{"id":1352,"date":"2003-05-14T14:21:21","date_gmt":"2003-05-14T13:21:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1352"},"modified":"2014-02-16T14:22:38","modified_gmt":"2014-02-16T13:22:38","slug":"wille-und-wahrheit-die-matschbirne-erkennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/05\/14\/wille-und-wahrheit-die-matschbirne-erkennen\/","title":{"rendered":"Wille und Wahrheit: Die &#8222;Matschbirne&#8220; erkennen"},"content":{"rendered":"<p>Wie funktioniert der &#8222;freie Wille&#8220;? Wo kommt er her, wie kann er wachsen und was l\u00e4sst ihn verschwinden? Ich frage nicht, &#8222;was IST der freie Wille?&#8220;, beziehe mich nicht auf die philosophische Endlos-Diskussion, ob ein Wille \u00fcberhaupt frei sein kann oder nicht. Meine Frage richtet sich auf den Willen schlechthin: das Wort &#8222;frei&#8220; benutze ich nur, um ihn von unfreiem Wollen zu unterscheiden. Was das ist, wei\u00df jeder:  das Streben nach Macht, Besitz, Anerkennung, Liebe ist uns irgendwie mitgegeben, es ist da, ohne dass wir es w\u00e4hlen, allenfalls k\u00f6nnen wir uns in gewissen Grenzen im Lauf des Lebens davon frei machen  &#8211; zum Beispiel aufgrund von Erfahrungen, insbesondere Erfolgen. Wenn ich immer wieder erreiche, was ich &#8222;will&#8220; und dann feststellen muss, dass es mich nicht gl\u00fccklich macht, sondern nur der n\u00e4chste Wunsch ins Rampenlicht tritt, dann erwischt mich  irgendwann das Aha-Erlebnis: DAS ist es offensichtlich nicht! Und das einschl\u00e4gige Wollen und Streben stirbt ab, ganz ohne Anstrengung und Indoktrination von au\u00dfen.<\/p>\n<p>Was aber dann? Mein eigenes Wollen reicht seit langem nur noch dahin, meinen Lebensunterhalt auf bescheidenem Niveau zu gew\u00e4hrleisten, meine Arbeit so zu gestalten, dass sie mir Freude macht und mich nicht nervt. Zudem habe ich gelernt, f\u00f6rderliche und freudvolle Beziehungen zu Mitmenschen zu pflegen und sch\u00e4digende Verstrickungen gar nicht erst wachsen zu lassen.  Es geht mir gut, und zwar sowohl von der Warte des eigenen Daseins-Gef\u00fchls aus betrachtet, als auch im Vergleich zu unz\u00e4hligen Menschen, die ich mitbekomme, deren Innenraum gef\u00fcllt ist mit \u00c4ngsten, Agressionen, Mangelgef\u00fchlen und vielem mehr.<\/p>\n<p>Und doch kann ich nicht sagen, dass ich &#8222;zufrieden&#8220; bin. Oberfl\u00e4chlich betrachtet schon, aber untergr\u00fcndig ist da immer ein kleiner Stachel, der sich mal mehr, mal weniger sp\u00fcrbar zeigt. Eine leise Stimme, die zu mir sagt: Das ist doch nicht alles! Du kannst doch nicht mit 48 psychospirituell in Rente gehen! Was ist mit deinen F\u00e4higkeiten, deiner Kreativit\u00e4t, deiner Kraft? Du lebst weit unterhalb deiner M\u00f6glichkeiten, sch\u00f6pfst deine Potenziale nicht aus, h\u00e4ngst zufrieden herum und f\u00e4ngst mit deiner pers\u00f6nlichen Freiheit eigentlich nichts an. Geh\u00f6rt denn alles, was du erworben und entwickelt hast, dir? Reicht es, ein angenehmes und stressfreies Leben zu f\u00fchren? Was hat die Welt davon?<\/p>\n<h2>Den Stau wahrnehmen<\/h2>\n<p>Bei der letzten Frage &#8222;Was hat die Welt davon?&#8220; k\u00f6nnte man glauben, es gehe um Moral, um die Pflicht, den Kriegsdienst an der Realit\u00e4tsfront im Geiste der Aufopferung abzuleisten. Das ist es aber nicht, ich f\u00fchle es nicht als Forderung, die Welt auf meinen Schultern zu tragen und mich in irgendwelchen K\u00e4mpfen aufzureiben, weil das nun mal jeder tun soll, damit die Gesellschaft prosperiert. Nein, es ist mehr ein Gef\u00fchl mangelnden Austauschs, als w\u00e4re der Fluss meines Aktiv-Potenzials irgendwie gestaut &#8211; und immer, wenn ich mich zur\u00fccklehne und meine Gelassenheit feiere, sp\u00fcre ich diesen Stau, sp\u00fcre, dass da etwas nicht stimmt.<\/p>\n<p>Wenn ich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit denselben Aspekt als &#8222;unstimmig&#8220; empfinde, aber so gar nicht &#8222;von selber&#8220; darauf  komme, was da eigentlich los ist und wie ich etwas \u00e4ndern k\u00f6nnte, dann werde ich wieder offener f\u00fcr Anregungen von au\u00dfen. Allerdings m\u00fcssen es Inhalte sein, die schon irgendwie nah an meinem Thema sind. Derzeit h\u00e4tte ich gar nichts davon, etwa noch weiter spirituelle Texte zu lesen, die Gelassenheit und Selbstbeobachtung, Meditation und Loslassen predigen. Mein inneres Gef\u00fchl sagt mir, dass ich genau in die andere Richtung will &#8211; zwar auf einem neuen Niveau, nicht mehr in der unbewussten und extremen Art, wie ich in der ersten Lebensh\u00e4lfte versuchte, die Welt und mich selbst durch \u00fcberaktives Herumwurschteln zu begl\u00fccken, aber doch in Richtung HANDELN, mich einlassen, verpflichten, fordern &#8211; auch auf die Gefahr hin, an die Grenzen meiner Kraft und meiner F\u00e4higkeiten zu kommen. Schon dass ich das &#8222;Gefahr&#8220; nenne, ist ein Zeichen des &#8222;Problems&#8220;!<\/p>\n<h2>An die Grenze gehen<\/h2>\n<p>Eine Yoga-\u00dcbung zelebriert, wie es &#8222;richtig&#8220; w\u00e4re: Man nimmt langsam und bewusst eine ungew\u00f6hnliche K\u00f6rperhaltung ein und geht an die Grenze des M\u00f6glichen, die gleichzeitig die Grenze zum Schmerz ist &#8211; nicht aber dar\u00fcber hinaus. Dort verharrt man, solange es geht und schaut sich an, was das im K\u00f6rper, in den Gef\u00fchlen und Gedanken bewirkt. Dann l\u00e4sst man ebenso langsam los und entspannt sich wieder, nun beobachtend, was die \u00dcbung f\u00fcr weitere Wirkungen entfaltet.<\/p>\n<p>Im Leben tu ich das nicht, lange schon nicht. Ich gehe NICHT an die Grenze der M\u00f6glichkeiten, geschweige denn an die des Schmerzes. Wenn sich die Gelegenheit zeigt &#8211; und das Leben ist immer voller Gelegenheiten  &#8211; frage ich mich: &#8222;Wozu denn? Mir geht&#8217;s doch gut, was will ich denn noch? Es gibt doch nichts zu erreichen!&#8220;. Das ist, so seh&#8216; ich es jetzt, ein klarer Fall von spiritueller Matschbirne. Diese Gedanken sind nicht Weisheit, sondern kaschieren und rationalisieren einen Fehler, eine Unstimmigkeit, irgend eine Altlast, die mich behindert und einschr\u00e4nkt, ohne dass ich sie schon genau sehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ein erstes Aha-Erlebnis verschaffte mir ein Buch \u00fcber &#8222;Techniken zur Erforschung des Bewusstseins&#8220;, dessen Arbeitsb\u00f6gen zur Erhebung eines Pers\u00f6nlichkeitsprofils ich einfach mal ausf\u00fcllte, ohne noch die Texte dazu zu lesen. Zwei hintereinander stehende Fragen und meine ohne Z\u00f6gern gegebenen Antworten  lie\u00dfen mich stutzen:<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong> <br \/>Welchen Abschnitt deines Lebens h\u00e4ltst du f\u00fcr den besten? Weshalb?<\/p>\n<p><strong>Antwort:<\/strong> <br \/>Mitte drei\u00dfig, die Zeit nach meiner &#8222;Befreiung vom Alkohol&#8220; &#8211; weil ich da entdeckt habe, dass alles &#8222;von selber&#8220; geht und nicht von mir &#8222;gemacht&#8220; werden muss.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong> <br \/>Welche Aspekte deines gegenw\u00e4rtigen  Ichs magst du am wenigsten?<br \/>\n<strong>Antwort:<\/strong> <br \/>Entschlusslosigkeit und Ziellosigkeit, Zerstreutheit und Unkonzentriertheit, physische Beschwerden am rechten Arm und Bein (=Sch\u00e4den von zu vielem Sitzen).<\/p>\n<p>Das hat mich ein bisschen wach gemacht! Die wunderbare Wende in meinem Leben, von der ich noch heute zehre, hat mir Erkenntnisse und Weisheiten vermittelt, die f\u00fcr mich \u00fcber allem anderen stehen, da sie selbst gefunden, selbst erlebt sind, nicht von au\u00dfen vermittelt. Auch nicht in einer Umkehrung angenommen, wie man etwa als junger Mensch GEGEN das ist, was von den Eltern oder der Gesellschaft an Wahrheiten tradiert wird. Es war wirklich neu, v\u00f6llig unerwartet und er\u00f6ffnete mir eine neue Weise des In-der-Welt-Seins, die alles \u00fcbertraf, was ich mir bisher ausmalen konnte. Ich glaubte,  das Geheimnis des Gl\u00fccks und des &#8222;richtigen Lebens&#8220; gefunden zu haben.<\/p>\n<h2>Das &#8222;richtige&#8220; Leben<\/h2>\n<p>Dem war auch so. Ich sehe das jetzt nicht als falsch an. Eher scheint mir der Prozess so zu verlaufen, wie das Yin Yang-Zeichen &#8211; wenn man es animiert, in Bewegung versetzt &#8211; zeigen will: der eine Aspekt der Polarit\u00e4t, sagen wir &#8222;schwarz&#8220;, wird immer gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer bis er allen Raum einnimmt &#8211; doch im Augenblick seiner totalen Dominanz, entsteht in seiner Mitte das Gegenteil: Wei\u00df. Ab jetzt beginnt Wei\u00df zu wachsen und Schwarz schrumpft zusammen  &#8211; bis jetzt Wei\u00df dominiert, in dessen Mitte dann wieder ein zun\u00e4chst winziges Schwarz erscheint.<\/p>\n<p>Mich hat offensichtlich die Begeisterung \u00fcber das erste vollst\u00e4ndig selbst durchlebte &#8222;Umschlagen&#8220;, das Gef\u00fchl der Befreiung und Erl\u00f6sung, das damit verbunden war, derart beeindruckt, dass ich irgendwann anfing, fest zu halten. Ich hielt das Gewonnene f\u00fcr die absolute und letzte Wahrheit und begann, in meinem Leben das &#8222;Wei\u00df&#8220; zu verst\u00e4rken, das so wunderbar inmitten des &#8222;Schwarz&#8220; erschienen war. Das ist solange gut und unsch\u00e4dlich, solange das &#8222;Wei\u00df&#8220; von selber w\u00e4chst &#8211; wenn es aber Zeit ist, wieder in Richtung des anderen Pols zu leben, wenn die Bewegung wieder umschl\u00e4gt, dann bremse ich mich so nur selber aus. Tue also (unbewusst!) genau das Gegenteil von dem, was ich als &#8222;Extrakt der gewonnenen  Weisheit&#8220; gerne predige: den eigenen Impulsen zu folgen, sich ihnen hinzugeben, mitzuleben und nicht aus dem Kopf heraus daran herum zu rechten und das Leben zu be-rechnen. Meine Willensimpulse hab&#8216; ich dabei zunehmend gel\u00e4hmt, innerlich alles diskriminert, was \u00fcber das Bestehende, das &#8222;von selbst Entstehende&#8220; hinaus greifen will. So lange und so erfolgreich, bis ich nicht nur jeden Draht zu dieser Art Wollen verloren hatte, sondern auch physisch an den Handlung symbolisierenden Gliedma\u00dfen &#8222;Krankheiten&#8220; auftraten. Unglaublich!<\/p>\n<p>So ist jetzt also &#8222;Wille&#8220; mein Thema. Etwas erreichen wollen, Ziele haben, die eigenen Aktivit\u00e4ten auf diese Ziele hin ausrichten, auch l\u00e4ngerfristig. Mich verpflichten und &#8222;Verstrickungen&#8220; riskieren &#8211; und nicht aus den Augen verlieren, ob ich den Zielen mit meinen Schritten auch n\u00e4her komme. All das h\u00f6rt sich f\u00fcr mich noch \u00e4u\u00dferst fremd an, da ist eine, wie ich jetzt sehe, selbst geschaffene innere Ablehnung dieser Dimension. Wie k\u00f6nnte ich die wieder &#8222;abschaffen&#8220;?<\/p>\n<h2>Was du nicht erf\u00fchlen kannst&#8230;<\/h2>\n<p>Wo eine Frage als solche erkannt ist, folgen Suchbewegungen auf m\u00f6gliche Antworten hin. Bisher wei\u00df ich nicht viel, obwohl ich mich schon ein wenig in den \u00fcblichen Formen mit &#8222;Ziele finden&#8220; auseinander gesetzt habe, zun\u00e4chst auf der beruflichen Ebene. Allerdings sprang da noch kein z\u00fcndender Funke \u00fcber, berufliche Ziele sind eben nur operationale Ziele, also solche, die eigentlich Zielen auf ganz anderen Ebenen dienen sollten.<\/p>\n<p>&#8222;Was du nicht erf\u00fchlen kannst, das kannst du nicht erjagen&#8220; &#8211; der Satz von Goethe geht mir seit langem nach. Nur dar\u00fcber zu gr\u00fcbeln, welche Ziele es wert w\u00e4ren, sich ihnen zu verpflichten und richtig Einsatz zu bringen, ist gewiss nicht der Weg.  Nein, ich muss mich neu \u00f6ffnen, nicht immer gleich das beschwichtigende Zufriedenheits-Programm im Kopf ablaufen lassen, wenn mich irgend etwas st\u00f6rt oder ein \u00c4nderungswunsch auftritt. Ich muss nicht noch mehr &#8222;Gelassenheit \u00fcben&#8220;, sondern das Gegenteil an mich heran lassen, es wieder erwecken und wachsen lassen. <\/p>\n<p>Muss ich? Nein, ich muss nicht.  ICH WILL. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie funktioniert der &#8222;freie Wille&#8220;? 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