{"id":1332,"date":"2003-03-13T08:54:21","date_gmt":"2003-03-13T07:54:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1332"},"modified":"2014-02-16T13:55:20","modified_gmt":"2014-02-16T12:55:20","slug":"vom-leiden-frei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/03\/13\/vom-leiden-frei\/","title":{"rendered":"Vom Leiden frei?"},"content":{"rendered":"<p>Es ist der dreizehnte M\u00e4rz, 7.33 Uhr, und die Morgensonne scheint von rechts (Osten) auf meinen Balkon. Dies ist eine Nordseite-Wohnung, von der die Vormieterin erz\u00e4hlte, dass sich die Morgensonne immerhin im Juni zwischen sechs und acht Uhr fr\u00fch kurz zeige &#8211; und nun kommt sie schon jetzt, wie sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Meine Welt und mein ganzes Leben ver\u00e4ndert sich drastisch. Nicht unbedingt von heute auf morgen, aber seit ein paar Monaten zerlegt sich alles, was lange Bestand hatte. Kein Stein bleibt auf dem anderen, keine Gewohnheit oder Errungenschaft bleibt, wie sie war. Wohnen, Arbeit, Beziehungen und Freundschaften verwandeln sich, ja sogar das Essen und Trinken bis hin zum K\u00f6rpergef\u00fchl ist anders: Sieben Kilo weniger machen einen Unterschied, der in jeder Bewegung zu sp\u00fcren ist.<\/p>\n<p>Und alles geht wie von selbst. Nicht, dass ich etwas geplant oder konkret gew\u00fcnscht h\u00e4tte: der Entschluss vom letzten Herbst, in Zukunft alleine zu wohnen, der von au\u00dfen so selbstbestimmt wirkt, war nur das Ja zu einer l\u00e4nger schon offenkundigen Not-Wendigkeit. Nicht ICH wende die Not, ich folge nur.<\/p>\n<p>Wem? Da ist niemand mehr. Kein Mensch und auch keine &#8222;Lehre&#8220;, an der ich mich ausrichte und festhalte. Nicht, dass ich irgendwie dagegen w\u00e4re, das zu tun, es funktioniert einfach nicht mehr.<\/p>\n<p>Wie f\u00fchl&#8216; ich mich dabei? Gelegentlich ist es geradezu euphorisch: Ich wandere in der Wohnung herum und empfinde Gl\u00fcck, frag mich verwundert, woher es kommt: M\u00fcsste da nicht etwas oder jemand sein, eine Ursache? Aber es findet sich nichts, nichts, was ich benennen k\u00f6nnte. Doch weil ich es gewohnt war, f\u00fcr alles Ursachen zu sehen, kann ich nur staunen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch Tiefs, Verunsicherung, Einsamkeitsgef\u00fchle &#8211; sie kommen und gehen und auch von ihnen kann ich nicht sagen, WARUM sie sich zeigen. Und vor allem nicht, warum sie wieder gehen. Ich bemerke sie, forsche nach m\u00f6glichen Ursachen, h\u00e4nge mich vielleicht mental f\u00fcr kurze Zeit an das, was mir dazu gerade einf\u00e4llt, hege &#8222;Meinungen&#8220;, dr\u00fccke sie aus &#8211; aber schon wenig sp\u00e4ter zerrinnt wieder alles. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor, einfach so.<\/p>\n<p>Was folgt daraus? M\u00fcsste das nicht bedeuten, dass mich alles cool und gleichg\u00fcltig l\u00e4sst, unber\u00fchrt \u00fcber den Wassern schwebend, wohl wissend: die Zeit nimmt alles \u00dcbel mit sich weg, genau wie alles Gute, Wahre, Sch\u00f6ne? Sollte ich &#8211; zumindest in meiner Kommunikation &#8211; immer von diesem erlebten Wissen ausgehen und die konkreten H\u00f6hen und Tiefen nicht mehr Ernst nehmen? Sie nicht mehr ausdr\u00fccken vor allem, damit sich niemand betroffen f\u00fchlt und wom\u00f6glich meint, ich sei NUR so &#8211; und daraus falsche Schl\u00fcsse zieht?<\/p>\n<p>Geht nicht. Es gibt keinen Weg zur\u00fcck ins berechnende Denken. Wenn sich in mir etwas aufstaut, muss ich es ausdr\u00fccken, um es gehen lassen zu k\u00f6nnen. Mag es den Gipfel der Unvernunft bedeuten, mag es falsch und unberechtigt sein, mag es mich als Idiotin erscheinen lassen (was ja ganz besonders schmerzt!) &#8211; was raus muss, muss raus. Eindruck und Ausdruck m\u00fcssen im Fluss bleiben &#8211; und auch &#8222;Denken&#8220; hat keine h\u00f6here Qualit\u00e4t, sondern ist etwas, was mir ganz genauso zust\u00f6\u00dft wie eine Empfindung oder ein Gef\u00fchl, ist also Teil des Eindrucks, der im jeweiligen Augenblick oder nach einer kleinen Zeit der Einwirkung zum Ausdruck dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Sich diesem Fluss verweigern, ihn kanalisieren wollen, bedeutet Elend und Leiden. Das Gute und Sch\u00f6ne existiert dann nur noch in der Zukunft, also in der Vorstellung. Die Gegenwart ist zubetoniert durch berechnendes Handeln, von W\u00fcnschen und \u00c4ngsten gesteuert. Immer im Versuch, durch Wohlverhalten nirgends anzuecken oder positive Reaktionen anderer zu erleben, verfehle ich dann genau das, was ich eigentlich w\u00fcnsche: die Freiheit vom Leiden.<\/p>\n<p>Diese Freiheit verwirklicht sich nicht dadurch, dass ein Rezept, ein Verhaltenskanon gefunden wird, wodurch das Leiden ein f\u00fcr allemal in Schach gehalten werden kann, sondern allein durch das Akzeptieren dessen, was ist. Eben auch, wenn es leidvoll ist. So schnell, wie es sich wieder ver\u00e4ndert, wenn ich nicht dran klebe, kann ich manchmal kaum gucken!<\/p>\n<p>Ist das jetzt ein Rezept? Denken und Reden entlang dieses Themas endet immer im Paradox. Aus eigener Erfahrung wei\u00df ich, dass es unm\u00f6glich ist, so etwas einfach zu lesen und zu \u00fcbernehmen. Ganze Bibliotheken wei\u00dfer Worte begleiteten schlie\u00dflich meinen Weg ins Elend, konnten mir nicht aus der Verstrickung ins rechnende Denken und berechnende Handeln heraus helfen. Es ist erst dann genug, wenn es eben genug ist. Jeder Versuch, etwas grundlegend zu \u00e4ndern, ist ja genau wieder das beschriebene &#8222;Berechnen&#8220;, das nur immer tiefer in den Sumpf f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Behinderung bei alledem &#8211; nachdem W\u00fcnsche und \u00c4ngste ihre Macht bereits verloren haben! &#8211; ist jedenfalls das Bem\u00fchen, doch immer noch &#8222;ein gutes Bild abzugeben&#8220;. Ich m\u00f6chte aus dem Augenblick leben, ja sicher, aber andererseits sollen doch alle sehen, dass ich nicht so eine unbewusste Idiotin bin, die vom &#8222;richtigen Leben&#8220; nichts wei\u00df.<\/p>\n<p>Und DAS funktioniert nicht. Nie.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der dreizehnte M\u00e4rz, 7.33 Uhr, und die Morgensonne scheint von rechts (Osten) auf meinen Balkon. Dies ist eine Nordseite-Wohnung, von der die Vormieterin erz\u00e4hlte, dass sich die Morgensonne immerhin im Juni zwischen sechs und acht Uhr fr\u00fch kurz zeige &#8211; und nun kommt sie schon jetzt, wie sch\u00f6n. Meine Welt und mein ganzes [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1332"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1332"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1332\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1332"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1332"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1332"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}