{"id":1344,"date":"2003-04-03T14:11:01","date_gmt":"2003-04-03T13:11:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1344"},"modified":"2014-02-16T14:13:21","modified_gmt":"2014-02-16T13:13:21","slug":"allein-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/04\/03\/allein-sein\/","title":{"rendered":"Allein Sein"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Monate sind es jetzt schon seit dem Umzug an den Rudolfplatz. Zwei Monate alleine wohnen, zum ersten Mal seit vielen vielen Jahren. Ich wusste l\u00e4nger schon, dass es Zeit ist, aufzubrechen, doch als es im Sommer und Herbst 2002 angesichts v\u00f6llig unterschiedlicher Wohn- und Lebensw\u00fcnsche dann konkret wurde, hatte ich schon ein bisschen Bammel: W\u00fcrde ich mich nicht einsam f\u00fchlen, wenn diese beil\u00e4ufige Zweisamkeit Zimmer an Zimmer, das gem\u00fctliche Kochen und Essen, das Kaffee-Trinken, Fernsehen, Plaudern nicht mehr die Grundstruktur meines Real Life ausmachen w\u00fcrde? W\u00fcrde ich vielleicht verwahrlosen, wenn &#8222;der Andere&#8220; nicht mehr durch sein blo\u00dfes Dasein eine disziplinierende Wirkung aus\u00fcbte?<\/p>\n<p>Kein Tag in dieser Wohnung hat diese \u00c4ngste best\u00e4tigt. Es war richtig, mich endlich einmal in einen eigenen Raum zu begeben, wo es nur ganz allein mir selber \u00fcberlassen ist,  was ich darin anfange. Die Zweisamkeit, die hinter mir liegt, war voller gegenseitiger Achtung, Wertsch\u00e4tzung und liebevoller R\u00fccksichtnahme. Nichts, wovor man mit Grauen wegrennt, im Gegenteil! Das Allein-Sein jetzt ist etwas g\u00e4nzlich anderes, erm\u00f6glicht eine v\u00f6llig neue Lebensweise:  Keine Routinen, keine vermuteten Erwartungen, niemand ist da, der aufgrund langj\u00e4hriger Erfahrung ganz genau wei\u00df, WER ich bin. Also kann ich die Tatsache wieder zur Kenntnis nehmen, dass ICH das NICHT wei\u00df. Und das ist wunderbar! In jedem Moment  bemerke ich &#8211; wenn ich will &#8211; die offene Weite: Was tu ich jetzt? Welchem Impuls folge ich? Welches Dasein w\u00e4hle ich als N\u00e4chstes, welche Rollen und Masken setze ich dazu auf?<\/p>\n<p>Freiheit. Ich sp\u00fcre gro\u00dfe Freiheit. Ganz anders, als etwa Mitte zwanzig, als ich auch schon mal alleine wohnte, doch eigentlich nie allein sein konnte. Meine Wohnung war mir damals nur Absteige, Stauraum, Postadresse &#8211; und manchmal liebevoll geschm\u00fcckte Empfangshalle f\u00fcr einen netten Gast. Mit mir alleine konnte ich nichts anfangen, ja, ich f\u00fchlte mich unruhig und getrieben. Es trieb mich zu Gleichaltrigen, man hing gemeinsam in Wohnungen und Kneipen herum, redete viel, hatte zu allem eine Meinung, diskutierte, bis die K\u00f6pfe rauchten &#8211; dazwischen fanden und zerstritten sich Paare, inszenierten Beziehungsstress, also noch mehr Gespr\u00e4chsstoff &#8211;  und dazu Drogen in 1000 Gestalten.<\/p>\n<p>Wir wussten nichts mit uns anzufangen und taten alles, um das nicht zu sp\u00fcren. Sich st\u00e4ndig unter Leuten aufzuhalten gab uns den Anschein von Halt, Sicherheit, &#8222;Jemand-Sein&#8220;.  &#8222;Spontane&#8220; Aktionen wie das n\u00e4chtlich beschlossene &#8222;Komm, wir fahren jetzt nach Paris&#8220; vermittelte den Anschein von Freiheit.  Doch das Gef\u00fchl der Getriebenheit und Unruhe blieb, auch, wenn man dann in Paris angekommen war.<\/p>\n<p>Heute stelle ich entz\u00fcckt fest: Nur das Ankommen bei sich selbst ist ein wirkliches Ankommen. Kein naher oder ferner Ort, kein noch so liebevoller anderer Mensch, kein tolles Gedankengeb\u00e4ude und keine &#8222;Leistung in der Welt&#8220; kann das Loch stopfen, die Leere f\u00fcllen, die Getriebenheit beenden, die Suche stoppen. Nur eine Umwendung der Blickrichtung ist n\u00f6tig: nach &#8222;innen&#8220;, statt nach &#8222;au\u00dfen&#8220; &#8211;  die Anf\u00fchrungszeichen geben einen Hinweis darauf,  was f\u00fcr eine riesige Abenteuerlandschaft des Unerforschlichen sich hier auftut.<\/p>\n<p>Und wie im M\u00e4rchen wandert man ganz alleine, trifft Zauberer, Feen, freundliche und feindliche Geister und Gottheiten. Lernt &#8211; wie im M\u00e4rchen &#8211; die Macht kennen, die darin liegt, dem Unbekannten Namen zu geben. Oder &#8211; und das ist fast noch spannender in meinem Alter &#8211;  die bekannten Namen von allem und jedem wieder weg zu nehmen. Die Zwiebel des &#8222;Life as we know it&#8220; zu sch\u00e4len, in der Ahnung, dass dieses Beginnen in ein grundst\u00fcrzendes &#8222;Nichts&#8220; f\u00fchrt, vor dem man uns\u00e4glich erschrecken w\u00fcrde, wenn es so weit ist. Das Nichts, aus dem die F\u00fclle kommt, die F\u00fclle all der M\u00f6glichkeiten, die wir durch unser Denken und Sagen, Tun und Nicht-Tun Wirklichkeit werden lassen.<\/p>\n<p>In diesem Metier gibt es  zwei Arten von Gurus, zwischen denen ich lange hin- und hergerissen war: Die einen weisen auf das Nichts hin und geben Tipps, die Zwiebel zu sch\u00e4len, die anderen auf die F\u00fclle der M\u00f6glichkeiten, die unsere Freiheit ausmachen &#8211; die M\u00f6glichkeit, etwas anderes zu w\u00e4hlen als das gem\u00fctliche Elend, in dem man so gerne klagend verharrt.<\/p>\n<p>Damit bin ich durch. Es gibt da keine wahrere Wahrheit, kein richtigeres Verhalten, keine wirklichere Wirklichkeit. Es liegt an meiner Tagesform und Laune, meinen Impulsen im Augenblick, was mich gerade mehr fasziniert: das &#8222;sch\u00e4len&#8220; oder das &#8222;kreieren&#8220;. <\/p>\n<p>Nichts und niemand auf der Welt hindert mich daran, das eine zu tun und das Andere nicht zu lassen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Monate sind es jetzt schon seit dem Umzug an den Rudolfplatz. Zwei Monate alleine wohnen, zum ersten Mal seit vielen vielen Jahren. 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