{"id":1334,"date":"2003-03-14T13:56:58","date_gmt":"2003-03-14T12:56:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1334"},"modified":"2014-02-16T13:57:51","modified_gmt":"2014-02-16T12:57:51","slug":"am-rudolfplatz-ein-blitzlicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/03\/14\/am-rudolfplatz-ein-blitzlicht\/","title":{"rendered":"Am Rudolfplatz &#8211; ein Blitzlicht"},"content":{"rendered":"<p>Meine Vormieterin hat mir eine Mail mit der Frage geschickt, wie es mir denn nun am Rudolfplatz gefalle. Immerhin lebe ich jetzt schon eineinhalb Monate hier. So wenig? Es kommt mir l\u00e4nger vor, obwohl ich doch erst seit etwa einer Woche die K\u00fcche richtig nutzen kann. Ein Teil der Dielen wurde erneuert, das Ergebnis schreit mich t\u00e4glich an: Nun mach aber auch den Rest, das sieht ja grausig aus!! Ohhhh, Dielen abschleifen, wann hab ich das zum letzten Mal gemacht? Sind zwar nur etwa drei Quadratmeter, aber man braucht diese brachiale Maschine, es staubt wie in der W\u00fcste Gobi und das Versiegeln ist auch noch mal eine klebrige und stinkige Angelegenheit. So eine kleine Fl\u00e4che zu beauftragen, w\u00fcrde sich andrerseits auch f\u00fcr den Handwerker nicht lohnen &#8211; also warte ich einfach ab, bis mich der gro\u00dfe Fr\u00fchlingselan packt und hoffe das beste.<\/p>\n<p>Dies ist das erste Mal, dass ich meinen Wohnort ganz alleine aussuchte. Unbeeinflusst von einem Mitbewohner, mit dem ich mich einigen musste, unbeeinflusst auch von diesen alten \u00c4ngsten, die nahe legen, lieber dort zu wohnen, wo man sich auskennt., wo alte Freunde leben und alles bekannt ist. Bisher habe ich es keinen Tag bereut! Ich schaue aus dem Fenster und sehe \u00fcber den Platz, \u00fcber das (noch) ungenutze Gewerbegel\u00e4nde auf der anderen Seite bis hin zu den Bahngleisen und den H\u00e4userbl\u00f6cken dahinter. Z\u00fcge fahren hin und her &#8211; ich sehe sie, h\u00f6re sie aber nicht, dazu sind sie zu weit weg. Sch\u00f6n! Die Lage im dritten Stock bringt es au\u00dferdem mit sich, immer sehr viel Himmel im Blick zu haben, auch das tut meiner Seele gut, ich liebe die Weite, es macht mich auch innerlich weiter &#8211; bilde ich mir zumindest ein.<\/p>\n<p>Zur U-Bahn gehe ich drei Minuten durch die Oberbaum-City, ein aus den alten Gl\u00fchlampen-Fabriken herausrestauriertes und edel modernisiertes Gesch\u00e4ftsviertel, das abends und wochenends v\u00f6llig tot ist. &#8222;Visionen leben&#8220; steht auf gro\u00dfen Plakaten und Fahnen wehen, wer genauer hin sieht, bemerkt den hohen Leerstand: B\u00fcromieten um 30 Euro, wer zahlt das schon derzeit? In den toten Zeiten laufen Wachschutzleute in blauen Parkas mit Taschenlampen herum und erh\u00f6hen die &#8222;gef\u00fchlte Sicherheit&#8220;. Eine M\u00fcnchnerin, die mich neulich besuchte, grauste es richtig beim n\u00e4chtlichen Gang durch diese menschenleeren Stra\u00dfen, aber ich versicherte ihr, &#8222;die B\u00f6sen&#8220; seien eher im Kneipenviertel auf der anderen Seite der Geleise zu gange &#8211; wer l\u00e4uft schon nachts durch die Oberbaumcity, da ist ja nichts!<\/p>\n<p>Der Rudolfplatz mit Kirche, Schule, Kita, Gr\u00fcnanlage und Gr\u00fcnderzeitbauten bietet dann die angenehme Wohnlichkeit, die ich nicht missen m\u00f6chte. Und binnen weniger Minuten kann ich Stadtlandschaften erreichen, die spektakul\u00e4re Ausblicke bieten: keine Postkartenidyllen, sondern die Schr\u00fcnde und Widerspr\u00fcche, das Unfertige und Kaputte zusammen mit dem Schicken und Gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen &#8211; so gerne will ich dazu eine Bilderseite machen, wenn ich mal richtig Zeit finde!<\/p>\n<p>Und im Haus? Kaum war ich eingezogen, fingen Bauarbeiten an: \u00dcber mir, unter mir, Wohnungen werden ausgebaut, immer mal wieder Gas und Wasser abgedreht, die Decken erzittern, Bohrer heulen auf, Staub rieselt im Bad auf das sch\u00f6ne Schlammgrau. Der Bauleiter hat mir eine Flasche Wein vorbei gebracht und gut Wetter gemacht: wir m\u00fcssen mal eben ein Wasserrohr in Ihrer Toilette rausrei\u00dfen&#8230; Ich verlangte, dass sie das neue dann wenigstens wieder streichen, doch bisher geschah nichts. Auch in der Decke blieb ein Loch, es soll wohl noch verputzt werden.<\/p>\n<p>Dies alles mindert kaum je mein Wohlbefinden, schlie\u00dflich bin ich Sanierungs-gest\u00e4hlt: in Kreuzberg zu Beginn der 80ger waren die Baustellen andere und der Umgang weit rauher, keine Weinflaschen sondern Drohungen, keinerlei Ank\u00fcndigungen, aber pl\u00f6tzlich war das Klo weg &#8211; das hier ist dagegen ein Kinderspiel!<\/p>\n<p>Vor zwei Wochen dann flatterten Flugbl\u00e4tter der Kiez-Initiative herein: mir gegen\u00fcber auf der anderen Seite des Platzes wird die BSR (Berliner Stadtreinigung) einen Recyclinghof errichten. Nat\u00fcrlich ist jeder dagegen, man bef\u00fcrchtet L\u00e4rm, Dreck und &#8222;Gelichter&#8220; &#8211; auch ich bin dagegen und habe als gute B\u00fcrgerin eine Einwendung gegen die \u00c4nderung des Fl\u00e4chennutzungsplans abgegeben. Gewiss ohne Aussicht auf Erfolg, doch war ich selber lang genug in solchen Kiez-Initiativen und unterst\u00fctze sie im gleichen Geist, wie ich mich von Marktforschern befragen lasse, wenn Zeit ist (Den Job hab ich schlie\u00dflich auch mal gemacht..).<\/p>\n<p>Der Rudolfplatz, ein Paradies? Gewiss nicht, aber ich f\u00fchl mich sauwohl hier. Ein Wohlgef\u00fchl, das von innen kommt, klar, doch es bedeutet viel, in einem Umfeld zu wohnen, das dieses &#8222;Innen&#8220; nicht st\u00e4ndig unter Stress setzt. Und bisher st\u00f6ren mich die Ereignisse nicht wirklich, es kommt mir alles so bekannt vor, keiner gro\u00dfen Aufregung wert.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Vormieterin hat mir eine Mail mit der Frage geschickt, wie es mir denn nun am Rudolfplatz gefalle. Immerhin lebe ich jetzt schon eineinhalb Monate hier. So wenig? Es kommt mir l\u00e4nger vor, obwohl ich doch erst seit etwa einer Woche die K\u00fcche richtig nutzen kann. 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