interessiert keinen Menschen mehr, WER das nun war, das Erlebte ist zum &#8222;allgemeinen Beispiel&#8220; geworden, durchaus schreibbar.<\/p>\n<p>Manchmal er\u00fcbrigt sich auch die Notwendigkeit, \u00fcber das aktuelle Erleben &#8222;mit dem Anderen&#8220; zu schreiben. Schlie\u00dflich geht es um mich, und ich konzentriere mich immer sehr bald auf das, was mich weiter bringt. \u00dcber das Wieder-alleine-Leben zu schreiben, ist dann zum Beispiel sehr viel nahe liegender als \u00fcber die Gr\u00fcnde einer Trennung.<\/p>\n<h2>Mehr als Text<\/h2>\n<p>Wer sein Schreiben ernst nimmt und daraus eine regelm\u00e4\u00dfige Praxis macht, merkt schnell, dass es weit mehr ist, als nur das Produzieren mehr oder weniger lesenswerter Texte. Dieser Artikel ist zudem nur eine Ann\u00e4herung: Das &#8222;Wie&#8220; hab&#8216; ich angerissen, kaum noch das &#8222;Was&#8220; und auch nicht die konkreteren Umst\u00e4nde und Rahmenbedingungen des Schreibens im Web.  Insofern ist das gewiss nicht der letzte Beitrag zu diesem wundervollen Thema &#8211; wer mag, schaut mal wieder rein!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Kann man irgendwo lesen, was du zum Thema \u00bbVon sich schreiben\u00ab gesagt hast?&#8220;, fragt mich eine Leserin per E-Mail. 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