{"id":1336,"date":"2003-03-17T13:58:23","date_gmt":"2003-03-17T12:58:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1336"},"modified":"2022-12-29T19:23:50","modified_gmt":"2022-12-29T18:23:50","slug":"der-berber-so-fern-von-konsumwuenschen-und-hemmungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/03\/17\/der-berber-so-fern-von-konsumwuenschen-und-hemmungen\/","title":{"rendered":"Der Berber so fern &#8211; von Konsumw\u00fcnschen und Hemmungen"},"content":{"rendered":"<p>Alle Welt spricht \u00fcber die &#8222;Kaufzur\u00fcckhaltung&#8220; der Deutschen. Diese Haltung, die langsam aber sicher in den Geruch der Ruck-Feindlichkeit ger\u00e4t, pflege ich nicht erst seit gestern, sondern schon recht lange, in manchen Bereichen immer schon. Man redet sich dabei gern ein, es geschehe aus Protest gegen irgend etwas, oder aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden, zumindest aus einem bewussten Sparwillen heraus &#8211; stimmt alles nicht. Es ergibt sich so, entlang an den Konditionierungen aus der Kindheit und entsprechend den Lebensgewohnheiten, die im Lauf der Zeit entstehen und sich verfestigen. Auch Konsumieren will gelernt sein!<\/p>\n<p>Mode zum Beispiel. In der hei\u00dfen Phase der Pubert\u00e4t war es in meinen Peergroups rund um ein &#8222;fortschrittliches&#8220; hessisches Gymnasium angesagt, in Jeans und T- oder Sweatshirts herum zu rennen. Klar, es musste eine bestimmte Marke, eine gewisse Farbe sein und manchmal kam es drauf an, wie tief die Hose auf der H\u00fcfte hing oder wie breit die Beine in den Wind flatterten &#8211; dazu trug man tunlichst &#8222;Clarks&#8220;, wildlederne flache Treter mit dem Charme der Birkenstock-Zeit, die allerdings erst sp\u00e4ter kam. Manchmal stylten sich die M\u00e4dchen f\u00fcr die Disko, da das aber ein eher seltener Event war, lernte ich es nur in Ans\u00e4tzen und verga\u00df es auch bald wieder. Sommers dann manchmal nur ein langes Shirt, das knapp \u00fcber den Hintern reichte &#8211; der Mini-Rock war \u00fcberall. Das war es dann auch schon.<\/p>\n<p>Mit meinem damaligen Liebsten teilte ich zudem die Meinung: Gehe nirgends hin, wof\u00fcr du andre Kleider anziehen musst! Und dem entsprechend gestaltete sich mein Berufsleben &#8211; eigentlich bis heute.<\/p>\n<p>Als ich sp\u00e4ter &#8211; einfach mal so &#8211; etwas anderes anziehen wollte, so ein bisschen meine Optik \u00e4ndern, vielleicht um einem neuen Mann zu gefallen, klappte das nicht mehr. Den halben Tag durch Kaufh\u00e4user rennen, in stickigen Kabinen seltsame Zelte anprobieren, unf\u00e4hig, etwas zu finden, was mir steht &#8211; der reine Horror! Ich hatte meinen Stil, und der war eigentlich keiner. Mir reichen drei Hosen und drei Sweatshirts, mal eine Hemdbluse zum schwarzen Blazer, den ich sp\u00e4ter zu Gesch\u00e4ftszwecken \u00fcber den Jeans trug. Schuhe, die die Zehen unangenehm zusammen dr\u00fccken oder es verunm\u00f6glichen, mal eben loszurennen, kommen nicht in Frage und auch keine Stoffe, in denen man schwitzt oder die irgendwie kratzen. Wer in Baumwolle sozialisiert ist, packt das einfach nicht mehr. Alles in allem war und blieb ich modem\u00e4\u00dfig eine Versagerin, zum Schaden der Wirtschaft, ich seh es ein.<\/p>\n<h2>Hifi ? Foto? Reisen?<\/h2>\n<p>An ganzen Konsumg\u00fcterfeldern verlor ich nach anf\u00e4nglichem Engagement das Interesse: ein-, zwei Hifi-Anlagen, dann war schon Schluss. In den besetzten H\u00e4usern zu Anfang der 80ger war nichts sicher, die Polizei trat bei Durchsuchungen gerne Lautsprecher ein und suchte da nach Marihuana. Also reichte die alte Anlage vom Flohmarkt, dann kam ein geschenkter Radiorekorder und schlie\u00dflich verlor ich den Draht zur aktuellen Musik.<\/p>\n<p>Ach ja, die Fotoausr\u00fcstung! Ein Jahr mit einem engagierten Fotografen in der Dunkelkammer zugebracht &#8211; aber schon bald verkaufte ich die Konika wieder (alles noch echt aus Metall!). Es dauerte mir einfach zu lange, bis ich die Bilder zu Gesicht bekam &#8211; und dann gefielen mir davon zu wenige, um die Investition zu rechtfertigen. Seit es Digicams gibt, bin ich wieder dabei, immerhin ein Lichtblick.<\/p>\n<p>Reisen? Ein ganz trauriges Kapitel, unter Konsumaspekten betrachtet! Mit meinen Eltern hatte ich zwischen 9 und 17 immer denselben Sommerurlaub verbracht: vier bis sechs Wochen auf einem Campingplatz n\u00f6rdlich von Rom. Ohne Pinienduft war es f\u00fcr mich dann sp\u00e4ter kein richtiger Urlaub, und auch Hotels brachten nicht das richtige Feeling von Freiheit und Abenteuer r\u00fcber. Mehr noch beschlich mich nach dem dritten Urlaubsversuch in den Zwanzigern das Gef\u00fchl: Was soll ich denn da? Da kenn ich doch keinen und habe auch nichts zu tun! Da half auch die Reise in der Kleingruppe nichts, ich langweilte mich: immer rumlaufen und gucken? Von einem Ort zum andern fahren? Ja wohin denn und wozu? Schon bald war es vorbei damit, ich entdeckte die Freuden meines spannenden Arbeitslebens und wollte sowieso nicht mehr weg. Nur ins Toskana-Haus eines lieben Freundes &#8211; bella Italia! &#8211; Wochen und Monate lang immer an denselben Ort, das ging dann wieder. Und kostete mich fast nichts.<\/p>\n<p>M\u00f6bel? W\u00e4hrend der 80ger zog ich so oft um, dass es mir zuviel wurde, deshalb immer so einen Aufstand zu machen und so viele Leute zu brauchen. Ich reduzierte meine Habe auf das n\u00f6tigste und verabschiedete jede Menge B\u00fccher. Es wurde mir klar, dass B\u00fccherw\u00e4nde immer weiter wachsen und immer schwerer umzuziehen sind. Dem gebot ich Einhalt. Etwa 200 d\u00fcrfen sich seither auf 4 Regalbrettern sammeln, wenn es mehr werden, ist Ausmisten angesagt.<\/p>\n<p>An den Rudolfplatz zog ich mit neun Umzugskisten und den wenigen M\u00f6beln, die man eben braucht: Schreibtisch, Bett, zwei Regale, ein paar St\u00fchle, Waschmaschine und K\u00fchlschrank, ein Tisch &#8211; f\u00fcr die Klamotten reichte mir ein Sideboard und die Kleiderstange, immer hatte ich mich geweigert, einen Schrank anzuschaffen. Ich will sehen, was da ist. Es soll nicht in Schr\u00e4nken und K\u00e4sten versteckt sein, denn dann wird es leicht immer mehr.<\/p>\n<h2>\nEinkaufen verlernt<\/h2>\n<p>Und nun ist gerade die sechste Woche in der neuen Wohnung rum, es ist wundersch\u00f6n hier, aber es fehlt mir was! Dies und das &#8211; ja, ich wei\u00df langsam ganz genau, was mir alles fehlt. Auf einmal gibt es diese &#8222;innere Liste&#8220; der Anschaffungen, die ich machen will. Ich bin bereit! Ich WILL einkaufen &#8211; und schleiche seit Wochen immer mal durch die Shoppingmalls, M\u00f6belgesch\u00e4fte, Tr\u00f6dler und Flohm\u00e4rkte. Himmel, es geht nicht &#8222;einfach so&#8220;. Ich habe das Einkaufen richtig verlernt!<\/p>\n<p>Drei Wochen hab ich gebraucht, um einen simplen Staubsauer zu erstehen. Erst die \u00dcberlegung: Warum nicht ein Gebrauchter zu 10 Euro vom Tr\u00f6del?? Lieber nicht, der Gedanke an fremden Dreck war mir dann doch unsymphatisch. Dann die neuen Ger\u00e4te in den einschl\u00e4gigen Gesch\u00e4ften: Warum kostet der eine 89,-, der andere 245 Euro? Muss ich jetzt etwa Informationen \u00fcber Staubsauger sammeln? Um Himmels Willen, ich wendete mich mit Grausen &#8211; bis zum n\u00e4chsten Versuch. Langsam sammelten sich die Staubschwaden unterm Bett, die Sache dr\u00e4ngte.. Und wieder stand ich vor einem Sauger meiner Wahl, hob das Teil in der Verpackung kurz an: Zu Fu\u00df nach hause tragen? Unm\u00f6glich, da brauch ich ein Auto. Vertagt! Die ganze Sache entwickelte sich zum Slapstick &#8211; aber na ja, jetzt hab ich einen AEG Vampir zu 79,- von Saturn, heimgefahren mit dem Taxi, Kurzsstrecke zu 3 Euro. Erfolg!<\/p>\n<p>So langsam hat sich auch ein Bed\u00fcrfnis nach einem gem\u00fctlichen Zimmer eingestellt: Ich m\u00f6chte meinen Ort ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, weg vom Arbeitsplatz, aber nicht gleich aufs Bett liegen. Das ist besonders schwierig, denn mein &#8222;gem\u00fctliches Zimmer&#8220; war seit 15 Jahren das Zimmer meines Lebensgef\u00e4hrten. Wo immer er wohnt, seine R\u00e4ume sind wohnlich und angenehm, sprechen die Gef\u00fchle positiv an, sind in rot-, ocker- und Braunt\u00f6nen gehalten, strahlen W\u00e4rme aus. Wogegen meine Zimmer eher cool wirken, zweckm\u00e4\u00dfig, nichts, um so richtig auszuspannen. Ich brauchte das ja nicht, denn abends ging ich zu ihm r\u00fcber. Einen Fernseher gab&#8217;s da auch &#8211; bei mir nat\u00fcrlich nicht. Wenn man Wand an Wand wohnt, dringt der Sound immer durch, das haben wir lieber gelassen.<\/p>\n<h2>\nMehr Druck, mehr Ruck<\/h2>\n<p>Nun sitze ich also da, sehne mich nach dieser wohnlichen W\u00e4rme und schreibe auf meine innere Liste: ein gro\u00dfer Teppich, mindestens 2.50 mal 3.50, ein Nepal-Teppich oder Tibeter, gern auch ein naturfarbener dicker (!) Berber. Auf den Holzdielen s\u00e4he er super aus, ohne dass ich mich durch ihn schon f\u00fcr eine Farbe entscheiden m\u00fcsste. Mir fehlt der Mut zur Farbe, stelle ich fest. Ein paar kleinere farbige Teppiche sind da zwar schon, aber ich kann mich nicht entscheiden, ob das ganze Zimmer eher Richtung rot oder blau gehen soll.<\/p>\n<p>So ein teurer Teppich blo\u00df f\u00fcrs Wohlbefinden? Kostet locker 500 bis 700 Euro &#8211; das ist die n\u00e4chste H\u00fcrde! Bevor ich mir den leiste, m\u00fcsste sich finanziell erst deutlich etwas \u00e4ndern, klar. Immerhin ist es nicht schlecht, Konsumw\u00fcnsche zu haben, dann ergibt das etwas mehr Druck, sich in Richtung Geld verdienen mal einen richtigen Ruck zu geben &#8211; ach Deutschland, lass rucken, f\u00fcr den Berber ruck ich mit!<\/p>\n<p>Die Medien sind auch so ein Thema. Derzeit sitze ich in der Stille und lese t\u00e4glich die Zeitung, das ist alles. Kein TV, kein Radio &#8211; meine Versuche, einen Radiorecorder mit CD-Player oder eine kleine Anlage anzuschaffen, waren eine Katastrophe. Wer das Musikger\u00e4t f\u00fcr Jahrzehnte keines Blickes gew\u00fcrdigt hat, hat in so einer Abteilung Schwierigkeiten, \u00fcberhaupt zu erkennen, was da so rumsteht. Sieht deutlich anders aus als fr\u00fcher &#8211; mir fehlen s\u00e4mtliche Kritierien, um auch nur zu entscheiden, was f\u00fcr eine Gr\u00f6\u00dfe das Teil haben soll (Mikro? Mini? Kompakt?), geschweige denn wei\u00df ich noch was von den &#8222;Werten&#8220;, die man da \u00fcblicherweise vergleicht. Die Boxen sind kleiner geworden, das seh&#8216; ich. Es gibt ihn also doch, den Fortschritt.<\/p>\n<h2>\nDas Schn\u00e4ppchen..<\/h2>\n<p>Ich werde wohl auf eine Begegnung auf dem Flohmarkt warten m\u00fcssen &#8211; so eine, wie ich sie am Sonntag hatte mit dem Schrank (!) meiner Vorstellungen! Ja, ich bin auf den Schrank gekommen, das Sideboard und die Kleiderstange sollen daf\u00fcr verschwinden. Aber bitte kein moderner Schrank!. Ich hasse Pressspan, diesen \u00fcberschweren furnierten M\u00fcll, elend zu schleppen und beim zweiten Mal zusammen schrauben bricht alles auseinander. Ein alter Schrank sollte es sein, aus leichtem Holz, gern ganz schlicht, ohne viel S\u00e4ulchen und Verzierungen. In den Tr\u00f6dell\u00e4den sah ich jede Menge: f\u00fcr 450 Euro aufw\u00e4rts verbreiteten sie Gediegenheit, abgebeizt oder dunkel belassen, mit S\u00e4ulen und Spiegeln. Na, ich bin kein Antiquit\u00e4ten-Fan, meine Vorliebe ist ganz unromantisch, rein materialtechnisch begr\u00fcndet. F\u00fcr Omas Kleiderschrank soviel Geld auszugeben, erschien mir einfach vermessen! Ich dachte nicht mehr ernsthaft an den Schrank, als ich ihn Sonntags auf dem Flohmarkt auf einmal da rumstehen sah. Der Junge, der davor Spielzeug verkaufte, sagte auf meine Frage nach dem Preis: &#8222;30 Euro&#8220;. Und als ich, etwas perplex, nicht gleich etwas erwiderte, meinte der Vater, der mein Z\u00f6gern bemerkt hatte: &#8222;20 Euro. Ein echtes Schn\u00e4ppchen&#8220;.<\/p>\n<p>Womit er recht hatte. Weitere 20 Euro wurde ich bei einem Plattenh\u00e4ndler los, der sich bereit erkl\u00e4rte, mir den Schrank mit seinem Laster an den Rudolfplatz zu fahren. Wie leicht die Teile sich dann in den dritten Stock tragen lie\u00dfen! Und wie problemlos das Zusammenstecken funktionierte: ohne jedes Werkzeug!<\/p>\n<p>Na, so geht es also langsam doch voran. Wie lange ich noch bis zur Musik, bis zum Fernseher, dem besonders ersehnten Teppich und vielleicht gar einer gro\u00dfen Couch brauchen werde, wei\u00df der Himmel. Aber ich bin guter Dinge, der Konsumstau l\u00f6st sich langsam auf! (Ob das f\u00fcr den &#8222;Ruck&#8220; reicht, ist eher ungewiss&#8230;)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle Welt spricht \u00fcber die &#8222;Kaufzur\u00fcckhaltung&#8220; der Deutschen. Diese Haltung, die langsam aber sicher in den Geruch der Ruck-Feindlichkeit ger\u00e4t, pflege ich nicht erst seit gestern, sondern schon recht lange, in manchen Bereichen immer schon. 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