{"id":1342,"date":"2003-03-29T14:07:04","date_gmt":"2003-03-29T13:07:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1342"},"modified":"2014-02-16T14:08:11","modified_gmt":"2014-02-16T13:08:11","slug":"verstummen-oder-anecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/03\/29\/verstummen-oder-anecken\/","title":{"rendered":"Verstummen oder anecken"},"content":{"rendered":"<p>Ilona Duerkop schreibt in ihrem <a href=\"http:\/\/www.laostagebuch.net\/salon.html\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"grafics\/goto.gif\" alt=\"*\" height=\"10\" border=\"0\" width=\"10\">Kriegstagebuch<\/a> davon, wie es sie ersch\u00fcttert, die Menschen zu erleben, die in den Internet-Cafes sitzen und ihre Urlaubsberichte nach Hause mailen &#8211; als w\u00e4re nichts, als gehe  alles seinen  normalen Gang.<\/p>\n<p>So ist Krieg. Jede Lebens\u00e4u\u00dferung wird zum Statement, ganz egal, ob derjenige davon wei\u00df oder es  so meint. Wenn die Zugriffszahlen in Kriegszeiten steigen, dann wei\u00df ich: jetzt wollen einige wissen, was Claudia DAZU sagt. Und schon ist sie da, die Schreibblockade: Muss ich jetzt? Soll ich? Und was? Was ganz besonders &#8222;Ausgewogenes&#8220;, das in dieser emotional aufgeladenen Situation gewiss nicht aneckt? <\/p>\n<p>Solange es so ist, schreib ich dann lieber gar nicht. Bis es von selber kommt, bis ich nach etlichen Tagen der inneren Verarbeitung einen Beitrag zum Krieg schreiben kann, weil er jetzt eben da ist und \u00fcberall wahrnehmbar. Eindr\u00fccke, die zum Ausdruck dr\u00e4ngen, einschlie\u00dflich der durch sie angesto\u00dfenen Gedanken &#8211; mehr nicht.<\/p>\n<p>Und dann?  Ich surfe zur Tagesschau: Wieder 50 Menschen auf einem Marktplatz zerbombt &#8211; kann ich da noch davon schreiben, wie ich 7 Kilo abgenommen habe? \u00dcber Konsum-Hemmungen,  Allein-Leben oder Rauchen? Absurd!  Alle Themen, die keinen Kriegsbezug haben, sind tot.<\/p>\n<p>So greift das Verstummen um sich. In einigen Mailinglisten ist die Frequenz der Beitr\u00e4ge schon gegen Null gesunken.  Daf\u00fcr w\u00e4chst die Zahl der Webseiten zum Krieg: Infos, Links, sorgf\u00e4ltig ausformulierte politische Stellungnahmen. Und Gedichte, Kriegsprosa. Die Personen verschwinden hinter dem Krieg, haben R\u00fcstungen angelegt und zeigen metallisch-gl\u00e4nzende Oberfl\u00e4chen &#8211; oder tragen Trauergew\u00e4nder, durch die kein Licht mehr dringt.<\/p>\n<p>Ich kann das nicht. Will es auch nicht und halte deshalb m\u00f6glichst Abstand zu den Medien. Die Menschen, die ich in meinem Alltag treffe &#8211; hier im &#8222;Real Life&#8220; &#8211; sind zum Gl\u00fcck ganz \u00e4hnlich verfasst: der Krieg ist durchaus Thema, aber nicht das einzige. Auf meine Frage, was es Neues gebe von der Front, berichtete mir ein alter Freund gestern von seinen Problemen mit gewissen Auftraggebern. Ich war ein wenig irritiert &#8211; es zeigte mir aber beispielhaft, welch anderes Bild von &#8222;den Anderen&#8220; die geschriebene Netzkommunikation vermittelt, verglichen zu den Alltagsbegegnungen offline. <\/p>\n<p>Heute Abend treff&#8216; ich ein paar Leute aus der seit 1996 bestehenden Netzliteratur-Szene. In einem wundersch\u00f6nen Thai-Restaurant in Berlin Mitte, wo sich &#8222;essbare Skulpturen&#8220; auf den Tellern finden sollen, werden wir vermutlich \u00fcber den Krieg und seine Wahrnehmung \u00fcber das Netz sprechen &#8211; aber auch von neuen Projekten, von den Technologien, die wir daf\u00fcr brauchen und von den Schwierigkeiten, im Mainstream der 0815-Portale und Shops nicht unterzugehen. Ich freu mich drauf!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ilona Duerkop schreibt in ihrem Kriegstagebuch davon, wie es sie ersch\u00fcttert, die Menschen zu erleben, die in den Internet-Cafes sitzen und ihre Urlaubsberichte nach Hause mailen &#8211; als w\u00e4re nichts, als gehe alles seinen normalen Gang. So ist Krieg. Jede Lebens\u00e4u\u00dferung wird zum Statement, ganz egal, ob derjenige davon wei\u00df oder es so meint. 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