{"id":1350,"date":"2003-05-04T14:19:24","date_gmt":"2003-05-04T13:19:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1350"},"modified":"2014-02-16T14:20:52","modified_gmt":"2014-02-16T13:20:52","slug":"bilder-der-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/05\/04\/bilder-der-liebe\/","title":{"rendered":"Bilder der Liebe"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Flohmarkt, sonntags, Boxhagener Platz. Kein Antik- oder Kunstmarkt, sondern einer von der urspr\u00fcnglichen Art, auf dem die Leute alles verkaufen, was sie nicht mehr brauchen &#8211; und das, was sich dann so ansammelt, wenn sie das Verkaufen weiter betreiben wollen.  Da meine W\u00e4nde noch immer recht kahl sind, halte ich Ausschau nach Bildern. Unwichtig ob Kunstdrucke, Poster, \u00d6\u00d6lgem\u00e4lde, vergr\u00f6\u00dferte Fotos, zusammengeklebte Collagen oder ausgedruckte Digitalwerke, unwichtig auch, wer wo und wann das Bild geschaffen, abgekupfert, geklaut oder variiert hat.  Ich durchwandere den Markt im Uhrzeigersinn und  scanne die St\u00e4nde, die Tapeziertische und die Decken auf dem Boden systematisch nach Content. Inhalt f\u00fcr die bisher wei\u00dfen W\u00e4nde, auf die ich t\u00e4glich mehrmals schaue.<\/p>\n<p>Keine bestimmten Vorstellungen helfen mir beim Suchen. Ich wei\u00df nicht, ob ich ein Abbild der Natur, etwas ganz Abstraktes, eine Stadtansicht, wom\u00f6glich gar Bilder vom Menschen suche. Nur wei\u00df ich recht schnell, wenn ich ein Bild sehe: DAS will ich NICHT!<\/p>\n<p>So geh&#8216; ich von Stand zu Stand und erlebe jede Menge &#8222;Das nicht!&#8220;-Resonanz. Nat\u00fcrlich frag ich mich schon bald, was eigentlich nicht passt, warum mir einfach keines der vielen Fotos, Poster, Drucke und Gem\u00e4lde gefallen will. Auch solche nicht, die weder st\u00fcmperhaft noch uninteressant, ja, vielleicht &#8222;richtig gute Kunst&#8220; sind. Aber: will ich da t\u00e4glich  drauf schauen? Die innere Probe auf den Ernstfall \u00fcbersteht bisher keines. Es ist eine ganz andere Situation, als wenn man einfach nur so &#8222;Bilder kaufen&#8220; wollte, in einer Hobby-artigen Sammlerhaltung, die bestimmte Vorlieben pflegt und das Beutegut zuhause in Rollen stapelt. <\/p>\n<p>Nein, ich will Bilder f\u00fcr mich, Bilder zum selber ansehen, nicht zum zeigen. Und was  ich st\u00e4ndig sehe, beeinflusst mein Sein, malt die Farbe an die W\u00e4nde meiner Existenz,  beeinflusst meine Stimmungen und Gef\u00fchle. Es muntert mich auf oder zieht mich herunter, lenkt ab oder unterst\u00fctzt die Konzentration, st\u00e4rkt den Willen oder unterminiert ihn. <\/p>\n<p>Ich tue gut daran, sorgf\u00e4ltig zu w\u00e4hlen. Das bedeutet nicht, zu mir selbst in eine therapeutische Haltung zu treten und mir gewisse Bilder zu &#8222;verschreiben&#8220;. Sondern nur, auf die Regungen zu achten, die der Anblick in mir hervor ruft und zu fragen: will ich DAS? Will ich das jeden Tag, im Fall der wei\u00dfen Wand gegen\u00fcber meinem Arbeitsplatz gar  alle paar Sekunden?<\/p>\n<p>Die besten Bilder auf dem Flohmarkt dieses Sonntags hat  einer, der polnische Plakatkunst verkauft. Wow, dagegen k\u00f6nnen unsere g\u00e4ngigen Veranstaltungsplakate einpacken! Ein ganzer Stapel gro\u00dfer Poster wird vor mir auf- und umgebl\u00e4ttert: Plakate zu Opern, Theaterst\u00fccken, Lesungen, politischen  Veranstaltungen, Symposien und Ausstellungen  &#8211; und jedes ein echtes Kunstwerk! Es ist m\u00fchsam, so einen Stapel gro\u00dfformatiger Bilder, es sind gewiss \u00fcber 150, eins ums andere zu zeigen und umgedreht abzulegen. Auch deshalb bin ich ausgesprochen kaufbereit, sollte eines darunter sein, dass mich &#8222;anspricht&#8220;.<\/p>\n<h2>Das Schreien der Bilder<\/h2>\n<p>Die Bilder sprechen mich tats\u00e4chlich fast alle an. Allerdings nicht so, wie ich min\u00fctlich von der Wand gegen\u00fcber angesprochen werden will, muss ich mit Bedauern feststellen. Die allermeisten dieser wunderbaren Werke der grafischen Kunst stellen in Frage, klagen an, verunsichern oder machen Angst, vermitteln das Gef\u00fchl von Ohnmacht und Wut, stimmen aggressiv oder verzweifelt, erheben Forderungen oder machen sich abgr\u00fcndig \u00fcber etwas lustig. Manche spielen mit dem Ekel, andere mit Gewalt, manche auf verst\u00f6ren-wollende Art mit Sex, wieder andere bleiben so cool, dass man die Wand gleich wei\u00df lassen k\u00f6nnte &#8211; oder schwarz.<\/p>\n<p>Ich kaufe schlie\u00dflich eines, das mir besonders ausdrucksstark erscheint, wohl wissend, dass ich es vermutlich nicht aufh\u00e4ngen werde. Ein schwarzer Vogel im Flug, gemalte Silouette &#8211; in ihn hinein rast ein roter Vogel mit riesigem Schnabel und durchdringendem Blick, der das Zentrum des Bildes darstellt. Es macht agressiv, keine Frage. Und damit ist es ein Fehlkauf, einzig dem Verk\u00e4ufer zuliebe geschehen.<\/p>\n<p>Mit meiner Rolle unterm Arm mach&#8216; ich mich auf den Heimweg. Immerhin wei\u00df ich jetzt, was ich suchte und nicht fand: Bilder, die etwas feiern und heiligen, nicht angreifen oder in Frage stellen. Bilder der Freude und Dankbarkeit, Bilder des Staunens und Bewunderns &#8211; Bilder der Liebe, kurz gesagt.<\/p>\n<p>Gibt es solche Bilder? Ganz bestimmt gibt es sie, der Fundus der Bilder der Menschheit ist riesig. Ich erinnere mich spontan an einige N\u00e4hnadeln im Heuhaufen, die mir schon begegnet sind, Landschaften, Frauen, Paare in tantrischer Vereinigung, G\u00f6tterbilder, erotische Szenen, die \u00fcber das Erotische hinaus in eine andere Dimension weisen, auch abstrakte Kompositionen mit intensivem Gef\u00fchlswert. Es gibt sie im Fundus k\u00e4uflicher Bilder, wenn man Titel und Autor kennt, doch sicher auch &#8222;ohne Titel&#8220; auf vielen Festplatten und in Schubladen, wo alles verbleibt, bzw. verschwindet, von dem man vermutet, es sei unverwertbar. Oder mit dem man sich nicht an die \u00d6\u00d6ffentlichkeit wagt, warum auch immer.<\/p>\n<h2>Der Geist, der stets verneint<\/h2>\n<p>Ich verstehe, warum es so wenige solcher &#8222;Bilder der Liebe&#8220; gibt. Zum einen stehen mir gewisse &#8222;spirituelle Kompositionen&#8220; aus dem Eso-Markt vor Augen, die zeigen, wie schnell etwas, das mit aller Kraft harmonisch, sch\u00f6n und auf jeden Fall &#8222;positiv&#8220; sein will, zum Kitsch ger\u00e4t. Und mir f\u00e4llt die Werbung ein. Dort gibt es eigentlich alles, was fehlt &#8211; nur dass es eben nicht um das Gute, Sch\u00f6ne und Wahre, sondern um die G\u00fcte und Sch\u00f6nheit der Ware geht. Nicht um Liebe, sondern ums Haben- und Jemand-Sein-wollen.<\/p>\n<p>Es ist kaum m\u00f6glich, den kritischen Geist mit all seiner Zersetzungskraft einfach zu \u00fcberspringen und zu naiven Darstellungen aus voraufgekl\u00e4rten Zeiten zur\u00fcck zu kehren.  Die dunklen Seiten der Welt k\u00f6nnen und sollen  nicht geleugnet werden, doch kann ein &#8222;anprangern&#8220; oder beweinen nicht einziger Inhalt eines &#8222;Bildes der Liebe&#8220; sein. Noch viel weniger das &#8222;reine Spiel mit der Wahrnehmung&#8220;, das in der Kunst den Inhalt zeitweise abgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p>Ich hoffe trotzdem, auf meiner Suche nach dem Content f\u00fcr die blanken W\u00e4nde noch f\u00fcndig zu werden, hab&#8216; ja auch noch kaum geforscht. Wer mir Tipps geben will oder Bilder zeigen, ist herzlich eingeladen, ins <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/forumfs.htm\"><strong>Forum<\/strong><\/a> zu posten oder zu <a href=\"mailto:klinger@snafu.de\"><strong>mailen<\/strong><\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Flohmarkt, sonntags, Boxhagener Platz. Kein Antik- oder Kunstmarkt, sondern einer von der urspr\u00fcnglichen Art, auf dem die Leute alles verkaufen, was sie nicht mehr brauchen &#8211; und das, was sich dann so ansammelt, wenn sie das Verkaufen weiter betreiben wollen. Da meine W\u00e4nde noch immer recht kahl sind, halte ich Ausschau nach Bildern. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148],"tags":[345,346],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1350"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1350"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1350\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1350"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1350"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1350"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}