{"id":1354,"date":"2003-05-28T14:23:11","date_gmt":"2003-05-28T13:23:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1354"},"modified":"2014-02-16T14:26:33","modified_gmt":"2014-02-16T13:26:33","slug":"schreibzeit-ein-ganz-normaler-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/05\/28\/schreibzeit-ein-ganz-normaler-tag\/","title":{"rendered":"Schreibzeit: ein ganz normaler Tag"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich morgens den Computer anschalte und, w\u00e4hrend er hochf\u00e4hrt, in der K\u00fcche den Kaffee aufsetze, ist der Geist noch klar, geradezu LEER &#8211; allenfalls sp\u00fcre ich einen kleinen, freudig-neugierigen Sog in Richtung &#8222;Cockpit&#8220;. Dann, angekommen auf dem Stuhl vor dem Monitor, schau ich auch aus dem Fenster zur &#8222;Real World&#8220;, genie\u00dfe den Blick auf viel Himmel, die gr\u00fcnen B\u00e4ume und den besonnten Kinderspielplatz. In einem Raum ohne gute Sicht nach drau\u00dfen k\u00f6nnte ich mich nicht wohl f\u00fchlen, das hab&#8216; ich f\u00fcr mich heraus gefunden. Eigentlich verwunderlich, denn all meine Aktivit\u00e4ten, mal abgesehen vom Einkaufen, Spazieren gehen und Freunde treffen, finden im &#8222;Raum hinter dem Monitor&#8220; statt. <\/p>\n<p>Und nun geht&#8217;s also los. Ich rufe die Mails aus vier Mailboxen ab, darunter die v\u00f6llig im SPAM versunkene klinger@snafu.de. Hier bekomme ich einen ersten Eindruck von der &#8222;Problemlage des Tages&#8220;: heute etwa sind noch gar keine &#8222;Penis Enlargement&#8220;-Mails darunter, daf\u00fcr mehr &#8222;Anti-Aging-Miracles&#8220; und zunehmend auch &#8222;Keep SPAM out!&#8220;-Ratschl\u00e4ge. Pro Tag trudeln auf diesem Account etwa 60 bis 100 Werbemails ein, die ich sofort l\u00f6schen muss, denn sonst find&#8216; ich nicht mehr durch. Hab&#8216; schon daran gedacht, Wissenschaftlern den Bezug dieser t\u00e4glichen Horror-Auswahl zu Forschungszwecken anzubieten: Wer hat schon eine Mailadresse, die seit 1996 \u00fcberall im Web gepostet und frei verteilt wurde??? <\/p>\n<h2>4 Mailboxen, 22 Listen, 40 Server &#8211; und was JETZT?<\/h2>\n<p>Nun ja, nicht jede Idee ist kommerziell vielversprechend! :-) Als n\u00e4chstes kommen die Listenmails aus 22 Mailinglisten. Automatisch sortieren sie sich in ihre je eigenen Ordner, die ich gelegentlich &#8222;aufsuche&#8220; wie niemals endende Tagungen, in die man mal reinschauen kann, wenn Zeit ist. Immer gibt es &#8222;Lieblingslisten&#8220;, also die zwei, drei, in denen ich gelegentlich selber schreibe. Zur Zeit ist das die Ab40-Frauenliste, die Ken-Wilber-Mailingliste, und &#8211; aus alter Anh\u00e4nglichkeit &#8211; die Liste Netzliteratur, wo fast \u00fcber alles geredet werden kann, nur Mails zum Thema finden wenig Resonanz. Der gro\u00dfe Rest meines umfangreichen Listenwesens sind Fach-Listen: I-Worker, CSS-Design, Texttreff, Webgrrls und \u00e4hnliche Zirkel, im wesentlichen daf\u00fcr da, fortlaufende Weiterbildung zu erm\u00f6glichen, Fragen zu stellen und Antworten zu geben, die sich aus der t\u00e4glichen Arbeit ergeben. <\/p>\n<p>Diese mittlerweile unverzichtbare  &#8222;Arbeitsstruktur&#8220; mutet mich manchmal wie ein virtuelles Gro\u00dfraumb\u00fcro an, in das ich etwa hinein rufe: &#8222;Hey, warum klappt diese Spalte jetzt nach unten weg, anstatt sich brav oben rechts zu positionieren?&#8220; Meistens gibt&#8217;s schon sehr bald Antworten.  Eine schnellere Methode, sich neues technisches Wissen anzueignen und mit den ersten Anwendungsproblemen auseinander zu setzen, ist kaum denkbar: erst ein paar einschl\u00e4gige (in Listen erfragte oder per Google gefundene) Webseiten zum Thema lesen, dann mit der Umsetzung beginnen und bei Problemen nachfragen. All das geht nicht nur weit schneller, sondern ist immer auch aktueller und praxistauglicher als alles, was als Buch oder gedrucktes Magazin mit ihren langen Herstellungszeitr\u00e4umen zu haben ist.<\/p>\n<p>Nachdem SPAM und Mailinglisten eingetrudelt bzw. gel\u00f6scht sind, bleiben die wenigen, an mich pers\u00f6nlich gerichteten Mails zur Sichtung \u00fcbrig. Freunde und Mitarbeiter aus verschiedenen Projekten, manchmal ein Diary-Leser mit einem eher &#8222;philosophischen&#8220; Anliegen (die liebe ich!), nat\u00fcrlich meine Auftraggeber, meist mit kleineren Arbeitsauftr\u00e4gen oder Nachfragen, und dann noch ein paar selbst bestellte Newsletter.<\/p>\n<p>An der Stelle halte ich meist inne und frage mich: Was jetzt? Das Befassen mit den an mich gerichteten Mails bedeutet den &#8222;richtigen Einstieg in die Tagesarbeit&#8220; &#8211; will ich das schon? Oder will ich mir erst noch ein wenig Besinnlichkeit g\u00f6nnen, ein bisschen in den Listen st\u00f6bern, eine Antwort schreiben, vielleicht mal wieder einen Diary-Beitrag verfassen? Auch pers\u00f6nliche Dialoge k\u00f6nnen mich richtig besch\u00e4ftigen, es laufen selten mehr als zwei, drei auf einmal, echte Gespr\u00e4che \u00fcber tiefere Themen, die mich locker f\u00fcr ein bis zwei Stunden von allem anderen abziehen k\u00f6nnen &#8211; nat\u00fcrlich nicht jeden Tag und meist erst zu sp\u00e4terer Stunde! Das geistig-emotionale Befassungspotenzial ist in dieser Hinsicht begrenzt, das ist mir aufgrund jahrelanger Erfahrung sehr bewusst. Meine Liebesf\u00e4higkeit wird durch das Netz eben NICHT vermehrt oder irgendwie beschleunigt. Und ja:  f\u00fcr mich ist ein umfassendes Gespr\u00e4ch in aller Offenheit (nur diese sch\u00e4tze ich wirklich!) eine Form der Liebe. <\/p>\n<h2>Lieben, plaudern, arbeiten?<\/h2>\n<p>Will ich jetzt also lieben, plaudern, mich besinnen, lernen oder arbeiten? Nicht nur morgens, sondern jedes Mal, wenn ich Mail abrufe, stellt sich diese Frage &#8222;im Prinzip&#8220; neu. Es kann sich jeder denken, dass Probleme mit der Selbstdisziplin mir nicht unbekannt sind! Es kann schon mal Nachmittag werden, bis ich mir einen inneren Ruck gebe und mich frage: Was will ich eigentlich heute noch SCHAFFEN? Dass das nicht wirklich zum Problem wird, liegt daran, dass ich auch im beil\u00e4ufigen Tun, das einfach dem Fluss der Impulse folgt, etliches von dem &#8222;schaffe&#8220;, was anliegt. Es erscheint mir gar nicht erst als Arbeit. Meine Kunden sind in aller Regel nicht von meinem t\u00e4glichen Chaos betroffen, sondern werden SOFORT bedient, wenn sie einen AKUTEN Bedarf haben &#8211; da muss ich gar nicht erst \u00fcberlegen, insofern gibt&#8217;s da auch kein Konzentrationsproblem. <\/p>\n<p>Anders meine ureigenen Vorhaben und Projekte: die stehen in st\u00e4ndiger Konkurrenz zu dem, was &#8222;von au\u00dfen&#8220; kommt, ich muss immer wieder neu darauf achten, eine Balance zwischen Agieren und Reagieren, zwischen Erschaffen und abarbeiten &amp; pflegen hinzubekommen. Nicht immer leicht! Mal h\u00e4ng ich &#8222;am Draht&#8220; wie das Kaninchen vor der Schlange, manchmal ignoriere ich die Mailwelt einen ganzen Tag, weil etwas Eigenes die ganze Konzentration braucht. Zum Gl\u00fcck liege ich meist in der Mitte zwischen den Extremen. <\/p>\n<h2>Mittags Real Life<\/h2>\n<p>Um die Mittagszeit, das kann um zw\u00f6lf, manchmal erst um zwei sein, ruft sich &#8222;Real World&#8220; in Erinnerung. Der Mensch lebt nicht vom Monitor allen, ein Break ist angesagt. Vielleicht mal kurz zum B\u00e4cker oder ins L\u00e4dchen gegen\u00fcber (Milch, Tabak, Mineralwasser kaufen), den physischen Briefkasten leeren (Tageszeitung, Beh\u00f6rdenbriefe, Werbung) und dann ein Imbiss &#8211; daf\u00fcr wechsle ich in die K\u00fcche, S\u00fcdseite, sehr sonnig, und w\u00e4hrend ich esse, lese ich die Berliner Zeitung, wohl wissend, dass das etwas ist, was MAN nicht tun sollte, denn: &#8222;Wenn ich esse, dann esse ich!&#8220; Nun ja, ich hab meist einfach keine Lust auf Ess-Meditation, sondern will lieber das bisschen Wir-Gef\u00fchl, dass \u00fcber die Lokalzeitung kommt, noch eben mitnehmen, bevor ich mich wieder der v\u00f6llig ortlosen Netzwelt zuwende. Manchmal leg&#8216; ich mich dann noch eine halbe Stunde hin  &#8211; mittags zu d\u00f6sen ist wirklich wunderbar!<\/p>\n<p>Doch schon bald &#8222;sitze&#8220; ich wieder: Verschr\u00e4nkt mit der Mail-Ebene der gro\u00dfen und kleinen Gespr\u00e4che, erstreckt sich mein virtuelles Dasein auf eine ziemlich vielf\u00e4ltige Webseitenlandschaft: eigene Seiten, gemeinsame Projekte und neue und alte Kunden-Sites. Interessehalber hab ich grad mal gez\u00e4hlt: 40 Serverzug\u00e4nge haben sich in meinem FTP-Programm angesammelt, da muss ich auch mal wieder aufr\u00e4umen! Immer ist irgendwo etwas zu tun, meist nicht besonders dringend, aber es addiert sich, wenn ich nicht aufpasse. Das &#8222;Zersplitterungspotenzial&#8220;, das die Pflege von Webseiten mit sich bringt, ist erheblich &#8211; gerade deshalb biete ich meine Kunden Pflege nicht offensiv an, doch mach ich nat\u00fcrlich alles, was gebraucht und gewollt wird und gelegentlich auch noch etwas mehr:  wenn es sich z.B. um Dinge handelt, von denen sie gar nichts wissen, von denen sie aber gef\u00e4hrdet werden k\u00f6nnen, wenn sich niemand k\u00fcmmert.<\/p>\n<h2>Routine gesucht<\/h2>\n<p>Und abends dann? Als ich noch zu zweit wohnte, hatte ich mir angew\u00f6hnt, meinen Arbeitstag am Monitor etwa um 18 Uhr zu beenden, zu kochen, gemeinsam zu essen und dann zumindest Abend- und Tagesschau anzusehen. Das ist weggefallen, seit ich alleine bin und noch ist es mir nicht gegl\u00fcckt, eine neue Routine zu finden. Manchmal geh ich ins Fitness-Center und in die Sauna, gelegentlich noch ein paar Schritte durchs Kiez. Ohne daf\u00fcr gro\u00dfen Aufwand zu treiben, koch&#8216; ich mir was, beobachte mit Sorge einen gewissen Hang zu Fertigsuppen und Pizzas, telefoniere auch mal, wenn ich Lust auf eine menschliche Stimme versp\u00fcre. Da ich den Radiorecorder, den ich mir zugelegt habe, tats\u00e4chlich nur benutze, wenn mal ein Gast da ist, hab&#8216; ich mir auch keinen Fernseher angeschafft. Ich glaub nicht dran, dass ich mich wirklich davor setzen w\u00fcrde und will das eigentlich auch nicht. Eine Glotze im Leben reicht v\u00f6llig aus, und wenn in der Welt etwas passiert, von dem ich wirklich wissen muss, ruft mich sowieso jemand an und sagt: Hast du mitgekriegt, dass..?<\/p>\n<p>So kommt es, dass ich derzeit auch die meisten Abende am Compi verbringe &#8211; und gern! Das &#8222;ich sollte arbeiten-Gef\u00fchl&#8220; ist dann  weg und ich kann mich dem Besinnlichen oder Kreativen zuwenden. Mal wieder in den unendlichen Weiten nach Themen st\u00f6bern, die nicht &#8222;automatisch&#8220; tags\u00fcber in mein Bewusstsein treten, in meine Lieblingslisten schauen, ein gutes Gespr\u00e4ch weiter schreiben, Webseiten oder Foren von Freunden  aufsuchen. Neulich hab ich mir auch mal einen Adult-Check geleistet und kann damit nun auch die mittlerweile gut abgeschotteten erotischen Seiten der Netzwelt erforschen &#8211; zu Beginn interessant, aber nat\u00fcrlich ist es bald wie \u00fcberall: ein paar Sites, die ich gelegentlich wieder aufsuchen werde, der gro\u00dfe Rest versinkt in der Beliebigkeit des immer gleichen Einerlei.<\/p>\n<h2>Alles super &#8211; oder wie?<\/h2>\n<p>Ein ganz normaler Tag &#8211; ist es das, was ich will? Fehlt mir &#8218;was? St\u00f6rt etwas? Ich treibe nicht nur so dahin, sondern frage mich das tats\u00e4chlich oft. Noch nie im Leben bin ich lange bei dem geblieben, was mir nur &#8222;suboptimal&#8220; vorkam. W\u00fcrde mir nicht gefallen, was ich t\u00e4glich erlebe, w\u00e4re ich l\u00e4ngst schon anderswo, w\u00fcrde anders arbeiten, s\u00e4\u00dfe vielleicht mit anderen in einem gemeinsamen B\u00fcro, w\u00fcrde herum reisen, viel ausgehen,  Kultur konsumieren &#8211; aber nein, all das reizt mich nicht. Ich bin DA, wo ich sein will und bin DAS, was ich sein will &#8211; sehr statisch, was den physischen Ort angeht, doch wunderbar frei und multidimensional, was das Sein betrifft, jeden Tag anders und neu. <\/p>\n<p>Also alles super? Nicht doch: Ich sitze deutlich zuviel vor dem Monitor und leider ist der menschliche K\u00f6rper nicht direkt f\u00fcr diese Art des In-der-Welt-Seins entwickelt. Das merke ich &#8211; und es ist kein Spass! Jetzt zum Beispiel reicht es wirklich, Mittagspause ist heut &#8222;wegen Diary&#8220; ausgefallen &#8211; ich MUSS jetzt einfach aufstehen und irgend etwas anderes tun. Dieses &#8222;Andere&#8220; zu finden, f\u00e4llt mir nicht immer leicht. Aber na ja, ich arbeite dran&#8230; :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich morgens den Computer anschalte und, w\u00e4hrend er hochf\u00e4hrt, in der K\u00fcche den Kaffee aufsetze, ist der Geist noch klar, geradezu LEER &#8211; allenfalls sp\u00fcre ich einen kleinen, freudig-neugierigen Sog in Richtung &#8222;Cockpit&#8220;. Dann, angekommen auf dem Stuhl vor dem Monitor, schau ich auch aus dem Fenster zur &#8222;Real World&#8220;, genie\u00dfe den Blick auf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[348,349],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1354"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1354"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1354\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1354"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1354"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1354"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}